Die Spur der Socke

NSU Der Prozess gegen Beate Zschäpe kommt nicht voran. War es ein Fehler, dass sich die Ermittler nur auf das Terror-Trio konzentrierten?
Andreas Förster | Ausgabe 44/2013 7
Die Spur der Socke
Gute Aussichten für Beate Zschäpe: Noch immer ist unklar, ob sie an den Morden mitgewirkt hat

Foto: Christof Stache/AFP

Zwei Jahre nach der Selbstenttarnung der rechten Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ schleppt sich das Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche NSU-Helfer mühsam durch die Prozessebene. Die Beweisführung gegen die Angeklagten ist zäh, der Erkenntnisgewinn für die Öffentlichkeit überschaubar. In den Medien taucht die Berichterstattung über den Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht immer häufiger nur noch als kurze Meldung in den Nachrichtenspalten auf.

Die Hauptangeklagte sitzt derweil recht entspannt im Gerichtssaal, sie löst Kreuzworträtsel während der Verhandlung, scherzt mit den Anwälten und isst Süßigkeiten. Tatsächlich läuft es im Prozess vergleichsweise gut für Beate Zschäpe. Denn die für eine Verurteilung zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe entscheidende Frage, ob sie tatsächlich als Mittäterin an den zehn Mordtaten des NSU mitgewirkt hat, ist nach wie vor offen. Daran änderten auch die beiden bislang einzigen Zeugen, die sie in der Nähe von Tatorten gesehen haben wollen, nichts – vor Gericht gaben sie keine glaubwürdige Figur ab.

Im NSU-Prozess könnte es sich rächen, dass der Fokus der Ermittler zu früh auf Zschäpe und ihre beiden toten Freunde, die mutmaßlichen Todesschützen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, verengt war. Andernfalls wären vielleicht weitere Zusammenhänge entdeckt und unbekannte Mitwisser und Täter aufgespürt worden. Denn auf Spuren und Indizien dafür, dass der NSU eine weit größer angelegte Organisation sein könnte, als es die Bundesanwaltschaft in der Anklage behauptet, sind die Behörden allemal gestoßen. Das belegt ein Blick in die Ermittlungsakten.

Da wären etwa mehrere rätselhafte DNA-Spuren, die sich an Waffenteilen und Bekleidungsstücken fanden, die man beim Trio sicherstellte. Es handelt sich dabei um einen genetischen Fingerabdruck, den die Polizei auch bei anderen Verbrechen sichern konnte, die scheinbar nichts mit dem NSU zu tun haben.

Rätselhafte Übereinstimmung

So fanden die Beamten im ausgebrannten Wohnmobil, in dem am 4. November 2011 die Leichen von Mundlos und Böhnhardt entdeckt wurden, eine große Zahl von Kleidungsstücken, die den beiden Toten zugeordnet wurden. Zu den in einem Einbauschrank des Fahrzeugs säuberlich geordneten Textilien gehörten auch ein Paar Wollsocken, frisch gewaschen und zusammengerollt. An der Innenseite einer Socke isolierten die Experten eine genetische Mischspur zweier Personen. Ein Teil der Spur entsprach der DNA von Beate Zschäpe; die andere Teilspur wird einer bis heute unbekannten männlichen Person zugeordnet, da das Genprofil nicht mit dem der beiden Toten im Wohnmobil übereinstimmte.

Die Polizei gab das Profil des „P 46“ genannten Unbekannten in die DNA-Analysedatei ein – und erzielte gleich drei Treffer in der Datenbank: So wurde die Spur von „P 46“ an Tatorten in Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen gesichert. In Berlin ging es dabei um einen Fahrzeugdiebstahl im Juni 2002 im Neubaugebiet von Marzahn. Im nordrhein-westfälischen Rhein-Erft-Kreis hatte man 2005 eine Blutspur sichern können, die mit „P 46“ identisch war und die dem mutmaßlichen Mitglied einer Einbrecherbande zugeordnet wurde, der mehrere schwere Diebstähle zur Last gelegt werden. Im hessischen Lahn-Dill-Kreis schließlich fand die Polizei im gleichen Jahr eine Wollmütze mit Spuren von „P 46“ an einem Tatort, der zu einer seit 2002 anhaltenden Verbrechensserie von Wohnungseinbrüchen, Diebstahl mit Waffen und Bandendiebstahl gehörte.

Wer sich hinter dem mysteriösen Tatverdächtigen verbirgt, ist bis heute unklar. Allerdings geht die Polizei davon aus, dass hinter den Straftaten in Hessen und Nordrhein-Westfalen eine litauische Tätergruppe steckt. Mitglieder dieser Bande konnten bislang jedoch noch nicht festgenommen werden. So ist auch unklar, ob möglicherweise auch deutsche Staatsbürger an den Taten der Einbrecherbande beteiligt waren.

Die Bandendiebstähle werden, zumindest bislang, nicht mit dem NSU in Verbindung gebracht. Aber liegt nicht eine personelle Verbindung nahe, wenn die DNA-Spur des Tatverdächtigen einer Diebstahlserie in eine Socke gelangt, die offenbar Mundlos oder Böhnhardt gehörte und – so legt es die Spurenlage nahe – von Zschäpe gewaschen und zusammengerollt wurde? Es muss irgendwann ein physisches Zusammentreffen zwischen dem unbekannten Tatverdächtigen und dem Trio gegeben haben. Es sei denn, die rätselhafte Spurübereinstimmung ist auf eine Verunreinigung der Spurenträger zurückzuführen. Im Fall der unbekannten Person „P 46“ allerdings wäre das relativ unwahrscheinlich. Immerhin sind die Tatortspuren in einem Zeitraum von neun Jahren sichergestellt worden.

