Die Sache mit dem G-Punkt

G-eld und Sex Was denken Menschen heute über Pornografie? Sie bewerten auffällig feministisch und wissen, dass es bei einem Porno letztlich ums Geldverdienen geht. Ergebnisse einer soziologischen Untersuchung

"Gruppendiskussion" ist eine soziologische Methode, bei der verschiedene, in sich relativ homogen zusammengesetzte Gruppen von Menschen frei zu einem vorgegebenen Thema reden. Ziel dieser Methode ist es, die Lebenswirklichkeiten und Lebensauffassungen von sehr verschiedenen sozialen Gruppen abzufragen. Das Forschungsprojekt "Pornografie als Kontextphänomen" an der Universität Freiburg hat dieses Verfahren angewandt, um etwas zu gegenwärtigen Alltagsansichten über Pornographie zu erfahren. Dabei wurden knapp 20 verschiedene Gruppen gebeten, über Pornografie zu reden. Die Altersstruktur reichte von Geburtsjahrgängen in den 1920ern bis zu den 1980ern, es waren gleich- und gemischtgeschlechtliche Gruppen sehr verschiedener beruflicher, politischer, religiöser, geschlechtlicher und "sexueller" Hintergründe. In der Untersuchung wurde keine Vorgabe gemacht, was unter Pornographie zu verstehen sei.

"Pornos sind schlecht!", so könnte das Fazit der Standpunkte von Menschen und Gruppen unterschiedlichster Herkunft, Hintergründe und Lebenssituationen über Pornofilme heißen. Wenn in unserer Untersuchung von Pornografie im engeren oder klassischen Sinne die Rede war, dann in aller Regel von Pornofilmen. Bücher, Comics oder Internet waren nur hin und wieder Thema. Pornofilme aber genießen keinen guten Ruf. Viele der Diskussionsteilnehmer lehnen sie ab, wollen damit nichts zu tun haben, finden sie "abstoßend", andere nutzen sie so eingeschränkt, wie es für ihre schnelle Befriedigung erforderlich ist - "ich hab auch noch nie einen zu Ende geschaut" -, wieder andere sind auf der steten Suche nach "gescheiten Pornos", meist außerhalb der Mainstream-Produktionen. Dennoch bleibt ein auffallendes allgemeines Urteil über Pornofilme, das zeigt, dass die gesellschaftliche Tabuisierung von Pornografie auch heute gültig ist, denn in den Urteilen, Pornos seien "grotten-schlecht", vermischen sich ästhetische und politisch-moralische Beweggründe.

Porno contra Erotik

"Pornografie ist männlich" - diesen Schluss könnte man ziehen, wenn man sich mit den Bewertungen oder Unterscheidungen von "Frauengeschmack" und "Männergeschmack" beschäftigt. Noch bevor ein pornographisches Werk überhaupt ins Spiel kommt, existiert schon eine grundsätzliche und automatische Zuordnung von Frauen(geschmack) zu Erotik und Männer(geschmack) zu Pornografie. Und das heißt, Pornografie wird als männlich konstruiert. Hier setzt sich die gängige Einteilung - oder treffender: Zweiteilung der Welt fort mit der entsprechenden Zuordnung von fein und grob, leicht und schwer, subtil und direkt, weich und hart, schwach und stark. Mit solcher Einteilung wird die Bestätigung für das (Vor-)urteil gesucht, dass Frauen im Allgemeinen einen feineren Geschmack hätten, während Männer dagegen mehr "fürs Grobe" gewonnen werden könnten. Diese Logik funktioniert in beide Richtungen und das zeigen die Diskussionen unserer Studie: Erotik zieht Frauen an; was Frauen anzieht, ist Erotik. Männer mögen Pornografie; was Männer mögen ist pornographisch. Pornografie, die von Frauen gemacht ist oder bevorzugt wird, gilt dann als "nicht primär pornographisch".

Häufig legen die Diskussionen aber auch nahe, dass Frauen einen eher mittelbaren Zugang zu Mainstream-Pornografie-Filmen haben und dies wahrscheinlich aus politischen, praktischen und ökonomischen Gründen. Das hieße, dass Frauen aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht so schnell oder nicht so häufig zum Pornofilm greifen, dabei aber keine erkennbar geschlechtsspezifische (Geschmacks-) Beurteilung der dann konsumierten Produkte haben müssen.

Der feministische Blick

Bei allen Pornografiediskussionen, die wir im Rahmen der Studie untersucht haben, ist außerdem auffallend, dass der feministische Blick offenbar zum allgemein gesellschaftlichen Gut geworden ist, dass sich als Folge dieses feministischen Blickes die Sichtweisen und Bewertungen von Pornografie und Sexualität verändern und dass es insgesamt bei der Frage, was Pornografie eigentlich ausmacht, auf andere Dinge ankommt, als auf sexuelle Details.

