Die Spinne im Netz

Schreiben Sie ein Kochbuch! Das Netz verdrängt nicht das Buch, sondern verändert seine Aura. Anmerkungen zur Zukunft des Buchs

Zunehmend haben die apokalyptischen Prognosen für das Buch in dem Maße an Faszination verloren, wie sich die enthusiastischen Phantasien über die Allmacht des Netzes verkrümelten. Doch bleiben die verschiedensten Ängste vor der Abwirtschaftung des Buchs durch das Netz. Ist das berechtigt?

Was alles rings um die Literatur findet inzwischen im Netz statt! Archivierung wie Kritik, Fanpost wie Autorenzirkel, Werbung und Verkauf. Wie viele Autorinnen und Autoren haben sich nicht zwischenzeitlich ins Netz verstrickt, einzeln und in Gruppen! Aber merkwürdig - wie lange und wie tief sie sich darin herumtrieben, wenn sie herauskommen, bringen sie über kurz oder lang ein Buch mit. Besonders schön hat das Rainald Goetz vorgemacht, der seinen Abfall für alle im Netz produzierte, wobei etwa die Weisheit abfiel: "Ein Roman ist ein Stück Prosa von mindestens 300 Seiten, das die ganze Welt umfasst." Eben dies hat er zu beweisen versucht, indem der Abfall dann als Buch gedruckt herauskam. Alle scheinen sie noch das Buch zu benötigen - sei es zum Vorzeigen für die Feuilletons oder zum Signieren in den Buchhandlungen.

Jüngst beispielsweise das Werk der Poeten vom Pool - gleich unterm generischen Titel: The Buch. Leben am Pool (Hg. v. Sven Lager und Elke Naters, Kiepenheuer 2001) Das Buch scheint auch für Netzakrobaten noch immer das, was es überhaupt in der Medien-Welt ist, der Goldstandard, an dem sich Wert und Bedeutung ermessen. Wer in ephemeren Zusammenhängen arbeitet, möchte seine Produkte zum Buch gesammelt wissen oder gönnt sich nicht eher Ruhe, bis er einen Roman, zumindest einen Krimi veröffentlicht hat. Buch/Roman erweisen Literatur als eine imaginäre Bezugsgröße des Betriebs, die - wie der Regenbogen - von ihrer bestimmten Unbestimmtheit lebt: Stets vor Augen, nie erreichbar. Zugleich wird dieses imaginäre Zentrum allerdings, weil alle dort hin wollen, immer breiter und immer konturloser. Es gibt unablässig mehr Romane oder Texte, die kurzerhand dazu erklärt werden, auch wenn sie nur heftchenstark sind. Vor allem hat sich an die Prestigezone des Romans Imitatives und "Parasitäres" angehängt, haben sich in sukzessiver Erweiterung dessen, was im Feld des Geschriebenen als Literatur gilt, eine Reihe anderer Formen zwischen Sach- und Tagebuch angelagert. Damit ist gar nicht zuerst die allfällige Ratgeberliteratur gemeint, das schnelle Buch zu jedwedem Problem - Familienrecht für Priester oder Standardausreden für IM. Sondern alles das, was sich vermittels PC bequem zum Lang-Feuilleton aufpumpen lässt, wie die DTV-Reihe Kleine Philosophie der Passionen, die vom Schwimmen bis Golfen, vom Schreiben bis (nicht) zum Lesen reicht.

Gleichwohl bleibt es dabei, dass der Kern der Buchwährung beim Roman liegt. Man erinnere sich nur einmal daran, wie im Verlaufe kaum eines Jahrzehnts das "Hörbuch" vom buchvernichtenden Teufelswerk zum heißgeliebten Zwilling befördert worden ist - auch in der Kritik.

Es scheint also unter Bedingungen des Internet und seiner Derivate trostvoll weiterzugelten, was schon immer so war: das Buch als regulative Größe der Hierarchisierung am Markt. Seit geraumer Zeit, in Schüben durch das 20. Jahrhundert, ist eine Koppelung von Medien zu Batterien zu beobachten, aus denen das literarische Werk stets neue Energien zog. Die gegenwärtig auch für die Literatur festgestellte, gegenüber anderen Künsten nachholende Eventisierung, ob nun begrüßt oder besorgt, steht damit ja in engem Zusammenhang: Das Bündel an medialen Repräsentationen und Konstruktionen aus Buch, Interview, Ankündigung, Lesung, Bericht, Mitschnitt, CD und so weiter macht zunehmend das Ereignis Literatur aus.

Wenn man hört, dass Benjamin von Stuckrad-Barre Hunderte zu seiner Performanz zusammenkommen lässt und das noch auf MTV ausgestrahlt wird, aber kein Dutzend dabei ein Buch kauft, hat man vielleicht eine erste Ahnung davon. Vorstellbar ist jedenfalls, dass es bald ein Publikum geben könnte, das nichts anderes mehr unter Literatur versteht und haben will als eben: bekannt von Ansehen und Zuhören, von Funk, Fernsehen und Netz. Woraus wiederum der Bedarf nach Authentischem entsteht, nach echten Autoren, echten Büchern und echten Lesern. Hans Magnus Enzensbergers Andere Bibliothek, die stilecht zu Montaigne Rotwein und zu Jochen Hörischs Mediengeschichte eine CD mit "schrillen Spots" anbietet, hat das durch die Gründung einer Lesegesellschaft e.V. schon aufgegriffen.

Kurz, es scheint so, dass das Netz die Literatur beziehungsweise das Buch nicht ablöst, sondern umgibt und ergänzt - und damit allerdings zugleich auch - und zunehmend beschleunigt - die Konturen verändert. Der Einfluss wird dabei weniger über eine techno-avantgardistische oder von Aufmerksamkeitsspannen des Publikums diktierte Ästhetik als viel eher über Umwege laufen, deswegen jedoch auf Dauer nicht weniger nachhaltig. Es wird vor allem um sich ändernde Marketingstrategien, publishing- oder book-on-demand-Unternehmen, digitale Varianten von Selbstkostenverlagen oder Unternehmen wie iPublish gehen.

"Sie möchten verschlungen werden? Schreiben Sie ein Kochbuch." - "Sie sind der König der Hypochonder. Her mit ihren Leidensgeschichten" - das sind nur zwei von fünfundzwanzig Publikationsverlockungen, mit denen My favourite book wirbt. Hier gewinnt das Buch auf eigene Kosten eine neue Dimension. Ästhetisch professionalisierter, was man für die entschieden höheren Preise als bei den konventionellen Selbstkostenverlagen auch verlangen kann, schwindet hier die äußere Markierung der Differenzen zum - wie auch immer - betriebsapprobierten Buch. Und in der Branche sorgt man sich, der ungeübte Käufer/Leser könne hier zukünftig immer weniger in der Lage sein, zu unterscheiden. Tatsächlich erscheint auf dem Bildschirm erst einmal jedes Buch von der Präsentation, vom Auftritt her mit jedem beliebigen anderen gleichwertig - komme es nun aus dem Speicher oder von der Palette. Aber was schadet das? Es wird dabei doch nur die innerbetriebliche Fiktion vom per se "guten Buch" weiter abgebaut, indem die ästhetischen Elemente seiner äußeren Inszenierung beliebig verfügbar werden. Es werden sich die sozialen Distinktionen, die es bisher schon gegeben hat - wer charakterisiert sich durch das dicke, erhaben goldbedruckte Taschenbuch, wer durch das minimalistisch schriftstrenge Hardcover? - weiter differenzieren und erhöhtes Beobachtungstraining erfordern. Wie es wohl schwieriger werden wird, flächendeckende und gruppenübergreifende Erfolge zu prognostizieren.

Das Bücherschreiben wird neben Töpfern, Batiken, Modellbau treten - als neuer Trend der Freizeitaktivität. "Nun kann man Großmutters verstimmtes Klavier entsorgen und in das selbst gebaute Regal neben die selbst getöpferte Vase auch das selbst produzierte Buch stellen." So, ironisch, Wolfram Göbel, der mit seiner Buch GmbH einschlägig engagiert ist. Göbel malt den Horror schlecht produzierter, nicht lektorierter und ästhetisch unansehnlicher Bücher an die digitale Wand. Und prognostiziert die zunehmende Notwendigkeit, durch Navigatoren "die individuell ins Netz gestellten Wildwuchs-Bücher der Selbstverlagautoren von den sorgfältig gearbeiteten ›Verlagspublikationen‹ zu unterscheiden." (ndl Heft 5/2001) Göbel selbst hält natürlich auf Seriosität, hält sich an approbierte Autoren - zum Beispiel durch Nachdruck vergriffener Werke, aber auch auf Sorge um das, was es schwer hat, gleichwohl immer noch als besonders feinsinnig gilt: Lyrik.

In jedem Falle gilt aber hier weit mehr als bisher schon, dass die Verantwortung für den Produktionsprozess noch mehr als bisher auf die Autoren verlagert werden wird. Aber nicht nur das - auch die Sorge um die Verbreitung ihrer Bücher wird ihnen mehr als bisher auferlegt werden. Und das nicht nur in ihrer Doppelfunktion als Autoren und Selbstkostenverleger, sondern durchaus auch im Bereich der großen Media-Giganten. Ein Beispiel, das Schule machen könnte, ist das von Donna Woolfolk Cross. Die deutsche Übersetzung ihres historischen Romans Die Päpstin ist vom Aufbau-Verlag inzwischen in weit über zwei Millionen Exemplaren verkauft worden. In den USA war das Buch passabel gelaufen, aber seit 1996 vergriffen. Inzwischen hat die Autorin dort nun eine Neuauflage im Paperback durchgesetzt - derzeit sind annähernd 100.000 Exemplare ausgeliefert. Geschafft hat Frau Cross das in einer bisher beispiellosen Kampagne: Sie hat per Telefon und E-Mail, vor allem aber durch Banner-Werbung auf deren Sites nicht weniger als 350 Buchclubs und Lektürezirkeln ihr Buch schmackhaft gemacht, sich zu Lesungen und Diskussionen angeboten und damit eine Lawine von Nachfragen ausgelöst. Manche meinen, sie habe sich so vehement für ihr Buch eingesetzt, weil sie bisher ein weiteres nicht zustande gebracht habe. Wie auch immer: Das bietet ein viel zu eindrucksvolles Beispiel für Selbstmarketing der Autoren, als dass Verlage zukünftig nicht ihre Autoren sanft animieren oder auch unsanft pressen werden, ins Netz zu gehen, um in eigener Sache tätig zu werden. Nicht ausgeschlossen, dass dies einmal der nachhaltigste Weg sein wird, auf dem das Netz die Buchwelt verändert haben wird.

Eine andere, harmlosere, für Literatur-Afficionados aber wesentlich reiz- und trostvollere kann man vielleicht den Marketingstrategien der Filmindustrie absehen. Seit geraumer Zeit wird ja für Filme nicht nur durch Plakate, Inserate, Spots und Trailer, sondern auch durch Websites geworben, die nicht nur Hintergrundmaterialien, Kritiken oder Ähnliches bieten, sondern speziell darauf angelegt sind, die Filme in Kontexte einzubetten. So fand man zu Pearl Harbor zum Beispiel Video-Sequenzen von Interviews mit Überlebenden. Noch weiter ging man beim Blair Witch Project, wo ein sich verselbstständigendes Material-Umfeld für die Kinoversion aufgebaut wurde, mit weiterem Filmmaterial, fingierten Dokumenten und so fort. Ziel sei es, so Daniel Myrick, Co-Autor und -Regisseur, eine regelrechte Mythologie um die Filme zu entwerfen und so das Publikum an ihn zu binden.

Was bisher die Tolkien-Fans oder die Arno-Schmidt-Dechiffriergemeinde beispielsweise selbstorganisiert betrieben, was mit Jean Paul oder vielleicht auch Robert Walser ebenso möglich wäre, wie es die "Pynchonites" längst praktizieren, das könnte zukünftig gezielt initiiert werden: die stimulierende Illusionierung einer Mitmach-Leserschaft durch die - angefütterte - Aus- und Weiterarbeit an einem multimedialen Kontext, in dem das Buch nur mehr säße wie die Spinne im Netz. Das würde nicht mit jedem Buch gehen, schon gar nicht mit dem schnellen Saisonalfutter. Aber es könnte solche Buchprojekte geben. Und mit ihnen würde sich die alte Sage vom besonderen, guten, einzigartigen, kurz, von DEM Buch forterzählen - auratisch eingesponnen im Mythen-Netz seiner Co-Texte, -Bilder und -Töne.

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00:00 05.10.2001

Ausgabe 42/2021

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