Robert Kaltenbrunner
20.06.2011 | 11:40 1

Die Stadt ist ein Marktplatz

Bedürfnisbefriedigung Wie Shopping zeitgenössische Urbanität bedingt und verändert: Egal ob Mall oder Center, die Handelskultur hat seit je den städtischen Raum geprägt

Wenn es stimmt, was der Kunsttheoretiker Boris Groys einmal behauptet hat, dass nämlich Shopping die erste Bürgerpflicht sei, dann ist ganz Deutschland nun zur Heimat der Großbürger geworden. Unweit des norddeutschen Neumünster etwa will der britische Investor McArthur Glen die Menschen – vor allem aus Hamburg – in ein eigenes Shopping-Dorf locken: ein Designer-Outlet-Center mit gut 100 Läden. Das ist kein Einzelfall. Allerorten wachsen die Konsum-Anlagen; selbst in Klein- und Mittelstädten baut man unverdrossen neue Einkaufszentren, die dann „Galerien“ oder „Arcaden“ genannt werden.

Seit in den sechziger und siebziger Jahren überall Fußgängerzonen angelegt wurden, seit aus dem Einkauf für den täglichen Bedarf eine postmoderne Freizeitbeschäftigung geworden ist, bemächtigt sich Shopping mehr und mehr der Stadt. Das hat tiefergehende Gründe. So notiert etwa der Soziologe Gerhard Schulze, Erlebnisorientierung sei „die unmittelbare Form der Suche nach Glück“. Im praktischen Alltagsverhalten der Menschen schlägt sich das räumlich nieder, weil Erleben und Glück nicht nur in der privaten Sphäre – vorm Fernseher oder im Bett, im Fitnessstudio oder an der Theke – gesucht und gefunden werden. Vor einiger Zeit hat der Architekt und Theoretiker Rem Koolhaas behauptet, dass sich die Rolle des öffentlichen Raums in den zeitgenössischen amerikanischen und europäischen Städten auf dessen konsumtiven Charakter reduziert habe. Shopping sei demzufolge die letzte verbliebene „öffentliche Handlungsweise“, weil der öffentliche Stadtraum von Kaufmechanismen geregelt werde und andere Bereiche urbanen Lebens – etwa die zwanglose Begegnung von Menschen, der Austausch von Meinungen, das Demonstrieren – vom System des Konsums verdrängt werden.

Das mag überzeichnet erscheinen. Gleichwohl liegt die Frage nach dem Zusammenhang von Shopping und Stadt nahe. Gestellt worden ist sie allerdings höchst selten. Dennoch gibt es hier, historisch gesehen, eine enge Wechselbeziehung. Die Hansestädte sind ein schlagendes Beispiel dafür, wie stark eine Stadt einst von ihrem Handel und Gewerbe lebte: Für jeden Bewohner war dies täglich zu spüren und zu sehen, Erfolg und Verlust der Stadt gingen ihn unmittelbar an.

Feste Preise unter einem Dach

Zwar ist das heute durch die komplexen Geschäfts- und Logistikbeziehungen kaum mehr nachvollziehbar. Im Unterbewussten aber ist das Bild vom „Marktplatz“ bestimmend für eine erfolgreiche Verkaufsstrategie des Handels geblieben. So war es nur folgerichtig, dass im 19. Jahrhundert mit der Passage ein Bautypus entwickelt wurde, der eben dieses Bild neu belebte: mit einem Raumgefühl, das den Bedürfnissen und Süchten einer sich liberalisierenden Gesellschaft Rechnung trug und der illusionistischen Sphäre einer gebauten dschungelhaften Stadtwirklichkeit. Passagen seien, so Walter Benjamin, „Häuser, die keine Außenseite haben – wie der Traum“. Behütet vor den Widrigkeiten des Alltags wie Regen, Schnee und Straßenschmutz konnte man hier neue Erfahrungen sammeln: Die Welt im Kleinen, dazu noch käuflich.

Um die vorletzte Jahrhundertwende kam eine weitere Erfindung hinzu: das Kaufhaus. Dessen Prinzip – feste Preise, alles unter einem Dach – kam zwar aus Frankreich, aber Rudolph Karstadt, Abraham Wertheim und Leonhard Tietz haben das Kaufhaus hierzulande so prominent wie opulent gemacht: Die palastartigen Bauten wurden zu landmarks in den Städten, ihr Angebot übertraf alles bislang Bekannte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verkürzte sich das Kaufen auf Bedürfnisbefriedigung: Die Warenhäuser wurden zu gesichtslosen Boxen mit maximierter Verkaufsfläche, beim Discounter übernahm der Kunde die Rolle des Hilfslageristen, wenn er die Waren aus der Transportverpackung befreien musste. Heute stehen wir vor einer Situation, in der zweierlei Formen des Einkaufens parallel existieren.

