Die Schriftrolle hat ihr großes Comeback

Medien Klaus Theweleit hat dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach seinen Vorlass übergeben. Der hat allerdings ein ungewöhnliches Format
Ralf Klausnitzer | Ausgabe 01/2018 7

Kurz vor Weihnachten kam die Meldung aus Marbach: Klaus Theweleit hat seine Papiere dem Deutschen Literaturarchiv übergeben. Was zu diesen Papieren gehört, wurde nicht mitgeteilt. Dafür gab es eine mit eindrucksvoller Fotografie beglaubigte Information über die materiale Beschaffenheit dieses Vorlasses: Da Theweleit mit Schreibmaschine auf Endlospapier schreibe, seien die meisten Urfassungen seiner Werke als Papierrollen überliefert. Welche Summe der noch amtierende Direktor Ulrich Raulff für Theweleits Rollen lockermachen musste, ist unbekannt.

Unbestimmt sind auch Mengen- und Umfangsverhältnisse, die sich aus der schier unermüdlichen Textproduktion des 1942 geborenen Literaturwissenschaftlers ergeben. Schon die Dissertation über Freikorpsliteratur und faschistoide Körperpanzer war so umfangreich, dass die überarbeitete Version unter dem Titel Männerphantasien (1977) zwei Bände füllte. Das Buch der Könige über Machtverhältnisse in Kunst und Kunstproduktion kam auf drei Bände. Der Pocahontas-Komplex soll vier Bände umfassen und zeigte mit dem 2013 veröffentlichten Buch der Königstöchter auf 736 Seiten materialreich, wie komplex Kolonialisierungen und Völkerwanderungen ablaufen. Der kulturhistorische Parcours reicht vom vorhomerischen Griechenland über die Eroberer Amerikas bis zu Mythenbildungen der Gegenwart. Das alles mit Schreibmaschine auf Endlospapier! Wer denkt da nicht an die alten Griechen, die ihre Texte auf Rollen aus Pergament oder Papyrus fixierten? In der Bibliothek von Alexandria soll es 500.000 davon gegeben haben. Um diesen gewaltigen Speicher des kulturellen Erbes zu füllen, waren die Alexandriner nicht gerade zimperlich: Im Hafen ankommende Schiffe wurden nach Manuskripten durchsucht, die man in der Bibliothek abschrieb. Die Kopien wurden zurückgegeben, die Originale behalten. Die Staatshandschriften der Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides wurden aus Athen ausgeliehen und unter Verzicht auf das Pfandgeld behalten.

Es soll Cäsar gewesen sein, der die Schriftrollen zerschnitt und die entstehenden Blätter zu Codices zusammenheften ließ. Mediengeschichtlich hatte das immense Folgen, nämlich unsere heutigen Bücher und Zeitungen mit rechteckigen Seiten, Kopfzeilen, Inhaltsverzeichnissen und Fußnoten. Die Übernahme von Theweleits Rollen durch das Archiv bedeutet also eine Rückkehr zu alexandrinischen Zeiten. Mehr noch: eine Bewegung zurück in die Zeit vor Cäsar, dessen Truppen auch die Bibliothek von Alexandria in Brand gesetzt haben sollen. Der archivalische Umgang mit diesen Materialien bleibt eine Herausforderung. Wie auch der Nachlass eines anderen Literaturwissenschaftlers, der wie Theweleit in Freiburg im Breisgau universitär sozialisiert wurde: Der 2011 verstorbene Friedrich Kittler, der sich mit weit gespannten medientechnologischen Überlegungen aus der Germanistik herausschrieb, hinterließ vor allem Computerfestplatten und Disketten. Deren Inhalte sollen nun (teilweise) im Rahmen einer 30-bändigen Werkausgabe ediert werden. Was nicht einfach ist. Denn die Computerprogramme und Musikstücke, die Kittler seit den 1980er Jahren produzierte, müssen in zukunftsfähige Formate überführt werden. Ob der Fink-Verlag, in dessen Rahmen dieses ehrgeizige Projekt realisiert werden soll, dazu auf das Medium der offenkundig zeitresistenten Schriftrolle zurückgreifen wird, ist noch nicht bekannt.

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