Die Scheinwirtschaft

Hochschulen Die Unis sprechen verstärkt die Sprache der Ökonomie, in seinem Buch "Wir sind doch nicht blöd" hat sie Clemens Knobloch scharf analysiert

Das deutsche Hochschulsystem hat mit seinen neuen Studiengängen in den vergangenen Jahren das Kunststück vollbracht, das Schlechteste zweier Welten zu vereinigen: das oft enge Korsett der Schule und die Verantwortungslosigkeit der Massenuniversität. Zweier Welten? Eigentlich sind es drei. Denn schließlich geht es ja um die unternehmerische Hochschule, die sich als Anbieter auf dem Bildungsmarkt begreift. Voilà, es wird Unternehmen gespielt. Im Zeichen von PISA und Bologna spielen alle mit. Wer ist schon gegen Europa und bessere Bildung? Die Hochschulen – sie sind ja nicht blöd – springen auf den Zug und halten sich dabei für Handelnde. Das ist falsch. Sie und ihre Mitglieder sind die Ware.

Den Prozess der Umgestaltung der Studiengänge durch Verschulung, Verdatung und Verpunktung, durch Evaluation und Entwissenschaftlichung hat der Sprachwissenschaftler Clemens Knobloch einer gründlichen Revision unterzogen. Das Ergebnis seiner Beobachtungen fasst er in einer Studie zusammen, die zwischen soziologischer und linguistischer Studie einerseits, Kampfschrift andererseits changiert – Wir sind doch nicht blöd! Die unternehmerische Hochschule. Dass und wie sehr die Hochschulen und mit ihnen der demokratische Staat zur Selbstauslöschung bereit scheinen, konnte man in den letzten Jahren bereits erahnen, aber in Knoblochs Untersuchung wird es so deutlich wie nie zuvor. Exemplarisch zeigt die Aushöhlung des Hochschulsystems, dass das, was dem Staat (und damit den Bürgern) gehört, zum Filetieren und Verramschen freigegeben wird. Dieser Prozess der Privatisierung, bei dem allein die Kosten vergesellschaftet bleiben (und nicht etwa Gewinne durch Patente), wird als Freilassung der Hochschulen in die Autonomie schöngelogen.

Tatsächlich aber gibt es neue Abhängigkeiten, die von anderen gestaltet werden als etwa von Wissenschaftlern und Studenten, so zum Beispiel von den durch nichts legitimierten Akkreditierungsagenturen, Stiftungen wie der Bertelsmann-Stiftung und den vom Staat zwangsinstallierten Hochschulräten mit Akteuren aus der Wirtschaft. Und jeder, der mit den Hochschulen in irgendeiner Weise zu tun hat, weiß, dass die durch Bologna versprochenen Segnungen wie Entbürokratisierung und Mobilität Chimären geblieben sind. Die demokratisch verankerte Freiheit der Forschung wird durch die Durchökonomisierung ebenfalls zum Fabelwesen werden, wie Knobloch ausführlich zeigt.

Durchökonomisierung der Hochschulen heißt, dass sie sich der ökonomischen Ausbeutung durch Unternehmen teils fragwürdiger Provenienz öffnen – und nicht etwa, dass die überforderten Hochschulen ökonomisch sinnvoll handeln. Denn, so Clemens Knobloch, „natürlich wissen alle Beteiligten, dass man eine Universität nicht wie eine Frittenbude betreiben kann.“ Dieser einfache Sachverhalt ist offenbar in Vergessenheit geraten. Orchestriert wird der Prozess von einem scheinwirtschaftlichen Weltverständnis, das immer dann als bloße Simulation von Markt sich offenbart, wenn Geisteswissenschaftler oder Ingenieure mit dem Angebervokabular einer nur unzureichend verstandenen Wirtschaftswissenschaft hantieren.

Da wird dann von einer Effizienz geträumt und von Kennzahlen fabuliert, von „Best Practice“ und „Employability“. Die Medien lieben das, denn Ranking-Listen verkaufen sich themenunabhängig, die Begleittexte schreiben sich wie von selbst, Bildung und Beruf gehen alle an – eine Kombination, von der etwa die stete Kooperation von Zeit und Bertelsmanns Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) im Chancenteil der Wochenzeitung beredt Zeugnis ablegt. Dass aus ökonomischer Sicht die Hochschulen die Todsünde begangen haben, ihren Markenkern und die Prunkstücke ihres Portfolios, nämlich freie Forschung und forschungsnahe Lehre, gegen die Glasperlen einer vermeintlichen Berufsqualifizierung, Hochschuldidaktik und Praxisorientierung ihres Treibens zu tauschen, fällt dabei nicht ins Gewicht. Der Sound der Wirtschaftssprache ist allemal wichtiger als der Gehalt. Allein, den „Indianern“ hat es auch nichts genutzt, Englisch oder Spanisch zu lernen.

