Die Schöne und das Scheusal

Alltag Networking ersetzt in der Schattenwirtschaft die Sozialversicherung. Olja, die weder Visum noch Aufenthaltsrecht besitzt, hat eigene Strategien entwickelt, im Alltag zu bestehen

Sie soll mehrmals die Grenze illegal mit Menschenhändlern überquert haben. Dabei sogar erwischt und den deutschen Grenzpolizeihunden entkommen sein. Sie soll aus einem Puff geflohen sein, nachts aus dem Fenster der zweiten Etage. Mit einem Seil, wie die Heldinnen aus Liebesromanen. Diese und andere Geschichten passen überhaupt nicht zu der Person, die vor meinen Augen sitzt: eine füllige Dame im drolligen lachsfarbenen Mantel mit vergoldeten Knöpfen. Die mit gefärbtem Hasenfell besetzte Kapuze liegt leger auf den breiten Schultern und verleiht ihr etwas Majestätisches. So sitzt sie in Larissas russischem Lebensmittelgeschäft auf einem Barhocker an einem runden hohen Tisch. Hinter ihr stapeln sich quietschbunt moskowitische Leckereien - farblich passt sie perfekt ins Bild.

"Sind sie Olja?" - "Ich bin es." Sie reicht mir ihre breite warme Hand.

"Hallo, meine Liebe", schreit Larissa hinter ihrer Theke. "Das ist unsere Olja, die beste Piroschkibäckerin der Stadt!"

Larissa berät gerade einen deutschen Kunden, der eine russische Party geben will. So wie ich. Ich will meine Geburtstagsgäste mit Piroschki bewirten, kleinen gefüllten Teigtaschen, die praktisch und handlich sind und kein schmutziges Geschirr verursachen. Weil ich die Backaufgabe allein nicht bewältigen kann, hat Larissa mir Olja empfohlen. In einem russischen Laden wird allerlei Service vermittelt - Babysitterinnen, Köchinnen, Bügelfrauen, Putzfrauen. Ich miete eine Backfrau.

Olja kommt aus Moldawien und ist, wie ich, in den goldenen Middle-Life-Jahren. Wir rauchen und plaudern. Mit dem komplizenhaften Interesse einer Kupplerin beobachtet uns Larissa von ihrem Tresen aus. Als sie endlich ihren Kunden hinaus komplimentiert hat, eilt sie heran und bringt eine Schale geräucherter Fischbauchfetzen - die etwas zu alt sind für den Verkauf - und eine vereiste Flasche Wodka. Geschäftsgespräche werden bei Larissa in warmer, freundlicher Atmosphäre geführt. Die vereiste Flasche schwitzt, der ungemütliche Berliner Abend verschwindet hinter beschlagenen Ladenfenstern.


Am nächsten Freitag pünktlich um acht steht Olja vor meiner Tür. Für einen Arbeitseinsatz scheint sie mir viel zu schmuck - die Fingernägel erdbeerrot, die Haare toupiert zu einem luftigen Heiligenschein. Ihr dicker Bauch ruht unter einer unmöglichen Polyesterbluse mit Jaguarmuster, ihre puppenhaften Augen unter gewölbten Wimpern sind sorgfältig geschminkt.

"Hier, für dich", sagt sie sachlich und reicht mir einen Nelkenstrauß und eine glänzende Douglas-Tüte. Vergeblich versuche ich abzuwehren. "Am Geburtstag mit leeren Händen? Nicht mit uns." Pustend beugt sie sich über ihren Jaguarbauch und streift ein Paar spitznasige Halbstiefel ab. In der Douglas-Tüte sind Parfum und schwarze Strümpfe mit Spitzengummi im Oberschenkelbereich. Nelken und Stümpfe sind typische Geschenkartikel der Zivilisation, der wir beide entspringen. Den Gruß aus der Vergangenheit lese ich als Ermutigung, einen feminineren Stil zu wagen - Oljas Beispiel folgend - und zupfe an meinem karierten Herrenhemd. Wir kommen zur Sache. Die Füllungen haben wir bereits diskutiert: gekochte Eier mit Lauchzwiebeln, Fleisch mit Reis und Weißkohl. Während Olja in der Küche bleibt, um Teig zu kneten, gehe ich ein paar fehlende Zutaten einkaufen.

