Die Schlagkraft der Gene

Schadensbegrenzung unumgänglich Nach dem US-Boykott der Genfer Verhandlungen über biologische Waffen sollten Westeuropa und Russland ihr Verhältnis zu Washington überprüfen

Weniger beachtet, jedoch nicht minder gefährlich als ihre nuklearen und chemischen Schwestern, sind biologische Waffen - ultimativer Ausdruck für die Instrumentalisierung von Krankheiten zu kriegerischen Zwecken. Wirkungsvoller als Kernsprengköpfe und preiswerter als viele chemische Kampfstoffe, unterliegen B-Waffen bis heute praktisch keinerlei internationaler Kontrolle. Dank Washington wird sich daran auf absehbare Zeit auch nichts ändern.

Als sich die Weltgemeinschaft auf der Genfer Abrüstungskonferenz 1972 auf eine Konvention über das Verbot der Entwicklung, Herstellung und Lagerung biologischer Waffen und ihre Vernichtung einigte, war dies zweifellos ein Fortschritt verglichen mit dem Genfer Protokoll vom Juni 1925, das lediglich die Anwendung, jedoch nicht die Entwicklung von »Giftgas« und von »bakteriologischen Methoden der Kriegführung« untersagte. Allerdings erlaubte die B-Waffen-Konvention auch weiterhin Erforschung und Entwicklung defensiver Biowaffen. Es gab außerdem keine Kriterien, die es ermöglicht hätten, zwischen der Erforschung offensiver und defensiver Waffensysteme zu unterscheiden, solange die Aktivitäten auf die Laborebene beschränkt blieben. Als größter Schwachpunkt der Konvention erwies sich jedoch, dass sie keinerlei Verifikation vor Ort vorschrieb - eine direkte Folge jenes gewaltigen Misstrauens, das damals besonders das Verhältnis zwischen beiden Supermächten bestimmte.

Es war die WEU (*), die seit Anfang der neunziger Jahre verstärkt auf Vor-Ort-Kontrollen im Rahmen der B-Waffen-Konvention drängte. Schließlich verständigten sich die Mitglieder der Konvention Ende 1994 auf eine Ad-Hoc-Kommission, die ein »Verifikationsprotokoll« erarbeiten sollte. 1995 trat das Gremium erstmals zusammen, zwei Jahre später begannen die eigentlichen Verhandlungen. Ihr Verlauf gestaltete sich schwierig: Während einige Länder unter der Führung Irans jegliche Exportkontrollen strikt ablehnten, versuchte Russland, Ausnahmenregelungen für bestimmte biologische Wirkstoffe durchzusetzen. Für größere Behinderungen sorgten die Vereinigten Staaten: Während US-Spezialisten im Rahmen diverser »Konversionsprogramme« die wichtigsten biotechnologischen Zentren in Russland und anderen Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion systematisch ausspionierten, lehnten ihre Kollegen in der Genfer Diplomaten-Lobby internationale Inspektionen im eigenen Land kategorisch ab.

Nach dem Amtsantritt George W. Bushs stellten die USA ihre Mitarbeit am Verifikationsprotokoll faktisch ein: Zwar nahm die US-Delegation weiterhin an Sessionen der Ad-hoc-Kommission teil, meldete sich jedoch nicht mehr zu Wort. Erst als alle anderen Mitglieder ihren Willen bekundeten, trotz bestehender Meinungsverschiedenheiten am Ziel eines Verifikationsprotokolls festzuhalten, brach Washington sein Schweigen: »Der vorliegende Protokollentwurf«, so Chefunterhändler Donald Mahley Ende Juli, »gefährdet die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten und vertrauliche wirtschaftliche Daten. Gleichzeitig wird das neue Instrument nicht in der Lage sein, die Herstellung und Verbreitung von biologischen Waffen zu verhindern. Die USA bevorzugen daher neue, innovative Ansätze zur Stärkung der B-Waffen-Konvention ...«

Mit der Torpedierung der Genfer Verhandlungen just in dem Augenblick, als ein erfolgreicher Abschluss zum Greifen nah schien, haben die USA wieder einmal auf dramatische Weise deutlich gemacht, was sie von der Meinung der Weltgemeinschaft halten, nämlich nichts. Und das, nachdem die in der Schweiz versammelten Vertreter dieser Weltgemeinschaft über Jahre versucht hatten, das angestrebte Dokument den besonderen Sicherheitsbedenken Washingtons maximal anzupassen.

Mahley dementierte Medienberichte, wonach die ablehnende Haltung Washingtons allein auf den Druck der pharmazeutischen Industrie sowie von Biotech-Unternehmen zurückzuführen sei. In der Tat dürfte der Widerstand der Industrie eine eher geringe Rolle gespielt haben im Vergleich zu den Warnungen amerikanischer Bio-Ritter, in einer Zeit, da die wissenschaftlich-technische Revolution die Grenzen zwischen strategischen und taktischen, offensiven und defensiven Waffensystemen zunehmend verschwimmen lasse, könne es nicht im nationalen Interesse der USA liegen, einem Abkommen beizutreten, dessen Grundlage das Prinzip der Unverletzlichkeit eben jener Grenzen sei. In diesem Sinne ist die Ablehnung des Genfer Protokollentwurfs die logische Fortsetzung der unverkennbaren Boykott-Haltung Washingtons auf dem internationalen Verhandlungsparkett: Von der Torpedierung des Atomteststoppvertrags über die Ablehnung eines umfassenden Verbotes von Landminen bis hin zum Versuch, den ABM-Vertrag auszuhebeln.