Staat finanziert Wirtschaft

Die Wirtschaft sieht die sprachlichen Unterwerfungsgesten mit Wohlwollen, denn sie sind ein untrügliches Zeichen, dass die Kolonialisierung eines im Prinzip und Selbstverständnis nicht (durchweg) ökonomischen Raums von Erfolg gekrönt sein wird. Das hat, wie Knobloch zeigt, für die Wirtschaft mindestens vier Vorteile. Erstens wird auf diese Weise eine für sie nützliche Weltanschauung konsensuell für alle beteiligten Akteure, was bei der Durchsetzung ökonomischer Grausamkeiten nie schadet. Zweitens lässt sich auf lange Sicht vielleicht das zwar sinnvollere, für die ­Unternehmen aber teurere duale Berufsausbildungssystem zumindest teilweise ersetzen. Drittens sind Bildung und Berufsqualifizierung Goldgruben für „Content-Provider“ wie die Verlage, vom demnächst boomenden Markt für personalsparendes E-Learning einmal ganz zu schweigen. Zu guter Letzt ist es für Unternehmen günstiger, Produktentwicklung in öffentlichen Einrichtungen zu treiben, die man mit Drittmitteln anfüttert, um danach die mit staatlichen Geldern erarbeiteten Patente einzukassieren. Denn nicht etwa die Drittmittel finanzieren die Hochschule, sondern die staatlichen Mittel fließen dem privatwirtschaftlichen Geld hinterher. Wäre es anders, brauchte die Wirtschaft die Hochschulen nicht.

Anpassungsstrategien

All diese Zusammenhänge und vieles andere mehr lassen sich in Knoblochs kluger und galliger Studie nachlesen. Ein blinder Fleck der Studie ist der Umstand, dass diese Schwundstufe der Universität zwei Gruppen sehr entgegenkommt. Da ist zum einen die Gruppe der ewigen Schüler, die vor nichts mehr Angst haben als davor, für den eigenen Lernerfolg verantwortlich zu sein. Die im Schulsystem erworbenen Anpassungsstrategien und ihr Rollenverständnis bleiben neuerdings auch im Studium wertstabil. Um so lauter lässt sich dann beim Arbeitgeber über die Praxisferne und Nutzlosigkeit der Universitäten und Fächer klagen. Zum anderen sind da die Betriebsnudeln des Wissenschaftsbetriebs. Wer vom operativen Geschäft der Hochschulen (Lernen, Forschen und Lehren) nichts versteht, aber den Hintern gern an der Heizung und das Gesicht gern in den Medien hat, dem gehen Evaluieren und Reformieren besonders gut von der Hand. Und nichts findet mehr Resonanz, als im Namen der Hochschuldidaktik die Entfachlichung der Wissenschaften, das sogenannte „Entrümpeln der Studiengänge von unnötigem Ballast“, voranzutreiben. Dass der von Knobloch kritisierte äußere Druck hier seine Schleusen ins Innere der Hochschule hat, kommt zu kurz.

Das ist aber auch der einzige Einwand. Es ist zu begrüßen, dass es eine ebenso sachkundige wie gut zu lesende Studie gibt, die den Komplex umfassend aufarbeitet. Und wer weiß, vielleicht ist der Zeitpunkt günstig. Der Tonfall von Zeit und CHE gegenüber Bologna-Kritikern wird zunehmend hysterischer. Und somit ist es erfreulich, dass der geisteswissenschaftliche Elfenbeinturm noch Schießscharten hat.


Marc Fabian Erdl studierte Wirtschaftswissenschaften, Germanistik und Berufspädagogik. Er arbeitet als Lehrer in Köln

Wir sind doch nicht blöd! Die unternehmerische HochschuleClemens Knobloch Westfälisches Dampfboot, Münster 2010, 264 S., 24,90

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10:05 27.06.2010

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