Die Schule ist tot - es lebe das Lernen

NATHAN UND HAMLET Für die Auflösung des staatlichen Schulmonopols

Schule ist die Monopolisierung des Lernens durch den Staat. Das offenkundigste Merkmal der staatlichen Schule ist ihre Resistenz gegenüber Veränderung und Kritik: es gelingt ihr, das tausendfach von Schülerinnen, Eltern und LehrerInnen erfahrene, systematisch produzierte Leiden an der Schule als bloß zufälliges Fehlverhalten dort und da, als bloß persönliches Versagen des einen oder anderen abzutun.

Der Schlüssel zum Verständnis dieser Resistenz liegt in der geschichtlichen Einführungssituation der Schule als öffentlicher Anstalt. Die humanistische Idee, alle Menschen über Erziehung und Unterrichtung als der gleichen Vernunft Mächtige und der gleichen Moral Unterworfene neu zu erschaffen: das ist die faszinierende Utopie der Aufklärung. Die grandiose Phantasie, daß alle Kinder zur gleichen Zeit und auf dieselbe Weise die gleichen Inhalte lernen sollen: das ist die revolutionäre und zugleich unmenschliche Idee der öffentlichen Schule.

»In den Schulen, ihr Fürsten, in den Schulen ihr Väter des Staates«, so der leidenschaftliche Appell des Philanthropen Johann Heinrich Campe (1746 bis 1818), »in den Schulen oder nirgends muß man die Werkstatt anlegen, wenn man Menschen veredeln, Gewerbe, Künste und Wissenschaft befördern und Nahrung und öffentlichen Wohlstand des Landes erhöhen will.«

Die Tragik dieser Schulideologie liegt in ihrer Absolutheit: »In den Schulen oder nirgends ...«. Durch die Usurpation jeder möglichen Vorstellung von Lernen für sich ist die Schule eine Agentur der Entwertung und Vernichtung anderer Formen des Lernens geworden. Vor allem jenes Lernens, das sich in dem bis dahin auch Kindern weitgehend ohne Einschränkung zugänglichen gemeinsamen Lebensprozeß und von diesem ungetrennt abspielte. Erst nach der Trennung von Leben und Lernen war es notwendig, den klassischen Spruch, demzufolge wir nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen, wieder aufzuwärnen.

Das Pathos der Aufklärungspädagogen aber war nur die eine Seite der historischen Einführung von Schule. Die Fürsten und Väter des Staates, auf der anderen Seite, ließen keinen Zweifel daran, was sie von den Segnungen der Schule erwarteten: »Ein bisgen Lesen und Schreiben«, ließ der Große Friedrich seinen Minister Zedlitz wissen, genüge für den normalen Untertanen. »Wissen sie aber zuviel, so laufen sie in die Städte und wollen Sekretärs werden, deshalb muß man den Unterricht auf dem platten Lande so einrichten, daß sie bloß das Notwendige, was zu ihrem Wissen nötig ist, lernen.«

Aus der Leugnung dieses Widerspruchs ist jene fatale Form des Selbstbetrugs entstanden, der pädagogisches Denken bis heute nachhaltig vernebelt. In einer Epoche zunehmender Tendenzen zu einem eigenbestimmten Leben formiert sich ernsthafter Widerstand gegen das Lernmonopol der Schule.

Entscheidendes Signal für die Unausweichlichkeit einer neuen Zukunft des Lernens ist der Wandel des Wissens. Damit ist weit mehr gemeint als die gigantische quantitative Steigerung des Wißbaren, sondern eine Veränderung der Qualität des Wissens, die man als »Nathanisierung« bezeichnen könnte: Binnen weniger Jahrzehnte haben ausnahmslos alle aus sich selbst heraus richtigen Wahrheitssysteme ihren Absolutheitsanspruch verloren, ist jede mögliche Begründung eines Wissens als einzig wichtig und richtig hinfällig geworden. Das Denken ist bedeutsamer geworden als das Wissen, die Wahrheitssuche lebenswichtiger als die Wahrheit.

Der Nathanisierung des Wissens folgt die »Hamletisierung« des Handelns: Eine als kausal und eindimensional gedachte Ordnung der Welt weicht einer systemischen, vernetzten, chaotischen. Das bedeutet die Begrenzung des Machbaren, den Vorrang des Achthabens vor dem Rechthaben. Die vielfältige Bezogenheit der Natur, des Lebens, des Handelns kann nicht weiter dem Diktat vorgefaßter Methodiken, standardisierter Überprüfungen, eindeutiger Ergebnisse untergeordnet werden. Nicht nur in den TV-Talkshows geht das endlose Reden über Möglichkeiten des Handelns einem möglichen Konsens über das Handeln voraus.

