Die Sammlung der Familie Gurlitt

Kunstfund Mehr als 1.400 Bilder und viele offene Fragen
Christine Käppeler | Ausgabe 45/2013

Wenn ein Mann mitten in München über 50 Jahre in einer abgedunkelten Wohnung 1.406 bedeutende Kunstwerke der Moderne sowie alter Meister verstecken kann – was lagert dann womöglich noch auf deutschen Dachböden?

Der Mann trägt einen bekannten Namen. Sein Vater Hildebrand Gurlitt war Hitlers vierter offizieller Kunsthändler. Wie konnte es sein, dass sein Sohn Werke aus der ihm vererbten und angeblich verbrannten Sammlung verkaufen konnte, ohne dass jemand stutzig wurde? Hätte die Zollfahndung Gurlitt nicht wegen 9.000 Euro – den gerade noch erlaubten Einfuhrbetrag – bei der Ausreise aus der Schweiz für verdächtig befunden, wäre dann niemand auf die Idee gekommen, Nachforschungen anzustellen? Zum Beispiel, als Cornelius Gurlitt über die renommierte Galerie Lempertz ein Gemälde von Beckmann für 864.00 Euro verkaufte, bei dem festgestellt wurde, dass es der Provenienz des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim zuzuordnen ist, dessen Erben einen Anteil erhalten haben. Wenn es also so einfach sein kann, eine so bedeutende Sammlung über Jahre zu verstecken, dann ist der Fund von Schwabing vielleicht nur ein Anfang.

Ein paar erste Abbildungen stellten die Ermittler inzwischen vor: Das Porträt von Otto Dix, das nun entdeckt wurde, zeigt einen anderen Dix, als man ihn von den bekannten Porträts kennt: mit finster-verwegenem Gesichtsausdruck, den Rauch einer Zigarette im Gesicht. Der Künstler als Rebell. Auch wenn die Ermittler nur sehr vorsichtig Informationen herausgeben, ist nun bekannt, dass es nicht das einzige Werk ist, von dem wir bislang keine Kenntnisse hatten.

Die eigentliche Sensation ist nicht mehr die „Müll-Wohnung“ (eine Beschreibung, die der Münchner Zoll inzwischen scharf zurückgewiesen hat; die Bilder sollen fachgerecht in Grafikschränken gelagert haben) mit dem „Nazi-Schatz“, sondern wie die 121 gerahmten und 1.285 ungerahmten Gemälde aus Gurlitts Wohnung unser Bild der klassischen Moderne vervollständigen und um ganz neue Facetten erweitern können. Im Moment ist von großen Namen die Rede, von Chagall, Picasso, Marc und Beckmann und Dürer, und davon, was uns durch die Vorenthaltung dieser Werke bislang entgangen ist. Ebenso spannend ist aber die Frage, ob auch Werke bisher nur marginal oder womöglich überhaupt nicht wahrgenommener Künstler dabei sind, die es ganz neu zu entdecken gilt.

Die Ermittler hätten gerne mehr Zeit gewonnen, um nicht zu früh mit möglichen Ansprüchen konfrontiert zu werden. Warum aber ist nur eine Provenienzforscherin, Meike Hoffmann von der Freien Universität Berlin, seit dem Fund vor einem knappen Jahr mit der Begutachtung der Werke betraut? Zu 200 Werken, die sich in Gurlitts Besitz befanden, sollen konkrete Suchanfragen vorliegen.

Provenienzfälle sind heikle Fälle. Wem Werke zustehen und wann Ansprüche verjährt sind, solche Fragen können lange Prozesse nach sich ziehen. Oft schwingt die Angst mit, entfernte Erben könnten bedeutsame Werke zu Geld machen, woraufhin diese im Privatbesitz verschwinden und der Öffentlichkeit nie wieder zugänglich sind. Es mag solche Fälle geben, aber sie rechtfertigen ein Verstecken von Werken ungeklärter Herkunft nicht. Anne Sinclair, die als Enkelin des Kunsthändlers Paul Rosenberg seit Jahren engagiert für die Rückgabe von NS-Raubkunst kämpft, soll zum Beispiel zumindest ein Matisse aus Gurlitts Sammlung gehören, der ihr bislang nicht bekannt war.

 

06:00 20.11.2013

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