Die Sichtbarkeit des Sterbens

Mittelmeer In der Pandemie wird die Seenotrettung erneut kritisch diskutiert. Doch die Menschen fliehen weiter – ohne Hilfsinitiativen würde die Bedrohung ihrer Leben unsichtbar

„Nachdem wir bei dem ersten Holzboot ankamen, preschten plötzlich Schnellbotte der libyschen Küstenwache heran. Die Männer hatten Waffen. Einer von ihnen ist auf das Boot gesprungen“, erzählt Cédric Fettouche. Dann sei die Situation eskaliert. Die Libyer hätten in die Luft geschossen und versucht, den Motor des Holzbootes zu starten. Das habe eine Kettenreaktion ausgelöst. „Die Menschen haben Panik bekommen. 40, 50 Personen sind ins Wasser gesprungen.“ Nachdem die libysche Küstenwache sich zurückgezogen habe, habe die Rettung noch mehrere Stunden gedauert.

Schon währenddessen ging bei der Alan Kurdi der nächste Notruf ein: Ein Holzboot mit 82 Personen, darunter Kinder, in Seenot. Der italienische Offshore-Versorger Asso Ventinove hatte das Boot mehrere Stunden vor der Alan Kurdi erreicht. Doch das Schiff weigerte sich, die Menschen zu retten. Es müsse sich für einen möglichen Notfall auf den Bohrinseln bereit halten. Also rettete die Alan Kurdi erneut.

Am Mittag des 6. April hatte die Alan Kurdi dann 150 Gerettete und 17 Crew-Mitglieder an Bord. 12 Tage lang sollte das so bleiben. Niemand an Bord der Alan Kurdi habe in dieser Zeit Symptome von Corona gezeigt, sagt Cédric Fettouche. Es ist die erste Mission des Medienkoordinators mit der deutschen Seenotrettungsinitiative Sea-Eye. Studiert hat der 27-Jährige aus Marseille eigentlich Strategisches Design, aber anstatt ein Praktikum in irgendeinem Büro zu machen, in dem die Arbeit ihm nichts bedeute, sei er lieber nach nach Lesbos gegangen, um sich dort für Geflüchtete zu engagieren.

Ausgerechnet in Zeiten von Corona läuft er das erste Mal mit der Alan Kurdi aus. „Natürlich waren wir darauf vorbereitet, warten zu müssen, bis die Geflüchteten aufgenommen werden. Die meisten Missionen sind ja im aktuellen politischen Kontext so“, sagt Fettouche. „Aber jetzt, mit dem Virus, war alles noch viel unsicherer.“ Man habe die Crew und die Geretten regelmäßig beobachtet – eine Möglichkeit, auf Covid-19 zu testen, gab es jedoch nicht.

Kann man Italien die Seenotrettung zumuten?

Und während das Rettungsschiff der Sea-Eye mit 167 Menschen an Bord auf dem Mittelmeer wankte, entbrannte in Europa eine Diskussion: Wie konnten die Retter verantworten, ausgerechnet jetzt auf das Mittelmeer zu fahren und Italien, dessen Gesundheitssystem seit Wochen überfordert ist, noch mehr zumuten? In der Rettungsinitiative ist man sich über die schwierige Situation sehr bewusst, aber sieht sie im politischen Kontext: „Wir sehen, dass die Mittelmeerländer gerade in einer nationalen Katastrophe stecken – weil Europa sie allein gelassen hat“, sagt Sea-Eye-Vorstandsmitglied Jan Ribbeck. Die Alan Kurdi fahre nicht auf Mission, um in Italien Kräfte zu binden, die das Land selbst brauche. Aber: „Für uns gibt es keine andere Alternative, als Menschen vor dem Ertrinken zu retten.“

Um auf das Virus vorbereitet zu sein, habe das Schiff Schutzausrüstung wie Handschuhe und Mundschutz aufgestockt. Außerdem habe die Crew, bevor sie in die Mission gestartet sei, zwei Wochen in engem Kontakt miteinander verbracht. Während der Zeit habe niemand Symptome entwickelt. Das ist jetzt, drei Wochen nach Start der Mission, noch immer so.

