Die Sex-Bombe

Eros Ovid, Saupoet? Die Furcht vor seiner „Ars amatoria“ ist ein Erbe der Reformation
Die Sex-Bombe
Die Fotos des Themenschwerpunkts stammen von Kolja Warnecke, der das Reformationsjahr mit seiner Kamera begleitet hat

Foto: Kolja Warnecke

Für vieles gab die luthersche Wende in Deutschland den Gang vor – zumal in der Literatur, die bis zum 19. Jahrhundert weitgehend protestantisch geprägt war. Ein gutes Beispiel dafür liefert die Aufnahme von Ovids Ars amatoria in Deutschland, einem Text, der nur mit großen Vorbehalten, starkem Widerwillen und oft offenem Abscheu aufgenommen wurde, ja, der zuzeiten selbst den Ovid der Metamorphosen den Deutschen suspekt machte.

Warum? Die Liebeskunst ist ein ganz und gar weltlicher, in bestem Sinn un-verschämter Text, dessen offene Sinnes- und Lebensfreude, dessen intellektuelles Raffinement und vertrackte Verfeinerungskunst, dessen Stolz aufs Artifizielle und vor allem dessen emanzipatorische Pointe der letzten Erfüllung im gleichberechtigten Austausch beider Geschlechter einfach nicht ins damalige Geistesklima passen wollten. Denn es war ein nach innen gerichtetes und zumeist protestantisch leib- und weltfeindliches Klima. Und die Liebeskunst fügte sich so gar nicht ins Bild der reinen Frau, die treu und devot ihrem Manne zu Diensten zu sein habe.

Die Ars ist ein ungemein emanzipatorischer Text, eine sexuelle Gleichberechtigungsbombe gewissermaßen, die zwar nicht gleich macht, was nicht gleich ist, aber die Erfüllung der Liebe (den nach vorheriger kunstvoller körperlicher und geistiger Reizung begangenen Akt) nur dann als wirklich gelungen gelten lässt, wenn beide Partner gleichberechtigt und im selben Moment „bis ins Mark erweicht“ ineinander zerfließen.

In Wittenberg war Ovid eigentlich gern gesehen. Melanchthon schätze die Metamorphosen und war an der Erstellung eines Kommentars zu ihnen maßgeblich beteiligt. Und obwohl Luther zahlreiche allzu freie antike Autoren als Schullektüre verbieten wollte – Juvenal, Martial oder Catull –, beurteilte der Reformator ausgerechnet Ovid günstig: „Ouidius ist ein feiner poet gewesen, (…) qui exceditit alios sententiis, er kann die schönsten sentetias in eynem verschen bringen“.

Ob der an durchschlagskräftigen Merksätzen und Parolen stets interessierte Thesenhämmerer allerdings die Ars gelesen hat, und was er gegebenenfalls von ihr hielt, ist nicht überliefert. Ziemlich sicher wäre er entsetzt gewesen: Luthers Ideen zum geschlechtlichen Umgang mit Frauen (von Umgang mit Männern gar nicht zu reden) waren grundsätzlich anders als die Ovids. Die Reizungen geschlechtlicher Anziehung waren Luther eher lästig, seine Gedanken über die Ehe versuchen, das Problem gänzlich auszublenden: „Im ersten Jahr des Ehestandes hat einer seltsame Gedanken. Wenn er über Tisch sitzt, so denkt er: Vorher warst du allein, jetzt aber bist du selbander. Im Bett, wenn er erwacht, siehet er ein paar Zöpfe neben ihm liegen, das er vorher nicht sah.“

Ohje, Sünde! Gott schaut weg

Aber das Problem ging natürlich tiefer. War Luther auch gegen das Zölibat – seine Einstellung zur geschlechtlichen Lust war keinen Deut weniger mittelalterlich als die der katholischen Kirche. Alle Sexualität war von Erbsünde befleckt, Liebe nur da rein und gut, wo unkörperlich.