Als ich eine Stunde später wiederkomme, glühen alle vier Herdplatten. Auf einem Hocker neben dem warmen Herd wuchert und atmet unter einem Tuch der Hefeteig. Die Küche glänzt und Olja waltet mit Staublappen im großen Zimmer. Meine herumliegenden Kleider hat sie in Stapeln auf dem Sofa nebeneinander gestellt, die Bücher ebenso, das Kinderspielzeug hat sie in eine Kiste geräumt.

Die neue Ordnung im Zimmer gefällt mir. Ich heuchle: "Ach, Olja, wozu denn das? Das ist völlig überflüssig!" Olja wehrt ab: "Ich mach das doch gern. Soll ich etwa rum sitzen? Nun ran an die Füllung!" Kämpferisch rollt sie die Ärmel ihrer furchtbaren Bluse hoch. Wie erwartet, fabrizieren wir erstklassige Piroschki.

Als wir eine Raucherpause einlegen, bewirtet Olja mich großzügig aus einer eleganten Davidoffschachtel. "Nein, Olja, das ist schon die dritte! Ich gehe und kauf mir eine Packung!" "Meinst du, ich könnte mir das nicht leisten?" empört sie sich. "Immerhin habe ich einen Mann, der mich unterstützt. Einen Unternehmer! Einen Deutschen!", fügt sie stolz hinzu und zieht an ihrer Zigarette wie Marlene Dietrich. Als vier Stunden um sind, verabschiedet sie sich eilig: "Meiner isst heute zuhause Mittag. Ich hab gestern schon ein Kaninchen gebacken." Sie ist weg. In meiner Wohnung duftet es nach Essen und Leben. Im Aschenbecher krümmen sich ein Dutzend Kippen im Wert von etwa zwei Euro. Von Oljas Lohn bleiben so noch 18 Euro, abzüglich der Ausgaben für meine Geschenke. Olja gibt mir Rätsel auf. Arbeitet sie nur, um unter Menschen zu kommen, während ihr Freund seine Geschäfte tätigt?


Bald ist Olja mir unentbehrlich geworden. Den ganzen Tag ist sie unterwegs. Sie hütet mein krankes Kind, dann rennt sie putzen zu einer russischen Ärztin, dann bügeln zu einem deutschen Junggesellen, dann nach Hause, um zu kochen. Parallel vertreibt sie polnische Süßigkeiten, die ihre Freundinnen, polnische Putzfrauen von zu Hause mitbringen. Nota bene pflegt Olja gute Beziehungen zu ihren Kolleginnen aus Bulgarien, der Ukraine oder Argentinien. Solidarität wird in der "vierten Internationale" groß geschrieben und ersetzt in der Schattenwirtschaft die Sozialversicherung. Springt eine ab, überlässt sie ihre Kunden ihren Zunftfreundinnen, taucht sie wieder auf, hilft sie für die Kollegin aus, die eben abgeschoben wurde. Einmal bringt Olja einen russischen Mann mit, der für 20 Euro meine Duschkabine repariert und das Klavier stimmt. Ein anderes Mal bringt sie mir billigen polnischen Aal und eine Tüte mit gebrauchten Kleidern, aus denen die Kinder einer russischen Ärztin herausgewachsen sind. Dazu ein empörtes Schreiben auf Russisch an die Telekom, das ich ins Deutsche übersetzten muss.