Biologische Aggression

1942 - Malaria-Infektion

Ärzte der US-Navy infizieren 400 Strafgefangene in Chicago mit Malaria, um »Profil und Verlauf der Krankheit zu beobachten«. Die meisten Testpersonen sind schwarz und wissen nichts von den Risiken des Experiments. Vor dem Nürnberger Kriegsverbechertribunal beziehen sich angeklagte KZ-Ärzte auf die Vorgänge in Chicago, um damit ihre Verteidigungsstrategie zu untermauern.

1945 - Rehabilitation

Dr. Shiro Ishii, bis dahin in der japanischen Armee für biologische Kriegführung verantwortlich und bekannt für seine Menschen-Experimente an chinesischen und amerikanischen Kriegsgefangenen (u.a. durch Typhus- und Tetanus-Erreger), wird vor kein Kriegsgericht gestellt, sondern zu Vorlesungen in das Zentrum der US-Armee für Bio-Waffen in Frederick/Maryland eingeladen.

1950 - Pneumokokken

Die US-Luftwaffe versprüht mit größeren Mengen von Pneumokokken einen Krankheitserreger über San Francisco, der Lungenentzündung auslösen kann. Nachweislich verursacht die Operation den Tod eines Mannes - sein Name Ed Nevins.

1951 - Milzbrand, Cholera, Gelbfieber

Chinas Premier Tschou Enlai beschuldigt US-Militärs und die CIA, im Korea-Krieg biologische Kampfstoffe gegen Nordkorea und sein Land eingesetzt zu haben. Er verweist auf Erklärungen von 25 kriegsgefangenen Amerikanern, aus denen hervorgeht, dass unter anderem Milzbrand-, Cholera- und Gelbfieber-Erreger über der Mandschurei eingesetzt wurden.

1965 - Dioxin

Die US-Armee und der Konzern Dow Chemical bringen im Hochsicherheitsgefängnis von Holmesburg/Pennsylvania 70 Häftlinge (die meisten davon schwarz) mit Dioxin in Berührung. Die dadurch ausgelösten Schädigungen werden sieben Monate lang nicht gezielt behandelt - das Experiment gilt als Vorspiel der bis dahin größten Operation chemischer Kriegführung in Vietnam.

1966/1972 - Agent Orange

Die US-Luftwaffe versprüht 45.000 Tonnen des mit Dioxin versetzten Pflanzenvernichtungsmittels Agent Orange über Dschungelgebieten in Südvietnam, Kambodscha und Laos. Die Regierung in Hanoi erklärt 1975 nach Kriegsende, es seien mehr als 500.000 Zivilisten mit dem Herbizid in Berührung gekommen - Totgeburten und Missbildungen von Säuglingen seien häufig die Folge. Auch Tausende von US-Soldaten werden Opfer von Agent Orange.

1971 - Schweinepest

Die ersten Fälle von Schweinepest in der westlichen Hemisphäre werden auf Kuba festgestellt. Ein CIA-Mitarbeiter erklärt später, er habe Order erhalten, den Pest-Virus an Exilkubaner in Panama zu schicken, die im März 1971 dafür gesorgt hätten, den Erreger nach Kuba zu »exportieren«.

1980 - Dengue-Fieber

Fidel Castro beschuldigt die CIA für den Ausbruch des Dengue-Fiebers auf Kuba verantwortlich zu sein, der Krankheit fallen 188 Kubaner, darunter 88 Kinder, zum Opfer. 1988 erklärt Eduardo Arocena, ein Führer der Exilkubaner in den USA, 1980 die Krankheitserreger nach Kuba »gebracht« zu haben.

1996 - Insekten-Invasion

Die Regierung in Havanna beschuldigt die USA der »biologischen Aggression«, nachdem durch riesige Insekten-Schwärme Palmen-Haine, Maniok-Felder und andere Vegetationen befallen und teilweise vernichtet wurden. Nach kubanischen Angaben seien Insekten-Kolonien wiederholt von niedrig fliegenden Flugzeugen ausgesetzt worden.

Ohne die USA gibt es kein effektives Kontrollregime für B-Waffen. Kein effektives Kontrollregime heißt, dem Missbrauch der Genforschung wäre endgültig Tür und Tor geöffnet: Die Entwicklung antibiotika-resistenter und immunosuppressiver Virenlinien, die Erforschung von Peptiden mit psychogenen oder neurogenen Wirkungen, die Transformation nicht-pathogener in pathogene Mikroorganismen ... Alles, wovon Bio-Ritter seit Jahren träumen, könnte konsequenter denn je in Angriff genommen werden. Dies wiederum würde einen gewaltigen Aufschwung der weltweiten Antigen-Forschungsbewegung nach sich ziehen und damit die Zukunftsfähigkeit der Menschheit doppelt negativ beeinträchtigen. Der Boykott der Genfer Protokollverhandlungen durch die USA ist daher weit mehr als ein unfreundlicher Akt - er ist eine Katastrophe.

Vor diesem Hintergrund sollten sich Westeuropäer und Russen eine Reihe sehr ernster Fragen stellen. Etwa nach der prinzipiellen Bündnisfähigkeit eines Staates, der ausschließlich nationalen Interessen folgt. Oder nach dem Sinn von Verhandlungen über die Modifizierung eines Vertrages, dessen Grundmotiv die Aufrechterhaltung der gegenseitigen Verwundbarkeit ist, mit einem »Partner«, der nach absoluter Unverwundbarkeit strebt. Die Europäer, einschließlich Russlands, müssen endlich den Mut aufbringen, ihr Verhältnis zu den USA grundsätzlich zu überprüfen. Nur auf diesem Wege wird es möglich sein, jene strategische Partnerschaft zu begründen, die nötig ist, um den USA wirkungsvoll Paroli bieten zu können. Bei der Raketenabwehr ebenso wie bei den biologischen Waffen.

(*) Westeuropäische Union

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