Die Schulen sind die Zukunft der Orte

Rückgang der Schülerzahlen In Brandenburg: werden immer mehr Schulen geschlossen. Dabei haben sie gerade in strukturschwachen Gebieten eine wichtige kulturelle und soziale Funktion

Der Kindergarten in Grabow ist zu verkaufen, die Grundschule in Gerdshagen steht seit vier Jahren leer und bald auch als Immobilienangebot im Netz, und im benachbarten Sadenbeck ist der demografische Wandel zum steinernen Sinnbild geronnen: In den Mauern der ehemaligen Grundschule eröffnet demnächst die Seniorenresidenz Prignitz.

"Keine Schulen, keine Dörfer", haben Franziska, Sebastian und Julian auf ihr Transparent geschrieben. Zweiundzwanzig Schulen sind im Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs in den letzten Jahren geschlossen worden. Im nächsten Schuljahr werden wieder drei Schulen nicht mehr belegt. Auch ihre Schule ist dabei, aber sie sind wild entschlossen, gegen die Schließung zu kämpfen.

"Oberschule Karstädt" steht schlicht an dem alten Plattenbau am Ortsrand. Der Schulhof grenzt an einen Acker, dahinter ein Wäldchen und der Windpark. Die Betonplattenstraße vor der Schule ist mit ihren Löchern und Asphaltnähten eine Art historische Verkehrsberuhigung aus DDR-Zeiten. Neben dem Lehrerzimmer hängen hinter Plexiglas die Listen der Schulrekorde von 1972 bis ´85. Im nächsten Schuljahr wird es keine siebte Klasse mehr geben.

Das Transparent von Franziska, Sebastian und Julian wartet noch auf seinen Einsatz, denn aus der geplanten Demonstration in der Kreisstadt Perleberg wurde nichts. Das Schulamt hat die politische Betätigung während der Schulzeit kurzerhand untersagt, und nachmittags sind die Busverbindungen so schlecht, dass sie nicht dorthin kommen.

In der zehnten Klasse sind die drei und mit 15 und 16 Jahren in einem Alter, in dem viele den Schulbesuch in einer größeren Stadt der sozialen Kontrolle kleiner Ortschaften vorziehen würden. Aber sie schätzen ihre Schule, wollen die Überschaubarkeit, die gleiche Augenhöhe mit den anderen, die auch aus den umliegenden Dörfern kommen, und vor allem wollen sie keine längeren Schulwege.

7.000 Einwohner hat die Gemeinde Karstädt mit allen dazugehörenden Dörfern. Aber der Einzugsbereich der Schule ist viel größer. Julian kommt aus dem 25 Kilometer entfernten Lenzen. Die Schule dort wurde vor zwei Jahren geschlossen. Die Wege sind jetzt schon weit, und vor allem dauern sie lange, denn die Busse fahren jede Siedlung ab, bis sie endlich um acht Uhr die Schule erreichen.

Karstädt war einst landwirtschaftliches Produktionszentrum. Große Silos überragen weithin sichtbar die schmucklosen Plattenbauten und kleinen Einfamilienhäuser. Das ortsprägende denkmalgeschützte Haferflockenwerk steht weitgehend leer. In der Gemeindeverwaltung findet man es als Miniatur-Modell wieder, der ambitionierte Sanierungsentwurf einer Architekturstudentin, die den Leerstand zumindest auf dem Reißbrett gestaltet hat: Lofts hinter Backsteinmauern, Balkone, eine Sauna hat sie eingezeichnet, und auf einer Promenade vor dem langen Gebäude flanieren kleine Figuren.

Karstädt ist seit der Wende vom Produktions- zum Versorgungszentrum geworden. Es gibt ein paar mittelständische Unternehmen, und mit viel trotzigem Engagement hat es die Gemeinde geschafft, als Entwicklungsgebiet in der Landes-Wirtschaftsförderung zu bleiben. Mit der geplanten Autobahn A 14 soll die Gewerbeansiedlung kommen und junge Fachkräfte und ihre Familien mitbringen. Aber wenn die Infrastruktur im Ort nicht mehr stimmt, wird niemand kommen. Wer seinen Kindern Gutes tun will und es sich leisten kann, zieht weg. Die Schule ist die Zukunft des Ortes.

