Peter Unfried
23.10.2012 | 16:04 4

Die Schuldfrage

Familienleben Was tun, wenn die Kinder zwar eigenständig denken – aber vor allem im Umgang mit den eigenen Eltern? Peter Unfried erzählt vom alltäglichen Wahnsinn des Familienlebens

Die Schuldfrage

Adorno könnte ein gutes Leben haben. Wenn nur das Radfahren nicht wäre

Illustration: Sophia Martineck für Der Freitag

Da verzichtet man auf Karriere wegen der Kinder, macht ihre Mathehausaufgaben, kauft nur noch Bio und fährt sogar mit ihnen in das furchtbare Disneyland – und dann ist es wieder nicht recht. Überhaupt ist praktisch alles anders, als sich Peter Unfried das gedacht hatte, als er und seine Frau – auch „die Macht“ genannt – beschlossen, ihre beiden Kinder „zeitgemäß modern zu erziehen“. Also nicht wie diese antiautoritären, linken Schluffis, aber vor allem auch nicht so schwäbisch-autoritär, wie es die eigenen Eltern praktizierten. Penelope, 13, und Adorno, 11, sollten in Berlin zu Weltbürgern heranwachsen. Sie sollten frei leben, frei denken und frei reden – und genau das machen sie jetzt. Es ist kaum auszuhalten mit diesen Typis und ihrem verklemmten Neo-Spießertum, radikalen Vegetariertum, unangenehmen Moralismus und oberflächenfixierten Materialismus. Und zu allem Unglück kommen die eigenen Lebenslügen auch noch ans Licht.

Jetzt hat dieser Adorno sich jahrelang geweigert, eine lange Unterhose anzuziehen. Weil: Lange Unterhosen sind hobbylos. Ewiges Hin und Her, viel Blut, Schweiß und Tränen, nix zu machen. Auch bei der größten Kälte nicht.

Und dann kommt er eines Tages an und sagt, er braucht jetzt eine lange Unterhose. Und zwar pronto. Sofort hottet die Macht los, um ihm eine lange Unterhose zu kaufen. Sie kommt mit der langen Unterhose zurück, und er nimmt sie wortlos und zieht sie an, als sei das das Normalste der Welt. Von da an nie mehr ein Wort gegen lange Unterhosen. Allerdings zieht er sie dann auch nicht mehr aus.

Das war jetzt nur ein Beispiel, ich könnte da viel erzählen. Danach ist die Macht jedenfalls immer total erledigt, man sieht richtig, wie sie das mitnimmt, dass sie nicht versteht, was das alles soll.

„Ist das denn noch normal?“, seufzte sie, als er mal wieder mit seinen langen Unterhosen abgezogen war. Draußen 20 Grad. „Das kann doch nicht normal sein.“

„Das ist völlig normal“, sagte ich.

Nicht dass ich da sicher wäre, aber ich wollte sie auf keinen Fall in ihrer Sorge bestärken, dass unser Sohn nicht ganz normal sein könnte.

Ich sagte: „Weißt du, Macht: Der Eine wählt jahrzehntelang die SPD. Und eines Tages: Zack. Nicht mehr.“

„Ich hab nie die SPD gewählt“, sagte sie.

„Dann nimm den Anderen. Der denkt jahrelang, dass Harald Schmidt der Größte ist. Und eines Tages: Zack. Denkt er das Gegenteil.“

„Ich hab nie gedacht, dass Harald Schmidt der Größte ist. Und jetzt denke ich auch nicht das Gegenteil.“

Ja, gut, manchmal reden auch die glücklichsten Paare aneinander vorbei, das passiert schon mal. Da muss man durch.