Inzwischen ist es ruhiger geworden auf der Alan Kurdi. Statt 167 Menschen sind jetzt nur noch 17 Menschen an Bord. Es gibt weniger zu tun. Keine Ausguckschichten. Keine Fragen, die keiner beantworten kann. Nicht für 150 Menschen kochen. Stattdessen: 14 Tage Quarantäne auf dem Schiff. Cédric Fettouche genießt die Ruhe – nach dem Sturm.

Schlafen nur im Schichtbetrieb

Denn 167 Menschen auf einem 40 Meter langen Schiff, das war sehr eng. 150 Gerettete, das ist die maximale Zahl an Menschen, die die Alan Kurdi aufnehmen kann. Es waren das erste Mal so viele Menschen an Bord. „Wir mussten viel improvisieren“, sagt Fettouche. Auf dem Boot gebe es nur zwei Toiletten und eine Dusche, die Menschen seien auf beiden Decks untergebracht gewesen. Teilweise hätten die Menschen im Sitzen geschlafen, manchmal nur tagsüber, denn nachts sei es trotz Decken vielen zu kalt gewesen, wegen des Generatorenlärms auch zu laut. „Also haben wir angefangen, Schichten zum Schlafen einzuteilen.“

Sowohl die Crew als auch die Flüchtenden hätten sich große Mühe gegeben, an Bord für gute Stimmung zu sorgen. „Wir wollten sicherstellen, dass jeder alle paar Tage eine Dusche bekommt, also haben wir eine private Ecke eingerichtet, wo die Menschen zusätzlich duschen konnten“, erzählt Fettouche. Einer der Flüchtenden hätte eine Art Friseur-Ecke eingerichtet. Außerdem habe es Karten zum Spielen gegeben.

Trotzdem sei die Stimmung an Bord immer wieder sehr angespannt gewesen. Auch die Crew habe nur sehr wenig geschlafen, nie mehr als sechs Stunden. Zusätzlich zu allen anderen Aufgaben an Bord für 150 Menschen drei Mahlzeiten am Tag zu kochen, sei sehr anstrengend. „Das hat unsere Schichten verlängert“, sagt Fettouche. „Auf uns Freiwilligen hat enormer Druck gelastet.“

Die Pandemie wütet auch in Libyen

Vor allem für die Geretteten sei die Situation an Bord immer untragbarer geworden: „Es war eng, viele Menschen waren seekrank, trotz allen Bemühungen war Hygiene nur begrenzt möglich.“ Bei einigen der Geretteten sei deutlich gewesen, dass sie zuvor Folter erlebt hatten: „Teilweise hat man Spuren an Händen und Gesicht gesehen. Oder man hat gemerkt, dass sie traumatisiert waren.“ Wer erzählt hat, berichtete von Milizen und Mafia in Libyen, von Gefangenschaft und Gewalt.

„Die Camps in Libyen liegen in den Händen verschiedener Milizen, die teilweise mit Schmugglern und Menschenhändlern zusammenarbeiten“, sagt Sacha Petiot. Er leitet die Mission der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Libyen. Vor allem für Menschen, die in dem Land nur zur Durchreise seien, sei Libyen gefährlich: „Die Milizen sehen diese Menschen als eine Möglichkeit, an Geld zu kommen.“ So würden Menschen gekidnappt, um von ihren Verwandten Geld zu erpressen. Folter, Vergewaltigung, Zwangsarbeit und andere Gewalt seien keine Seltenheit.

Die Pandemie verschlimmere die Zustände in Libyen. Für Migranten sei es nun noch schwerer, Arbeit zu finden, ihre Bewegungsfreiheit sei stärker eingeschränkt. Viele Menschen hätten Angst vor einem möglichen Ausbruch der Krankheit. Vor allem Migranten hätten nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung. Gleichzeitig fehle es den Hilfsorganisationen vor Ort an Kapazitäten, weil viele Engagierte das Land verlassen haben.

