Die Risiko-Uni

Auslese Die ersten Bachelor-Jahrgänge drängen im großen Stil in den Master. Erst jetzt wird den Studierenden klar: Das größte Problem der Uni-Reformen ist nicht die Verschulung

Eigentlich ist Stephan Voigt voll des Lobes für seine Uni. Der 30-Jährige hat diesen Sommer seinen Psychologie-Bachelor in Bielefeld gemacht. „Die Lehre ist wirklich gut“, sagt er. So gut, dass er jetzt gerne auch den Master-Abschluss hier machen möchte. „Die Angebote sind super, außerdem kenne ich die Stadt und die Professoren. Ich würde gerne bleiben.“

Das Problem ist nur: Die Zuneigung beruht nicht auf Gegenseitigkeit. Die Uni Bielefeld lässt Stephan Voigt mit einem Notenschnitt von 2,3 nicht ins Masterprogramm. Andere Unis, an denen der frisch gebackene Bachelor-Psychologe sich beworben hat, haben noch gar nicht von sich hören lassen – obwohl das Semester längst begonnen hat. Nur Münster hat sich in letzter Minute mit einer Zusage gemeldet. „Da bekommt man echt Panik.“

Während Stephan Voigt gerade noch rechtzeitig zur Einführungsveranstaltung pendelt, findet sich seine Kommilitonin Ina M. plötzlich beim Arbeitsamt wieder und muss dem Vermittler Fragen beantworten, über die sie selbst bisher nie nachgedacht hat: wie viele Stunden sie arbeiten könne, wie flexibel sie sei, welche Gehaltsvorstellungen sie mit ihrem Abschluss habe. Zum Weiterstudieren reicht ihr Schnitt von 2,7 offenbar nicht. „Das ist echt ein beschissenes Gefühl“, sagt die 23-Jährige. „Was soll ich mit dem Bachelor anfangen? Ich wollte immer Psychotherapeutin werden, aber das kann ich vergessen ohne Master.“

Konstruktionsfehler

So wie diesen beiden geht es einigen Studenten. Die ersten großen Bologna-Jahrgänge nähern sich der Schwelle zum Master – und plötzlich offenbart sich der vielleicht schlimmste Konstruktionsfehler an der Reform-Großbaustelle Hochschule: Viele der Bachelor-Absolventen, die weiterstudieren möchten, drohen nun von der Uni zu fliegen.

Der Bildungsstreik, bei dem vor gut einem Jahr tausende Studenten gegen Studiengebühren, vollgepackte Stundenpläne und Prüfungsmarathons demonstrierten, scheint mittlerweile weit weg: Die Trillerpfeifen sind weggeworfen, von den gelben Protestplakaten kleben allenfalls letzte Fetzen an den Aushangbrettern auf dem Campus. „Diejenigen, die keinen Masterstudienplatz bekommen haben, müssten jetzt eigentlich auf die Straße gehen“, sagt Max Schneider, Vorsitzender des Bielefelder ASTA. Stattdessen ist eine seltsame Ruhe in den Unis eingekehrt, jetzt, da dem Bologna-Prozess die entscheidende Nagelprobe bevorsteht: Reichen die Masterplätze?

Papyrologen gesucht

Theoretisch wäre das leicht zu beantworten. Man zählt durch, wie viele Bachelor-Absolventen es gibt und wie viele Studienplätze im Master. Nur paradoxerweise hat sich bisher niemand diese Mühe gemacht. Die Kultusminister wissen nicht, wie viele Kapazitäten es für Masterstudenten deutschlandweit gibt. Die Konferenz der Hochschulrektoren zuckt ebenfalls mit den Schultern. Jeder macht, wie er meint. Planung? Fehlanzeige.

Im vergangenen Jahr haben 72.000 Studenten ihr Bachelor-Zeugnis erhalten, die Bologna-Fraktion stellte damit bereits 21 Prozent aller Absolventen. 2008 lag ihr Anteil noch bei 13 Prozent. In diesem Jahr könnte die Zahl der Bachelor-Absolventen schon 100.000 betragen. Kolja Briedis, Bildungsforscher am Hochschul-Informations-System in Hannover, schätzt, dass es insgesamt etwa 100.000 Masterstudienplätze in Deutschland gibt. „Das dürfte eher eine Untergrenze sein, wahrscheinlich sind es mehr“, sagt er. Rein rechnerisch gäbe es damit keine Lücke. Praktisch sieht das Bild aber anders aus – das ist der Philosophie der Bologna-Reform selbst geschuldet.