„Und der Dritte trägt keine langen Unterhosen, und eines Tages: Zack. Trägt er lange Unterhosen. Das nennt man Umorientierung oder Weiterentwicklung.“

Die Macht sah richtig unglücklich aus. Ich wusste schon, was sie umtrieb. Sie dachte: Warum ist dieser Adorno so seltsam? War sie schuld, dass er so seltsam ist? Dann dachte sie: Oder war nicht vielmehr sein Vater schuld? Und dann sagte sie: „Also, ich weiß gar nicht, wo er das herhat.“

Das heißt übersetzt: Das hat er doch hundertprozentig von dir.

Zum Beispiel kann Adorno keine Fehler zugeben. Um‘s Verrecken nicht. Das ist wirklich schlimm bei dem.

Sagt die Macht: „Ich weiß gar nicht, wo er das herhat.“

Also von mir? Niemals. Was für ein absurder Vorwurf. Ich mache nichts falsch.

Oder: „Tut immer so groß, dieser Adorno, aber kann sich nicht mal in der Kneipe selbst eine Cola bestellen. Das muss alles ich machen.“

Was hat das mit mir zu tun, bitte? Ich bestelle selbstverständlich mein Getränk in der Kneipe selbst. Wenn die Bedienung mich nicht ignoriert. In dem Fall macht die Macht das, okay. Aber wirklich nur dann.

Wenn ich so drüber nachdenke, muss ich allerdings zugeben, dass ich mich jahrelang geweigert habe, lange Unterhosen zu tragen. Keine Ahnung, warum. Eines Winters kam die Macht daher und sagte: „Draußen ist es heute richtig kalt. Zieh deine langen Unterhosen an.“

Daraufhin zog ich meine langen Unterhosen nicht an. Und fror mir dann fast einen ab, aber egal. Mir war einfach nicht nach langen Unterhosen. Nächstes Jahr die gleiche Chose. Sie sagte: „Zieh die langen Unterhosen an.“ Ich zog sie nicht an.

So ging das viele Jahre, ja Jahrzehnte. Eines Tages sagte sie wieder: „Zieh die langen Unterhosen an.“ Und da zog ich sie an. Einfach so. Seitdem friert es mich nicht mehr an den Beinen, wenn ich im Winter draußen in der Kälte bin. Ich muss sagen: Das ist eine wahnsinnige Verbesserung der Lebensqualität. Und wenn ich das Ganze positiv sehen soll, dann hat Adorno immerhin viel schneller kapiert als ich, dass es einen mit langen Unterhosen im Winter nicht mehr an den Beinen friert. Ich hoffe, diese geistig-kulturelle Entwicklung lässt sich auf viele andere Bereiche übertragen. Eines Tages. Wichtig wäre vor allem mal das Duschen. Und das Fahrradfahren.

Zu Karstadt und ins Stadion

Ich erinnere mich an den Tag, als Adorno in mein Arbeitszimmer kam und sagte: „Pu, das ist mein glücklichster Tag.“

„Ach, warum?“

„Heute Abend gehst du mit mir nach Wolfsburg ins Stadion. Und jetzt kommt gleich die Macht und geht mit mir zu Karstadt.“

Ich sagte: „Ja, du hast schon ein gutes Leben.“

Und da nickte er sogar! Er war wirklich glücklich.

Dann kam die Macht nach Hause und sagte: „Also, Adorno, wir gehen.“

Da stand er auch schon an der Tür. Fix und fertig angezogen. Und dann sagte sie: „Und zwar mit dem Fahrrad.“

Ich dachte noch: Um Gottes willen. Jetzt fordert sie das Schicksal aber wirklich heraus. Vielleicht hatte sie einen Emo-Flush, weil ein Autofahrer sie in der verkehrsberuhigten Zone nicht über die Straße gelassen hatte. Oder ein Fußgänger ihr fast ins Auto gelaufen war, als sie da mit dem Auto durchschoss. Oder ihr war jemand in der Apotheke im Weg rumgestanden. Oder die Apothekerin war begriffsstutzig gewesen. Jedenfalls wollte sie es wissen.

Da zischte Adorno schon: „Das ist jetzt ein Witz.“

Es war aber keiner. „Du wirst doch wohl bei Sonnenschein mit dem Fahrrad zu Karstadt fahren können.“

„Nur über meine Leiche.“

„Das machen wir jetzt.“

„Dann fahr ich mit der U-Bahn.“

„Mit der U-Bahn zu Karstadt? Du spinnst wohl.“

„Ich fahr mit der U-Bahn.“

„Du kommst jetzt sofort mit und setzt dich auf dein Fahrrad.“

Und dann sagte Adorno: „Was für ein Scheißtag.“

Wie wahr. Und zwar für alle.

Er ließ sich dann selbstverständlich nicht zum Fahrradfahren herab. Immerhin rief er auch nicht nach der Polizei. „Das ist ja schon mal was“, sagte ich zur Macht.

Sie schaute mich doch eher kritisch an. Dann sagte sie: „Also, ich weiß gar nicht, wo er das herhat.“

Ich sagte, dass ich es auch nicht wüsste. Aber es war doch auffällig, wie vehement er das Fahrrad ablehnte, diese wunderbare und progressive Art der Mobilität. Und das Schlimmste: Im Urlaub wurde die Phobie noch größer. Einmal waren wir auf einer großartigen Nordsee-Insel. Ohne Flugzeug erreichbar. Wahnsinnig schöner Kniepsandstrand für Spaziergänge, die Spätherbstsonne schien. Und wirklich alles mit dem Fahrrad zu erreichen. Wir waren alle glücklich.

Sagte ich alle?

Wir anderen Drei saßen morgens am Wohnzimmertisch des Ferienhauses und lasen. Da kam dieser Adorno im Schlafanzug dahergeschlurft. Und das Erste, was er sagte: „Wir laufen doch bestimmt an den doofen Strand?“

„Unbedingt.“

„Und was wollen wir da?“

„Die Gezeiten erleben, den Wind spüren. So Zeug.“

„Aha.“

Nach dem „Aha“ kam die obligatorische kurze Pause. Danach schaltete er auf die nächste Quengelstufe hoch.

„Was soll das bringen, am Strand rumzulaufen?“

„Den Nutzen kann man nicht verallgemeinern, lieber Adorno“, sagte ich. Ich war wild entschlossen, mich auf dieser wunderbaren Insel ausschließlich in einem seelischen Nirwana zu bewegen. „Das musst du für dich selbst entscheiden, was es dir bringt.“ „Aha“, knurrte Adorno, „also nichts.“

Jetzt blickte Penelope von ihrem Buch auf und sagte mit ihrer Schulsprecherinnenstimme: „Dann sag doch mal, was du willst, Adorno.“

Er gab ihr den Gleich-fress-ich-dich-Blick und knurrte dann in meine Richtung: „Sag ihr, dass sie die Klappe halten soll.“

Penelope (um Eskalation bemüht): „Würde mich nicht wundern, wenn der später mal in U-Haft sitzt, weil er jemanden zusammengeschlagen hat.“

Adorno (als sei er erschüttert): „Das ist ja eine schöne große Schwester, die ihrem Bruder prophezeit, dass er später mal in U-Haft sitzt.“

Ich überlegte, ob eine geschwisterliche Schlägerei konstruktiv oder befreiend sein könnte, entschied mich aber dagegen und sagte mild-väterlich: „Jetzt sag halt, was du willst, Adorno.“

„Ich will, dass wir die Fahrräder zurückgeben.“

„Wir haben doch noch gar keine Fahrräder ausgeliehen.“

„Eben.“

Aber irgendwann ist einfach Schluss, und deshalb liehen wir dann umgehend Fahrräder aus. Drei waren so weit in Ordnung, aber das von Adorno war aus seiner Sicht eine Katastrophe. Damit konnte man praktisch nicht fahren.

Wir fuhren trotzdem los.

Nach fünf Sekunden rief Adorno: „Wie lange fahren wir noch?“ Vor allem habe er ein Recht zu erfahren, wie weit denn gefahren werden solle. Er fahre auf keinen Fall weiter als zehn Kilometer.

„Wir fahren genau zehn Kilometer“, sagte ich. „Größer ist die Insel auch gar nicht.“

„Aha.“

Nach 200 Metern quäkte er: „Wie weit ist es noch?“

Nach 500 Metern: „Wie weit sind wir schon gefahren?“

Nach 700 Metern: „Sind das jetzt schon zehn Kilometer?“

Nach 800 Metern: „Jetzt sind es aber zehn Kilometer.“

Undsoweiter. Als wir am anderen Ende der Insel ankamen, rief er: „Und, Pu, wie viel haben wir schon?“

Ich sagte: „Sieben Kilometer.“

„Aha.“ Dann schwieg er nachdenklich, aber nach fünf Sekunden hatte er es kapiert.

Es wurde dann kein schöner Rückweg, selbst im Vergleich zum Hinweg nicht. Er sei betrogen worden, brutal betrogen. Er werde nach zehn Kilometern aufhören zu radeln. Man müsse ihn mit dem Auto abholen, das sei nur recht und billig. Wo käme man denn da hin, wenn man sich auf das Wort eines Vaters nicht mehr verlassen könne. Irgendwann stellte er dann tatsächlich das Fahrradfahren ein. Ich argumentierte dann in aller Rationalität mit ihm. Und es ging dann auch tatsächlich weiter. Allerdings erst, als die Macht mich weg winkte und offenbar sämtliche ihr zur Verfügung stehenden Drohszenarien auffahren ließ. Adorno fuhr dann aber hundert Meter hinter uns, um klarzumachen, dass er mit einem solchen Pack nichts zu tun haben wollte.

„Dem haben wir es gezeigt“, sagte ich zur Macht, „das wäre ja noch schöner, wenn wir uns von so einem kleinen Sack auf der Nase herumtanzen ließen.“

Ich weiß gar nicht, wie ich plötzlich auf die Redewendung „auf der Nase herumtanzen“ kam. Die hatte ich völlig vergessen gehabt. Meine Mutter hatte das früher immer gesagt. Aber irgendwie war mir danach.

„Na, dem haben wir es gezeigt“, sagte ich noch mindestens vier Mal zur Macht.

Gut, der kleine Nachteil an unserem Triumph war, dass wir die Fahrräder schon am ersten Tag wieder zurückgeben mussten. Das war Teil des Deals gewesen, den die Macht mit Adorno ausgehandelt hatte. Strandspaziergänge kamen laut diesem Agreement auch nicht in Frage.

Tagelanges Uno-Spielen

Wir spielten dann in unserem Ferienhaus tagelang Uno. Bis Adorno endlich auch mal gewann. Sie fragten jede halbe Stunde, ob jeder von ihnen ein eigenes iPad kriegte. Oder eigentlich fragten sie nur: wann. Es war so unsagbar langweilig, dass wir in der Verzweiflung beschlossen, ins Kino zu fahren. Keine Sorge: Mit dem Auto.

„Aha. Und welcher Film?“

„Ein toller Film, natürlich.“

Es lief aber auf der ganzen Insel nur ein Film. Über Goethe.

Penelope tat, als sei sie begeistert. Außerdem war alles besser, als weiter Uno zu spielen.

Aber Adorno sagte: „Ich gehe auf keinen Fall in einen Goethe-Film“.

Ich sagte: „Warum denn nicht? Goethe ist cool.“

„Goethe ist nicht cool“, sagte er.

Ich versuchte es dann noch mit einem kurzen Abriss über die Wichtigkeit und die historische Leistung Goethes für Deutschland und seine Literatur, aber das war ganz verkehrt.

„Aha“, sagte Adorno, „wusste ich es doch: Das ist ein voller Streberfilm.“

Bei dem Wort „Streberfilm“ schaute er demonstrativ zu seiner Schwester.

„Aaaah“, stöhnte er dann während der Vorstellung. „Ooooh.“

„Tut dir was weh?“

Warum Goethe sich nicht endlich umbringe, damit es ein Ende habe. Was das alles solle. Wann wir wieder zu Hause seien.

Wie sich später rausstellte, war Penelope ziemlich angefixt von dem Film, in dem sich Goethes Freund – wie Goethes Werther – aus unglücklicher Liebe zu einer verheirateten Frau umbringt.

„Ich glaube, ich würde gern Die Leiden des jungen Werthers lesen“, sagte sie.

Meine Tochter. Will Goethe lesen.

So was muss man unterstützen. Nicht, dass ich es übertreiben will, im Gegenteil. Dieses Bildungsgehabe von Minki geht mir ziemlich auf den Senkel.

Minki ist mein Nachbar und so eine Art Freund.

Immer wieder hat er mir erzählt, wie er seinem Leo Saint-Exupéry vorlas, Der kleine Prinz. Da war der grade mal eins.

„Das zahlt sich heute einfach aus“, sagt Minki.

„Saint-Exupéry bei einem Einjährigen?“, sagte ich.

„Was hast du denn Adorno vorgelesen?“

„Asterix, bis er zehn war.“

„Tja“, sagte Minki.

Nicht, dass wir uns jetzt missverstehen: Ich habe schon auch Ansprüche und finde sogar, dass man den Werther und Faust I bis 14 gelesen haben sollte. Faust II selbstverständlich nur in ganz besonderen Fällen.

Manchmal argwöhnte ich ja, dass Penelope so ein Fall war. Deshalb schlug ich ihr vor, in den Inselbuchladen zu laufen und zu schauen, ob sie das Buch hatten. Um Adorno nicht unnötig aufzuregen mit der mutmaßlich tödlichen Mischung von Spazierengehen und Goethe, sagte ich generös: „Du kannst hierbleiben und Cola trinken, Django. Das ist ja nichts für dich.“

Ich dachte, er würde mich glücklich umarmen. In Wahrheit lief ich voll in ein „Aha.“

„Was aha?“

„Ja, toll. Das ist wieder typisch.“

„Was ist typisch?“

„Alle gehen weg und ich soll hierbleiben.“

Im Buchladen haute er mich dann von der Seite an und sagte: „Du bist doch schon ganz schön alt – oder?“

„Mhm, klar.“

„Wann, glaubst du, brauchst du einen Rollator?“

Auf dem Rückweg vom Buchladen fing es zu regnen an und hörte nicht mehr auf. Von da an war Adorno still und zufrieden, denn nun war sichergestellt, dass wir das Haus nur noch im äußersten Notfall verließen. Genau genommen hörten wir erst wieder etwas von ihm, als die Fähre angelegt hatte. In dem Moment, als wir auf die Landstraße Richtung Husum einbogen, ertönte ein Adorno-Schrei. Früher hätte ich gedacht: Da muss ja was Schlimmes passiert sein, bei so einem Schrei. Aber man lernt dazu, und für seine Verhältnisse war das maximal mittlerer Erregungsgrad. Es passte jetzt auch ganz schlecht, weil im Radio lief gerade „A Horse With No Name“. Also ignorieren.

Intensivierter Schrei. Als ob der sich ignorieren ließe.

„Was ist denn los?“

„Bei mir ist schon wieder die Scheiß-Sonne.“

„Was heißt: Schon wieder? Sei froh, dass sie endlich mal wieder scheint.“

War er aber nicht.

„Duuuu“, also ich, „hast mir versprochen, dass bei der Rückfahrt die Sonne auf Penelopes Seite ist.“

Hatte ich. Ich hatte ihm gesagt, dass die Sonne beim Hinweg links und beim Rückweg rechts reinscheine. Was man halt so verspricht, wenn man seine Ruhe haben will.

„Immer ist die Sonne bei mir“, maulte Adorno. Das sei ungerecht.

Penelope hatte interessiert ihren iPod abgenommen. Sie hatte die ganzen Tage relativ heroisch zurückgesteckt. Aber nun war klar, dass sie die Chance einer Eskalation nicht noch einmal mutwillig verpassen konnte.

„Du solltest der Sonne sehr dankbar sein, Adorno“, sagte sie im Sound der älteren Schwester. „Die Sonne schenkt uns Licht und Leben.“

Er zischte: „Die Sonne ist trotzdem scheiße und zwar so was von affenscheiße.“

Sie zischte: „Adorno, glaub mir einfach, dass die Sonne nicht so was von affenscheiße ist.“

Ich fand es ja wichtig, dass sie lernten, sich in Diskussionen argumentativ zu behaupten und sich von der Position des anderen klar abzugrenzen, ohne dabei an Respekt vor der Person zu verlieren.

Doch nun waren sie kurz vor Handgreiflichkeiten. Zeit für eine antiautoritär-patriarchalische Moderation.

Ich räusperte mich. „Was Penelope sagen will, lieber Adorno: Es ist wichtig, dass wir – im übertragenen Sinne – die Sonne auf unserer Seite haben. Denn wir brauchen sie beim energetischen Aufbruch ins 21. Jahrhundert.“

Ich ging davon aus, dass ihm die Bedeutung der Sonnenenergie für die Menschheit klar war. Wozu schenkte der Superöko seinen Patenkindern sonst zu jedem Geburtstag ein Exemplar von Hermann Scheers Solare Weltwirtschaft?

„Ich weiß, dass ich die Sonne im übertragenen Sinne auf meiner Seite brauche“, brummte Adorno. Bei „im übertragenen Sinne“ hob er die Stimme so verächtlich an, dass man die Anführungszeichen hörte. „Aber jetzt kann ich sie überhaupt nicht brauchen.“

„Ohne die Sonne wärst du tot, Adorno“, hauchte Penelope.

„An der nächsten Tankstelle wechseln wir die Plätze“, keuchte er.

„Pfff“, schnippte sie und stellte ihren iPod wieder an.

„Anhalten“, schrie er, „sofort!“

Er schrie noch, als die Sonne längst nicht mehr schien.

„Ich weiß gar nicht, wo er das herhat“, seufzte die Macht.

Nach unserer Rückkehr verschlimmerte sich Adornos Fahrradphobie.

Als er ausnahmsweise wegen Terminüberschneidungen mit dem Fahrrad zum Training fahren musste – leider in meiner Begleitung – schrie er die ganze Zeit, dass er sich zur Adoption freigebe. Wenn ein Polizeiauto vorbeifuhr, winkte er aufgeregt um Hilfe. Dann hatte er irgendwie in Erfahrung gebracht, dass es eine andere Nordsee-Insel gibt, auf der nur die Einheimischen Fahrrad fahren dürfen, Urlauber aber nicht. Der kleine Nachteil ist, dass sie auch noch autofrei ist. Trotzdem quakte er jetzt die ganze Zeit, dass er nur noch auf diese Insel mitgehen würde. Wenn überhaupt. Irgendwann war die Fahrradphobie sogar schlimmer als seine Duschphobie.

"A bisle schuld"

„Also, a bisle schuld bisch du scho“, sagte die Macht zu mir.

Das war wieder diese nur vordergründig weiblich-weiche Variante der Anklage, die aber für jeden im Familientotalitarismus geübten Untertanen das darin enthaltene Todesurteil nicht verbrämen kann. Es lief darauf hinaus, dass ich angeblich selbst jahrelang eine Fahrradphobie gehabt haben soll. Und weil ich nie mit dem Fahrrad fahren wollte, habe der frühkindliche Adorno das Fahrrad als etwas Negatives rezipiert, statt die Kultur des selbstverständlichen Fahrradfahrens einüben zu können.

