Die Schweiz und das Grundeinkommen

Initiative Es kann gut sein, dass es beim Nachbarn bald bedingungslos 2.000 Euro monatlich gibt

Wenn alles gut geht, winkt mir ebenso freien wie armen Schreiberling doch noch ein sorgenfreier Lebensabend. Es könnte nämlich sein, dass in der Schweiz, anders als wohl in Deutschland, in den nächsten Jahren das bedingungslose Grundeinkommen eingeführt wird. Dabei geht es immerhin um 2.500 Franken im Monat; das sind rund 2.000 Euro. Unter dem Titel „Für ein bedingungsloses Grundeinkommen“ wurde vor knapp einem Jahr die Unterschriftensammlung gestartet, damit diese Initiative auch zur Volksabstimmung kommt. Dazu braucht es 100.000 Unterschriften, danach wird irgendwann das Volk abstimmen und die Initiative hoffentlich annehmen. Die Frist zur Unterschriftensammlung läuft im Oktober 2013 ab. Bis jetzt sind schon gut 70.000 Unterschriften zusammen, das Thema gewinnt an Drive. Das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft, vor allem in den Städten haben die Befürworter unterschrieben, die ländliche Schweiz wartet noch.

Prominente Befürworter stammen, wen wundert‘s, vor allem aus dem kulturellen Milieu, der Schriftsteller Adolf Muschg, die Schriftstellerin Ruth Schweikert, der Sänger Endo Anaconda von Stiller Has oder die Rapperin Big Zis. Auch Judith Giovanelli-Blocher, die Schwester des SVP-Gurus Christoph Blocher, ist für das Grundeinkommen.

Faule Haut

Das politische Schwergewicht im Initiativkomitee ist der Sozialdemokrat Oswald Sigg, ehemaliger Regierungssprecher der Schweiz. Die Linke steht dem Grundeinkommen insgesamt nicht so skeptisch gegenüber wie in Deutschland. Schon 2010 hat sich beispielsweise die Gewerkschaft Syna, eine Art Gemischtwarenladen mit 40 verschiedenen Branchen, für das bedingungslose Grundeinkommen als „wichtiges Kriseninstrument“ ausgesprochen. Wirtschaftsethiker wie Peter Ulrich oder der Unternehmer Daniel Häni geben Flankenschutz.

Die Argumente der Gegner sind ein bisschen fantasielos, sie sagen beharrlich, dass eine ordentliche Finanzierung des Grundeinkommens nicht möglich sei. Ob „Avenir Suisse“, der Thinktank der Schweizer Großindustrie, sämtliche Wirtschaftsverbände, die Volkspartei von Christoph Blocher – bei allen klingt es gleich: Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld? Außerdem schlägt in diesen Kreisen die calvinistisch-zwinglianische Arbeitsmoral durch: Man vertritt die Auffassung, dass sich bei einem Grundeinkommen mindestens die Hälfte der Bevölkerung auf die faule Haut legen würde.

Ich bin voll und ganz für dieses Grundeinkommen: Selbstverständlich lege ich mich auch mit diesem Einkommen nicht ins Bett, sondern arbeite, finanziell abgesichert, weiter. Ich werde sogar sehr gerne arbeiten, weil mir manche textliche Erniedrigung zum Geldverdienen erspart bliebe und ich auch wieder im Stande wäre, wertvolle Gratisarbeit zu leisten.

Zur Finanzierung hätte ich schon ein paar Vorschläge: Die 3,126 Milliarden Franken, welche 22 neue Kampfflugzeuge für die Schweizer Luftwaffe kosten sollen, werden in diesen Fonds eingeschossen, ebenso die 2,5 Milliarden, welche die projektierte Winterolympiade 2022 in Graubünden verschlingen würde. Eher als Peanuts kommen die 72 Millionen dazu, die Novartis-Chef Daniel Vasella als Abgangsentschädigung hätte erhalten sollen.

Wolfgang Bortlik, geb. 1952, ist freier Autor und Kapitän in der Schriftsteller-Fußballnationalmannschaft. Er wohnt bei Basel

 

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 9/13 vom 28.02.20013

10:45 04.03.2013

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