Schloss-Arkaden

Zum einen die herkömmliche Bedarfsdeckung. Sie wird, schnell und anspruchslos, gleichsam um die Ecke erledigt – im Supermarkt, der entweder als karger Großraum im Erdgeschoss oder in einer wenig anheimelnden, zweckrationalen Kiste untergebracht ist. Die Zahlen lassen staunen: In den letzten Jahren wurde durchschnittlich jeden Tag ein neuer Lebensmitteldiscounter eröffnet. Diese Art von Supermärkten nimmt aber keine Beziehung zur Umgebung auf. Es sind in sich gekehrte, flache Typenbauten ohne Ortsbezug, mit vorgelagerten, meist überdimensionalen Parkplatzflächen. Irgendwie unwirtlich, aber von der Kundschaft akzeptiert.

Zum anderen das Shoppen als Erlebnis. Ein Wegzeichen dafür waren die berühmten Flagship-Stores – beginnend mit dem Prada Epicenter in New York von Rem Koolhaas – sowie die Armani-Niederlassungen, die der Italiener Claudio Silvestrin in aller Welt seit 1999 gestaltete. Ein weiteres, viel umfassenderes Signal stellt eine seit fünfzehn Jahren existierende Generation von Shopping-Malls dar. Ein Beispiel dafür ist in Berlin-Steglitz jenes Center, das sich so lapidar wie hochtrabend „Das Schloss“ nennt – ein eklektisches Bauwerk, welches das benachbarte neogotische Rathaus überbieten will und mit „urbaner Aufenthaltsqualität“ protzt. In dieses Bild passen auch die von Herzog/de Meuron entworfenen, mit exquisitem Angebot aufwartenden „Fünf Höfe“ in der Münchner Theresienstraße. Und die „Schloss-Arkaden Braunschweig“ – wenngleich sie sich der Hülle einer, um nur das Mindeste zu sagen, diskussionswürdigen Kopie des 1960 abgerissenen Welfen-Schlosses bedienen.

Der Strukturwandel im Einzelhandel verändert nicht nur die Konsumwelt, sondern auch die Stadtkultur. Wenn seitens der Architektur- und Stadtkritik Zeter und Mordio geschrieen wird, dann ist das nicht ohne Ironie. Schließlich hat sich die Architekturdiskussion (zu) lange nicht ernsthaft mit den Bedürfnissen der Einzelhändler und ihrer Kunden beschäftigt. Weswegen man sich auch nicht wundern muss, dass Kaufhäuser und Einzelhandelszentren zunächst einmal von Handelslogistikern konzipiert werden, die genau zu wissen glauben, was der Kunde wünscht: Zugänglichkeit, Bequemlichkeit, Sauberkeit. Die Grundhaltung von Planern und Soziologen ist häufig ressentimentgeladen: Das Shopping Center wird als Fremdkörper empfunden, der noch dazu aus den USA kommt und sich verhält wie Fast Food zu gutbürgerlicher Küche. Dabei ist die Geschichte des Shopping Centers so alt wie die europäische Stadt. Deren Gründungsimpuls war der Markt. Und somit sind beide, Stadt und Center, das Produkt identischer Kräfte.

Nicht mehr die grüne Wiese – wie seinerzeit das Main-Taunus-Zentrum vor den Toren Frankfurts –, sondern die Innenstadt ist die Perspektive der avancierten Einkaufs­center. Die Res publica, der öffentliche Raum der Stadt, wird zu einer Art Fruchtwasser, in dem der Einzelhandel sich neu gebiert. Neue Geschäfte, Läden und Shops scheinen heute allerdings nur dann Aussicht auf Erfolg zu haben, wenn sie das jeweilige Umfeld aufgreifen und weiterentwickeln. Die zeitgenössische Handelsarchitektur sucht nun also jenes Stadtbürger-Milieu, das die industrielle Handelskultur weithin überwunden glaubte. Und sie hat – mit Malls und Galerien – eigene Formen entwickelt, die aus ihrer Sicht optimal gestaltbar und kontrollierbar sind. Schicke Mall-Architekturen mit viel Glas, edlen Böden, Wasserspielen und Piazza-Qualitäten sollen eines verheißen: Einkaufen mit Unterhaltungswert – auch wenn der tatsächliche Erlebnisgehalt meist nur eine vordergründige, einseitige Reizsteigerung, ein schnell verpuffender Effekt sein mag.

