Die rettende Kraft der Sonne

Naturschranke In seinem neuen Buch verspricht Elmar Altvater "Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen"

Seit gut einem Jahrhundert gibt es ökologisches Denken. Aber was das Auftreten der Ökologie auf der Bühne des Politischen bedeutet, ist noch immer nicht ausgemacht. Zum Beispiel Umweltschutz als Selbstschutz. Alle politischen Gruppierungen akzeptieren inzwischen den Gedanken, die Umwelt als schützenswert einzustufen, um den eigenen Lebensraum zu sichern. Oder Umweltschutz als Ressourceneffizienz. Sparsamer Energieverbrauch wird heute überall unter die ökonomischen Tugenden gerechnet. Aber all das verträgt sich erstaunlich gut mit dem, was man Kapitalismus nennt. Ökologie erscheint keineswegs immer als ein Gegenentwurf zur Ökonomie, auch wenn sich in vielen Fällen widerstreitende Interessen ergeben. Die als Umweltschutzpartei angetretenen Grünen werben inzwischen hauptsächlich mit ökonomischen Argumenten für ökologische Ziele: Umweltschutz als Jobmotor. Ökologische Elemente wird man heute in fast allen Lebensbereichen antreffen. Und doch ist immer noch unklar, ob es sich dabei um eine Effizienzsteigerung der ökonomischen Rationalität handelt oder um eine fundamentale Verschiebung dieser Rationalität und ihrer Grundlagen.

In seinem Buch Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen unterscheidet Elmar Altvater drei unterschiedliche Varianten ökologisch-ökonomischen Denkens. Die erfolgreichste ist die "Effizienzrevolution". Vor allem im Hinblick auf die Begrenztheit fossiler Brennstoffe kommen dabei ökologische Elemente als Ergänzung des ökonomischen Kalküls in Betracht. Dem Problem der Naturschranke, die dem auf Grenzenlosigkeit angelegten Wachstum entgegensteht, wird durch eine technologische Verschiebung dieser Schranke begegnet. Effiziente Ressourcennutzung soll anstelle von industrieller Ressourcenausbeutung treten. Die Natur erscheint dabei nach wie vor als Verfügungsraum, mit dem jedoch auf intelligentere Weise umgegangen werden soll.

Nachhaltigkeit meint hier, dass die Endlichkeit der Naturressourcen ins langfristige ökonomische Kalkül eingerechnet werden muss. Als Schranke bleibt diese Endlichkeit dem Kalkül selbst jedoch fremd. Die Imperative der Produktion werden dadurch nicht verändert. Ökologie ist für diese Variante in erster Linie ein Probierstein, an dem sich das Krisenmanagement der kapitalistischen Produktionsweise zu beweisen hat. Erfolgreich ist diese Variante vor allem deshalb, weil sie die grundlegenden Operationen des ökonomischen Denkens nicht berührt. Vielmehr erscheint das Problem der Ökologie als ein zukünftiger Lernprozess. Altvater zeigt überzeugend, dass diese Variante eine ökologische Transformation der Gesellschaft nur hinauszögert.

Die zweite weitverbreitete Variante ökologisch-ökonomischen Denkens orientiert sich an der aristotelischen Ökonomik des ganzen Hauses. Bis ins späte Mittelalter war das die dominante Form des Wirtschaftswissens. Im Zentrum steht hier die Forderung nach dem Maßhalten. Dem Steigerungsimperativ wird mit ethischen Argumenten die vormoderne Vorstellung eines absoluten Maßes entgegengehalten. Auf die Entbettung der modernen Ökonomie aus der gesellschaftlichen Gesamtheit reagiert diese Variante ökologischen Denkens mit der Forderung nach einer Einbettung der Ökonomie in ihre ökologischen Bedingungen. Der Naturschranke soll durch Sparsamkeit, Bescheidenheit und Maßhalten Rechnung getragen werden.

Die Endlichkeit der Ressourcen wird also im Unterschied zur ersten Variante nicht als eine Grenze verstanden, die sich immer wieder hinausschieben lässt, sondern als eine absolute Grenze anerkannt. Diese äußere Grenze ist deshalb der Maßstab für die Forderung des Maßhaltens. Dem menschlichen Handeln sind von außen her Grenzen gesetzt. Von Aristoteles bis hin zur katholischen Soziallehre wird die grenzenlose Bereicherung als verwerflich empfunden. Das entscheidende Moment dieser Variante besteht darin, dass der Mensch nicht das Maß der Dinge ist. In der Tradition, auf die sich dieses ökologisch-ökonomische Denken beruft, ist die Ökonomik in eine übergeordnete Kosmologie eingebunden, die sich etwa in christlichen Naturbegriffen als "Achtung vor der Schöpfung" erhalten hat. Während die erste Variante konform geht mit liberalistischen Wirtschaftsauffassungen, wird man in dieser Variante vor allem konservative Elemente finden, die sich jedoch nicht unbedingt mit links oder rechts decken müssen. Ökologie steht hier nicht für eine Herausforderung, an der sich der Kapitalismus zu beweisen hat, sondern für einen übergeordneten Bezugsrahmen, der dem ökonomischen Kalkül grundsätzliche Grenzen auferlegt. Deshalb ist mit dieser Variante auch ein anderer Sinnrahmen verbunden. Das Wachstum wird nicht ausschließlich von den Bedingungen seiner Steigerung her betrachtet, sondern von einem höheren Maßstab. Das ökologische Denken nimmt hier religiöse Motive der Unverfügbarkeit von Welt auf.

