„Die Schwachen brauchen wir nicht“

Blockbuster Im Kino führt China gerne vor, wie stark es sich fühlt. Die Kraftmeierei kommt leider völlig ohne Ironie aus
„Die Schwachen brauchen wir nicht“
„Denkt immer daran: Das mächtige Vaterland ist stets bei euch!“

Foto: Imago Images/ZUMA Press

Jede politische Machtverschiebung geht mit einer kulturellen einher. Manchmal schreitet letztere voran. Noch ist China keine große Weltmacht. Doch in den erfolgreichen chinesischen Blockbustern der vergangenen Jahre hat die Wachablösung bereits stattgefunden. Die Volksrepublik inszeniert sich in diesen Filmen als starke Nation mit eisernem Willen. Man fühlt sich an Hollywoods kraftmeierische Produktionen aus der Zeit des Kalten Krieges erinnert – etwa an den Film Die rote Flut von 1984, in dem junge US-Amerikaner eine kommunistische Invasion mit brachialer Gewalt bekämpfen.

Ähnlich durchschaubar arbeiten auch die chinesischen Blockbuster. Bislang wird betont, dass China zwar durch die Initiative „Neue Seidenstraße“ wirtschaftlich an Macht gewinne und dass die kooperierenden Länder bisweilen in Schuldenspiralen geraten, der chinesische Drache jedoch kein amerikanischer Falke sei, der versuche, anderen Staaten ein politisches System aufzuoktroyieren, geschweige denn interventionistisch vorgehe.

Noch liegen die Militärausgaben mit 250 Milliarden US-Dollar deutlich unter denen der USA (648 Milliarden US-Dollar), doch China holt auf. In Operation Red Sea von 2018, einer der erfolgreichsten Produktionen der chinesischen Filmgeschichte, soll die eigene militärische Stärke auf den vielen großen Leinwänden – täglich werden in China 25 neue Kinosäle in Betrieb genommen – demonstriert werden.

Der Film beginnt vor der Küste Somalias, wo eine chinesische Navy ein von Piraten gekapertes Handelsschiff befreien muss. Ostentativ blutig – in Zeitlupe ist das Eindringen der todbringenden Kugeln zu sehen – wird das Vorgehen der knallhart durchgreifenden Scharfschützen zur Schau gestellt. Anschließend muss ein fiktiver Staat im Nahen Osten, wo sich chinesische Staatsbürger in Gefahr befinden, von Terroristen befreit werden. Wo auch immer auf der Welt Chinesen bedroht werden, naht Rettung, verkündet der Film.

Gleiches gilt bei vermeintlich unbedeutenden Landstrichen, die von Feinden besetzt sind. In Wolf Warrior von 2015 steht eine chinesische Spezialeinheit im Mittelpunkt, die bei einer Übung angegriffen wird: von einem Gangsterboss und seiner Söldnergruppe, die aus überwiegend westlichen ehemaligen Soldaten besteht. Der Kampf wird in einem nicht näher verorteten Niemandsland ausgetragen. Es ist nicht schwer, den allegorischen Gehalt der 08/15-Story zu erkennen: Sollte der Westen China in die Quere kommen, fährt der Drache seine Krallen aus.

Im Film fallen Sätze wie „Unterschätzen Sie die Chinesen nicht“ oder „Jeder von uns ist ein ganz Harter. Die Schwachen, die brauchen wir nicht“. Während das Hollywoodkino solche Phrasen nur noch drischt, um sie gleich darauf ironisch zu brechen, meint es Wolf Warrior vollkommen ernst. Selbst ein unwirtlicher Landstrich, lernt der geneigte Zuschauer, kann schön sein – „weil es die Grenze der Volksrepublik China ist“. Dies sei das Land, „für das wir mit unserem Leben und unserem Blut kämpfen müssen“.

Der Film spielt zwar auf dem Land, handelt aber eigentlich von einem aktuellen maritimen Konflikt: Gedroht wird hier den USA, von denen sich die Volksrepublik in ihrer Souveränität im Südchinesischen Meer bedroht sieht.

Präsident Xi Jinping erhebt Anspruch auf die für ein derart großes Land auf den ersten Blick unbedeutend erscheinenden Paracel- und Spratly-Inseln, die kaum mehr sind als karge Felsen im Meer. Der Grund dafür ist, dass durch das Südchinesische Meer jährlich Handelswaren im Wert von fünf Billionen US-Dollar verschifft werden, weshalb die USA indirekt an dem Territorialkonflikt beteiligt sind.