Die Pandemie, sagt Petiot, ändere nichts daran, dass Menschen verzweifelt versuchen würden, Libyen zu verlassen: „Die Menschen fliehen vor extremer Gewalt. Sie haben Missbrauch erlebt, haben ihre Familie sterben sehen. Dass in Europa gerade ein Virus wütet, ändert nichts daran, dass sie von hier fort wollen.“ Seenotrettung sei deswegen immer noch genauso notwendig wie vor der Pandemie. Petiot erzählt von Menschen, die schon neun Mal versucht haben, mit dem Boot nach Europa zu gelangen.

Auch auf der Alan Kurdi verschlechtert die Pandemie die Sitution. Die Flüchtenden hatten Angst, nicht auf das rettende Festland zu kommen. Ein Mann versuchte, sich selbst zu töten, und musste evakuiert werden. Nun begann ein anderer Geretteter, sich immer stärker selbst zu verletzen. Drei weitere Personen mussten evakuiert werden. „Die Menschen waren in psychischer Not, das war sehr deutlich."

In einem Newsletter von Sea-Eye schreibt die Schiffsärztin, auch die Evakuierung durch die italienische Küstenwache sei schwierig verlaufen: „Die Boote der italienischen Küstenwache konnten sich der Alan Kurdi kaum nähern, ohne an Bord dramatische Szenen auszulösen. Die Menschen sind total verzweifelt und deuteten an, ins Wasser springen zu wollen, um die italienischen Boote zu erreichen. Sie ließen sich kaum beruhigen."

Bitte keinen Couscous mehr

Zehn Tage nach der Rettung erhielt die Crew die Information, dass die Geretteten auf ein anderes Schiff transferiert werden sollten, um dort in Quarantäne zu gehen. Die neue Information habe die Flüchtenden verunsichert. „Das war nicht das normale Vorgehen, das wussten sie. Sie hatten Angst, dass das Schiff sie nicht nach Europa, sondern zurück nach Libyen bringen würde.“

Erst, als auch ein Termin für den Transfer auf die Fähre feststand, löste sich die Anspannung. „Die Gäste waren sehr glücklich, haben ein paar Stunden lang getanzt, gesungen, Gitarre gespielt“, erzählt Fettouche. „Sie haben gesagt, sie werden uns vermissen, sei werden an Sea-Eye und die Alan Kurdi denken.“ Die Crew habe beim Transfer mit den Menschen auf der Fähre gewitzelt: „Bitte kocht kein Couscous mehr für die Menschen, das gab es zu oft“, und die Leute haben gelacht und gesagt: „Ja, keinen Couscous, keinen Couscous.“

Über die Osterfeiertage sind mindestens vier weitere Boote mit Flüchtenden von Libyen aus gestartet. Einige von ihnen haben aus eigener Kraft italienisches und maltesisches Land erreicht, eines wurde von einer spanischen Seenotrettungsorganisation gerettet. Die Grenzschutzorganisation Frontex und die europäischen Staaten wussten von den Booten in Seenot. Geholfen haben sie ihnen nicht.

„Es ist leicht, zu sagen, dass wir der Grund sind, warum diese ganzen Boote von Libyen aus gestartet sind“, sagt Cédric Fettouche. „Aber die Wahrheit ist, dass niemand mehr hinschaut, wenn wir nicht da sind.“ Die libysche Küstenwache bringe trotzdem weiter Menschen zurück in das Bürgerkriegsland. „Die europäische Militärmission Sophia gibt es nicht mehr, die neue Mission Irini wird nicht auf der Fluchtroute durchgeführt werden – die Menschen haben niemanden außer uns Hilfsorganisationen“, sagt Fettouche. Dass Menschen im Mittelmeer sterben, würde ohne die zivilen Seenotretter nur niemandem auffallen.

Alisa Sonntag ist freie Autorin und lebt in Leipzig

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15:17 21.04.2020

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