Die Saat der Zerstörung

Geopolitik mit genetisch veränderten Nahrungsmitteln Eine Frage der amerikanischen Staatssicherheit

"Beherrsche die Energie, und du beherrschst die Nationen. Beherrsche die Nahrung, und du beherrschst die Menschen", soll einmal der frühere US-Außenminister Henry Kissinger gesagt haben. Auch wenn dafür die letzte Gewissheit fehlt, feststeht auf jeden Fall, dass Präsident Bush im Juni 2003 die Aufhebung der Verbots der EU für genetisch veränderte Pflanzen zu einer Angelegenheit von strategischer Priorität für die USA erklärt hat. Dies geschah keine sechs Wochen nach dem US-Einmarsch in Bagdad. Kein zufälliges Timing. Seither bröckelt der Widerstand innerhalb der Union gegenüber genetisch verändertem Saat- und Pflanzgut, ebenso wie der Brasiliens und anderer Agrarproduzenten.

Vieles spricht dafür, dass Bushs "strategische Priorität" auf eine Kontrolle der globalen menschlichen und tierischen Nahrungsmittelkette zielt, wie sie nie zuvor einer Nation allein möglich war. Dabei geht die derzeitige Debatte über die Biotechnologie und die genetische Veränderung von Mais, Sojabohnen oder anderen Agrarprodukten am Wesentlichen vorbei: Die weltweite Umwandlung der Landwirtschaft durch eine kleine Elite von Biotech-Firmen - zumeist US-Unternehmen - hat wenig mit Firmen-Profiten, aber sehr viel mit Geopolitik zu tun, um das Wachstum der Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten zu steuern.

Die Machtpolitik der USA zielt heute auf die Entwicklung strategischer Schlüsselpositionen, die vom Pentagon full spectrum dominance genannt werden. Dies bezieht sich bekanntermaßen auf ein globales militärisches Übergewicht, die Vorherrschaft über die rapide abnehmenden Ölvorräte oder die Steuerung des Dollars als Welt-Leitwährung - aber inzwischen auch auf die Kontrolle der Agrarwirtschaft, indem über Patente für genetisch veränderte Pflanzen, vor allem bei Getreide, entschieden wird. Hält der gegenwärtige Trend an, werden die USA noch vor Ende des Jahrzehnts die Nahrungsmittelversorgung eines großen Teils unseres Planeten kontrollieren und damit über mehr Macht verfügen als durch militärische Kapazitäten oder die Herrschaft über Energieressourcen zu gewinnen ist.

Im Zentrum dieser Bestrebungen steht die Rockefeller-Stiftung in New York. Seit 1994 hat dieses einflussreiche private Institut mehr als 100 Millionen Dollar in die Forschung und Entwicklung von genetisch manipuliertem Saatgut gesteckt, damit es Eingang in die weltweite Nahrungsmittelproduktion - besonders bei gewichtigen Entwicklungsländern - findet.

Offiziell heißt es, man fühle sich verpflichtet, "das Leben der Armen und Ausgeschlossenen weltweit zu bereichern und zu unterstützen". Stiftungspräsident Gordon Conway rechtfertigte 1999 in einer Rede vor dem Aufsichtsrat von Monsanto - dem weltgrößten Produzenten von genetisch verändertem Saatgut und von Pestiziden - die "genetische Revolution" in der Landwirtschaft mit der erwarteten Zunahme der Weltbevölkerung von zwei Milliarden Menschen bis 2020, die bei gleichzeitiger Abnahme der Agrarerträge wie der Verschlechterung der Böden und der Ökologie zu verkraften sei. Aber alle Anzeichen legen nahe, dass darin nicht das wirkliche Motiv besteht, genetisch verändertes Pflanzgut vehement zu fördern.

