Die Schreibtischtäter

Medien Der ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ hält sich strikt an das damalige Protokoll. Doch es bleiben Lücken

Der Diplomat Franz Rademacher, seit März 1940 Leiter der Abteilung D III, des „Judenreferats“ im Auswärtigen Amt, fuhr am 16. Oktober 1941 nach Belgrad. Wieder in Berlin erstattete er Bericht: „Die männlichen Juden sind bis Ende der Woche erschossen, damit ist das in dem Bericht der Gesandtschaft angeschnittene Problem erledigt.“ In seiner Spesenabrechnung gab Rademacher als Zweck der Reise „Liquidation von Juden“ an. Der Spiegel zitierte dies schon 1971 in einem Beitrag über NS-Diplomaten im Auswärtigen Amt. Léon Poliakov und Joseph Wulf hatten das Dokument sogar schon 1956 in ihrem Buch Das Dritte Reich und seine Diener publiziert. Auch Christopher R. Browning zitierte es 1978 in seinem Buch Die „Endlösung“ und das Auswärtige Amt.

All dies blieb ohne Resonanz. 2010 erschien dann die vom Auswärtigen Amt in Auftrag gegebene Forschungsarbeit Das Amt und die Vergangenheit. Erst jetzt war das mediale Echo gewaltig, das faksimilierte Dokument fand seinen Weg sogar auf die Titelseite mehrerer Tageszeitungen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung räumte in ihrem Feuilleton nicht weniger als sieben Seiten für die Vorstellung des Buches frei, wobei das Faksimile der Reisekostenabrechnung prominent in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Nach Lektüre zu vernichten

An diesen Vorgang erinnert man sich unwillkürlich angesichts des gewaltigen Aufsehens, das nun der 80. Jahrestag der Wannsee-Konferenz erregt. Das Protokoll der Konferenz ist in den vergangenen Jahrzehnten in einer Vielzahl von Publikationen reproduziert worden. Wer es lesen will, findet es auch auf der Website des Hauses der Wannsee-Konferenz.

Im Moment hat man den Eindruck, dieses schaurige Dokument sei gerade erst entdeckt worden. Tatsächlich kennen wir es schon seit 1947. Beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess lag es noch nicht vor. Aber der Ankläger Robert Kempner entdeckte es rechtzeitig vor Beginn des Wilhelmstraßen-Prozesses. Die 30 Ausfertigungen des Protokolls sollten als „Geheime Reichssache“ nach Lektüre vernichtet werden. Doch das Exemplar von Unterstaatssekretär Martin Luther hatte den Krieg im Auswärtigen Amt überdauert.

Verfilmt wurde die Wannsee-Konferenz mehrfach, zum ersten Mal 1984 von Heinz Schirk, nach einer Vorlage von Paul Mommertz. Historischer Berater war damals der isrealische Historiker Shlomo Aronson. Zunächst lief der Film im Fernsehen, 1987 kam er auch in die Kinos und erhielt mehrere internationale Auszeichnungen. 2001 kam der amerikanische Film Conspiracy von Frank Pierson heraus, der mehr an den Anforderungen des Hollywood-Kinos orientiert ist als an den Ansprüchen historischer Genauigkeit. Auch in der Fernsehserie Holocaust (1978) hatte die Wannsee-Konferenz einen Auftritt und es gibt diverse Fernsehdokumentationen über die 90-minütige Zusammenkunft in dem Haus am Großen Wannsee.

Der neue Film, den das ZDF am Montag ausgestrahlt hat, ist von Matti Geschonneck. Das Drehbuch ist weitgehend identisch mit dem des Films von 1984. Grundlage ist das von Adolf Eichmann erstellte Protokoll der Wannsee-Konferenz, das von Reinhard Heydrich, dem Chef des Reichssicherheitshauptamtes, und von Gestapo-Chef Heinrich Müller mehrfach überarbeitet wurde. Heydrich, der von Hermann Göring am 31. Juli 1941 mit der „Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage“ beauftragt worden war, lud zu der Konferenz SS-Vertreter, Staatssekretäre der beteiligten Ministerien und Vertreter der Besatzungsverwaltung ein, insgesamt 15 Personen. Es war zum einen eine Organisations- und Abstimmungskonferenz. Vor allem aber ging es darum, die Führungsrolle von Heydrich und der SS in Gegenwart der Vertreter der staatlichen Instanzen offiziell zu bestätigen.

Die Texte, die während der Konferenz gesprochen werden, sind in den Filmen von 1984 und 2022 weitgehend identisch – und doch sind beide Filme sehr unterschiedlich. Heinz Schirk versuchte, eine authentische Atmosphäre zu schaffen. Vor Beginn der Konferenz stehen die Beteiligten in lockeren Gruppen zusammen, unterhalten sich und scherzen über ihre Arbeit, Eichmann wird ans Telefon gerufen, um organisatorische Probleme zu lösen. Während der Konferenz wird immer wieder gelacht, wenn über die Probleme bei der gestellten Aufgabe und schon erzielte Erfolge gesprochen wird. Nach den Aussagen Eichmanns 1961 vor dem Gericht in Jerusalem ging es damals auch genau so zu.