Die heimliche Revolution des Lernens spiegelt sich zunächst außerhalb der Schule. In den Spielen der Kinder, in aller Art von Sport und Bewegung und vor allem: in den Medien. Kulturpessimistische Kritik dieser konsumindustriellen Entwicklung greift bei weitem zu kurz. Die Botschaft aller dieser Spiel- und Lernwaren ist selbst dort, wo sie nicht mehr als wertloser Kundenfang ist, die Befreiung zum Lustigen, die Vielfalt, die Selbstinszenierung, die Faszination des Augenblicks, und sie wird geglaubt. Längst haben die Mountainbiker die Orthodoxie der Straße verlassen, die Snowborder die Strenge des Stemmschwungs, die Streetballer die Einzäunung des Spielfeldes und, sowieso, die Computerfreaks die sterile Techno-Logik der Bits Bytes. Selbstverwirklichung gilt in gesamteuropäischen Befragungen tausender Jugendlicher in West und Ost als bei weitem am höchsten bewertetes Lebensziel.

Früher oder später wird dieses neue heterodoxe Leben und Lernen auf die Schule zurückschlagen. Die Abstimmung mit den Füßen ist schon im Gang: im Schnitt schwänzen in den europäischen Schulen 30 Prozent der Schüler 30 Prozent des Unterrichts. Gestreßte LehrerInnen werden in wachsender Zahl nicht mehr bereit sein, unter von ihnen nicht zu beeinflussenden Bedingungen didakatisch zerstörerischer Strukturen zu unterrichten. Vermögendere Eltern werden zunehmend die Möglichkeit nutzen, aus dem Gesamtkatalog europäischer Bildungsangebote jene für ihre Kinder auszuwählen, die eine befriedigendere und beruflich chancenreichere Ausbildung garantieren, und geschäftstüchtige Bildungsunternehmer werden neue Lernangebote auf den Markt bringen.

Für die Zukunft des Lernens nach der Schule lassen sich völlig andere Organisationsformen denken, deren Vorboten ebenfalls bereits allenthalben zu sehen sind: Vernetzung von Lernangeboten, die aus den unterschiedlichsten Quellen kommen - aus öffentlichem Unterricht, aus Kursangeboten privater Bildungsveranstalter, aus Heilslehren religiös-ideologischer Vereinigungen, aus Unterrichtsmaterialien praxis- und berufsorientierter Anbieter, aus Kassetten, Disketten und CD-Roms medialer Bildungsvermarkter. Die Schulen der Zukunft werden multimediale Discotheken (disco von discere: lernen) von ähnlich fundamentaler Bedeutung wie einstmals die großen Bibliotheken: Lernenvironments, die eine Vielfalt von Inhalten, Formen und Zielen der Bildung anbieten, von der persönlichen Instruktion bis zum Computerlernen, vom kultuvierten Hobby bis zur fertigen Berufsausbildung. Schule wird aufhören, ein staatlicher Monopolbetrieb zu sein und eine vielfältige private Bildungslandschaft neben sich dulden.

Bildung und Ausbildung werden dadurch nicht aufhören, eine öffentliche Aufgabe zu sein. Im Gegenteil. Die Bildungsformel der Zukunft heißt: Rechtliche und finanzielle Gleichstellung öffentlicher und privater Lernunternehmungen. Das heißt für die öffentlichen Schulen Autonomie und für die privaten Öffentlichkeitsrecht. Wie weiland die subversiven Hacker bei den großen Computerfirmen reussierten, werden die Alternativschulen aller Art, die heute kümmerlich aus mageren Subventionstöpfen und privaten Brieftaschen ihr Dasein fristen, zu anerkannten, staatlich finanzierten Schulen.

Mit einer gewissen Rührung habe ich kürzlich gelesen, daß auf dem Gebiet der ehemaligen DDR Kirchen zum Kauf angeboten werden, weil sie nicht mehr gebraucht werden. Demnächst könnten es die Kirchen der Bildung sein, die zu haben sind: die Schulen.

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00:00 19.03.1999

Ausgabe 41/2021

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