Die soziale Innovation, das war das Neue

Im Gespräch Die Agrarwissenschaftlerin Marianne Karpenstein über die Erfahrungen mit dem ersten Bioenergiedorf Deutschlands

FREITAG: Das Dorf Jühnde im Süden Niedersachsens versorgt sich seit 2005 selbst mit Strom und Wärme aus einer Biogasanlage und einem Holzschnitzelheizwerk. Welche Idee stand hinter dem Projekt? MARIANNE KARPENSTEIN: Wir wollten zeigen, dass man ein ganzes Dorf umstellen kann auf erneuerbare Energien, dass man die Biomasse auch umweltfreundlich anbauen und dabei die Landwirtschaft und Bevölkerung partizipieren kann.

Als rechtliche Form haben Sie eine Genossenschaft gewählt. Was bedeutet das konkret? Damit sind die Bürger an diesem Projekt beteiligt. Jeder, der ans Nahwärmenetz angeschlossen ist, hat eine Einlage getätigt, und die Landwirte, die die Biomasse liefern, sind ebenfalls Genossenschaftler. In der Planungsphase hatten wir von der Universität Arbeitsgruppen eingerichtet zum Anbau von Ganzpflanzen, zu Holzhackschnitzelverbrennung, Öffentlichkeitsarbeit, Biogasanlage oder Haustechnik. Die Sprecher dieser Arbeitsgruppen sind zum großen Teil später in den Aufsichtsrat der Genossenschaft gewählt worden.

Holz, Gülle und Getreide für die Anlagen kommen aus dem Dorf und der Umgebung. Welche Pflanzen mischen Sie der Gülle in der Biogasanlage bei? Wir haben ausgeklügelte Anbaukonzepte ausgearbeitet, Sorten und Mischungen getestet. Die Böden in Jühnde sind nicht optimal. Von daher ist der Mais keine Kultur, die man in großem Maßstab anbauen kann. Wir verwenden vor allem Wintergetreidearten, die als Silage eingelagert werden, als Ganzpflanze.

Das heißt, für jedes Dorf ist eine andere Mischung sinnvoll? Das kommt natürlich auf die Böden an und auf die klimatischen Bedingungen: Es müssen Standort anpasste Konzepte sein. Wir können solche Energieprojekte nicht nur mit Mais machen. Dann haben wir Probleme mit Humusabbau und Fruchtfolgekrankheiten. Meine Devise ist, auf mehrere Kulturen zu setzen. Außerdem ist es wichtig, dass die Mikroorganismen unserer Biogasanlage ein Nährstoffmix bekommen, am besten mit verschiedenen Pflanzenarten und Rindergülle, das erhöht die Methanausbeute und die Biogaserträge. Gleichzeitig wird so verhindert, dass das Methan, der Klimakiller Nummer eins, in die Atmosphäre entweicht, wie das sonst der Fall wäre.

Vielfach wird kritisiert, der Anbau von Energiepflanzen kollidiere mit der Nahrungsmittelherstellung in der Region. Man muss sich von dem Gedanken freimachen, dass Sie hier in Deutschland oder irgendwo in Europa autark sind. Von daher verstehe ich diese Diskussion auch nicht ganz. Wir brauchen für die Anlage in Jühnde circa 30 Prozent der Ackerfläche der Gemarkung. Die Anlage ist sehr groß und könnte drei Dörfer mit Strom versorgen, aus wirtschaftlichen Gründen ist sie damals etwas größer gebaut worden. Die Landwirte hier sind keine Energiewirte geworden, sie kultivieren nebenbei Energiepflanzen. Sie sehen aber auch, dass sie jetzt für ihre Produkte höhere Preise erzielen können.

Mit welchen Schwierigkeiten hatten Sie in Jühnde zu kämpfen? Zunächst gab es viele Probleme auf dem Weg dahin, das ist ganz normal. Aber sie haben auch dazu beitragen, die Dorfgemeinschaft richtig zusammenzuschweißen und gezeigt, dass das Dorf das Projekt wirklich will. Es gab Schwierigkeiten bei der Einwerbung der Fördermittel seitens der Bundesregierung, das war nicht so einfach und hat sehr lange gedauert.

Aber im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes müsste das doch eigentlich funktionieren? Für den Bau eines Nahwärmenetzes gab es damals - das soll jetzt geändert werden - kein Geld. Wir haben letztendlich knapp 30 Prozent Fördermittel bekommen für das Gesamtprojekt. Es war keine technische Innovation. Aber eine Biogasanlage und ein Holzhackschnitzelheizwerk, die ein ganzes Dorf versorgen, diese Kombination gab es noch nicht. Und eine ganze Dorfgemeinschaft, die das plant und umsetzt. Die soziale Innovation, das war das Neue.

Rechnet sich das Projekt denn inzwischen? Man kann sagen, es hat sich für die Jühnder Bürger gelohnt. Sie zahlen heute weniger für die Wärmeversorgung als wenn sie weiter Heizöl verwenden würden. Sie sparen pro Person im Jahr 200 bis 300 Euro an Heizkosten. Seit dem zweiten Jahr schreiben die Anlagen schwarze Zahlen.

Gab es noch eine andere Klippe bei der Umsetzung? Es war schon viel Arbeit, 75 Prozent der Dorfbevölkerung davon zu überzeugen, ihre eigene Heizungsversorgung aufzugeben und sich an ein Nahwärmenetz anzuschließen. Für Südniedersachsen war das eine ganz neue Sache. Gerade auf dem Dorf gibt es da oft erst einmal Vorbehalte.

Inzwischen gibt es schon eine Reihe anderer Bioenergiedörfer in Deutschland, die sich an den Erfahrungen in Jühnde orientieren. Was können Sie diesen Dörfern mitgeben? Wir haben im Februar eine wissenschaftliche Abschlusstagung ausgerichtet und den Leitfaden Wege zum Bioenergiedorf herausgegeben: Welche Arbeitsgruppen sollte man sinnvollerweise einrichten, wie geht man vor, wie motiviert man Menschen? Unsere Erfahrung zeigt, dass es wichtig ist, dass es Personen im Dorf gibt, die das Projekt vorantragen, einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin, der oder die ihm zumindest wohlwollend gegenüber steht. Ich weiß nicht, ob immer eine so große Partizipation der Bevölkerung notwendig ist, aber auf jeden Fall ist es wichtig, dass die Menschen eingebunden werden und Bescheid wissen.

Das Gespräch führte Ingrid Wenzl

Marianne Karpenstein ist Koordinatorin des Forschungsprojektes Jühnde.

Derzeit läuft ein Wettbewerb des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zum Aufbau regionaler Netzwerke im Bereich der Bioenergie.

Infos unter: www.bioenergie-regionen.de.

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00:00 25.04.2008

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