Die Revolutionäre haben kein gutes Gefühl

Burkina Faso Noch 2008 soll in diesem Land erstmals Gen-Baumwolle angebaut werden. Der Bauer Yusuf Mande will es riskieren, um seine Schulden los zu werden

Der Boden ist knochentrocken. Bis zum Horizont ziehen sich die Felder mit den abgeernteten Stumpen, selten unterbrochen von Mango- oder Tamarindenbäumen und kleinen Gehöften. Für Burkina Faso bricht die Zeit des Harmattan an, des heißen Wüstenwindes, der den rotbraunen Sand vor sich hertreibt und Gemälde in verstaubtem, zerwühlten Brauntönen zeichnet.

Yusuf Mande legt die abgearbeiteten Hände in seinen Schoß. Der 55-Jährige mit dem müden Blick und seine 20-köpfige Familie haben die Baumwollbäusche in zäher Knochenarbeit von den Sträuchern gepflückt und zur Sammelstelle von Dandé gebracht. Von Mauern vor dem Harmattan geschützt, türmen sich dort die letzten weißen Häufchen, um in die Baumwoll-Metropole Bobo-Dioulasso zum Säubern und Entkernen gebracht zu werden. Die Kerne - genauer gesagt, die von ihm produzierten Samen - hat Yusuf Mande bislang stets für die nächste Aussaat wieder zurückgekauft. Das soll sich ändern.

Auf Wunsch jener Herren, die sich an diesem Nachmittag 450 Kilometer entfernt in der noblen Handelskammer der Hauptstadt Ouagadougou getroffen haben, sollen die Bauern von Dandé (wie möglichst alle anderen Züchter in Burkina Faso auch) demnächst Geschichte schreiben. "Wir werden noch 2008 mit der Kultivierung der Gen-Baumwolle beginnen", verkündet Maxime Somé, Minister für technische Erziehung und Berufstraining vor Journalisten. Diese vom US-Saatguthersteller Monsanto entwickelte Baumwollart enthält ein Gen für das Gift der Bakterienart bacillus thuringiensis, um die Pflanze gegen den Baumwollkapselbohrer resistent zu machen. Dank eines gentechnischen Eingriffs sondert die Monsanto-Baumwolle das Gift selbst ab und soll den Bauern das Spritzen von Pestiziden ersparen. Dieses Patent lässt sich der Saatgutkonzern teuer bezahlen. Noch verhandelt die Regierung von Burkina Faso laut Maxime Somé mit dem Hersteller über Preise und Lizenzgebühren. Vom Ausgang wird abhängen, um wie viel teurer das neue Saatgut im Vergleich zur konventionellen Aussaat sein wird.

Diese Revolution soll auch Dandé erobern, wo Kleinbauern wie Yusuf Mande ein karges Dasein fristen. Der Hof der Familie ist aus Lehm gebaut. Einige Mauern sind während der letzten Regenzeit eingestürzt. Neben der offenen Kochstelle liegen rote Plastikflaschen, in denen normalerweise die Pestizide abgefüllt sind. Strom kennt hier niemand, das Wasser holen Yusufs drei Frauen von der Dorfpumpe, den Abtritt teilt die Familie mit den Nachbarn. Nur fünf seiner fünfzehn Kinder besuchen die Schule, die übrigen helfen, wo es geht. Am meisten auf dem Feld.

Das 21. Jahrhundert mit seinen pulsierenden Metropolen und den Börsen, an denen Yusufs "weißes Gold" Kurse steigen oder fallen lässt, erscheinen Lichtjahre entfernt. Dennoch ist der Weltmarkt zum Greifen nahe: Burkina Fasos Baumwolle geht ausschließlich in den Export, damit werden immerhin zwei Drittel der Ausfuhren des kleinen Landes bestritten.

Da Yusufs Arbeitskraft extrem billig ist, müsste die Baumwolle aus Burkina Faso auf dem Weltmarkt die Konkurrenz mühelos verdrängen können. Doch subventioniert besonders die US-Regierung ihre eigenen Baumwollzüchter derart großzügig, dass sie die Verkaufs- und Weltmarktpreis mühelos drücken. So ist das, was Yusuf für seine Ernte an Einnahmen erzielt, in nur drei Jahren um ein Drittel gefallen. Für 700 Kilo hat ihm die halbstaatliche Baumwollgesellschaft SOFITEX zuletzt umgerechnet 154 Euro gezahlt. Da sein Boden ausgezehrt ist, muss er immer mehr Dünger streuen, dazu Unkraut- und Insektenvertilgungsmittel gegen den Bollwurm und die Weiße Fliege spritzen. Folglich steigen die Ausgaben, so dass die Baumwolle Yusuf Mande immer ärmer werden lässt. "In diesem Jahr war es noch schlimmer, weil die Hälfte meiner Felder durch den Regen überschwemmt war", erzählt er. "Lediglich auf zwei Hektar konnte ich ernten." Wie hoch sind die Schulden im Moment? Yusuf blickt scheu zur Seite, er hat nie eine Schule besucht, rechnen kann er nicht.

