Die Scheine trügen

Downloads Die Filmindustrie klammert sich auch auf den neuen Märkten an den Erfolg der alten Geschäftsmodelle – und übersieht, wie wichtig Up- und Downloader geworden sind
| Ausgabe 15/2013 1
Die Scheine trügen
Das Finale der zweiten Staffel der HBO-Serie "Game of Thrones" sahen Millionen im Netz

Foto: Presse

Vor langer Zeit, man schrieb das Jahr 1999, sonnte sich die Musikindustrie in Rekordmeldungen. Nie zuvor waren so viele CDs verkauft worden. Die Umrüstung auf digital schien geschafft. Standen nicht rosige Zeiten bevor? In den Hinterzimmern rieb man sich die Hände ob der Aussicht, dass der Musikliebhaber nun alles, was er auf Vinyl und Tape besaß, noch einmal würde kaufen müssen, da der MP3-Player den Walkman ablöste. Mit Dollarzeichen in den Augen blickte die Branche dem neuen Jahrtausend entgegen. Unterdessen machte im Irgendwo des Internets die „Tauschbörse“ Napster auf.

Die Fortsetzung der Geschichte ist bekannt. Wie das Internet mit seinen Möglichkeiten das eben noch blühende Geschäft vereitelte – und wie verzweifelt, halsstarrig und blind sich die Industrie jeder Anpassung verweigerte. Im „Kampf gegen die Piraterie“ gewann sie einzelne Schlachten, den Krieg aber hat sie verloren. Selbst mit den neuen digitalen Geschäftsmodellen, auf die sich die Musikindustrie nun zögerlich einlässt, werden Zahlen wie 1999 wohl nie wieder erreicht.

Das Schicksal des ersten großen Verlierers der digitalen Revolution sollte den anderen Zweigen der Unterhaltungsindustrie eigentlich eine Lehre sein. Eben gab die Motion Picture Association of America (MPAA), der Verband der sechs großen Filmproduktionsgesellschaften in Hollywood, ihre Zahlen für 2012 heraus. Es ist ein Dokument des Optimismus, in dem steht, dass der globale Erlös an der Kinokasse 34,7 Milliarden US-Dollar betrug, ein Wachstum von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zehn neue Kinos – pro Tag

Mit Ausnahme des europäischen haben alle internationalen Filmmärkte zugelegt, insbesondere China, das Japan überholt hat. Die bevölkerungsstarken Länder China, Russland und Brasilien sollen für einen Zuwachs im internationalen Geschäft Hollywoods von ganzen 32 Prozent im Vergleich zu vor fünf Jahren verantwortlich sein. Tolle Zahlen, nicht wahr? Man sieht die Chefs der Filmstudios förmlich vor sich, beim Händereiben, Dollarzeichen in den Augen.

Denn was soll auch schiefgehen? Abgesehen davon, dass die Zahlen dem großen Jammern über die Verluste durch Piraterie widersprechen – in China werden zehn Kinos am Tag gebaut, und wer sich fragt, warum fast jeder Blockbusterheld inzwischen in Shanghai Station macht, erhält die einfache Antwort, dass sich so die in China für ausländische Filme verhängte Quote umgehen lässt. Ein Problem, das man in Brasilien und Russland nicht hat, wo der Ausbau der Kinoinfrastruktur ebenfalls für wachsende Gewinne sorgt – allen Klagen über die in diesen Ländern heftigst betriebene Piraterie zum Trotz. Sollte die Filmindustrie mit ihrem alten Geschäftsmodell tatsächlich ohne Köpferollen durch die digitale Revolution kommen?

Zweifel am Optimismus der Branche sind angebracht, denn die größte Gefahr geht vielleicht gerade von dieser Zufriedenheit aus. Wie die Musikindustrie einst, glaubt das Filmgeschäft immer noch, die Piraten bekämpfen zu können, ohne von ihnen lernen zu müssen. Das Wachstum, das durch Kinoeröffnungen in Peking und Rio erreicht werden kann, wird in absehbarer Zeit seinen Zenit erreichen. Unterdessen nimmt dort aber auch die Menge an Flachbildschirmen in den Wohnzimmern zu, an DSL-Leitungen und Computer-Knowhow – jene Faktoren also, die dem Kinoerlebnis auf lange Sicht Konkurrenz machen werden. Wobei der Teufel in eben jenem Detail steckt, dass die „Piraterie“ diese Form des technisch avancierten Home-Entertainments so viel besser bedient als jedes legale Angebot.

Statt sich um den Kinogänger in China zu bemühen, wäre die Filmindustrie deshalb besser beraten, sich jenseits der Kriminalisierung um die Up- und Downloader zu kümmern. Denn wer die Internetpiraterie, jene Hydra also aus Raubkopien, Torrent-Netzwerken und illegalen Streamingdiensten, stets nur im kriminellen Kontext diskutiert, der übersieht ihre Errungenschaften. Und die sind beträchtlich: Wer Filme sehen möchte, dem wird, was Qualität, Auswahl und Verfügbarkeit angeht, bislang nirgendwo ein vergleichbar guter Service angeboten wie im Illegalen. Man muss kein Kapitalismuskritiker sein, um die Schieflage zu erkennen.

In diesem Zusammenhang gewinnt eine aktuelle Meldung aus der Fernsehindustrie besondere Bedeutung: Die TV-Serie „Game of Thrones“ des US-Bezahlsenders HBO machte zum Start der dritten Staffel erneut Schlagzeilen als die „meistgeklaute“ Serie. 4,4 Millionen Zuschauer schalteten zur ersten Folge den Fernseher ein – eine Million weitere luden sie sich allein an diesem Tag illegal herunter. Programmdirektor Michael Lombardo erklärte daraufhin, dies sei ein Kompliment für die Serie. Vergleichbares wäre von einem Vertreter der Filmindustrie undenkbar. Wichtiger noch als das öffentliche Eingeständnis, dass die Raubkopierer keine Feinde des Films sind, sondern vielleicht gerade dessen glühendste Anhänger, ist denn auch, dass HBO fieberhaft daran arbeitet, seinen Service im Onlinebereich zu verbessern und global zugänglich zu machen. Wenn hingegen die Filmindustrie weiter wie bisher auf ihre eingefahrenen Verwertungsketten setzt, die dem Konsumenten durch systematische Aushungerung Appetit machen möchte, dann wird vom Jahr 2012 demnächst mit feuchten Augen erzählt werden. Im Sinne von: Damals, bevor alles ganz anders kam.

Barbara Schweizerhof ist Filmkritikerin

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09:00 11.04.2013

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