Die Rückkehr der Taliban

Afghanistan Im Süden des Landes kontrollieren die Besatzungstruppen nur noch die größeren Städte - Berge und Dörfer beherrscht der Gegner

Die Region Kandahar, auch hier sind die "Gottesschüler" auf dem Vormarsch. Den Beweis dafür hat Doktor Mahmood Sadat fast täglich vor Augen. Die Kinder zum Beispiel, die in seinem Hospital sterben, weil sie in ihren Dörfern nicht behandelt werden können - es gibt dort keine Ärzte mehr.

Vor wenigen Tagen erst ist es wieder passiert. Ein Ehepaar aus einer der umliegenden Ortschaften kann keinen Arzt für den vierjährigen Sohn finden. Das Kind liegt in hohem Fieber. Als es das Bewusstsein verliert, wird ihm Wasser eingeflößt. Die Eltern erreichen endlich die Klinik in Kandahar, aber Doktor Sadat kann nichts mehr tun. Der Junge stirbt an Wasser in der Lunge. Hätte es rechtzeitig ärztliche Hilfe gegeben, er hätte überleben können. Doch alle Ärzte aus dem Dorf sind geflohen - aus Angst vor dem Terror der Taliban.

Eine Guerilla gewinnt, sobald sie nicht verliert

In den ländlichen Gebieten Südafghanistans haben die militanten Aufständischen einen Sieg errungen - mit Ausnahme der großen Städte und einiger isolierter Außenposten der kanadischen ISAF-Kontingente* wie anderer Koalitionsstreitkräfte beherrschen sie die Region. Tag für Tag robben sich ihre Vortrupps näher an die Städte heran. In den Außenbezirken der Provinzhauptstadt Kandahar operieren sie mittlerweile ganz offen. "Auf dem Land machen die Taliban, was sie wollen - sogar tagsüber schon, nicht nur nachts", erzählt Mahmood Sadat. Er hat seine Arbeit in einer Klinik außerhalb von Kandahar aufgegeben, nachdem dort vier Kollegen ermordet wurden.

Seit drei Monaten bemühen sich die Kanadier, im Süden nicht allein in den Städten Präsenz zu zeigen, doch könnte es schon zu spät sein für größere Ausfallschritte. Im Gespräch geben einige Offiziere zu, die vergangenen vier Jahre seien von ISAF verplempert worden. Besonders 2002 wurde es versäumt, der Regierung von Präsident Karsai zu helfen, ihren Einfluss auszudehnen. Damals war sie noch populär, inzwischen gilt sie vielen Afghanen als eine verhasste Behörde, die den Vertrauensbonus der Bevölkerung verspielt hat.

Als die Taliban 2001 besiegt waren, hat man es zugelassen, dass sich ihre militantesten Formationen reorganisieren konnten und nun ihre Macht erneut geltend machen. Die Situation erinnert an die Zeit während der sowjetischen Besatzung in den späten achtziger Jahren: Die ausländischen Soldaten kontrollieren zwar die Städte - die Guerilla aber, sie beherrscht die Berge und Dörfer.

Die Taliban wissen, sie können die Koalitionstruppen nicht in offener Feldschlacht schlagen, doch brauchen sie derartige Siege auch gar nicht, ihnen reichen die "weichen Ziele": Lehrer, Ärzte, Regierungsangestellte, Dorfbewohner, internationale Helfer. Indem sie die lokale Wirtschaft ruinieren und jeden Hoffnungsschimmer zerstören, erzeugen sie zugleich ein Heer desillusionierter junger Männer, eine potenzielle Gefolgschaft.

Was wir erleben, ist klassische Guerillataktik - und sie funktioniert. Um den früheren Außenminister Henry Kissinger zu zitieren: "Eine konventionelle Armee verliert, wenn sie nicht siegt - die Guerilla gewinnt, sobald sie nicht verliert." Analysten glauben, dass die Taliban in Afghanistan heute mehr Kämpfer aufbieten können, als sie 2001, zum Zeitpunkt ihres Sturzes, rekrutiert hatten. Eine Rekord-Opiumernte im Süden lässt die Kassen klingeln. Viele Bauern unterstützen die Taliban und begreifen sie als Bollwerk gegen die Koalitionstruppen, die ihre Opiumfelder zu vernichten drohen.

Nicht nur im Süden zeigen die Aufständischen wachsende Kampfkraft. Ende Mai gelang es ihnen, in zwölf afghanischen Provinzen mehr als 20 Anschläge gegen die Besatzungstruppen in nur zwei Tagen zu verüben. Gerüchten zufolge kontrollieren sie bereits Territorien in der Provinz Ghazni, nur 135 Kilometer südlich von Kabul, dem Sitz der Zentralregierung. "Kein Zweifel, die Taliban haben in einigen Regionen Kandahars, in Helmand und im südlichen Uruzgan an Stärke und Einfluss zugelegt", resümiert Colonel Tom Collins, ein US-Militärsprecher bei einem Briefing vergangene Woche. "Sie nützen Menschen aus, die keine große Hoffnung haben. Sie sammeln Leute, damit sie sich ihrer Sache anschließen. Diese Leute mögen nicht unbedingt an die Taliban glauben, aber sie brauchen einen Job."

