Die Spreu vom Weizen

Boom Regionalkrimis sind Teil des stetig wachsenden Segments der Krimiproduktion. Das Gütesiegel "regional" kann aber auch ein Makel sein.
Jochen Vogt | Ausgabe 20/2014

"Regional ist erste Wahl" – so steht’s auf dem Einwickelpapier der vorzüglichen Dauerwurst, die meine Frau aus Ostfriesland mitgebracht hat. Einer Gegend, die ja vor allem für ihre Teekultur, Regenbekleidung und gutes Bier bekannt ist, von den Witzen ganz abgesehen. Nun also auch Ostfriesensalami und ein einprägsamer Slogan.

Kurz darauf kommt ein Werbebrief von S. Fischer, dem Traditionsverlag, der uns immer noch mit Lesenswertem von Kafka und Thomas Mann versorgt. Es geht jedoch um Folgendes: „Nur weil Klaus-Peter Wolfs Kriminalromane in Zeit und Raum sehr genau verortet sind und im Titel das Wort ‚Ostfriesland’ tragen, werden sie oft als Regionalromane abgetan: Wer sie aber liest, hat nie das Gefühl, einen Regio-Krimi zu lesen, sondern ein genaues Psychogramm einer Gesellschaft am Rande des Abgrunds.“

Mein schneller Faktencheck, Bahnhofsbuchhandlung in Koblenz, bevor ich in den Regionalexpress (!) steige, der mich ins Reich des „Mittelmoselkrimis“ (!) bringt: Ganz vorn auf dem Tisch mit Novitäten und Bestsellern liegt ein Stapel vom neuen Ostfriesenfeuer, daneben jeweils gleich hoch Ostfriesenmoor, Ostfriesenangst, Ostfriesensünde, Ostfriesengrab. Nur der Erstling Ostfriesenkiller ist wohl vergriffen. Da glaubt man sogar der beigelegten Autorenwerbung (mit Foto): „Ostfriesland hat den Superstar.“

Riesling zum Abschied

Was sagt uns dies? Die Begriffe Region/regional sind in der Umgangssprache längst etabliert, für Wurstwaren wie für literarische Werke. Sie werden einerseits als Gütesiegel bemüht, andererseits aber als Makel gefürchtet. Wie kann das sein?

Das Wortfeld „Region“ taucht in deutschen Wörterbüchern erst in den 1950er-Jahren auf, ersetzt historisch kontaminierte Wörter wie Heimat, Volk und Vaterland. Die Konjunktur des Regionalen in vielen Lebensbereichen speiste sich ursprünglich aus Protest- und Separationsbewegungen, etwa in Frankreich und Spanien; in Deutschland ist der (erfolgreiche) Widerstand gegen ein Atomkraftwerk in Wyhl am Oberrhein (1973–77) unvergessen.

Inzwischen ist Regionalität aber auch ein Schlüsselwort für Strategien „von oben“, in der Verkehrs- und Infrastrukturplanung, Energiewirtschaft, im Tourismus und der Konsumwerbung. Die Bedeutung bleibt ambivalent: meint einerseits Resistenz gegen zentralistische Planung, gegen Metropolen und Globalisierung, andererseits eine heutigen Mentalitäten und Lebensstilen angepasste Steuerung von Bevölkerung und Konsumenten. Das spiegelt auch die fortschreitende Angleichung städtischer und ländlicher Lebensformen, selbst ein Resultat von Modernisierung und Globalisierung. Auch ein Wort wie „Provinz“ wird ersetzt und der Gegensatz zur „Metropole“ verwischt.

Regionen, sagt der Sozialgeograf Benno Werlen in Jena, „integrieren eine heterogene Population mit gestreuten Milieus, pluralen Lebensstilen, Migrationskulturen“, sie ersetzen als „flexible Einheiten lokal verankerte, traditionale Lebensformen“ und „kommen damit einem subjektiven Bedarf an Zugehörigkeit entgegen, der sich an alltäglichen Routinen orientiert“. Dabei spielen auch kollektive Diskurse und Symbole eine wichtige Rolle, und damit bekommt auch eine populäre Erzählform wie der Krimi seine Chance.

Sucht man nach Wurzeln des heutigen „Regionalkrimis“, so stößt man auf ein ganzes Geflecht. Regionalistisch war die klassische Nachkriegsliteratur von Böll bis Grass, regional sortiert war und ist der Tatort (seit 1970) wie auch seine vielen Ableger, und inzwischen das gesamte Vorabendprogramm von ARD und ZDF: vom „Morden im Norden“ bis zu den „Rosenheim-Cops“. In den 1980ern finden sich einige handgestrickte Büchlein, die den Trend ankündigen. Corinna Kawaters, Soziologiestudentin in Bochum, lässt ihre Zora Zobel nicht nur „die Leiche finden“, sondern auf dem Motorrad auch über die legendäre B1 brettern, so wird sie „Kult“ in der frühfeministischen Szene. Friedrich Hitzbleck nennt sich Conny Lens und observiert unter dem Seriensignet „Steeler-Straße-Krimi“ eine enge Essener Einkaufszeile mit Kultkino und Migrationshintergrund.

