Die Schattenseiten der "grünen Revolution"

Wasser III In 25 Jahren werden die Versorgungskapazitäten der Landwirtschaft erschöpft sein - intelligente Techniken der Wassernutzung sind gefragt

In 50 Jahren, prognostizieren Fachleute, wird die Weltbevölkerung auf neun Milliarden Menschen angewachsen sein und die verfügbaren landwirtschaftlichen Kapazitäten überfordern. In der vorangegangenen Folge unserer Wasser-Serie (Freitag vom 7.10.2005) hat Linda Tidwell darüber berichtet, welche Faktoren einen weltweiten Krieg uns Wasser entfesseln könnten. In dieser Ausgabe verfolgt Anja Garms die Frage, wie Wasser in der Landwirtschaft nachhaltiger eingesetzt werden könnte.

Um das Jahr 2030 herum wird die Erde schätzungsweise von acht Milliarden Menschen bevölkert sein. Für jeden dieser acht Milliarden Menschen werden etwa 0,4 Hektar Ackerland benötigt, um die von ihm benötigte Nahrung zu produzieren. Bei einer weltweit verfügbaren Fläche von gut drei Milliarden Hektar ist also in 25 Jahren - rein rechnerisch - die Kapazität des Planeten, seine Bewohner zu ernähren, erschöpft. Weitere 20 Jahre später wird die Weltbevölkerung den Prognosen zufolge um eine weitere Milliarde Menschen angewachsen sein. Wie all diese Menschen dann ernährt werden sollen, ist eine Frage, auf die es derzeit keine eindeutige Antwort gibt.

Ineffektive Bewässerungsmethoden

Lange Zeit setzten Experten der Welternährungsorganisation FAO darauf, die künstliche Bewässerung des Ackerlands auszuweiten. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde die Landwirtschaft revolutioniert, nachdem es möglich geworden war, Obst, Getreide und Gemüse unabhängig vom Regen mit Wasser zu versorgen. Dank leistungsstarker Pumpen leiteten die Bauern Wasser aus Flüssen, Seen oder unterirdischen Speichern auf ihre Felder. So konnten sie mehr als eine Ernte pro Jahr einfahren, Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmittel taten das ihrige dazu, die Erträge immens zu steigern.

Heute stammen etwa 40 Prozent der Welternte von künstlich bewässerten Feldern, obwohl deren Anteil an der insgesamt genutzten Fläche gerade mal 16 Prozent beträgt. Allerdings, und das wird zunehmend deutlich, lassen sich die Erträge auf diese Weise nicht beliebig steigern. Das Hauptproblem ist: Das Wasser wird knapp. Dabei wird der Bedarf in den nächsten Jahrzehnten noch steigen. Und nicht nur die Landwirtschaft, auch die Industrie und die Haushalte fordern ihren Anteil an den schrumpfenden Ressourcen.

Die Landwirtschaft gehört schon heute zu den größten Wasserverbrauchern, und sie wird es auch in Zukunft bleiben. Derzeit beansprucht sie weltweit betrachtet etwa 70 Prozent der insgesamt vorhandenen Süßwasservorräte, lokal kann der Anteil noch viel höher sein. Dieser ernorme Wasserverbrauch ist jedoch auch eine Folge gigantischer Verschwendung: Da der Preis des Wassers meist nicht an den Verbrauch gebunden ist, werden ineffektive Bewässerungsmethoden eingesetzt, häufig werden die Felder einfach überflutet. Ein Großteil des Wassers verdunstet dann, bevor es die Wurzeln der Pflanzen überhaupt erreicht.

"Vor allem in den heißen und tropischen Regionen ist das Verhältnis von zugeführtem Wasser und dem erreichten Ertrag schlecht", sagt Bernhard Walter, Landwirtschaftsreferent der Hilfsorganisation Brot für die Welt. Die Umwelt bleibt bei dieser Praxis schon heute auf der Strecke. Mächtige Flüsse und Ströme werden von allen Seiten schonungslos angezapft und so über die Jahrzehnte in lächerliche Rinnsale verwandelt, Jahrtausende alte Grundwasserreserven werden schneller leergepumpt als sie regenerieren können.