Die Erde ist nicht genug

Eine Erkenntnis, die auch der zweite Teil von Wolf Warrior vermittelt. Wie in Operation Red Sea wird die militärische Präsenz der raumfremden Macht mit einer terroristischen Bedrohung legitimiert. Die chinesische Flotte wird aus dem Indischen Ozean nach Afrika verlegt. Zwar wartet man vergeblich auf eine Ermächtigung zum Angriff seitens der UN, aber die besondere Lage verlangt besondere Maßnahmen. Erinnerungen an die westliche Kolonialherrenmanier werden wach, wenn ein chinesischer Soldat schwärmt: „Afrika – gutes Essen, schöne Landschaften, noch schönere Frauen.“ Ästhetisch erinnern die Wolf-Warrior-Filme an die hyperrealistischen Hochglanzbilder von Michael Bay, angereichert mit einigen Martial-Arts-Kampfeinlagen.

Technisch ist das einwandfrei umgesetzt, nie aber schön anzusehen. Die Kunst hat das Nachsehen, wo es darum geht, ideologische Botschaften zu platzieren. Das Fazit des zweiten Teils klingt wie eine offizielle Verlautbarung von Präsident Xi Jinping: „Bürger der Volksrepublik China, gebt bei Gefahr auf fremdem Boden niemals die Hoffnung auf. Denkt immer daran: Das mächtige Vaterland ist stets bei euch!“

In Deutschland haben diese Filme keinen Kinostart, doch in der Heimat spielen sie oft mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar ein. Aber auch Brachiales aus Hollywood sehen Chinesen gern: Die undemokratisch agierenden Superhelden von Marvel erklimmen regelmäßig die Spitze der Kinocharts; zudem werden vermehrt amerikanisch-chinesische Koproduktionen gedreht, um so die Quotenvorgabe der Kommunistischen Partei zu umgehen.

Inzwischen treten Russen in Hollywoodfilmen wieder wie vor 1989 als Feinde auf, während chinesische Figuren überaus positiv erscheinen. Oft kommt China in Hollywood neuerdings eine Schlüsselrolle zu: So stellen die Chinesen der NASA in Der Marsianer eine Rakete bereit. Sandra Bullock kann in Gravity als einsam im All schwebende Astronautin nur dank einer chinesischen Raumstation gerettet werden.

Es verwundert nicht, dass China selbst das Science-Fiction-Genre für sich entdeckt, das einst als westlich und kapitalistisch geächtet wurde. Die wandernde Erde ist in China der erfolgreichste Film aller Zeiten. Er basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Cixin Liu. Netflix sicherte ihn sich sofort und veröffentlichte den Film jetzt auch in Deutschland.

Erzählt wird die Geschichte einer globalen Katastrophe: Die expandierende Sonne droht die Erde zu zerstören. Die Rotation des Planeten muss gestoppt werden. Eine Seite der Erde wird mit Triebwerken versehen und diese so in ein riesiges Raumschiff verwandelt, damit die Menschheit in ein neues Sonnensystem aufbrechen kann.

Astrophysikalisch betrachtet ist das Unsinn, doch die ideologische Aussage deckt sich mit der Wirklichkeit. Die Welt ist für China nicht genug, jetzt muss das All erobert werden – der Wettlauf, der an die Zeit des Kalten Krieges gemahnt, hat längst begonnen. Wie die USA möchte China den Mars besiedeln. Das Weltall verspricht der Ort künftiger geopolitischer Auseinandersetzungen zu werden.

In den chinesischen Blockbustern spiegelt sich nicht nur, wie der Ideologiekritiker Siegfried Kracauer mit Blick auf Mainstreamfilme einst sagte, die Gesellschaft wider, sondern auch die Weltpolitik. Diese wird unter chinesischer Führung kaum friedlicher sein. Vielleicht wird man sich schon bald nach dem guten alten Hollywood-Imperialismus zurücksehen – wenn auch nur, weil die Filme der 80er Jahre wenigstens Charme und Humor besaßen.

Wolfgang M. Schmitt betreibt auf Youtube den ideologiekritischen Kanal Die Filmanalyse

06:00 29.06.2019
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