Die Rückkehr der One-Man-Show

Italien Der autoritäre Populist Beppe Grillo wandelt auf den Spuren von Berlusconi. Er will das Parteiensystem sprengen und vorerst nicht mit Mitte-Links paktieren
Die Rückkehr der One-Man-Show
Beppe Grillo (64), will mit seinem Movimento Cinque Stelle die politische Landschaft umpflügen

Foto: Guiseppe Cacace/ AFP/ Getty Images

Nicht zum ersten Mal ist in Rom die Rede von einer „Dritten Republik“. Die Zählweise geht so: Auf die erste, seit 1948 von der Christdemokratie dominierte, sei nach 1992 im Strudel eines Korruptionsskandals die zweite Republik gefolgt, die dann fast durchgängig von Silvio Berlusconi geprägt wurde. Die „dritte“ nun entstehe aus den Trümmern des vom Ex-Premier angeführten Rechtsblocks. Diese Annahme ist nicht von der Hand zu weisen: Bei den Provinzwahlen im Mai erlebte Berlusconis Popolo della Libertà (PdL) ebenso ein Debakel wie die Lega Nord. Letztere wird zudem von Flügelkämpfen zerrissen. Ohne ihren „charismatischen Leader“ Umberto Bossi, der im April zurücktrat – Vertraute hatten in die Parteikasse gegriffen –, dürfte die Lega kaum je zu alter Stärke zurückfinden.

Beim Popolo della Libertà ist es für Abgesänge noch zu früh. Es klingt nicht nur nach einer Durchhalteparole, wenn PdL-Sekretär Angelino Alfano auf lediglich 51 Prozent Beteiligung bei den Provinzwahlen verweist und beteuert, die Anhängerschaft sei nur diesmal den Urnen ferngeblieben, aber weiter mobilisierbar. Zu ­bedenken ist darüber hinaus, dass der sogenannte dritte Pol mit der christdemokratischen UDC um Pierferdinando Casini, der von Mitte-Links umworben wird, sich alle Optionen offenhält. Das schwache Abschneiden bei der Regionalwahl mindert jedoch allzu hochtrabende Ambitionen.

Ohnehin ist eine neue Gruppierung dabei, die politische Landschaft zu pflügen: das Movimento Cinque Stelle (Fünf-Sterne-Bewegung/M5S) des Komikers Beppe Grillo. Bei öffentlichen Auftritten bietet er eine mitreißende One-Man-Show mit frei improvisiertem Kabarett. Seine Spezialität ist die hemmungslose Anklage gegen „die Politiker“, gleich welcher Couleur. In Parma hat sein Kandidat Federico Pizzarotti die Stichwahl um das Bürgermeisteramt gewonnen. Ein Stimmenanteil von zehn Prozent im ganzen Land scheint möglich.

Allein gegen alle

Manche Beobachter trauen den Newcomern gar bis zu 15 Prozent zu. Damit wäre Grillo seinem Ziel sehr viel näher: Er will das Parteiensystem sprengen und nennt sich deshalb selbst „den Detonator“. Nicht zu Unrecht beunruhigt Grillo damit die Mitte-Links-Parteien, die jahrelang in Opposition zu Berlusconi standen und nun gemeinsam mit dessen PdL die Übergangsregierung unter Premier Monti stützen.

Nach der Parlamentswahl im Frühjahr 2013 will Mitte-Links dann selbst die Regierung übernehmen: in einer Koalition aus Demokratischer Partei (PD), reformerischen Linken und christdemokratischer „Mitte“. Dieses Ziel wäre gefährdet, sollte Grillos Partei ihren Erfolg bestätigen und zur dritten Kraft aufsteigen. Bislang verweigert sie jegliche Allianz: Es gilt das Credo „allein gegen alle“. So fällt es schwer, die Fünf Sterne zuzuordnen. Bei ihrer Programmatik genießt der Umweltschutz Priorität; im Piemont etwa unterstützen die M5S-Aktivisten Proteste gegen den Bau der Hochgeschwindigkeitstrasse Turin – Lyon. An der Spitze aber steht Beppe Grillo (64), der autoritär waltende Leader. Parteiausschlüsse erledigt er prinzipiell selbst. Mancher Auftritt lässt Schlimmes befürchten, wenn er – wie im zurückliegenden Wahlkampf – bisherige Wähler der Lega Nord mit einer Absage an die Einbürgerung in Italien geborener Kinder von Einwanderern umwirbt.

Das hat auch Berlusconi registriert und meint: Grillo greife die Sorgen der Menschen auf, „wie wir das früher getan haben“. Dass die beiden Parteien, die sich gern als authentische Volksbewegungen geben, einiges gemeinsam haben, meinen auch die Kommentatoren der Tageszeitung Il Manifesto: Wählbar sei M5S auch für viele, „die sich lange Jahre von Berlusconis Populismus und von Bossis rüden Vereinfachungen verführen ließen“. Grillos Erfolg beruhe gleichfalls auf dem groben Raster, schreibt Il-Manifesto-Direktorin Norma Rangeri: „Die Unterscheidung zwischen Ursachen (absolute Herrschaft eines barbarischen Kapitalismus) und Wirkungen (eine Politik, die auf technische Verwaltung reduziert ist) wird immer schwieriger. Die Rhetorik des Die sind doch alle gleich versetzt das Publikum der Antipolitik in Ekstase.“

Wenn hier zusammenwachsen sollte, was auf den ersten Blick unvereinbar scheint, hätten wir es weniger mit einer Dritten Republik zu tun als vielmehr mit einer neuen Spielart rechter Hegemonie.

Jens Renner hat jüngst über die ersten 100 Tage von Premier Monti geschrieben

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11:00 19.06.2012

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