Die Stadt der Andersdenkenden

Tal der Träumer Wo Janis Joplin und Charles Manson Nachbarn waren, gibt es heute ja angeblich nur noch naive Technofaschisten oder naive Hippies
Manuel Ebert | Ausgabe 21/2017 2

Als Kolumnist habe ich ja einen Traumjob: Ich werde dafür bezahlt, über meine Arbeit zu lästern. Das ist, wie jedes Mal einen Gehaltsbonus zu bekommen, wenn ich auf dem Klo meinen Twitter-Feed lese. Und Silicon Valley macht das Lästern einfach. Eine elitäre, selbstgerechte, perspektivlose und kapitalinflatierte Kulturblase voll obszöner Exzesse, die routiniert 22-jährige Schulabbrecher zu Lifestyle-Ikonen inthronisiert.

Zum Beispiel Juicero: Das Unternehmen hat 120 Millionen Dollar an Kapital gesammelt, um eine WLAN-betriebene Saftpresse zu bauen, die nicht etwa aus Früchten Saft presst, sondern nur mit Einwegfruchtpackungen von Juicero funktioniert. Die hochbejubelte Maschine ist so klobig wie ein kleiner Kühlschrank, kostet 700 Dollar und wurde zum allgemeinen Gespött, als ein kurzes Youtube-Video zeigte, dass man die Packungen auch einfach mit der Hand ausquetschen kann. Juiceros CEO schrie „Hacking!“, die Investoren fielen von der Stange wie Hennen mit Kohlenmonoxidvergiftung, und jeder durfte einmal laut lachen. Eine teure Maschine bauen, um Probleme zu lösen, die niemand hat: Das ist poetisch. Ein Witz, der sich selbst erzählt.

Auf der anderen Seite gibt es Bay to Breakers, den größten Volkslauf der Welt, der vergangenen Sonntag wieder quer durch die Stadt von der Bucht zum Ozean führte. Aber weil es eben San Francisco ist, nutzen die meisten Läufer das Rennen für einen Griff in ihre Kostümkiste und laufen die zwölf Kilometer als Avocadotoast oder Kellyanne Conway verkleidet. Oder gar nicht bekleidet. Es ist nicht so, als ob San Franciscans eine Ausrede bräuchten, um sich dämlich zu verkleiden.

Kurz gesagt: Die Hälfte der Welt denkt, Silicon Valley ist voll von naiven Technofaschisten, die entweder überhaupt keinen Wert schaffen oder alternativ jeden Aspekt unseres Lebens kontrollieren wollen. Die andere Hälfte denkt, das Tal ist voll von naiven Hippies, die im Alter von 40 noch in Wohngemeinschaften leben.

Aber der Grund, aus dem es für Kolumnisten so einfach ist, sich über das Tal der Techies lustig zu machen, ist auch der Grund, warum San Francisco immer wieder ein Vorreiter ist. Nicht nur in der Tech-Branche. Die Beatniks in den 50ern, der Summer of Love 1967, die Schwulenbewegung in den 70ern und 80ern: Die Stadt wollte der Welt immer einen Schritt voraus sein. Dieser Kulturdruck führt zu Extremen. Wussten Sie, dass Janis Joplin und Charles Manson hier für einige Zeit Nachbarn waren? Diese Stadt, die kaum größer als Düsseldorf ist, produziert seit fast einem Jahrhundert kontinuierlich Kultur-Ikonen und Kult-Führer von Maya Angelou und Bruce Lee zu Allen Ginsberg und George Lucas. Hier wurden Wasserbetten und Glückskekse erfunden, das Diskettenlaufwerk und selbstfahrende Elektroautos.

Das ist kein Zufall – Überflieger und Ausreißer sind ein Produkt des Andersdenkens. Nur ist es beim Andersdenken halt immer etwas schwierig, im Voraus zu sagen, ob man gerade die Zukunft erfindet oder sich für den Rest der Welt lächerlich macht. Die Zukunft der Saftpresse jedenfalls scheint uns mal wieder durch die Finger gerutscht zu sein.

Manuel Ebert hat Neurowissenschaft in Osnabrück studiert. Er lebt und arbeitet als Berater in San Francisco

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