Matti Geschonneck wählt einen anderen Weg. Die Darstellung konzentriert sich ganz auf die eigentliche Konferenz, das Geschehen drum herum wird ziemlich ausgeblendet. Die Schauspieler sind bewusst so ausgewählt, dass sie ihren historischen Vorbildern nicht ähneln. Philipp Hochmair, der Heydrich eindrucksvoll verkörpert, ist kein blonder Hüne, sondern ein allenfalls mittelgroßer Mann mit dunklen Haaren. Simon Schwarz, der Georg Leibbrandt, Ministerialdirektor im Ostministerium, durchaus ähnlich sieht, spielt Martin Luther. Geschonneck betont auch, dass ihm der Verzicht auf Filmmusik wichtig war. Die gibt es allerdings in den anderen Filmen genauso wenig; sie würde auch keinen Sinn machen in einem Film, in dem unaufhörlich gesprochen wird.

Die Schauspieler agieren oftmals fast wie Sprechpuppen, die einen vorgegebenen Text vortragen. Individualität jenseits ihrer Rollen wird den Konferenzteilnehmern abgesprochen. Das Ganze ähnelt mehr einer abgefilmten szenischen Lesung als einem Spielfilm. Es wirkt aufgesetzt, wenn Eichmann, der in diesem Film wie ein blasser Befehlsempfänger wirkt, den Auftrag erhält, für ein besseres Betriebsklima zu sorgen, und die Protokollantin der Konferenz dann eilfertig versichert, in dem von ihm geleiteten Judenreferat werde viel gelacht.

Die hinter dieser neuen Inszenierung stehende Absicht ist sicherlich, einen Kontrapunkt zu der merkantilen Überlegungen dienenden Eventisierung der NS-Geschichte zu setzen, für die Oliver Hirschbiegels Der Untergang ein Beispiel ist. Der NPD-Funktionär Karl Richter, der darin die Rolle des Adjutanten von Generalfeldmarschall Keitel spielt, frohlockte damals: „Ein völlig neues Hitler-Bild wird transportiert.“ Ein menschliches, meint er. Auch sonst menschelt es gewaltig in diesem Film. Es wimmelt von guten Deutschen. Vernünftige Militärs, selbstlose Ärzte, illusionslose Väter verführter Hitlerjungen treten auf. Der SS-Arzt Ernst Günther Schenck, der für seine Experimente über Leichen ging, mutiert im Untergang zu einem selbstlosen Philanthropen, der rastlos überall zu helfen versucht. Hirschbiegel ist offensichtlich ein unkritischer Leser von Lebenserinnerungen, in diesem Fall von Traudl Junge und Albert Speer.

Geschonneck setzt ganz auf die Wirkung des Protokolltextes, der aber eben nicht den Gesprächsverlauf transportiert, sondern in einer Tarnsprache verfasst ist. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass sein Film nicht die überwältigende Wirkung erreicht, die etwa 1965 Peter Weiss’ Theaterstück Die Ermittlung. Oratorium in elf Gesängen hatte. Die 20 Angeklagten des Auschwitz-Prozesses traten mit ihren realen Namen auf, die etwa 400 Zeugen waren in neun anonymen Rollen konzentriert, die 24 Verteidiger zu einem einzigen Rechtsradikalen geronnen. Die Wirkung des Stückes lag vor allem in seiner dokumentarischen Kargheit begründet, mit der die Berichte aus der Hölle inszeniert sind.

Die Konferenz am Großen Wannsee war nach 90 Minuten zu Ende. Doch es ist wichtig, zu erwähnen, dass es weiterhin Abstimmungsbedarf unter den Mordwerkern der „Endlösung der Judenfrage“ gab. Schon neun Tage später fand die erste von drei Folgekonferenzen im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete statt. Am 6. März 1942 folgte in Eichmanns Referat IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt die zweite Folgekonferenz, an der auch der Judenreferent des Auswärtigen Amtes, Franz Rademacher, teilnahm, um anschließend Staatssekretär Ernst von Weizsäcker über die „künftigen Maßnahmen gegen Mischlinge I. und II. Grades“ zu berichten, ein Thema, das schon am 20. Januar eine wichtige Rolle gespielt hatte. Am 27. Oktober gab es noch eine dritte Folgekonferenz, erneut unter dem Vorsitz von Adolf Eichmann, der bei der Umsetzung der geplanten „Endlösung“ bis zuletzt eine zentrale Rolle spielte.

Ernst Piper ist apl. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam. Im März erscheint sein Buch Diese Vergangenheit nicht zu kennen heißt, sich selbst nicht zu kennen. Deutsche Geschichte im Zeitalter der Extreme im Ch. Links Verlag

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