Die dritte Variante ökologisch-ökonomischen Denkens benennt Alvater mit dem Stichwort "solare Gesellschaft" - ein Terminus, der an die wirtschaftswissenschaftlichen Arbeiten des Philosophen Georges Bataille erinnert, auf den Altvater allerdings nicht eingeht. Da sich die Geschichte der Wirtschaftsformen anhand der Ressourcen und ihrer Verfügbarkeit schreiben lässt, sieht Altvater mit dem absehbaren Ende der Ölförderung auch die Möglichkeit einer veränderten Wirtschaftsform gegeben. Die jeweiligen Ressourcen und ihre Gewinnung sind demnach nicht einfach als äußere Bedingungen der Produktion zu sehen, sondern bilden die Basis der jeweiligen Form des Wirtschaftens. Die Erschließung der Ölressourcen und die Entstehung des Ölmarkts sind für Altvater deshalb der entscheidende Schlüssel zur politischen Ökonomie des Kapitalismus.

Alle zentralen Etappen, Krisen und Konflikte des Kapitalismus lassen sich anhand der Erschließung und Verteilung der fossilen Ressourcen verstehen. Altvater spricht von einer "trinitarischen Kongruenz" von kapitalistischer Form, fossilen Energieträgern und "europäischer Rationalität", wobei die Analyse "europäischer Rationalität" eher kurz ausfällt. Auch wenn sich Altvater in der Tradition von Gramsci sieht, vertritt er mit diesem Ansatz einen ausgeprägten Ökonomismus. Umwälzende Ereignisse entstehen aus den inneren Widersprüchen, die durch die kapitalistische Produktion hervorgerufen werden, und aus externen Schocks, die sich nicht im Rahmen dieser Produktion verarbeiten lassen. Soziale Spannungen und Ölkrise sind demnach die zentralen Quellen einer zukünftigen Veränderung. Dass sich der Kapitalismus bisher als äußerst resistent gegen seine eigenen Widersprüche erwiesen hat, sieht zwar auch Altvater ein, aber eine kritische Reflexion darüber, inwieweit daraus Konsequenzen für das marxistische Denken einer historischen Krisen-Dialektik zu ziehen wären, findet sich in seinem Buch nicht.

Mit dem krisenhaften Übergang zu einer "solaren Gesellschaft" sieht Altvater nicht nur die Möglichkeit einer nachhaltigen Energiegewinnung gegeben, sondern einer allgemeinen "solidarischen Ökonomie", die Nachhaltigkeit zum Prinzip aller ökonomischen Operationen erhebt. In dieser Variante ökologisch-ökonomischen Denkens erscheint die Naturschranke nicht als äußere Begrenzung, sondern als innere Logik des ökonomischen Kalküls selbst. Anstelle der Selbstbezüglichkeit des Wachstums entsteht eine Reziprozität des Handelns. Nachhaltigkeit meint dann nicht nur eine bessere Ausschöpfung von Ressourcen, sondern eine andere Zugriffsart auf diese Ressourcen, was nicht zuletzt etwas mit einer anderen Naturvorstellung und damit mit einem veränderten Naturverhältnis zu tun hat. Denn seit der Neuzeit wird der Mangel, um den sich die kapitalistische Produktion anordnet, als ein Mangel der Natur verstanden. Die Knappheit der Güter und sowohl die Behebung als auch die Produktion dieser Knappheit durch den Warenmarkt sind eng verknüpft mit der kulturellen Vorstellung einer mangelhaften Natur des Menschen, die durch menschliches Tun überboten werden soll.

Auch wenn Altvater darauf pocht, man müsse den Übergang zu einer "solaren Gesellschaft" konkret beschreiben, so gelingt ihm das letztendlich nicht. Der Grund dafür ist, dass er sich einseitig auf ökonomische Operationen konzentriert und in der Vernachlässigung der Frage, inwiefern diese Operationen kulturell bedingt sind. Die politische Ökonomie des Kapitalismus ist keineswegs aus der Realität der Verhältnisse hervorgegangen, sondern setzt eine ganze Reihe von kulturellen Gegebenheiten voraus, zum Beispiel die Entwertung der Natur zur Umwelt. Will man sich mit den Möglichkeiten einer politischen Ökologie auseinandersetzen, so wird man es nicht vermeiden können, sich mit der Geschichte der "europäischen Rationalität" auseinander zu setzen. Dafür stellt die Arbeit von Altvater allerdings eine der wenigen unverzichtbaren Vorleistungen dar.

Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik, Westfälisches Dampfboot, Münster 2005, 240 S. 14,90 EUR


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00:00 02.06.2006

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