Während Geschlechterbilder häufig sehr generationenabhängig sind, ist beim Thema Pornografie in allen Generationen dieser starke Einfluss feministischer Diskussionen deutlich, was allerdings nicht heißt, dass alle diesen feministischen Sichtweisen zustimmen. Die Auffassung, dass gängige Mainstream-Pornofilme ein stark verzerrtes, frauenfeindliches Geschlechterbild zeigen und dass es einen Zusammenhang zwischen ungleichen Geschlechterstrukturen in der Gesellschaft und Porno-Stereotypen gebe, würden alle befragten Gruppen teilen. So unterschiedlich auch die Sichtweisen und Lebenswirklichkeiten der Gruppen sind, die feministischen Diskussionen von Sexismus und Pornografie, von Geschlechterverhältnissen und Pornographisierung der Gesellschaft sind in irgendeiner Form Bestandteil des Denkens und der Auseinandersetzung.

Kultur oder Natur? Der biologische Standpunkt verliert an Überzeugungskraft

Wenn Pornografie als männlich gilt, gilt das dann auch für die Triebe? Wir haben die Gruppen nach Unterschieden im Sexualverhalten von Frauen und Männern befragt. Ein spezifisch männliches oder weibliches Triebverhalten haben die Befragten dabei oft direkt in Frage gestellt. Vielmehr ist die Annahme verbreitet, dass "die Lust oder so bei beiden Geschlechtern gleich groß ist". Insgesamt waren aber die Vorstellungen, Äußerungen und Diskussionen zu diesem Thema sehr widersprüchlich und häufig wurden "Natur" und "Gesellschaft" als Gegensätze einander gegenüber gestellt. Viele meinen, dass es soziale Faktoren wie Erziehung, Sozialisation, Kultur, ökonomische Machtverhältnisse sind, die zu unterschiedlicher Ausformung und Befriedigung von Sexualität beziehungsweise Trieben führen. Das geht aber nicht so weit, dass die Befragten die Gesellschaft für Triebe überhaupt verantwortlich machen; Triebe werden als etwas "Natürliches" angesehen. Gleichzeitig fällt der regelmäßige Rückgriff auf den Faktor "Natur" ins Auge: immer wieder war in den Diskussionen unversehens von "Natur", der "Evolution" oder der "Steinzeit" die Rede. Die - letztendlich konstruktivistische - Auffassung, dass soziale Faktoren die wesentliche Rolle in der Sexualität spielen, und ihre Verbreitung ist wohl ebenfalls auf den feministischen Einfluss im Denken über Geschlecht und Sexualität zurückzuführen.

Diese Widersprüche repräsentieren die verschiedenen Erklärungsmuster und Bilder, die in der heutigen westlichen Gesellschaft für die Erklärung von Sexualität zur Verfügung stehen. An ihrer Gewichtung, die in einzelnen Gruppen sehr verschieden sein kann, lassen sich Veränderungen allgemeingültiger Auffassungen und Gesellschaftsbilder ablesen. Auch die Tatsache, dass das Nachdenken und die Argumentationen über "gesellschaftliche" beziehungsweise "natürliche" Aspekte viel Raum einnimmt, zeigt, dass sich hier etwas verändert hat: Das "Gesellschafts"-Argument wird sehr vielseitig und ausführlich angewandt, die "Natur"- beziehungsweise Natürlichkeits-These ist dagegen eine Art letztes, schnelles Auswegs-Argument, ersteres also vor allem Reflexion, letzteres mehr Reflex.

Sind dies Anzeichen dafür, dass eine "Biologisierung" der Unterschiedlichkeit männlicher und weiblicher Sexualität von einer Sichtweise der sozialen Konstruiertheit von Sexualität abgelöst wird? Verliert die "Natur" - hier im Sinne zweier biologisch unterschiedlich organisierter Körper - als letzte Bastion des unwiderruflichen Unterschiedes von Mann und Frau ihre Überzeugungskraft? In den Gruppendiskussionen wurden soziale Verhältnisse und Beziehungen (auch ökonomische Gründe) für mögliche Unterschiede im Sexualverhalten wesentlich verantwortlich gemacht. Möglicherweise wird die Auseinandersetzung mit Zweigeschlechtlichkeit und Körperbildern in Zukunft deutlicher in die Gesellschaft verlagert und damit auch die Verantwortung dafür. Die Diskussion um die Gestaltung von Sexual- oder Körperverhalten könnte wichtiger werden.