Während die Gemeinde noch um diese Zukunft kämpft, hält das Berlin-Institut für Weltbevölkerung den gesamten Landkreis Prignitz für nicht mehr zukunftsfähig. Bei der Kaufkraft, den Bildungschancen, den Arbeitsplätzen, überall gibt es schlechte Noten, nur beim Indikator Freiflächen eine glatte Eins. Der Bevölkerungsschwund ist enorm. Seit der Wende ist die Einwohnerzahl auf das Niveau von 1890 gesunken. Mit 42 Menschen pro Quadratkilometer ist die Prignitz der am dünnsten besiedelte Landkreis in der Republik.

"Die Entleerung zulassen" lautet die Empfehlung der Demografen für solche Regionen, die öffentlichen Mittel auf "Wachstumskerne", auf "Leuchtturmgebiete mit Ausstrahlung" konzentrieren und die ländlichen Randgebiete sich selbst und der Natur überlassen. Die Landesregierung in Brandenburg ist die erste, die diese Empfehlung in der Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung seit 2005 umsetzt. Fördermittel werden unter dem Motto "Stärken stärken" auf die Regionen mit den besten Chancen konzentriert. Seitdem herrscht unter den Städten und Gemeinden ein verschärfter Konkurrenzkampf um Schulstandorte. "Der Verlust von Schulen beschleunigt die Abwärtsspirale in den schwächeren Gebieten und schreibt die Richtung der Entwicklung fest," meint Jörn Atlas, Schulleiter im Prignitzer Glöwen. Er will eine Bildungsdiskussion im Landkreis, weg von der Fixierung auf Schülerzahlen, hin zur Debatte über Qualität. "Gerade in den strukturschwachen Gebieten haben Schulen eine wichtige kulturelle und soziale Funktion."

Bei hoher Arbeitslosigkeit steigen die Anforderungen an Schule bereits im elementaren Bereich. Psychische- und Sprachentwicklungsstörungen nahmen in den letzten Jahren in Brandenburg auffällig zu. Sie stehen in unmittelbaren Zusammenhang mit der sozialen Lage der Eltern, so das Ergebnis einer Untersuchung in Kindertagesstätten.

In der Schule in Glöwen werden Kinder mit Lern- und Körperbehinderungen integriert, es gibt einen fächerübergreifenden Projektunterricht, Kooperation mit Betrieben im Praxislernen, Musik- und Kunstprojekte, einen ökologischen Lehrpfad, und die Schüler gestalten die Gedenkstätte auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Außenlagers mit. Die Schule ist weit über den kleinen Ort hinaus bekannt. Auch das Bildungsministerium ist begeistert, aber nun liegen die Anmeldungen für die siebte Klasse im dritten Jahr unter der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzahl. Das ist das Aus - auch für die preisgekrönten Glöwener.

Bis zum Jahr 2020 werden die Schülerzahlen weiter sinken. Der kürzlich erschienene Forschungsbericht der Robert-Bosch-Stiftung Demografie als Chance nimmt einen Rückgang um bundesweit zwei Millionen an. In Brandenburg wird der Schwund mit 35 Prozent relativ gesehen am höchsten sein. Was zunächst als Verlust erscheint, setzt gleichzeitig beträchtliche Finanzmittel frei, die, so empfiehlt die Studie, unbedingt wieder in den Bildungsbereich investiert werden sollten. Das fordert auch die Brandenburger GEW und die Landesschüler- und Elternvertretung. Horst Weishaupt von der Universität Wuppertal hat Konzepte für schrumpfende Regionen entwickelt. Er empfiehlt kleinere Klassen und integrierte Schultypen bis zum zehnten Jahrgang. Der neu eingeführte Flex-Unterricht, bei dem bereits in über hundert Grundschulen je zwei Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden, führt in die vorgeschlagene Richtung. Auch für die höheren Jahrgänge wären neue Modelle finanzierbar, wenn mit den frei werdenden Mitteln aus dem Bildungsbereich nicht mehr andere Haushaltslöcher gestopft würden.


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00:00 09.02.2007

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