Aus der Warte des Handels ist diese Strategie nur folgerichtig. Und auch gesellschaftlich hat das durchaus seine Richtigkeit: Der Rückgriff auf die europäische Stadt im Allgemeinen und die berühmten italienischen Stadtplätze im Besonderen muss wohl als Vergewisserung eines Ideals verstanden werden, das in der Verbindung von Schönheit und Lebendigkeit bis heute den meisten als Vorbild gilt.

Gott-Vater-Modell

Freilich gibt es einen entscheidenden Einwand: Was das Center oder die Shopping-Mall von der Geschäftsstraße unterscheidet, ist die Tatsache, dass ein Investor beziehungsweise Betreiber die Mall plant, produziert, besitzt und verwaltet. Er verfügt über alle Informationen, über alle Mittel (Eigentumsrechte, Geld), und er verfolgt widerspruchsfreie Ziele: die Maximierung des Ertrags auf das eingesetzte Kapital. Er strebt danach, alles Unliebsame außen vor zu halten – auch jene Bürger, die sich nicht (konsum)konform verhalten. Kurz, das Center wird in jener idealen Planungssituation realisiert, die der Oldenburger Soziologe Walter Siebel das „Gott-Vater-Modell von Planung“ genannt hat: von einem allmächtigen und allwissenden Subjekt, das jenseits von Gut und Böse handelt. Demgegenüber werden gewöhnliche innerstädtische Räume gleichsam als Stückwerk produziert – in einem Aushandlungsprozess zwischen einer Vielzahl von Akteuren, die teilweise widersprüchliche Ziele verfolgen und nicht unbedingt ein gemeinsames Ganzes im Sinn haben. Die Kommunalverwaltung will das Stadtbild erhalten, den Anwohnern geht der Passantenstrom auf die Nerven, die Geschäftsleute setzen auf neue Parkplätze, und ansonsten regt man sich über den verrosteten Fahrradständer vorm Laden gegenüber auf. Mit anderen Worten: Zwischen den beiden „Modellen“ besteht ein wesentlicher Unterschied, der nicht aufhebbar ist.

Dass Zugang und Sicherheit durch den Betreiber kontrolliert werden, scheint „Otto Normalverbraucher“ kaum zu kümmern; er frequentiert und genießt die Malls und Center, beklagt allenfalls, dass zu wenig Ruhebänke angeboten werden. Die perfekt gestylten (Innen)Räume des Shoppingcenters verändern die städtische Sphäre, wie umgekehrt die neuen Raumangebote unser Alltagsverhalten verwandeln. Wir haben uns – ob in der Frankfurter Zeil oder am Potsdamer Platz – so sehr an diese durchkomponierte Ereignisarchitektur gewöhnt, dass wir sie nicht mehr recht missen möchten. Bis zu einem gewissen Grad werden wir also akzeptieren müssen, dass sich die Rolle des öffentlichen Raums in unseren zeitgenössischen Städten ändert, indem sein konsumtiver Charakter akzentuiert wird.

Robert Kaltenbrunner ist beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung beschäftigt und als Publizist tätig

Kommentare (1)

Columbus 21.06.2011 | 02:42

Lieber Herr Kaltenbrunner,

Keine Frage, die vier-fünf großen Projektentwickler für Center aller Art, -vielleicht sind es auf der wirklich großen Bühne auch nur noch zwei oder drei Firmen-, die auf der grünen Wiese, in der "Zwischenstadt" oder aber für 1A-Innenstadtlagen planen, die übrigens weitestgehend frei von Wohnen, Arbeit außerhalb des Einzelhandels und der dazu nötigen Dienstleistungen, aber auch weitestgehend frei von Kultur bleiben, lassen keinen einzigen Aspekt rund um ihr Megaprodukt außer Acht.

Die Wege, die Verteilung der Kettenläden, das Licht, die Luft, die Musik, alles ist durchrecherchiert und geplant, psychologisch, soziologisch und marketingtechnisch. Die in Frage kommenden globalen und nationalen Einzelhändler, sie sind rigide kontrolliert und ausgewählt, sie beherrschen die Lagen und das Sortiment.

Es ist in Großstädten zu 98% identisch, wie selbst Schüler in Oberstufenprojekten mittlerweile feststellten.
Die großen Mieter- oder Pächterfirmen achten heute schon mit darauf, wer neben ihnen in die Begleitflächen zieht.

Allerdings ist diese Welt eine, für die keinen Leute extra eingerichtete Sphäre. Hier sollen sie ihre Freizeit in Konsum umwandeln und das als Befreiung erleben. Es scheint fast reibungslos zu funktionieren.