Die Rockefeller-Stiftung bemüht sich seit fast 20 Jahren darum, die Akzeptanz für eine radikale genetische Veränderung der Agrarproduktion in jenen Ländern zu erhöhen, in denen die entsprechenden Forschungsprogramme der US-Regierung auf großes Misstrauen stoßen. Die Stiftung ist gewissermaßen das "Trojanische Pferd" des Vormarsches von genetisch verändertem Saatgut - bis heute hat sie mehr als 400 führende Wissenschaftler von den Philippinen bis Thailand, von Kenia bis China ausgebildet.

Die Rockefeller-Stiftung entstand bereits 1914 aus dem Vermögen des Rockefeller Standard Oil Trust. Lange vor 1945 war sie ein exponierter Geldgeber der eugenischen Forschung. Die Stiftung unterstützte die Amerikanische Eugenik-Gesellschaft und später den Population Council, eine Non-profit-Organisation, die sich der biomedizinischen Forschung, vorrangig der sogenannten reproduktiven Gesundheit und damit Fragen der Bevölkerungsentwicklung widmete. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten die Rockefeller-Strategen das Erscheinungsbild. Man verschrieb sich nun den Themen Umwelt, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung. Tatsächlich blieb die Politik der Stiftung weiter auf eine Verringerung der Weltbevölkerung fixiert.

1972 hatte Präsident Nixon den Stiftungsrat, John D. Rockefeller III, zum Vorsitzenden der präsidialen Kommission "Bevölkerung und die amerikanische Zukunft" ernannt. Es handelte sich um den Rockefeller, der 1952 das erwähnte Population Council ins Leben gerufen und öffentlich ein "Nullwachstum der Bevölkerung" verlangt hatte.

Rockefellers Kommission lieferte die Vorlage für Henry Kissingers "National Security Study Memorandum 200" - kurz: "NSSM 200". Ein Memorandum zur Nationalen Sicherheit vom April 1974, das die Bevölkerungsentwicklung in den strategisch wichtigen, rohstoffreichen Entwicklungsländern als Angelegenheit von höchster Priorität für die Staatssicherheit der USA definierte. Denn in den frühen siebziger Jahren - Henry Kissinger war Nationaler Sicherheitsberater und Außenminister - wurden Nahrungsmittel und Öl zu strategischen Gütern erklärt. Kissinger war die umstrittene "Öl-für-Nahrungsmittel"-Initiative zu verdanken. Sie ermöglichte einer unterversorgten UdSSR den Import beträchtlicher Mengen an US-Getreide, die im Gegenzug mit beträchtlichen Mengen sowjetischen Öls bezahlt wurden. Die Erdölgewinnung in den USA (außerhalb Alaskas) überschritt 1970 ihren Zenit und begann stetig abzunehmen - die USA wurden zu einer Ölimportnation. Als dadurch die Nationale Sicherheit immer mehr vom sicheren Zugang zu preiswertem Importöl abhängig wurde, avancierten Nahrungsmittel zur Waffe im US-Sicherheitsarsenal. Kissingers Kabinettskollege, Agrarminister Earl Butz, formulierte es so: "Hungrige Männer hören nur auf die, die ein Stück Brot haben. Nahrung ist ein Werkzeug ... "

1974 reichte Kissinger sein "NSSM-200"-Memorandum bei Präsident Nixon ein und nannte das Bevölkerungswachstum in rohstoffreichen Entwicklungsländern nun unumwunden eine "Bedrohung der Staatssicherheit Amerikas". Sein Memorandum deutete an, Hunger könnte eine wirkungsvolle Methode sein, die Bevölkerung zu reduzieren. "... eine ausgedehnte Hungersnot, wie man sie seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt - und von der die Welt geglaubt hatte, sie sei dauerhaft ausgerottet", sei vorhersehbar, hieß es. Es sei unwahrscheinlich, dass die USA und andere Geberländer den betroffenen Regionen die notwendigen Exporte an Nahrungsmitteln zur Verfügung stellen würden.

