Die Sprache der Sonne

Pop Die Konzeptband Yvon träumt noch vom Dolce Vita. Das ist angenehm weit daneben
Timo Feldhaus | Ausgabe 48/2019

Kann Schlager schön sein? Natürlich, das hat zum Beispiel die Band Münchener Freiheit bewiesen oder Jochen Distelmeyer, der Blumfeld-Sänger, der den Sound von Münchener Freiheit mit George Michael kurzschloss und damit Ende der Neunziger von Hamburg aus den Kosmos Indie-Rock ganz schön aufbrachte.

Aus Hamburg kommen nun auch zwei von drei Mitgliedern der Konzeptband Yvon, und ihr Bezug auf Schlager, die deutscheste aller Musiken, ist im Vergleich zu den zuvor Genannten viel weniger ernsthaft, ihnen sitzt der Schalk im Nacken. Ohne dabei jemals ironisch zu sein. Auf ihrem Debütalbum zeigen die Schauspielerin und Sängerin Yvon Jansen, der Tasteninstrumentalist und Showman Carsten „Erobique“ Meyer sowie Jacques Palminger, der Texter und Mitglied im „Studio Braun“, keine Angst vor dem einfachen Reim, jede zuckrig-süffige Melodie wird zugelassen und die Wärme, die Sehnsucht, die Liebe, die soll man jetzt einfach mal genießen. Yvon Jansens Stimme erinnert in ihrer offenen Coolness immer ein bisschen an Inga Humpe von 2raumwohnung und an Hildegard Knef.

Rumstehen, gut aussehen

Aber war die Knef je richtig Schlager? Schlager ist bräsige heile Welt, das Glück bereits vollendet, hier steht es, permanent beschworen, doch immer noch irgendwie in Frage. Yvon sind natürlich kein Schlager, sondern Sprezzatura. So heißt Lied Numero sieben und dort wird gesungen von einer unbekannten Leichtigkeit, einer träumerischen Sicherheit, irgendjemandem, der „einfach nur rumsteht und viel zu gut aussieht“. Lässigkeit, die nur ein Spiel ist. Allesamt also Dinge, die in Deutschland kein Mensch versteht.

Sprezzatura, sagt das Internet, wurde erstmals im 16. Jahrhundert in Italien als Fähigkeit beschrieben, auch anstrengende Taten leicht und mühelos erscheinen zu lassen. Und sie reicht hier durch die ganze, stets ausgebuffte Produktion – mal ein bisschen Chanson, dann French Disco oder melancholisch-eleganter Soul. Alles ganz sanft, soft, viele Ohhs und Schubidus dazwischen, immer angenehm untertourig. Yvon, Erobique & Palminger entdeckten sich 2006 im Rahmen eines Mitmach-Projektes im Maxim Gorki Theater, das Album sei nun vollends live eingespielt.

Nur Erfolg wird dieser schönen Musik leider nicht vergönnt sein. Weil: So was macht man heute einfach nicht. Lässigkeit? Entspanntheit? Geht’s noch? Wer soll denn dann die Rechten aufhalten, Trump, den ganzen Klimawandel? Die Zeiten sind ernste, die Kinder Klimaaktivisten. Die auf diesem Album am häufigsten verwendete Metapher ist das Meer. Ständig wird drübergeflogen, durchgeschwommen, Boot gefahren, einmal fällt eine Rakete hinein, einmal treibt die Hoffnung auf des Ozeans Wellenkamm. Heute, durch den Plastikmüll, der in darin schwimmt, ist das Meer auch zum Sinnbild geworden für die Zerstörung der Erde. Und zu dem Ort, an dem Flüchtlinge ihr Grab finden. Auf Yvon im Kreis der Liebe bedeutet das Meer noch Riviera, Bibione, Crema, Abruzzo, Dolce Vita. Und man hatte es schon ganz vergessen, aber das darf Pop ja! Der Eskapismus ins viel besungene „künstliche Paradies“, nie klang er mehr fehl am Platz als heute, im Angesicht der großen menschengemachten Katastrophen, und nie klang er vielleicht gerade deswegen so angenehm und anders. Im letzten Lied singt die Sängerin: „Ihr habt die Sprache der Sonne verlernt, sie ist doch nur einen Kuss entfernt.“

Info

Yvon – Im Kreis der Liebe Yvon A Sexy Records (Broken Silence) 2019

06:00 07.12.2019

Ausgabe 14/2020

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