Und auch an den Böden werden die Schattenseiten der "grünen Revolution" sichtbar: Etwa 1,5 Millionen Hektar kulturfähiges Land gehen jährlich verloren, da die Böden versalzen, hat das International Food Policy Research Institute in Washington errechnet. Dringt nämlich Wasser in den Boden ein, werden dort vorhandene Salze gelöst. In Gebieten mit hoher Verdunstungsrate wird das Wasser an die Oberfläche gesogen, wo die Salze dann auskristallisieren. Zurück bleibt eine weißliche Salzkruste, die Erträge sinken und auf lange Sicht wird der Ackerboden zumindest für herkömmliche Nutzpflanzen gänzlich unfruchtbar (siehe Interview).

Trotz all der Nachteile: Die künstliche Bewässerung wird auch in Zukunft notwendig sein, um die Ernährung der Weltbevölkerung zu sichern. Weiter ausbauen lässt sie sich aufgrund der Wasser- und Bodenknappheit jedoch nur noch in begrenztem Maße. Was sind die Alternativen? "More crop per drop", lautet heute das Credo der Experten - "mehr Ertrag pro Tropfen". Dies kann zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass die Bewässerungstechniken verbessert werden.

Tröpfchen, Mulchen, Regentonne

Wie das gehen kann, hat Israel schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts mit der Entwicklung der "Tröpfchenbewässerung" vorgemacht. Dabei wird das Wasser in Schläuchen, die sich über den Boden schlängeln, direkt zu den Pflanzenstängeln transportiert. Das Wasser tritt aus kleinen Düsen aus und versickert genau dort im Boden, wo es benötigt wird. Die Technik spart Wasser, allerdings ist sie teuer und nicht für alle Pflanzen und alle Regionen geeignet.

Dank so genannter "water harvesting"-Techniken ist es oftmals möglich, ganz auf die Bewässerung zu verzichten. "Man kann zum Beispiel am Rand des Ackers Erdwälle anlegen, die das Abfließen des Wassers und damit auch die Erosion des Bodens nach einem Regenfall verhindern", erläutert Bernhard Walter. Durch "Mulchen", also das Abdecken der Böden mit organischem Material, ließe sich die Verdunstung reduzieren, und Regenwasser-Sammeltanks reichten häufig aus, um Gemüse in den Gärten zu gießen.

So viel Ertrag wie auf bewässerten Feldern lässt sich auf diese Weise nicht einfahren, wohl aber die eigene Ernährung sichern. Ohnehin zielt die Bewässerungslandwirtschaft häufig eher auf den Export. Auf den Feldern wächst Weizen, Baumwolle oder wasserintensives Obst - statt der traditionellen Kulturpflanzen, die an die Wassersituation der Länder angepasst sind.

Inwieweit eine Umstellung der Anbauprodukte dazu beitragen kann, die Wasserdefizite in trockenen Ländern auszugleichen, wird von Experten seit einigen Jahren auch unter dem Stichwort "virtuelles Wasser" diskutiert. "Virtuelles Wasser" bezeichnet die Menge Wasser, die über den Produktionsbedarf quasi in landwirtschaftlichen Erzeugnissen versteckt ist. So werden etwa 1.000 Liter Wasser benötigt, um ein Kilogramm Weizen zu produzieren, für ein Kilo Reis braucht es ganze 2.500 Liter Wasser. Für trockene Länder, so die Idee, ist es deshalb sinnvoller, wasserintensive Produkte aus wasserreichen Ländern zu importieren anstatt sie selber anzubauen.

Mit jeder importierten Tonne Weizen würde ein wasserarmes Land also 1.000 Liter Wasser sparen - und so seine knappen Ressourcen schonen. Für die Umwelt mag eine derartige Handelsumstellung Vorteile haben, aus ökonomischer und entwicklungspolitischer Sicht bleiben viele Fragen offen, etwa wie die ärmeren Länder den Import finanzieren sollen und was sie der wachsenden Abhängigkeit von den wasserreichen Ländern entgegenzusetzen haben.


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00:00 28.10.2005

Ausgabe 38/2020

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