Kissingers "NSSM-200" - als Geheimdokument eingestuft und bis 1989 nie öffentlich debattiert - enthielt Schätzungen über das Wachstum der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2000 sowie darüber hinaus und beschäftigte sich mit den Konsequenzen für den Bedarf an Nahrung, Rohstoffen und Energie. Kissinger: "Der weltweite Bedarf an Nahrung erhöht sich pro Jahr um 2,5 Prozent oder mehr in einer Zeit, da vorhandene Düngemittel und gut gewässertes Land bereits in großem Stil genutzt werden. Die zusätzliche Produktion von Nahrungsmitteln muss daher aus höheren Erträgen resultieren." Zur gleichen Zeit begann die Rockefeller-Stiftung in großem Umfang mit Forschungen über gentechnische Veränderungen bei Pflanzen - einschließlich Reis - angeblich, um die Erträge zu verbessern.

Eine der Folgen von "NSSM-200" bestand darin, dass die USA die Implementierung von Bevölkerungskontrollprogrammen zur Bedingung für Finanzhilfen erhoben - auch dann, wenn Soforthilfe bei Hungersnöten erbeten wurde. Der IWF, die Weltbank und die UNO wurden gleichfalls veranlasst, sich dem Junktim Geburtenkontrolle gegen Hilfsprogramme zu unterwerfen. "NSSM 200" nannte ausdrücklich 13 Staaten, an denen die USA ein "spezielles strategisches Interesse" hatten: Indien, Pakistan, Bangladesch, Indonesien, Thailand, Nigeria, die Philippinen, die Türkei, Ägypten, Äthiopien, Mexiko, Brasilien und Kolumbien. Deren Bevölkerungswachstum galt laut Kissinger als besonders beunruhigend für die Staatssicherheit der USA.

Trotz gewisser Konzessionen der Bush-Regierung an die katholischen Lebensrecht-Gruppierungen wird "NSSM 200" als "nicht-offizielle" Politik der US-Regierung bis zum heutigen Tag fortgeführt. Auch an der Schlüsselstellung der Rockefeller-Stiftung hat sich nichts geändert, geht es um die Gentechnik in der Landwirtschaft der "Schlüsselländer" Asiens, Afrikas und Lateinamerikas.

1971 entstand als Geschöpf von Ford-Stiftung, Weltbank und Rockefeller-Stiftung die Consultative Group on International Agricultural Research (Beratergruppe für Internationale landwirtschaftliche Forschung/ CGIAR) mit 16 Forschungszentren weltweit. Die CGIAR verfügte über ein Jahresbudget von 350 Millionen Dollar, konzentrierte sich auf den Transfer von genetisch veränderten Pflanzen in die Entwicklungsländer und verantwortete in gewisser Weise die aktuelle Spielart von "NSSM 200", wobei sich die US-Regierung im Hintergrund hielt. So trafen sich die Rockefeller-Stiftung, die Weltbank, Monsanto und andere Agrargiganten sowie die US-Regierung stets unter der Schirmherrschaft der CGIAR, die mit dem Credo warb, eine "nachhaltige Landwirtschaft für eine sichere Nahrungsmittelversorgung zu fördern".

Zu diesem Zweck verstand es die CGIAR, ihr Kapital und ihren Einfluss auf die Regierung zu nutzen, um die Kontrolle über eines der weltgrößten Spektren von genetischen Pflanzenressourcen zu gewinnen und Firmen wie Monsanto und Syngenta dieses Material zugänglich zu machen, "so dass neue Genkombinationen zur Anwendung kommen, um die Produktivität nachhaltig zu steigern". Im Gegenzug machte sich die CGIAR für die Verbreitung von Biotechnologie in den Entwicklungsländern stark und bildete die talentiertesten nationalen Wissenschaftler aus, um Sorge zu tragen, dass diese Kader die Verbreitung genetisch veränderter Pflanzen in der Landwirtschaft und der Biotechnologie unterstützen, wenn sie in ihre Heimatländer zurückkehren.