Richtig war sicher, dass ich zwar vom Superöko die euphorische Bereitschaft für die globale Energiewende übernommen hatte, nicht aber dessen Fahrradspleen. Der fuhr ja nur noch mit dem Fahrrad. Im Urlaub Südtiroler Berge rauf und zur Arbeit sowieso. Die Kinder hatte er früher auch mit dem Fahrrad zur Schule gefahren, ich hatte ihnen die U-Bahn-Station gezeigt. Und, na gut, zum Training hatte ich ihn mit dem Auto gefahren, weil es immer geregnet hatte. Oder zu kalt war. Oder zu heiß.

Aber dass Adorno seine Deformationen deswegen von mir haben soll, das geht mir dann doch zu weit. Bitte: Zum Beispiel grübelte er ein Jahr lang, wen er an seinem letzten Grundschultag in den Arsch treten würde. Die Sache wollte ja vorbereitet sein. Als er dann endlich mit dem Namen rauskam – „Seppl, das Arschloch“–, war ich im ersten Moment fast ehrlich empört. Seppl heißt übrigens gar nicht Seppl, sondern anders, aber ich bestand darauf, ihn im Kontext des Wortes Arschloch Seppl zu nennen, damit klar ist, dass es bei uns keine Diskriminierung von Migranten gibt.

Abgesehen von bayerischen Migranten.

„Wie?“, sagte ich, „Seppl, das Arschloch? Das ist ja der Kleinste in deiner Klasse und der Außenseiter.“

„Na eben“, sagte er.

Was soll nur aus diesem Jungen werden?

Vermutlich ein Grünen-Wähler.

Ich habe selbstverständlich am letzten Schultag der Französisch-Lehrerin in den Arsch getreten. Die war zwar zwei Köpfe kleiner, aber immerhin Establishment.

Dieser Junge hat nichts von mir.

 

Den Auszug entnehmen wir Peter Unfrieds soeben erschienenen Buch Autorität ist, wenn die Kinder durchgreifen. Wahre Geschichten aus der Familienhölle Ludwig 2012, 254 S., 14,99 €

Peter Unfried ist seit 1998 Familienvater. Er lebt mit einer Frau, einer Tochter und einem Sohn in Berlin-Kreuzberg. Aufgewachsen ist er in Stimpfach, Baden-Württemberg. Außerdem ist Unfried Buchautor, Kolumnist und Chefreporter der tageszeitung.

Kommentare (4)

Hieronymus Eisen 23.10.2012 | 18:55

Teilweise ganz lustig, größtenteils erschreckend. Bevor Sie sich einen dieser schwachsinnigen Erziehungsratgeber kaufen, hier ein paar einfache Grundregeln:

1. Sie sind nicht Partner, Kumpel, Chauffeur oder Butler, Sie sind Vater, also verhalten Sie sich auch so und machen Sie sich nicht lächerlich.

2. Seien Sie ein Vorbild und erzählen Sie dem Kind nichts, das Sie nicht selber glauben.

3. Keine Diskussion. Ihr Kind braucht Orientierung und Regeln und muss nicht immer alles verstehen.

4. Zeigen Sie dem Kind, dass Sie es lieben, aber machen Sie es auf keinen Fall zu ihrem Lebensmittelpunkt. Das Kind ist abhängig von Ihnen, nicht umgekehrt. Kinder die zu wichtig genommen werden, nehmen sich schnell auch selbst für zu wichtig, was praktisch zwangsläufig zu Problemen führt.

Das Ziel Ihrer Erziehung sollte immer sein, dass sich Ihr Kind in der Welt zurecht findet, die Sie ihm hinterlassen, aber auch in der Lage ist sie zu ändern. Mangelnde Strenge und die Orientierungslosigkeit der Eltern sind die Hauptgründe für tyrannische Kinder. Werden Sie selbst erwachsen, bevor Sie Kinder bekommen.