Der Durchbruch gelingt jedoch, wie einst der US-Army, in der Eifel. Jacques Berndorf, ehemals beim Spiegel, verfasst zwischen 1989 und 2004 13 Bücher, von Eifel-Blues bis zu Eifel-Träume, Gesamtauflage bis 2006 etwa drei Millionen. Bis heute ist der Regionalkrimi ein stetig wachsendes Segment der boomenden Krimiproduktion. Die Programme spezialisierter Verlage wie Gmeiner oder Emons sind mit dicht besetzten Deutschlandkarten geschmückt. Es ist naheliegend, aber auch ein bisschen wohlfeil, sich über die vielen Regio-„Grimmis“ (wie Thomas Wörtche gerne sagt) zu mokieren, die im Bermudadreieck von Hobbyautorschaft, Nischenverlagen und lokaler Tourismusförderung dümpeln. Einige Autoren haben es mit ihren Spezialkenntnissen in Großverlage geschafft – wie Paul Grote, der in Berlin lebt, aber den „Mittelmoselkrimi“ pflegt: Riesling zum Abschied oder Tödlicher Steilhang.

Wenige, wie einst Berndorf, heute Wolf oder Nele Neuhaus mit ihren „Taunus-Krimis“ (Gesamtauflage fünf Millionen), sind bestsellerfähig geworden. Das führt zu der Frage, welche Regionen welche Leserbedürfnisse befriedigen. Das Wiedererkennen vertrauter Orte ist naturgemäß begrenzt; die Vorfreude aufs Ferienziel mag eine Rolle spielen. Am wichtigsten ist aber doch, dass die Region neben markanten Stereotypen (die Eifel: katholisch und verregnet!) viel Platz für Projektionen lässt, die Autor und Leser nach Belieben ausmalen können – plausibel oder auch nicht. Nützlich ist auch, wenn die Verfasser einen Blick von außen mitbringen: Berndorf (bürgerlich Michael Preute) stammt aus Osnabrück, Wolf aus dem Ruhrgebiet, Neuhaus wuchs in Paderborn auf.

Mit all dem drücken wir uns aber immer noch vor der Gretchenfrage: Wie geht der regionalistische Blick mit literarischer Qualität zusammen? Dass es gehen muss, zeigten uns schließlich Regionalromane wie Buddenbrooks oder Ulysses schon vor 100 Jahren. Aber bleiben wir in unserer, der „Regionalliga“. Was wir hier Regionalität nennen, ohne es ganz exakt definieren zu können: äußere Gegebenheiten, Traditionen und Mentalitäten, müsste den Krimiteig jedenfalls durchsäuern wie die Hefe oder aufgehen lassen wie das Backpulver.

Von Hölderlin bis zur RAF

Drei sehr verschiedene Beispiele nach meinem Geschmack: Friedrich Ani, mit dessen Vermisstensucher Tabor Süden wir durch ein gutes Dutzend Romane (zuletzt: M, Deutscher Krimipreis 2014) und ebenso viele Münchner Stadtteile gewandert sind, die gar nicht so „leuchten“, wie Thomas Mann es beschrieben hat (oder auch nur glänzen wie im Bussi-Bussi-Prominentenfernsehen). Nur hier ist dieser melancholische Jäger und Tröster der verlorenen Seelen denkbar – wie seine Ausflüge nach Sylt, oder sein zeitweiliges Kölner Exil zeigen.

Ganz anders Jörg Juretzka, der das biedere Ruhrgebiet und mittendrin das nette Millionärsstädtchen Mülheim umschreibt zu einer grotesken Stadtlandtschaft aus Schrottplätzen, Spielhallen, Bahndämmen und Kneipen – jetzt ganz neu und besonders schräg sein Roman Taxibar! Man sollte die Ruhrgebietsstereotypen allerdings kennen, um das nicht „realistisch“ misszuverstehen. Auch was die Sprache angeht. Er schreibt seinem Dauerhelden und Erzähler „Krüschel“ Kryszinski ein komisches Kunstidiom in den Mund, wie es sonst nirgends zu finden ist, weder im Leben noch im Krimi – höchstens beim österreichischen Regionalisten Wolf Haas.

Und zum Schluss meine Favoritin: Uta-Maria Heim (Interview, S. VIII), deren Bücher im südwestdeutschen Sprachdreieck zwischen Alemannisch, Badisch und Schwäbisch oszillieren. Wem sonst als Dir, das ist ja eine Widmung des unglücklichen Hölderlin für seine Lebensliebe Susette Gontard.

Um Lebenslieben und Lebenslügen, um einen ungeklärten Mord vor langer Zeit, auch um die unglückliche deutsche Geschichte von Hölderlins Zeiten bis zur RAF geht es in dem Roman, dem Frau Heim diesen Titel gegeben hat. Da wird vielstimmig, anspielungsreich und manchmal rätselhaft erzählt. Regional? Und wie: Von der Schwäbischen Alb geht’s hinab nach Tübingen, Stuttgart und in die Abgründe deutscher Vergangenheit. Ein Leseerlebnis, eine Herausforderung – nicht nur für Krimifans und nicht nur wegen der schwäbischen Brocken. Schad’ abr nix, wemmer se vrschdod.

Ostfriesenfeuer Klaus-Peter Wolf S. Fischer 2014, 527 S., 9,99 € Tödlicher Steilhang Paul Grote dtv 2013, 495 S., 9,95 € M. Ein Tabor-Süden-Roman Friedrich Ani Droemer 2013, 365 S., 19,99 € Taxibar Jörg Juretzka Rotbuch 2014, 222 S., 16,95 € Wem sonst als Dir. Uta-Maria Heim Klöpfer & Meyer 2013, 263 S., 20 €

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06:00 14.05.2014

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