Den Bildungspolitikern fällt nämlich auf die Füße, was sie als das große Versprechen des Bologna-Prozesses gepriesen haben: das Mehr an Flexibilität. Nach dem Bachelor-Abschluss sollte sich jungen Menschen eine Fülle von Möglichkeiten auftun: Absolventen können entweder Berufserfahrungen sammeln oder direkt weiterstudieren, ihrer ersten Uni treu bleiben oder zur nächsten wechseln, ihr Fach vertiefen oder auf ein ganz anderes umschwenken. Psychologen können im Master zu Betriebswirten oder Kunsthistorikern werden und andersrum. Bologna hat die einheitlichen Studiengänge in zwei Stücke gebrochen, die nun irgendwie aufeinander abgestimmt werden müssten.

Mangel und Überfluss gleichzeitig

Die vielen neuen Kombinationsmöglichkeiten würden allein schon jede Planung verkomplizieren. Da aber niemand länderübergreifend koordiniert, wie viele Studienplätze in welchen Fächern und wo in Deutschland gebraucht werden, ist nun ein System entstanden, in dem Mangel und Überfluss gleichzeitig herrschen.

Stephan Voigt zum Beispiel, der nach Münster darf, aber nicht will, saß in der proppevollen Einführungsveranstaltung neben einem Studenten, der nach Münster will, aber nicht darf. Auf der anderen Seite gibt es unter den 5506 Masterprogrammen in Deutschland eine Vielzahl hochspezialisierter Fächer, von denen niemand weiß, ob es überhaupt genug Interessenten für sie gibt: Münster bietet zum Beispiel einen Master in Altersvorsorge, Trier einen für Papyrologie und Stuttgart für Orgelimprovisation. Wer will, könnte auch Online-Radio oder das Weltkulturerbe studieren. Dank solcher Exoten sind mehr als die Hälfte aller Masterprogramme sogar zulassungsfrei. Vorbeikommen und einschreiben würde genügen – wenn die Fächer nur für genügend Studierende sinnvoll wären.

In den begehrten Fächern sorgen die Hochschulen dagegen für Chaos, indem sie die Masterplätze unabgestimmt vergeben. Aus Angst, leer auszugehen, bewerben sich die Bachelor-Absolventen doppelt und dreifach – was die Platzvergabe unnötig in die Länge zieht. Studenten schreiben sich an der erstbesten Uni ein und springen wieder ab, sobald eine andere Hochschule ihre Zusagen rausschickt. So wird nachgerückt und abgesprungen bis weit ins Semester hinein.

Dabei bastelt jede Uni auch noch ihre eigenen Bewerbungsvoraussetzungen – mit absurden Folgen. Die Uni Köln etwa ließ selbst ihre guten Bachelor-Absolventen nicht in den Master für Betriebswirtschaft. Studenten, die einige Semester vorher für ihre Leistungen ausgezeichnet wurden, bekamen plötzlich eine lapidare Absage-Mail mit besten Wünschen für die berufliche Zukunft. Der Grund: Für die 215 Masterplätze hatten sich mehr als 1.700 Interessenten beworben. Vergeben hat die Uni sie allein aufgrund der Bachelor-Noten, was Kölner Studenten wütend machte: Weil ihre Fakultät angeblich vergleichsweise strenge Zensuren vergibt, drohten auswärtige Bewerber ihnen reihenweise die Masterplätze wegzuschnappen.

Andere Unis haben für solche Fälle vorgesorgt und verschaffen ihren eigenen Absolventen eine Art Heimvorteil bei der Bewerbung – was wiederum ein Nachteil mehr für all diejenigen ist, deren Hochschule ein solches System nicht kennt. Wer in Bonn den Psychologie-Master machen möchte und von außerhalb kommt, muss um eine Note besser sein als heimische Absolventen. In Bielefeld werden dagegen alle Bewerber gleich behandelt; Studierendenvertreter fordern ihre Uni deswegen ebenfalls zum Studienplatz-Protektionismus auf. Aber ist das gerecht? „Entweder man schafft überall Zäune oder nirgends, aber so kann es nicht bleiben“, sagt der ­Bielefelder Studierendenvertreter Max Schneider.