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Ehemaliger Nutzer 23.10.2012 | 21:07

"Sie sind nicht Partner, Kumpel, Chauffeur oder Butler, Sie sind Vater"

Was aber all das beinhaltet. Ansonsten müsstest du "Vater" mal genauer definieren, wir kennen dein Vaterbild ja nicht.

"Seien Sie ein Vorbild und erzählen Sie dem Kind nichts, das Sie nicht selber glauben."

Zustimmung.

"Keine Diskussion."

Die ergeben sich automatisch, wenn man das Kind ernst nimmt, was tunlichst zu empfehlen ist.

"Ihr Kind braucht Orientierung und Regeln und muss nicht immer alles verstehen."

Natürlich muss es alles verstehen, wenn auch nicht immer sofort. "Keine Diskussionen" ist aber Unsinn, die Kunst ist abzuschätzen wann Diskussionen Sinn machen, die Kunst ist auch abzuschätzen, welche autoritären Erziehungsmaßnahmen man eigentlich gar nicht braucht, bzw. die sogar kontraproduktiv sein können. Das bekommt man ua mit Diskussionen heraus. Außerdem gestaltet sich das Erwachsenwerden einfacher, wenn Kinder nicht immer um jede Regelaufweichung kämpfen müssen. Das kann schnell ausarten.

"Zeigen Sie dem Kind, dass Sie es lieben, aber machen Sie es auf keinen Fall zu ihrem Lebensmittelpunkt."

Das ist es doch automatisch, schon deshalb weil in unserer heutigen Welt gleichaltrige Spielkameraden fehlen, bzw. immer Organisationsaufwand betrieben werden muss (Kinder einladen, zum Spielplatz gehen...). Die Frage ist eher, ob man es verhätschelt, das sollte man natürlich nicht tun.

"Kinder die zu wichtig genommen werden, nehmen sich schnell auch selbst für zu wichtig"

Was für Allgemeinplätze, die laden geradezu zu Missinterpretationen ein.

"Mangelnde Strenge und die Orientierungslosigkeit der Eltern sind die Hauptgründe für tyrannische Kinder."

Behauptest du, genauso könnte man behaupten, dass Bewegungsmangel und mangelnder Umgang mit Gleichaltrigen zu unausgeglichenen Kindern führt. Oder zuviele Schutzregeln, ala "mach das nicht, da kannst du dich verletzen" und "iss das nicht, das ist ungesund!" etc. Zuviel Strenge kann sogar zu gewaltätigen Kindern führen.

"Werden Sie selbst erwachsen, bevor Sie Kinder bekommen."

Davon ist dringend abzuraten, man hat mehr Spaß an und mit den Kindern, wenn man sich selbst ein kindliches Gemüt bewahrt und sich noch an seine eigene Kindeit erinnern kann ;-)

Emphatie ist das Wichtigste, nicht Regeln.

SchrittmacherM 29.10.2012 | 16:33

Spitze, ... vielen Dank für die kleine Orientierungshilfe...

Leider lässt sich da nichts verallgemeinern. tut man es doch, besteht die Gefahr, dass man Eltern überschätzt und deren kinder unterschätzt. Folge wäe zum Beispiel, dass solche Eltern den Kindern im Weg stehen, weil sie tatsächlich glauben, sich genau so verhalten zu müssen. In den letzten Jahrzehnten hat sich etwas fast unmerklich verändert. Während Kinder heute erheblich mehr Input zur Entwicklung und Bildung verfügbar haben, werden die meisten Eltern dabei nicht mitkommen und ... den Kindern also im Wege stehn, wenn sie ihre eigenen Maßsstäbe mit Nachdruck durchsetzen. Und glauben sie, das tun viele Eltern.

Das bei solch rasanten Veränderungen Probleme entstehen, die sich nicht einfach lösen lasen, weil man unvorbereitet ist, muß man hinnehmen ... und eben im Zweifel darüber schreiben, wie oben im Buch geschehen.