Zusätzlich zu ihrer Rolle bei der Gründung von CGIAR ist die Rockefeller-Stiftung maßgeblicher Geldgeber des International Service For The Acquisition of Agri-Biotech Applications (Internationaler Dienst für die Einführung der Agrarbiotechnologie/ ISAAA). Eine Agentur, die gegründet wurde, um "die Auslieferung der geschützten Biotechnologien aus den Firmenlabors der industrialisierten Welt in die Nahrungs- und Landwirtschaftsysteme des Südens zu erleichtern". Wer davon profitiert, wird klar, zieht man die Sponsoren der ISAAA in Betracht: Neben der Rockefeller-Stiftung sind das Monsanto (USA), Syngenta (Schweiz), Dow AgroSciences (USA), Pionier Hi-Bred (USA), Cargill (USA), Bayer CropScience (Deutschland) sowie die Abteilung US-AID des US-Innenministeriums.

Sie alle argumentieren, dass in den Entwicklungsländern das Wachstum der Bevölkerung den wachsenden Bedarf an Lebensmitteln zum brennenden Problem mache, aber die ökonomischen Ressourcen vor Ort diesem Umstand nicht gerecht würden. Deshalb ermögliche ISAAA als "ehrlicher Vermittler" die Einführung industrieller Gen-Technologien und genetisch veränderten Saatgutes.

So wie 1974 Henry Kissingers "NSSM 200" 13 Staaten bezüglich der Verringerung der Bevölkerung anvisierte, hat der ISAAA zwölf Länder für den Konsum genetisch veränderten Getreides im Visier. Sechs davon sind identisch mit denen, die Kissinger 1974 auflistete: Mexiko, Brasilien, Indonesien, die Philippinen, Thailand und Ägypten. Hinzu gekommen sind Malaysia, Vietnam, Kenia, Simbabwe, Argentinien und Costa Rica.

Der ISAAA lanciert Propagandaoffensiven, um dem Widerstand gegen genetisch verändertes Getreide auszutrocknen. Randy Hautea, Chef des Südostasien-Zentrums der ISAAA, gab vor kurzem zu Protokoll, man konzentriere sich deshalb auf Staaten wie Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Thailand und Vietnam, weil die "den politischen Willen haben, die Anwendungen der Biotechnologie zu übernehmen". Was Hautea nicht sagt - der Gebrauch von genetisch verändertem Saatgut wird auch den Gebrauch von teuren ebenso veränderten Schädlingsbekämpfungsmitteln sowie Maßnahmen nach sich ziehen, die nur von den globalen Agrarfirmen zu leisten sind.

Die Nahrungsmittelerzeugung der betroffenen Länder wird faktisch für den globalen Agrarmarkt umgeformt und steht nicht mehr für die nationale Versorgung mit Nahrungsmitteln zur Verfügung (s. auch Freitag 28/2004 vom 2. 7. 2004). Hautea sagt nicht, wie die Biotechnologie, die durch Syngenta und Monsanto Indonesien oder Malaysia erreicht, den kleinen Landwirten nützt, die das Herz der Nahrungsmittelproduktion dieser Länder sind. Es gibt bis heute keinen Beweis eines möglichen Nutzens von genetisch verändertem Getreide für agrarische Familienbetriebe - das Gegenteil ist der Fall. Landwirte werden häufig von ihren Regierungen genötigt oder gezwungen, Monsanto-Saatgut oder genetisch verändertes Saatgut anderer Firmen zu kaufen.

Dank der Netzwerke von ISAAA steht die Rockefeller-Stiftung im Zentrum der globalen Expansion von Monsanto, DuPont, Cargill und Dow Agri-Sciences und anderer Biotech-Riesen - sie beherrscht die begonnene "neue grüne Revolution", wie Stiftungspräsident Gordon Conway die Eroberung fremder Agrarmärkte nennt.

(wird fortgesetzt)

siehe auch: William Engdahl, Mit der Ölwaffe zur Weltmacht, Wiesbaden 2002


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00:00 05.11.2004

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