Die Schlechten und die Gerechten

Nach der WM ist vor der EM Nach jeder WM, nach jedem Turnier bleibt nur ein Sieger - und jede Menge Verlierer. Wie Fans und Sportler das ständige Scheitern verkraften

Für einen Verlierer zu sein, ist bei einer Fußballweltmeisterschaft nichts sonderlich Originelles; es gibt ja anlässlich dieses Turniers bei 32 beteiligten Teams nur einen Gewinner und 31 Verlierer.

Am Anfang eines jeden Spiels muss die Entscheidung getroffen sein: Ich muss mich festlegt haben, für welche Mannschaft ich bin. Alles andere ist Quatsch. Und jeder, der sagt, er wolle ein neutraler Beobachter sein, der Idiotismen von sich gibt wie: "Der Bessere soll gewinnen!", hat von Fußball, natürlich, keine Ahnung und verdiente für mindestens 24 Stunden weggesperrt zu werden - mit dem in Endlosschleife laufenden Mitschnitt des grausamen WM-Achtelfinalkrampfs zwischen der Ukraine und der Schweiz, dieses erbärmlichen 0:0 nach Verlängerung, dieses geradezu albernen und durch gnadenlose Stümperhaftigkeiten zustandegekommenen 3:0 nach Elfmeterschießen.

Die Entscheidung, welcher Mannschaft ich bei WM-Spielen kraft meines Grunzens, Röchelns, Brüllens, Halleluja-Gegröls vor einem Fernseher oder einer Leinwand den Rücken stärke, war prinzipieller Natur. Bei Bundesligaspielen sind die Kriterien noch etwas vielfältiger: etwa sturer Lokalpatriotismus oder weil man schon als Kind immer für diese Gurkentruppe in den Lieblingsfarben gelb-rot war oder weil der Verein aus der Stadt, aus der die mittlerweile verhasste Ex-Freundin stammt, verdammt cholera- und pestwürdig ist. Bei einer WM fallen solche durchaus ernstzunehmenden Beurteilungsgrundlagen weg. Und im Zweifelsfall gilt fast immer: Ich entscheide mich für die Gerechten und die Schlechten. So auch bei der vergangenen WM.

Die Gerechten sind fast ausnahmslos bekannt und haben häufig Heldenstatus, die Schlechten kennt keiner. Nichtsdestotrotz können sie zu Helden werden - selbst wenn sie am Ende nicht gewinnen.

Die Gerechten, das sind nur selten Mannschaften, Teams mit Kämpferherzen, die sich bis zum Schluss nicht aufgeben, wie Australien etwa bei der vergangenen WM. Öfter sind es Einzelspieler, und sie können der einzige Grund sein, warum ich mich für eine Mannschaft entscheide. Gerechte, das sind beispielsweise: Jan Koller, Zinédine Zidane, auch Miroslav Klose. Kicker, die uneigennützig spielen und davon nicht viel Aufhebens machen, die sich nicht bei jedem Rempler des Gegners hinfallen lassen, die auch mal zutreten, dann aber klaglos die gelbe oder rote Karte akzeptieren - selbst noch bei eklatanten Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. Ein solches Auftreten ist am besten mit einem Wort umschrieben: Würde. Es reicht mitunter dieser eine Spieler, um eine Partie in königlichem Glanz erstrahlen zu lassen.

Ich kann nicht umhin, in diesem Zusammenhang noch mal mit allen Fingern, die ich habe, auf den Widerpart zu den eben beschriebenen Edelmännern zu zeigen: Cristiano Ronaldo, kein schlechter Spieler, jedoch selbstverliebt und - völlig ohne Würde. Bei der WM auffällig geworden durch promptes Umfallen bei jeglicher Berührung eines Gegenspielers in Strafraumnähe, aufgeregtes Reklamieren beim Schiedsrichter und gestenreiches Einfordern von gelben wie roten Karten für seine Kontrahenten. Statt wegen lächerlicher Zupfer am Trikot oder banaler Fouls Karten zu verteilen, sollten die Referees elende Petzereien und Anschwärzereien à la Ronaldo ahnden. Jeder, der Verwarnungen oder Platzverweise für einen Gegenspieler fordert, sollte die von ihm verlangte Strafe selbst aufgebrummt bekommen: Für Gelb-Fordern gibt´s Gelb, für Rot-Fordern Rot.

Nun zu den Schlechten: Die Schlechten, das sind nie einzelne Spieler, sondern immer nur Mannschaften. Es sind die belächelten Außenseiter, die Exoten, die lediglich als Punktelieferant angesehen werden, die schon abgeschrieben sind, bevor sie überhaupt einmal gespielt haben. Bei der WM waren es Teams wie Trinidad und Tobago, Angola, Togo.

Aber der Fußball lässt ja, wenn auch selten (dafür sorgt die FIFA schon), Wunder geschehen: Da besiegt der Außenseiter den turmhohen Favoriten nach hartnäckigem Kampf, durch Glück, mal eben so. Das löst rauschartige Zustände aus, das lässt Hoffnung schöpfen und ernsthaft glauben, es könnte vielleicht doch einmal im Leben genauso kommen: Der Kleine schlägt den Großen. Alles auf Anfang. Nochmal von vorn. Und ganz anders. Manchmal reichen auch die unvollendeten Siege: Als die Trinis zu zehnt nach einer bewundernswerten Abwehrschlacht ein 0:0 gegen Schweden herausholten, als Angola zweimal Unentschieden gegen Iran und Mexiko spielte - wie groß war der Jubel bei den Underdogs nach diesen Spielen. Spiele, die die Hoffnung aufscheinen lassen, einmal, einmal nicht als Verlierer vom Platz zu gehen. Doch die großen Wunder bleiben ja meist aus. Die Trinis, Angola und Togo schieden bald danach aus. Die Außenseiter waren wieder auf ihren Platz gerückt: auf den der Verlierer nämlich.

Man möchte meinen, die scheiternden Schlechten könnten als das Identifikationsobjekt per se für die berüchtigten kleinen Leute herhalten. Aber das ist ein Missverständnis, eine Projektion der Linken. Underdogs wollen ebenso gern siegen wie die ewigen Gewinner. Die Niederlage im Sport ist schmerzhaft - und zwar für jeden. Keineswegs sind die Schlechten oder ihre Fans die besseren Verlierer. Keinesfalls gingen sie erhobenen Hauptes vom Platz, mit dem Stolz der Unterklassen, geschlagen aber unbesiegt. Wenn die Schlechten das Verlieren leichter nehmen, dann schlicht weil der Misserfolg des Außenseiters zum Alltag gehört. Wie alle gewohnten alltäglichen Niederlagen wird er irgendwie weggesteckt. Underdogs wollen weder scheitern, noch sind sie blind für die Realität.

Es sind Einzelgänger wie ich, die das Fähnlein der Schlechten hoch halten, gerade weil sie ständig verlieren. Indem wir zu ihnen stehen, auch wenn es nichts als Schläge setzt, zeigen wir, dass wir trotzig an das Mirakel glauben, das wir so dringend brauchen - im Sport wie im richtigen Leben. Nämlich dass David doch irgendwann Goliath zum Straucheln bringt. Dass dies nie geschieht und wir am Ende stets ausgeschieden sind, ertragen wir duldsam, wie im Leben.

Viel bitterer sind die Niederlagen für die sogenannten Großen. Die Fallhöhe ist bei selbsternannten WM-Favoriten weitaus größer. Man sah es an den Spielern und ihren Reaktionen. So heulte John Terry nach der Niederlage seiner Mannschaft bitterlich, auch Michael Ballack weinte, Maxi Rodriguez drosch auf seinen Gegenspieler ein. Aber das wohl traurigste Bild gab Pavel Nedved ab, als er beim Ausscheiden der Tschechen mit hängendem Kopf, hängenden Schultern und weit über den Po gerutschter Hose vom Platz schlich, alles auf Halbmast.

32 Mannschaften. Ein Gewinner und 31 Verlierer. Es bleibt die Frage: Wie gehen Spieler und Fans mit dem sozusagen fußballimmanenten ständigen Scheitern um, woran richten sie sich wieder auf?

Die Antwort ist simpel: Am nächsten Spiel. Kurz nach dem verlorenen Halbfinale gegen Italien sagte Jürgen Klinsmann noch: "Es war eine unendliche Leere da, bei den Spielern und bei den Verantwortlichen". Dann aber besiegte Deutschland Portugal im Spiel um den dritten Platz, jubelte weltmeisterlich ob des Erfolgs und ließ sich von den Zuschauern zum Weltmeister der Herzen küren. (Ein scheinbar probates parallel laufendes Therapieprogramm: Portugal sollte sich zum WM-Dritten der Herzen ausrufen, Australien zum Achtelfinalgewinner der Herzen, die Elfenbeinküste zum Vorrundengruppenzweiten der Herzen.)

Fluch für den Sieger, Segen für den niedergeschlagenen Verlierer, den Spieler, den Trainer, den Fan: Das Spiel geht weiter. Im Fußball ist nichts vergänglicher als der Sieg, den man eben noch errungen, die Niederlage, die man eben noch erlitten. Man hat es bei Fußballabhängigen also nicht mit Masochisten, sondern mit allzu schnell Vergesslichen zu tun. Der spanische Romancier Javier Marías sagt es so: "Gestern der Beste gewesen zu sein, ist heute schon bedeutungslos, von morgen ganz zu schweigen. Beim Fußball spielt die Erinnerung an Vergangenes keine Rolle, ebenso wenig wie die Befriedigung über das bereits Erreichte. Und auch die vor zwei Wochen empfundene Dankbarkeit hat das Publikum schnell wieder vergessen. Aber ebenso wenig sind Schmerz und Entrüstung von Dauer, sie können von einem Tag auf den anderen durch Euphorie und Anbetung ersetzt werden." Oder kürzer gesagt, mit Herbergers Worten: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel."

In diesem Sinne kann man Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi im letzten Spiel seiner Karriere samt folgerichtigem Platzverweis als tragisch oder auch als schlecht ansehen - hatte er doch keine Chance auf ein neues, vergessenmachendes Spiel. Es geht aber auch anders: Zidanes Teamkollege Trézéguet bezeichnete die Reaktion seines Kapitäns auf die Beleidigungen des italienischen Provokateurs im Nachhinein als richtig, also: gerecht. Oder noch anders: Zidanes Äußerung, er bedauere seine Tat nicht, weist über den Fußball hinaus. Irgendetwas ist eben doch wichtiger als Sieg oder Niederlage in einem Fußballspiel - selbst in einem WM-Finale, selbst im letzten Spiel, das man vor großem Publikum gibt. Da regt sich der berüchtigte kleine Mann in mir - oder der, der sich dafür hält - und sieht sich bestätigt: Da ist einer, der zur Wahrung seiner Integrität, seiner Geradlinigkeit stilvollendet auf die letzte Krönung seiner Laufbahn verzichtet, so wie ich. Erfolg ist eben nicht alles, sagt Zidane.

Und die Wunder kommen auch noch.


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00:00 21.07.2006

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