Bald werde ich Teil des Netzes gegenseitiger Abhängigkeiten, an dem Olja den ganzen Tag strickt. Sie verdient wenig, doch ihre Auftraggeber fühlen sich ihr verpflichtet. So bewahrt sie - eine Persona non grata ohne Visum und Aufenthaltsrecht - ihren Stolz. Eigentlich sind wir längst befreundet, und es ärgert mich, dass ich von Oljas Not profitiere. Noch mehr ärgere ich mich über Willy, diesen deutschen Unternehmer, meinen Komplizen. Mit Schweißperlen auf der Stirn schuftet Olja in meiner Küche, um Punkt 13 Uhr ihrem Willy eine nahrhafte Mahlzeit zu bereiten. Am nächsten Tag rennt sie zum Ostbahnhof, um vom Schaffner eines Kiewer Zuges eine Bestellung abzuholen: Murmeltierfett in der Tube, um des kränkelnden Willys Brust und Flügel einzureiben. Dann rennt sie mit Willys Schuhen zum Schuster, und ich frage ich mich, ob sie ihm auch die Füße wäscht. Ich habe ihn noch nie gesehen, doch ich bin mir sicher, dass er ein arroganter, mittelmäßiger Geschäftsmann ist. Ein Handelsvertreter bestimmt, der mit Olja Bett und Küche teilt und sie absichtlich in rechtlosem Zustand hält, um seinen Wohlstand nicht mit ihr teilen zu müssen. Olja scheint das nicht zu stören - im Gegenteil pflegt sie ihr Image als Unternehmerkonkubine. Meist nennt sie ihn nicht beim Namen, sondern eigentümlich zärtlich: "Meiner".

Eines Tages ruft Willy bei mir an und erkundigt sich, ob Olja noch bei mir sei. Ich verneine höflich und frage, worum es gehe. Schadenfroh stelle ich mir einen hilflosen Willy vor, mit einer Gabel in der Hand und einer Serviette um den Hals - ohne Olja. Olja solle eigentlich längs zu Hause sein, sagt Willy. Wir verabschieden uns kühl.

Eine halbe Stunde später sehe ich Olja durch die beschlagenen Scheiben von Larissas Lebensmittelgeschäft. Mit ihren Hasenfellfetzen auf den Schultern und ihrer Leibesfülle auf dem hochgedrehten Barhocker sitzend, sieht sie aus wie ein aufgebrachtes Huhn. Ich trete ein. "Willy sucht nach dir", setze ich mich zu Olja, die rot, aufgewühlt und betrunken ist. "Sag ihm, er ist ein ...", sie sucht nach Worten, "Ein Scheusal! Ein Natterngezücht!" "Ich gehe jetzt einkaufen", entgegne ich. Und du solltest vielleicht lieber nach Hause gehen." "Nein, komm mit mir!", greift Olja nach meiner Hand. "Ich gehe nach Hause nur mit dir!" Geschichten von Misshandlungen rechtloser Frauen schießen mir durch den Kopf - ich gebe klein bei. Olja sammelt hektisch Handy, Taschentücher, Davidoff, Feuerzeug und Taschenspiegel zusammen, dann sind wir fort.


Kurze Zeit später fummelt Olja ebenso hektisch mit dem Schlüssel am Schloss einer Wohnungstür. Willy öffnet. Ein dürrer, lebhafter Mann Ende sechzig im blauen Trainingsanzug steht vor uns. Ich bin sprachlos. Diese faltige graue Krake hält unsere saftige Olja in seinen Fingerarmen? Die Wohnung ist von altem Zigarettenrauch und der Atmosphäre der leichtsinnigen Siebziger durchdrungen. "Kommen Sie rein." Willy schaut mich verlegen an und versucht, Olja unter dem Arm zu greifen, die ihrerseits versucht, Willy mit dem Ellenbogen wegzustoßen. So gelangen wir ins Wohnzimmer. Ich bin perplex: Ein riesiger Wandschrank dominiert den Raum. In seinen Fächern tummeln sich Gipshunde und Porzellanhasen in einem Garten Eden von bunten Kunstblumen. Die mittlere Ehrennische ist vom Fernseher besetzt. In einer Vitrine türmen sich einige hundert Eierbecher in allen erdenklichen Formen, alle in Gelb. Wie verzaubert bleibe ich stehen. "Wer hat sie gesammelt?", will ich wissen.