Weiche Definitionen

Schließlich fällt bei den Gruppendebatten auf, dass die Auseinandersetzung mit Pornografie im engeren Sinne, also mit Pornofilmen, pornographischer Literatur, pornographischen Bildern et cetera am Kern dessen vorbei geht, was Pornografie eigentlich bedeutet.

Eine gängige Definition bezeichnet Pornografie als "explizite Darstellung von Geschlechtsorganen und sexuellen Praktiken mit dem Ziel der sexuellen Stimulierung". Bei den Gruppendiskussionen ging es aber weniger um Pornografie in diesem Sinne, also um die Darstellung oder Beschreibung von Geschlechtsteilen oder sexuellen Akten, vielmehr zeigten die Debatten einen engen gesellschaftlichen Bezug und haben Pornografie - in welcher Form auch immer - in ihrem Verhältnis zu und in ihrer Funktion für Gesellschaft gesehen. Gemessen am Alltagsgebrauch sind die bekannten Definitionen von Pornografie, wie die oben zitierte, also sehr künstlich. Andere Definitionen, die auf die Funktion von Pornografie zielen, wie diejenige von Erniedrigung und Verunglimpfung von Frauen, sind nicht allgemeingültig.

Die US-amerikanische Feministin Drucilla Cornell sagt von Pornografie, sie sei eine These und keine Sache. Warum also Pornografie überhaupt definieren? Definitionsbedarf besteht bisher vor allem aus juristischen oder ethisch-moralischen Gründen. In beiden Fällen ist die Beschreibung und Bewertung von Pornografie abhängig von Mehrheiten und Minderheiten.

Was Pornografie bedeutet, was mit Pornografie assoziiert wird, ist von den sehr unterschiedlichen Lebensrealitäten und dem Lebenshintergrund der Menschen abhängig. Was Menschen meinen und woran sie denken, wenn sie von Pornografie sprechen, oder was für sie pornografisch wirkt, geht also in den meisten Fällen weit über das hinaus, was die oben zitierte Definition meint.

Kaufen, um zu erregen - erregen, um zu verkaufen

Bei unseren Diskussionen ging es in erster Linie entweder um Sex und Porno als Markt, um sexualisierte Werbung oder - viel seltener - um Pornografie im engeren Sinne (und dann meistens um "klassische" Pornofilme). In allen diesen Fällen wurde Pornografie als die massenmediale Funktionalisierung von Sex und Körper(n) begriffen; Sex und Körper sind Mittel zum Zweck, sind Instrumente. Pornografie ist ein strategisches Mittel. Fast immer geht es dabei um den Zusammenhang von Sex und Geld. Folglich ist das zentrale Thema im Zusammenhang mit Pornografie die Ökonomisierung von Sex und Sexualität - in den verschiedensten Variationen. Es wird gekauft, um zu erregen oder erregt, um zu verkaufen. "Sex sells", in jeder Hinsicht. Diese Funktion spielt bei den gängigen Pornografie-Definitionen praktisch keine Rolle. So gehen diese Diskussionen am Kern vorbei. Was pornographisch ist, wird an Details von Körperteilen definiert, was erlaubt, ist mit Neigungswinkeln gemessen.

Pornografie ist die Funktionalisierung von Sex. In den meisten Fällen geschieht diese Funktionalisierung aus ökonomischen Gründen und mit massenmedialen Mitteln. In Anlehnung an die oben angeführte Definition lässt sich Pornografie mit einer ihrer wichtigsten Eigenschaften wie folgt beschreiben: Pornografie sind explizite sexuelle Darstellungen aus ökonomischen Gründen - das heißt mit ökonomischem Ziel. Pornografie wird auch immer wieder funktionalisiert als explizite sexuelle Darstellungen mit dem Ziel der Verunglimpfung und Unterdrückung - kollektiv von Frauen oder von Bevölkerungsgruppen. Dieser Aspekt wurde in unserer Studie nicht eingehend diskutiert, spielt aber dennoch bei der Beurteilung von Pornografie eine Rolle. Er unterstreicht aber das Fazit unserer Studie: dass Pornografie nicht an sich, sondern vor allem in ihrer Funktion für ein bestimmtes Ziel eine Rolle spielt. Wer glaubt, das Ziel von Pornografie sei sexuelle Stimulierung, hat sich vertan. Sex ist in der Pornografie lediglich ein Mittel.

Dr. Dominique Schirmer ist Mitarbeiterin im interdisziplinären Projekt "Körper - Kultur - Medien" an der Universität Freiburg, das auch die Untersuchung "Pornografie als Kontextphänomen" umfasst. Informationen hierzu unter http://www.zag.uni-freiburg.de


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00:00 11.06.2004

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