Zwar hat der Abgleich etwa von Namen, Anschriften, Kfz-Kennzeichen und Rufnummern den Fahndern zufolge keine Übereinstimmungen zwischen den Einbruchstaten und dem NSU ergeben. Dennoch bleibt die Frage, wie die DNA der unbekannten Tatverdächtigen auf Gegenstände aus der Hinterlassenschaft der drei Neonazis gelangen konnte. Eine denkbare Erklärung wäre, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt eben doch nicht auf sich allein gestellt die Verbrechen vollbrachten, die man ihnen zur Last legt. Sondern dass sie darüber hinaus einem Milieu angehörten, das seine Identität nicht nur aus einer Ideologie bezieht, sondern eben auch aus der gemeinsamen Begehung schwerkrimineller Straftaten.

Mysteriöse Prepaid-Handys

Auf mögliche Kontakte etwa in das Milieu der Organisierten Kriminalität weist auch die Auswertung des Kommunikationsverkehrs von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt hin. Die Ermittler konnten bislang insgesamt sieben Prepaid-Handys ermitteln, die das Trio – neben seinem Festnetzanschluss in der Frühlingsstraße – zwischen 2000 und 2011 genutzt hatte. Die entsprechenden Prepaid-Verträge waren jeweils auf real existierende Personen angemeldet – bei den meisten von ihnen handelte es sich um junge Frauen aus Zwickau, die Zschäpe unter einem Vorwand überredet hatte, für sie einen Vertrag abzuschließen.

Auffällig ist, dass auf einem der vom Trio bis zuletzt genutzten Handys zwischen Juni und November 2011 sechs Kurznachrichten von Telefonnummern eingingen, die durchweg unter einer Scheinidentität angemeldet waren. Bemerkenswert ist dabei zudem, dass diese SMS – deren Inhalt unbekannt ist – jeweils im letzten Drittel jedes Monats auf dem Handy des Trios eingingen und stets von einer anderen Nummer stammten. Weitere Anrufe oder SMS auf einen der Telefonanschlüsse des Trios wurden von diesen Nummern nicht registriert. Waren diese regelmäßigen Kurznachrichten vielleicht Aufforderungen zur konspirativen Kontaktaufnahme mit noch unbekannten Vertrauenspersonen des Trios? Möglich ist es. Die Ermittler haben herausgefunden, dass die drei für offenbar vertrauliche Telefonate stets öffentliche Telefonzellen im Stadtgebiet von Zwickau benutzten.

Bei ihren Recherchen stießen die Fahnder aber noch auf zwei weitere mysteriöse Nummern von Prepaid-Handys, deren Inhaber bis heute nicht identifiziert werden konnten. Gefunden wurden die Nummern beim Abgleich der Daten, die am 4. November 2011 in den Funkzellen von Eisenach und Zwickau angefallen waren. Die beiden Funkzellen deckten den Ort des ausgebrannten Wohnmobils sowie die Frühlingsstraße ab. Mit dem Abgleich wollte das BKA herausfinden, auf welchem Weg Beate Zschäpe vom Tod ihrer beiden Freunde erfahren hatte, kurz bevor sie die Zwickauer Wohnung in Brand steckte.

In der relevanten Zeit zwischen 9.30 und 15.30 Uhr hatten sich am 4. November 2011 in beiden Funkzellen zwei schwedische Mobilfunknummern ins Internet eingewählt. Die eine Nummer wurde um 9.33 Uhr in der Eisenacher Funkzelle gespeichert, die auch den Zufluchtsort des Wohnmobils erfasste. Um diese Zeit dürften Mundlos und Böhnhardt auch dort eingetroffen sein. Eine Stunde lang blieb die schwedische Nummer dort im Internet. Danach fuhr der unbekannte Anschlussinhaber offenbar nach Zwickau. Denn dort tauchte seine Handynummer um 12.26 Uhr in der Funkzelle auf, die die Frühlingsstraße in Zwickau abdeckt. In Zwickau war das Handy bis 13.54 Uhr im Internet eingeloggt.

Und noch eine zweite schwedische Mobilfunknummer war an diesem Tag in der Funkzelle rund um die Frühlingsstraße aktiv. Der Inhaber dieser Nummer loggte sich dort zwischen 9.06 und 10.36 Uhr ins Internet ein. Beide Nummern waren offenbar an Prepaid-Handys gekoppelt, die in Schweden ohne Registrierung gekauft werden können – auch von Deutschen. Wer ihre Inhaber gewesen sind, lässt sich heute also nicht mehr ermitteln. Es liegt aber der Verdacht nahe, dass sie in irgendeiner Beziehung zum Trio standen.

In der Anklageschrift gegen Beate Zschäpe und die mutmaßlichen Helfer der Zwickauer Terrorzelle beschreibt die Bundesanwaltschaft den NSU als „Dreierbund mit gleichberechtigten Mitgliedern“. Eine „spätere Vernetzung mit anderen rechtsextremistischen Gruppen“ habe sich das Trio vorbehalten. Die Ermittlungen aber haben bereits eine Reihe von Indizien dafür zutage gefördert, dass diese Vernetzung schon vor dem Ende der Zwickauer Zelle am 4. November 2011 erfolgt sein könnte.

11:00 08.11.2013

Ausgabe 13/2020

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