Wie Mäuse, die von Mausloch zu Mausloch rennen

Die kanadischen Soldaten im Süden tun ihr Bestes, um in den Dörfern für "Goodwill" zu sorgen. Mittels kleiner Hilfsprojekte oder medizinischer Dienste, die sie ab und zu für einen Tag anbieten. Eine quälend mühsame Arbeit, für die überdies massive Sicherheitsvorkehrungen nötig sind. Eine einzige Nacht der Fehlbombardierung macht Monate des Goodwill wieder zunichte wie gerade erst, als bei einem Angriff in der Nähe von Kandahar Dutzende Bewohner eines Dorfes getötet oder verletzt wurden. Später gaben die Kanadier zu, diese Kollateralschäden könnten "die Stimmung der Dorfbewohner gedämpft" haben.

Derzeit stehen in der Provinz Kandahar rund 8.000 ISAF-Soldaten, nur bei 1.500 davon handelt es sich tatsächlich um Kampfeinheiten, komplettiert durch ein paar hundert Soldaten der so genannten "forward operating bases", der isolierten Außenposten im Kernland der Taliban. So kommen auf einen Soldaten etwa 36 Quadratkilometer Operationsgebiet. Nicht annähernd genug "boots on the ground", um etwas ausrichten zu können.

Die Taliban sind - so paradox es klingen mag - um ein Vielfaches stärker, seit sie Straßenbomben einsetzen und Selbstmordattentäter rekrutieren, um die Besatzungsverbände empfindlich zu treffen. Um solchen Anschlägen zu entgehen, jagen die kanadischen Konvois nur noch mit Höchstgeschwindigkeit durch Kandahar. Sie haben Angst, sich Zeit zu nehmen. "Wie Mäuse, die von Mausloch zu Mausloch rennen", spotten die Afghanen.

Unterdessen rücken weiterhin Freiwillige aus den Religionsschulen im benachbarten Pakistan nach. Schulen, in denen ein militant anti-westlicher Islam propagiert wird. Die Regierung in Islamabad ignoriert die Zufluchtsorte der Taliban, und die afghanischen Regierungstruppen sind außerstande, die poröse Grenze zwischen beiden Ländern zu kontrollieren. "Wir haben nicht genug Polizisten", entschuldigt sich General Rahmatullah Raufi, Kommandeur der afghanischen Armee in Südafghanistan. "Die Taliban verfügen über moderne Waffen, über Granatwerfer und Raketen. Und in Pakistan verfügen sie über Trainingszentren und haben dort auch sonst alles, was sie brauchen."

"Die afghanische Bevölkerung gibt auf", meint ein erfahrener Aidworker aus Kandahar. "Auftrag der Regierung war es, die Warlords auszuschalten, stattdessen hat sie sich auf einen endlosen Tanz mit ihnen eingelassen. Alle hier sagen inzwischen, wenn einst das Taliban-Regime nichts vollbracht hat, wenigstens die Korruption wurde gestoppt und für Recht und Ordnung gesorgt." Und ein anderer Aidworker meint, die Reputation der Regierung schwinde um so rasanter, je näher die Taliban an die großen Städte heranrückten. "Sie reisen schon ganz offen in Konvois, setzen sich nachts mit den Menschen zusammen und versuchen, sie für sich zu gewinnen. Die Mehrheit verhält sich heute noch passiv, aber wenn es so weitergeht, wird sie in einem halben Jahr den Taliban-Widerstand unterstützen."

Die meisten Hilfsorganisationen haben sich mittlerweile aus Südafghanistan zurückgezogen. Inoffiziell ist ihnen der Zutritt zu den meisten Dörfern bereits verboten, nicht allein aus Sicherheitsgründen, auch weil die Bewohner fürchten, die Taliban könnten sich an ihren Siedlungen rächen. "Die internationale Gemeinschaft sieht sich einer irritierenden Perspektive gegenüber. Der neue Aufstand könnte sich in den Gemeinden einnisten und auf andere, geschwächte Distrikte übergreifen. Es könnte zum beschleunigten Zerfall Afghanistans kommen", stand im Mai in einem Bericht des Senlis Council, einer "Security and Development Policy Group" mit Sitz in Europa.

Die Taliban-Kommandeure erfreuen sich eines äußerst gelassenen Verhältnisses zu geschichtlichen Verläufen. Ihnen ist klar, dass 2006 Truppenverstärkungen anstehen, also weitere westliche Soldaten stationiert werden - zugleich wissen sie aber auch, dass voraussichtlich im Juli 3.000 US-Soldaten abgezogen werden. Und sie warten ab, sie warten, bis die Entschlossenheit der Koalitionstruppen bröckelt. Ein kanadischer Offizier drückt es so aus: "Wir haben alle Uhren, sie alle Zeit".

(*) International Security Assistance Force - Internationales Sicherheitskorps für Afghanistan

Übersetzt von Andrea Noll


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00:00 09.06.2006

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