Platz nur für jeden Zweiten

Die Vergabeprobleme treten auch deswegen auf, weil Deutschlands Studenten bisher nicht das machen, was Bildungspolitiker von ihnen erwartet hatten: nämlich mit dem Bachelor direkt auf den Arbeitsmarkt zu gehen. Als „erster berufsqualifizierender Abschluss“ sollte der Bachelor „für die Mehrzahl der Studierenden“ in den Beruf münden, so beschloss es die Kultusministerkonferenz vor sieben Jahren. Niedersachsens Wissenschaftsministerium gab daraufhin beispielsweise als Richtwert an die Hochschulen aus, nur für rund 50 Prozent der Bachelor-Studenten Masterstudienplätze vorzuhalten.

Eine Studie des Zentrums für Internationale Hochschulforschung in Konstanz zeigt dagegen: Etwa 78 Prozent aller Bachelor-Absolventen der Universitäten und 43 Prozent der Absolventen der Fachhochschulen studieren nach ihrem ersten Abschluss weiter. Kein Wunder, finden Forscher wie Kolja Briedis: „Die Unis haben ja selbst immer wieder geäußert, dass man mit dem Bachelor nicht fit wäre für den Beruf. Da können sie nicht erwarten, dass sich ihre Studenten mit Bewerbungen für den Master zurückhalten.“

1999 beschlossen die europäischen Bildungsminister in Bologna eine umfassende Reform, die im Kern das europäische Hochschulwesen vereinheitlichen und das Studium stärker am internationalen Arbeitsmarkt orientieren sollte. Studierende, Absolventen und Lehrende sollen im europäischen Hochschulraum und auf dem internationalen Arbeitsmarkt mobiler werden. Erreicht werden soll dies unter anderem durch leichter vergleichbare Bachelor-Abschlüsse und den darauf aufbauenden Master. Auch Diplome und sonstige Abschlüsse sowie geleistete Studienzeiten sollen von den Hochschulen einfacher gegenseitig anerkannt werden können. Um die Qualität des Studiums transparenter zu machen, wurden in den Hochschulen der 47 am Bologna-Prozess beteiligten Staaten ein einheitliches Leistungspunktesystem eingeführt das European Credit Transfer System (ECTS). Demnach werden je nach erbrachter Leistung zum Beispiel Präsenzzeiten oder Prüfungen Punkte an die Studierenden vergeben. Die Studieninhalte werden außerdem in Module eingeteilt. Für Deutschland mit seinen zuvor recht offenen Studiengängen bedeutete dies, dass das Studium stärker reglementiert wurde. Auf diese Weise, so Kritiker, werde die Idee der Universität ausgehöhlt. Ein Studium nach persönlichen Interessen oder über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus sei kaum mehr möglich. Allerdings rückten die Bologna-Reformen das Konzept des lebenslangen Lernens in den Vordergrund: Bachelor-Absolventen sollten nach einigen Jahren in der Wirtschaft an die Uni zurückkehren können. Dadurch, so die Hoffnung, sollten Arbeitskräfte selbst nach dem Erststudium näher am Stand der Wissenschaft bleiben.Laut den Bologna-Verträgen sollen europäische Hochschulen auch in der Qualitätssicherung und in der Forschung stärker miteinander kooperieren. Damit sowohl Menschen als auch das Wissen mobiler werden, sollen sprachliche und kulturelle Hindernisse ausgeräumt werden. Dafür wollen die beteiligten Staaten die Verbreitung der Sprachen der Mitgliedsländer und den kulturellen Austausch fördern.Erst zuletzt haben Bildungspolitiker in den Blick genommen, dass einige der Reformen Kinder aus Nicht-Akademiker-Familien vom Studium abhalten. Wie dem Problem beizukommen sei, steht noch nicht fest.

13:15 21.10.2010

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