Für die Funktionäre der Baumwollgesellschaft SOFITEX und der Gewerkschaft der Baumwollproduzenten UNPCB naht Rettung in Gestalt der gentechnisch veränderten Kulturen von Monsanto. Sie verkünden unisono in Zeitungen, Radio und Fernsehen, ein Ertragszuwachs von 30 Prozent sei keine falsche Prophezeiung, seit es die Ergebnisse von Feldversuchen mit dem neuen Saatgut gäbe. Doch gerade diese Erkenntnisse bezweifeln viele Kritiker, nicht so Yusuf Mande: Er hofft, durch die Gen-Baumwolle endlich der Schuldenfalle zu entkommen. "Wenn sie uns das neue Saatgut anbieten, werde ich es nehmen."

Das sieht Harouna Kirakoya aus Koumbia anders. Seit zwei Tagen hat er auf die Karawane aus der Baumwollregion östlich von Bobo-Dioulasso gewartet und mit ihr auf über hundert Bauern und Bauernvertreter, Gewerkschafter und Berater. Viele kommen aus den Nachbarländern Mali, Benin, Niger oder Senegal, um von ihrem Kampf gegen gentechnisch veränderte Kulturen zu sprechen und die burkinischen Züchter zu ermutigen, nicht ergeben hinzunehmen, was geschieht. Soziologen und unabhängige Wissenschaftler - sie haben mit der COPAGEN die Koalition zum Schutz des genetischen Erbes Afrikas gegründet - begleiten die Karawane bei ihrem Marsch durch die Baumwoll-Regionen Burkina Fasos ebenso wie das deutsche Hilfswerk MISEREOR. Nachdem der Zug der Aufklärer schon in der Hauptstadt für Aufsehen sorgte, wollten die Autoritäten einen Stopp in Koumbia zunächst nicht genehmigen, schließlich gaben sie nach.

Harouna Kirakoya hat die 15 Kilometer von seinem Hof nach Koumbia mit dem Fahrrad zurückgelegt. Er trägt ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift Non aux OGM ("Nein zu gentechnisch veränderten Organismen"). "Ich bin gegen das neue Saatgut", sagt er, "es gehört uns nicht. Wir müssen es jedes Jahr für viel Geld kaufen." Solange er sich erinnern könne, habe er seinem Vater beim Ausbringen der eigenen Saat, beim Düngen und Ernten geholfen. Trotz aller Arbeit sei es für ihn möglich gewesen, elf Jahre die Schule besuchen zu können, länger als jeder seiner Nachbarn. Im Augenblick bewirtschafte er mit seiner Familie zwölf Hektar, die Hälfte davon mit Baumwolle.

Auf dem Dorfplatz von Koumbia sitzen der Dorfälteste, Hunderte von Bauern, einige Frauen und scharenweise Kinder auf langen Holzbänken unter schattenspendenden Mangobäumen. Sie hören die Redner der Karawane, die ihnen erklären, was von dem neuen Saatgut zu halten ist. Der Soziologe René Millogo von der COPAGEN sieht den sozialen Frieden in den Dörfern bedroht. "Das Land ist Gemeinschaftseigentum, die Großfamilien bearbeiten es gemeinsam. Das patentierte Saatgut dagegen ist Privateigentum. So ergibt sich ein Widerspruch zwischen dem Gemeinschaftsgut Boden, das nicht geteilt werden kann, und dem Privatbesitz Pflanze. Wird die Erde geteilt, zerreißt das eure Dörfer und Familien."

"Wie kann ich mich dagegen schützen, dass sich das Saatgut auch auf meinem Feld ausbreitet?", fragt ein älterer Baumwollzüchter. "Gar nicht", antwortet Assoumomo Kone aus Mali im bunten Boubou, "wenn sie es auf deinem Feld finden, musst du Strafe zahlen."

Der Alte erhebt sich. "Ich habe 60 Jahre lang Baumwolle gepflanzt. Am Anfang brauchten wir keinen Dünger und keine Mittel gegen die Insekten. Diejenigen, die uns das gebracht haben, bringen nun diese Baumwolle." - "Warum schicken sie uns überhaupt ihr Saatgut?" fragt ein anderer. "Wenn sie uns wirklich helfen wollen, dann sollen sie für die Wolle besser zahlen!" Nickende Zustimmung.

Später, beim gemeinsamen Mittagessen, sitzt Harouna Kirakoya zwischen den Bauern aus Mali. "Wie kann ich die Gen-Baumwolle denn erkennen?", fragt er seinen Nachbarn Assoumomo Kone, während er zwischen seinen Fingern To, den gelben Maisbrei, zu einer Kugel formt. "Du kannst es nicht mit bloßen Augen erkennen, ob eine Pflanze verändert ist", erhält Harouna zur Antwort. "Dafür brauchst du ein sehr teures Gerät."

Assoumomo Kone glaubt nicht an das Märchen von den goldenen Erträgen der Gen-Baumwolle. "Das ist keine Lösung, ich baue jetzt weniger Baumwolle und mehr Mais an. Damit lässt sich einfach besser verdienen." Komplett auf Baumwolle verzichten könne er freilich nicht. Nur für die Baumwolle gäbe es Dünger auf Kredit. Und den brauche man eben.

Die Bauern aus Mali wollen ihre Nachbarn aufwecken. "Ein Bauer aus Dandé hat gesagt, dass er die neue Baumwolle anpflanzen will. Wir haben ihn gebeten, sich vorher genau zu informieren", erzählt Assoumomo Kone. "Am Ende der Karawane will er uns sagen, wie er sich entschieden hat. Die Saat-Kulturen machen doch vor den Grenzen nicht halt. Ich habe Angst, dass der Wind sie zu uns nach Mali trägt." Assoumomo Kone wartet noch auf eine Antwort aus Dandé.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare