Die Schleife der Anpassung

Annäherungsversuch "Whoosh", "Stadt als Beute" und "Menschen in Scheiß-Hotels" in Berlin - neue Stücke, gehört und gesehen als Bewusstseinsausdruck der "neuen Generation"

Sie bomben, weil sie neue Bomben verkaufen wollen", so drücke ich mich aus. "Das habt ihr in der Schule gelernt", wird mir erwidert, "ihr sterbt aus, so einfach ist es nicht, Punkt".

Aber, die jetzt dran sind, die "neue Generation" - kommen die klar? Wie drücken sie sich aus? Ich besuche Orte ihrer Bewusstheit und ihres Ausdrucks in Berlin, wo sich junges Publikum drängelt: Volksbühne, Roter Salon, Prater in der Kastanienallee.

Ich höre Whoosh von Thomas Gerber, nach Durringer Ganze Tage - ganze Nächte im Roten Salon. "Tanzbares Hörspiel", sagt die Dramaturgin dazu. Rhythmus der sexuellen und sozialen Kontakte, Motzen und Ningeln, Türkendeutsch, Erotikfranzösisch, Kindergewünsch, durchkomponiert von der Gruppe Die Sonde, produziert von Elektroautomatisch für SFB und ORB.

Das Verständnis der Sprache steht hinter dem Klang zurück: Es ist die Liturgie, die jeden Tag heruntergebetet wird, auf der Straße, in der Kneipe, mit dem Radio im Bad und im Bett. Ihr Klang ist synthetisch hergestellt, aufgemischt, aber auch genau der Wirklichkeit abgelauscht und darum enthüllend, so im Dialog der Hackordnung von Türke 1 und Türke 2. (Wieso Türke 1 und 2?, im Manuskript haben die noch Namen.) Viele Geräusche, das Ablassen von Badewasser, Radiosphären, Wiesenwind begleiten die kurzen Lebenserfahrungen. Wie man eine Freundin nicht behält. Wie man unfähig ist, ein Kind zu kriegen. Wie man sich 4.000 Mark pumpt. Wie man sich durch Klamottenpreise ausreichend zu äußern glaubt, wie man sich die Liebe versaut durch Angst, "solange wirst du halten, wie ein Zahnbürste hält". Das alles in den Sprachformeln der unreifen Sehnsucht, der Gier, des unverdauten Misserfolgs. Es gibt wenig ausgesprochene Handlung, eher den angesprochenen Zustand, begleitet und aufgeweicht von der Moderatorin Sophie. Sie entführt die Jungen und Mädels schließlich von dieser Erde. Fliegen, in der Hoffnung, sich zu verflüchtigen. Sie erlaubt ihnen, jede Verantwortung abzulegen für die Scheiße, an der sie nichts ändern zu können glauben. Sie schreien durcheinander: "Ich scheiß auf alles da unten ... Ich scheiß drauf. Die Arbeitslosigkeit, ich scheiß drauf ..., die Obdachlosen, dreißig Millionen in den Vereinigten Staaten ..., ich scheiß drauf ..., die Bomben, Erdbeben, Waldbrände ..., die Palästinenser, den jüdischen Staat, ... auf die fünfzig Kilometer, um Wasser zu holen, ich scheiß drauf ..."

So geht das im Manuskript seitenlang, im Hörspiel sind es Verzweiflungssekunden; Sekunden, die eingehängt werden, als Beweis dafür, dass man weiß, worum es ginge, wenn noch irgend etwas ginge.

Sophie ist müde, das Radio aus: schön intim der Abspann. Einer betet Schimpfworte, als seien sie ein Schlaflied: "Arschloch, Mistschwein, Wichser", anstelle von: "Gut, dass du da bist." Sprache als Ausdruck von Bewusstsein wird hier mutiert, pervertiert, verkürzt und verflüchtigt sich schließlich im Laut "Whoosh". Die jungen Zuhörer fühlen sich angesprochen und ausgedrückt im dämmernden Rotlicht vom Roten Salon. Ich nicht.

Im Prater sehe ich mir René Polleschs Inszenierung Stadt als Beute an, nach dem Sachbuch von Space Lab. Klänge, Bild und Bewegung sind hier von virtuoser Schwere und unerträglicher Leichtigkeit, ein Wechselbad. Die Artikulation der Sprache ist dem Klang und dem Bild übergeordnet. Es gibt keine Handlung, nur den ausgesprochenen Zustand. Der Zustand umgibt den auf einem Bürostuhl rotierenden, mobilen Zuschauer. Er sitzt vor und in den Serviceräumen von Bert Neumann.

Die Figuren befinden sich im Anpassungsstress. Sie lernen und erklären einander neue Begriffe eines Regelwerks im "Scheiß-System". "Du bist Beute und dein sozialer Raum wird nur noch aus der Bullenperspektive thematisiert in diesem Stadtmanagement hier." Sie unterbrechen ihre kanonhaft geführten Belehrungen durch Momente des Zweifelns und der Aggressionen, die jeweils mit GEFÜHL, will heißen: schreiend vorgetragen werden, atemraubende Sprachperioden aus Managerdeutsch und Slang werden von atemlosen Schreien zerrupft.

Die Techniken von Entfremdung und Einfühlung, bei Brecht noch realistisch ineinander verwoben, werden bei Pollesch abrupt gegeneinander gesetzt und wirken immer wie Zitate. Vier Darsteller reden, schreien und turnen in den Wohnboxen: ein Wohnungsinhaber, seine Frau und zwei Eindringlinge, die hereinsteigen aus der Tiefe, dem "Underground". Die jeweiligen Ansprechpartner und Positionen sind auswechselbar. Begriffe wie Razzia, Bullenperspektive, digitale Slums und unangemeldete Bordelle werden für den Kontakt zum Untergrund "aktiviert", aber es gibt auch alte Formeln der Diskriminierung wie "Dienstboteneingang"; für 5 oder für 10 Mark wird soziale Härte angeboten.

Es gibt keine sprachliche Subjektivität und keine haltbare Zuneigung mehr: "... als ich vor drei Minuten in dich verliebt war." Bürgerliche Subjektpositionen, Opernsänger oder Gartenbauingenieure, einkommensstarke Persönlichkeiten sind nur noch Imaginationen von Verzweifelten. Wer sich ein "schickes Nervenkostüm in Mitte kaufen kann", der kann die Razzien des Lebens mit denen aus dem "Underground" oder die eigene "Bullenperspektive" aushalten.

Das Bewusstsein erweist sich als gesteuert von "flüssigen Durchsagen wie auf Flugplätzen". In der durchtechnologisierten Welt ist alles labil, es gibt keine "Griffe", nichts zum Festhalten. Die Beziehungen beschränken sich auf den geschlechter-indifferenten, vergeblichen Versuch eines Gewinnes (Ficken = zur Sache kommen). "Zuhause" und "Liebe" werden als Porno verkauft, die Abhängigkeiten sexistisch definiert: "Die Deutsche Bank fickt mich, und das möchte ich nicht auch noch künstlerisch!" Kunst taucht auf als Fixer-Oper auf dem Potsdamer Platz. "Ficken" steht für Ausbeutung und "Scheiße" wird zum Bestimmungswort - "Ich bin auf der Suche nach dem Subjekt in all der Scheiß-Selbsttechnologie".

Zu den Bässen der die Szenen gliedernden Songs wiegen sich die Schüler einer 11. Klasse aus Friesland. Wie aufmerksame Raubtiere zeigen sie die Zähne, halb lächelnd, halb beißwütig, wenn es weiter geht mit dem Beschuss durch wilde Definitionen. Sie wollen es so ausgedrückt haben: "Die Selbsttechnologie, mit der du dich hier auf dem Markt hältst, kommuniziert nur das Leben, das du gerne hättest, aber das hast du nicht."

Stadt als Beute ruft am Ende den Krieg aus als den Krieg gegen die Ausgegrenzten und die Nichtsesshaften. In Insourcing des Zuhause, Menschen in Scheiß-Hotels spielen drei Frauen die Insassen eines Hotels mit attraktivem Angebot für den flüssigen Übergang von Arbeit und Zuhause im "Ambiente des Kolonialstils". Es wird ihnen eine Selbstrepräsentation in der Managerinnen-Suite angeboten, "auch wenn du eine Hure bist". Die Frauen sind gehorsam mit Anpassung beschäftigt. Dazwischen kreischt und kreißt ihre Unfähigkeit dazu und gebiert in höchsten Tönen die schönsten Variationen zum Thema ZUHAUSE. Neue Begriffe schießen sich ein, "Wohnfront" und uralte Diskriminierungen "wie bei den Hottentotten" leben auf. Den Migranten wird ihre Kultur weggeschnitten und eine andere implantiert.

Es gibt hier reichlich Wortspiele: "Aber, wohin mit all die Aldi-Menschen?" Im Fernsehen läuft eine Afghanen-Hundeschau, kleine gelbe Fallschirm-Einsatztruppen segeln und streuen Hundetrockenfutter. Das Arbeiten und Wohnen im flüssigen Übergang wird zum Problem, wenn Kinder, "die Zuhause nichts anderes können, als Gefühle zu produzieren", in dieser Welt zur bekämpften Überbevölkerung werden und den Genozid provozieren, weil man die Unterentwickelten nirgendwo wickeln kann.

Abwechselnd begrüßt und bezweifelt wird die Möglichkeit, innerhalb eines Hotels Gefühle zu produzieren, die "echt und bezahlt" sind und computergesteuert kontrollierbar. "Da sind Rollkommandos in mir, die dafür sorgen, dass ich die Normen realisiere".

Kritik und Ambivalenz der Figuren gegenüber der schönen neuen Welt bilden eine Schleife. Es ist egal, wo ihr Ende ist, ob gerade an der Stelle, an der die Anpassung euphorisch "glücklich" genannt wird, oder an der Stelle, wo aufgeschrieen wird: "Nein! Ich will das nicht, da war doch mal was!" Beide Momente rotieren und enthalten die gleiche Unausweichlichkeit.

Die Arbeit an der Definition des Zustandes kommt einem altmodischen Unterricht gleich: Viele Formulierungen werden vielmals wiederholt. "Der Genozid wird plötzlich über den Metropolen abgeworfen". Diese Sprache wird vom jungen Publikum aufmerksam aufgenommen. Von mir auch.

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00:00 16.11.2001

Ausgabe 43/2021

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