Vorerst ein frommer Wunsch: Russische Erdgaslieferungen lassen sich nicht ersetzen

Energieversorgung Katar, Algerien und Libyen können den Lieferanten Russland nicht ersetzen. Die EU steht damit vor einem Problem
Robert Habeck (r.) in Abu Dhabi
Robert Habeck (r.) in Abu Dhabi

Foto: Frank Ossenbrink/IMAGO

Um etwa ein Drittel verringern will die EU-Kommission den Erdgasimport aus Russland, zur Kompensation setzt sie auf Energieressourcen aus Nahost – auf Vorkommen in Katar, Algerien und Libyen. Nur stellt sich die Frage, wie schnell arabisches gegen russisches Gas ausgetauscht werden kann. Als Vizekanzler Robert Habeck noch während seines Besuchs im Emirat Katar am 20. März erklärte, dass man sich auf die Lieferung von Flüssiggas (LNG) geeinigt habe, fand das Statement der dortigen Regierung kaum Beachtung, dass man kurzfristig keine Alternative zum Gas aus Russland bieten könne. Und das trotz des Aufstiegs zum derzeit weltgrößten Flüssiggasexporteur.

Höchstens 15 Prozent der eigenen Produktion ließen sich nach Europa umleiten, da der Löwenanteil in asiatische Länder verschifft werde. Man plane zwar viel zu investieren, um die Kapazität zu verdoppeln, doch würden relevante Effekte nicht vor 2025 eintreten. Bisher deckt das Emirat kaum mehr als fünf Prozent des EU-Verbrauchs. Ein weiterer Stolperstein der avisierten Partnerschaft könnten die herzlichen Beziehungen zwischen dem Emir von Katar und Wladimir Putin sein. Es war sicher kein Zufall, dass der katarische Machthaber am 22. Februar, zwei Tage vor dem russischen Angriff, einen Brief aus dem Kreml erhielt, der das bilaterale Verhältnis in höchsten Tönen lobte.

Für Algerien und Libyen, die beiden anderen vielversprechenden Lieferanten, bestechen ebenfalls nicht durch üppige Quoten. Algerien deckt bereits sieben Prozent des EU-Bedarfs und belegt Rang drei nach Russland und Norwegen. Der Transfer durch Spanien und Italien wird gerade erhöht, wie der spanische Energieriese Enagas schon im März verkündet hat. Doch kann auch der Maghrebstaat nur zwei bis drei Milliarden Kubikmeter Erdgas zusätzlich anbieten, weniger als 1,5 Prozent der momentanen russischen Lieferungen in die EU.

Problem: Russische Präsenz in Libyen

Zudem belasten algerisch-marokkanische Spannungen wegen der Westsahara seit Jahren den diplomatischen Kontakt und führten zum Stopp für die Gastrasse Maghreb-Europa. Über die sollte Gas durch Marokko nach Spanien und Portugal gepumpt werden. Auch das vermindert die Möglichkeit eines expandierenden Erdgasbezugs aus dem Maghreb. Algeriens staatliches Energieunternehmen Sonatrach kündigte jetzt immerhin Pläne an, bis 2026 40 Milliarden Dollar für seine Öl- und Gasförderkapazitäten zu investieren. In Libyen entscheidet die politische Situation – faktisch besteht eine Doppelherrschaft zwischen dem West- und Ostteil – darüber, ob von dort mehr Gas kommen kann.

Die für Ende 2021 geplanten Präsidentschafts- und Parlamentswahlen fanden nie statt. Abgesehen davon hat das Land im Vergleich zu Algerien ein eher bescheidenes Produktions- und Exportvolumen, sodass der aktuelle Marktanteil der Libyer in Europa gerade einmal bei einem Prozent liegt. Ein Hindernis, um mehr Gas aus Libyen zu beziehen, ist zudem die dortige Präsenz des russischen Energiegiganten Gazprom, der Ölfelder erschließt. Zwar erreichten die Erlöse aus LNG-Exporten 2021 einen Rekordwert, gemessen am vergangenen Jahrzehnt, doch wird ein Großteil der Produktion noch immer für den Eigenbedarf gebraucht, sodass Libyen nicht in der Lage ist, die Position Russlands ernsthaft zu gefährden. Zudem verhandelt Ägypten wegen seines Gasbedarfs mit dem Nachbarland darüber, neue Gasfelder zu erschließen.

Erst langfristig haben demnach Staaten aus dem arabischen Raum Aussichten, Russland vom EU-Gasmarkt zu verdrängen. Und auch das nur dann, wenn europäische Unternehmen darin investieren, neue Lagerstätten zu erkunden. Hierbei ist die Golfregion entschieden attraktiver als das politisch labile Nordafrika. Das Potenzial, einen Sofortausfall russischer Gaslieferungen umgehend aufzufangen, hat keiner der neuen Wunschlieferanten.

Ruslan Suleimanov ist Orientalist und freier Journalist in Kairo

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