An außereheliche Sexualität war gar nicht zu denken, aber selbst in der Ehe sah Luther sie als Problem: „Denn nun ist die Liebe nicht mehr rein, denn wiewohl ein ehelich Gemahl das andere haben will, so sucht doch auch ein jeglicher seine Lust an dem andern, und das fälscht diese Liebe. Deshalb ist der eheliche Stand nun nicht mehr rein und ohne Sünde, und die fleischliche Anfechtung ist so groß und wütend geworden, dass der eheliche Stand nun hinfort gleich einem Spital der Siechen ist, auf dass sie nicht in schwerere Sünde fallen.“

Die Fortpflanzung ist Pflicht, der Geschlechtsverkehr Sünde – ein Dilemma, für das Luther nur einen Rat weiß: Er nimmt an, dass Gott gewissermaßen ein Auge zudrückt. „Gleichwie die eheliche Pflicht nicht ohne Sünde geschieht, und doch Gott solchem Werk um der Notwendigkeit willen durch die Finger sieht, weil es nicht anders sein kann.“

Ferner kann eine Liebeskonzeption von der Ovids nicht sein – er fällt in Deutschland in Acht und Bann. Johann Fischart nennt Ovid 1575 einer der „etlichen mutwilligen Poeten“, die „wegen leichtfertiger Reden“ aus den Schulen verbannt sind. In Anspielung auf dessen berüchtigtes Gedicht Amores III, in dem der Protagonist sich brüstet, seine Gespielin im Laufe der Nacht neunmal beglückt zu haben, taucht bei Fischart eine „ovidische neunreutrige Zirene“ in wüstester Gesellschaft anderer lasterhafter, sexuell unersättlicher, bis zu Tiersex und Vielfachbeischlaf orgiastischer Schreckensfrauen auf. Der erotische Ovid ist unrettbar mit Vorstellungen von sexueller Ausschweifung behaftet, der österreichische Geistliche Christoph Selhamer nennt in seiner Predigtsammlung Tuba analogica die Dichter Properz, Tibull, Horaz, Juvenal und Ovid denn auch porcini Poetae, also „Saupoeten“.

Der erotische Ovid der Ars und der Amores wird in der deutschen Dichtung als „Hurenovid“ gemieden wie die Syphilis und mit anathematischem Schweigen belegt. Christoph Martin Wieland schrieb in seiner prüden Jugendzeit gar einen Anti-Ovid, in dem er ausführt, dass der ovidische Ansatz, den Leib als Erkenntnisinstrument zu verwenden, grundfalsch sei und die allein wahre Liebe eine vorsinnliche Liebe sei, die kunstlos-kindlich unverfälschte Liebe des goldenen Zeitalters.

Erst Ende des 18. Jahrhunderts beginnt die Front gegen den erotischen Ovid zu bröckeln. Jetzt tritt ein Johann Christian Günther auf den Plan, der Erste, der im Stile Ovids dichtet – dafür allerdings auch als Saupoet beschimpft wird. Um 1790 herum erscheinen plötzlich Übersetzungsversuche der Ars in Serie. Alle Übersetzer stehen dabei unter erheblichem Rechtfertigungsdruck und entwickeln entsprechende Rechtfertigungsstrategien: Wahlweise zählen sie die Ars zur parodistischen, also nicht ernst gemeinten Dichtung; versuchen darzulegen, Ovid habe im Buch gar nicht über das Verhältnis der beiden Geschlechter im Allgemeinen geschrieben, sondern nur über den speziellen Fall des Umgangs mit Hetären. Der zweite deutsche Übersetzer, ein Herr Nitz, versucht Ovid wiederum als „kühlen Dozenten“ vorzustellen, im Laufe der Übersetzung muss er jedoch feststellen, dass Ovid eben gar nicht „kühl“ ist.

Nur Goethe wird Ovid als Dichter zu erfassen vermögen und produktiv in den Elegien umbauen, deren erste Gestalt 1788 noch mit einem absichernden Motto mit Ovid-Zitat aus der Ars versehen ist. Später, in den Neuen Schriften 1800 und in der Werkausgabe 1806, wird der seiner Sache sicherer gewordene Goethe auf das Motto verzichten. Vollends wird dann der gewaltige Ovid-Eintrag in der Allgemeinen Encyclopädie der Wissenschaften und Künste die Ars Amatoria für eine breite deutsche Öffentlichkeit als großes autonomes Kunstwerk erkennen und als solches zu würdigen wissen. Ein „treffliches poetisches Erzeugnis“, das als „Ovids Hauptwerk“ durchaus neben den Metamorphosen bestehen kann.

Der Text ist eine stark gekürzte Fassung eines Vortrags, gehalten am Lehrstuhl der Altphilologin Melanie Möller, die eine neue Fassung der Liebseskunst im Verlag Galiani mitherausgibt

06:00 06.11.2017

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