"Na, seine Frau!" Olja wirft sich in einen tiefen, leicht abgeschabten Sessel und zeigt mit dem Finger auf Willy. "Ich habe die Schnauze voll von euren Ehefrauen, Kindern, euren Unterhosen, euren ... "

"Olja, du weißt, das ist nicht gut für dich", unterbricht Willy. "Komm, wir haben Besuch, vielleicht essen wir lieber was?" Er sieht mich entschuldigend an. "Und sein Geschäft läuft auch zum Kotzen!", kommt Olja erst richtig in Fahrt. "Er hat Farben auf unsere Rechnung gekauft, das ganze Haus gestrichen, jetzt zahlen diese Arschlöcher nicht! Ich habe ihm tausend Mal gesagt, kaufe das Zeug nicht!" Sie wendet sich Willy zu und brüllt: "Seit wann machst du schon Minus? Saftarsch! Und deine Kinder hassen mich, ich weiß." Sie beginnt zu weinen, ihr welliger Oberkörper bebt. Willy hockt sich vor den Sessel und fummelt am Reißverschluss von Oljas Stiefeln. "Wo sind meine Zigaretten?", schluchzt sie auf. "In der Tasche, auf dem Küchentisch!", nutze ich die Gelegenheit, zu fliehen.

Unerwartet holt mich Willy in der Küche ein. "Es ist so ...", sucht er nach Worten. "Manchmal rutscht sie ab. ... Sie hat ja so viel durchgemacht. Und ich kann auch wenig für sie tun - meine Frau ist gelähmt und im Heim. Scheiden lassen kommt nicht in Frage. Ihr Vater sitzt allein in Moldawien, auch krank ... ." "Willy!", dröhnt es aus dem Zimmer. Er eilt fort, ich bleibe auf der Eckbank sitzen. Auf einem pseudorustikalen Küchentisch steht eine geblümte Kulturtasche mit vielen Abteilen, die mit winzigem Kosmetikkram vollgestopft ist. Daneben ein kleiner Spiegel und ein Totenkopfaschenbecher. Von hier aus startet Olja also in den Tag.

Nach dem heutigen Exzess wird sie morgen sicher etwas länger als sonst vor ihrem Spieglein sitzen. Stilsicher wird sie ihren Kaffee mit Zigarette genießen und dann ihren deutschen Trabanten mit einem eiweißreichen Frühstück bewirten. Bis halb zehn muss Larissas Laden geputzt sein, dann wird sie sich dem Hirschgulasch widmen - Willi und Olja sind leidenschaftliche Fleischfresser.

Dann bringt sie ihn zur russischen Ärztin - Willy ist nicht krankenversichert, doch sein Husten wird immer schlimmer. Die Ärztin wird ein Rezept ausschreiben und bedenklich den Kopf wiegen: "Das Rauchen aufgeben! Mehr frische Luft, mehr Obst!"

Zum Abendbrot werden Olja und Willy polnische Wurst in dicke Scheiben schneiden, das Hirschgulasch vom Mittag aufessen und sich vor dem Fernsehen Zigaretten anzünden. Als Gegengift wird in Willys Rücken das wundersame Murmeltierfett einmassiert. Das wird morgen sein.

Momentan liegt Olja noch in den Tiefen des Wohnzimmersessels und wird vom Schluckauf geschüttelt. Willy sitzt auf der Armlehne und streichelt mit seiner knochigen Hand über Oljas Kopf. Seine Hand ist so leicht, dass Oljas Frisur unbeschadet bleibt.


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