Oftmals wissen die Konsumenten auch nicht, dass sie am Einkaufstag die Läden ein und der selben Firma betreten, nur die Logos sind jeweils anders. Sie halten die Angebote für individuell und speziell, sagen häufig, sie müssten auf die Zeil oder in das neue Center nach Darmstadt-Weiterstadt, weil da das Angebot besser sei, obwohl für die Markendiscounter und die großen Unterhaltungselektronik und Weißware-Anbieter bundesweite Preisstrategien mit fast austauschbaren Produkten gefahren werden.

Selbst bei der Unterhaltungskultur konzentriert sich der Hauptabsatz auf wenige Prozente des Angebots und ist völlig chartfixiert.

Die Zeil und ihren Einzelhandel kenne ich ganz gut. Auffällig ist, dass trotz Klimatechnik und ausgeklügelter Wegführung, die neusten Einrichtungen stickig, eng und steril wirken, obwohl die Architektur auf Pomp und Augentäuschung aus ist, z.B. werden niedrige Decken verspiegelt. Nur den Abertausenden, die dort hinein strömen und oftmals Stunden dort zubringen, einen Großteil der Zeit auf Rolltreppen, an Kassen, entlang der extra lang ausgelegten Laufwege, scheint das nicht aufzufallen.

Normalität nennt man das und Abweichung, eventuell sogar auch Störung, wenn man selbst dieses Gefühl einfach nicht hat.
-Verrückt, nicht von dieser Welt, ist man dann.

Ab einer gewissen Einkommensklasse allerdings, ändert sich das wieder schlagartig. Sogar die Zuschreibung ändert sich: Der Banker aus der City darf zwar zu Aldi, billigen Grand Cru kaufen, er ist dann Schnäppchenjäger, aber auf der Zeil hat er eigentlich nichts zu suchen.

Dann schätzt man klein und fein wieder, mag Hausbesuche und spezielle Angebote, Lieferung mit Service, Exklusivität, Einzigartigkeit, Handwerk und Technik, die nicht jeder hat, sei es auch nur aus Distinktionsgründen, nicht weil man das bräuchte.

Mainz, bisher eine Stadt die vom Center in der Stadt verschont blieb, bekommt, ganz nach Firmenstrategie von Otto-ECE, -die diese Firma auch als Strategie offen bekannt gibt-, oder der des einzigen Hauptkonkurrenten, nun ebenfalls ein Center aufs Auge gedrückt. Der Stadtrat leistet noch ein wenig Widerstand zu Detailfragen, dann kommt das Center in die Blickachse Richtung Dom. Koblenz hat seinen zentralen Platz schon an die privaten Entwickler abgetreten.

Sie stellen das als sehr günstigen Trend dar. Vielleicht ist es aber auch nur die normative Kraft des ökonomischen Faktums, das sie so hinnehmend werden lässt. Die Macht ist einfach stärker und hat die Psychologie der Masse auf ihrer Seite, die andererseits nichts sehnlicher wünscht, als individualistisch zu sein.

Wann hat das angefangen, dass den Menschen die Suggestion ihres Ichs und ihrer Personalität reicht und sie sogar bereit sind ihr hart erarbeitetes Einkommen für diese Suggestion zu opfern? Sogar über die Gründe ihres Einkaufs im Center betrügen sie sich, denn ein spezielles oder günstigeres Angebot finden sie dort meist eben nicht.

Also muss es um die psychisch und sozial wirksame Atmosphäre der Einkaufswelt gehen, obwohl doch viele angeben, sie seien nur aus Notwendigkeit (kleines Einkommen, nur dort ein großes Angebot) dort hin gepilgert. Hat es etwa damit zu tun, dass der Konsum die letzte Gemeinsamkeit der meisten Westler ist, über den nicht groß gestritten wird, der letzte große Konsens aller Bürger des groß geschriebenen Mittelstands?

Unter Kosumenten ist man Konsument, wie im Stadion unter Fans, ein Fan. Das eint.

Wir sind zwar in der Postindustrialität angekommen, aber noch lange nicht in der Post-Konsumgesellschaft, die zwar mit schlechtem Gewissen reichlich ausgestattet daher kommt, ich höre es jeden Tag, aber doch mit ungebremster Lust weiter macht wie bisher.

Otto Normalverbraucher bereichert daher weiterhin das Familienunternehmen Otto und die Aldi-Brüder und noch einige wenige, andere Firmenkonsortien in den Händen von Investoren oder anderer weitläufiger Familien. Ist das nicht schön?
Zum Dank gibt es Center im ganzen Land, auf den Hauptplätzen, an den Hauptbahnhöfen oder an den Hauptautobahn-Routen.
- Da wird bald die Heiligsprechung fällig.

Grüße und Dank für ihre Anregungen
Christoph Leusch