Die Stille vor dem Knall

Vårby Gård Die rechtsnationalen Schwedendemokraten stehen vor einem Wahltriumph. Das Land hat seine identitätsstiftende Geborgenheit verloren
Die Stille vor dem Knall
Für Schweden waren Staat und Sozialdemokratie lange identisch. Mittlerweile ist die Lohnspreizung gravierender als in den meisten OECD-Staaten

Foto: Francis Joseph Dean/Imago

Eine Dreiviertelstunde braucht man vom historischen Museum in Stockholm nach Vårby Gård. Für einen Blick auf das Knäuel aus Bezügen und Projektionen kurz vor der Parlamentswahl am 9. September lohnt sich die Fahrt. Der kleine Platz, gleich wenn man von der Bahnstation herunterkommt, ist nicht hübsch, auch nicht hässlich, etwas Strenges geht von ihm aus. Wer will, kann auf Bänken sitzen und den hohen Betonsockel der Bahn anstarren. Weiße Kreise sind in den Boden gepflastert.

In einem Restaurant gibt es Falafel und Pizza, in einem anderen Fleisch. Bei Vårbygrillen bekommt man drei Pizzen mit Salat und Getränk für das, was in der Markthalle beim historischen Museum eine Fischsuppe kostet. Fitnessstudio, Bibliothek und Schule begrenzen den Platz, dahinter wird es grün, ein Park zieht sich unter der Bahntrasse entlang. Hügelaufwärts stehen schmucklose Wohnriegel aus den 1960er Jahren, als der Staat innerhalb von zehn Jahren eine Million Wohnungen gegen den Notstand baute. Das historische Museum in Östermalm, dem Zentrum der schwedischen Hauptstadt, erzählt davon.

Auf dem Platz in Vårby Gård sitzen selten Menschen, sie passieren ihn eher. Viele, die ringsum wohnen, sind froh über den Kindergarten um die Ecke, über den Supermarkt und den Umstand, dass ihre Häuser nicht zerschossen werden. Jugendliche reden Arabisch, Albanisch oder in Wolof, einer Niger-Kongo-Sprache, mit ihren Eltern, zwei Jungs verhandeln auf Schwedisch eine Liste mit den besten fünf Fußballspielern des Landes. Dann haben sie eine beisammen: Alle fünf sind genauso schwarz wie sie selbst.

Pendler laufen über den Platz, erschöpfte Gesichter, zwei Taiwanesinnen in Monteuranzügen. Frauen tragen Tüten, Männer rauchen. Vårby Gård steht auf der Liste der Orte mit hoher Kriminalitätsrate und sozialer Ausnahmesituation. Es gibt in Schweden derzeit 61 solcher Orte. Dabei ist Vårby Gård kein Slum, die Polizei patrouilliert, Männer trinken Tee im Park, Frauen treffen sich an einem festgeschraubten Set aus Bänken und Tischen, um zu reden.

Ende des Sozialstaats

Fährt man mit der Bahn hierher, passiert man Södermalm, seit einiger Zeit das angesagte Viertel Stockholms überhaupt. Um halb neun an diesem ersten Septembertag hat dort Po Tidholm ein Frühstück in „der besten Bäckerei der Stadt“ vorgeschlagen. Der Herbst liegt seit zwei Wochen über der Stadt, das Licht hat Rottöne aufgenommen, übers Wasser kommt kühler Wind. „Stell dir vor, auf dieser Insel leben vielleicht zehn Prozent der schwedischen Journalisten“, sagt Tidholm, kurzes graues Haar, Brille und eine braune Jacke, mit der man auf dem Bau arbeiten oder ins Konzert gehen kann. Dies erkläre, warum größere Teile des Landes journalistisch weiße Flecken seien, seit Jahren einfach nicht mehr wahrgenommen würden.

Tidholm schreibt Bücher, aber auch für Zeitungen. Er habe eine Wohnung um die Ecke, lebe aber mit seiner Familie auf einem Bauernhof, 250 Kilometer nördlich. Seit gut zwei Jahrzehnten verfolgt der Autor den Wandel ländlicher Gegenden, er hat literarische Reportagen verfasst und Alarm geschlagen, etwa wegen der einbrechenden ärztlichen Betreuung in einigen Regionen. Nun aber ist er vorsichtig geworden, Alarmstimmung machen andere. Die Schwedendemokraten, eine nationalpopulistische Partei mit Wurzeln im Neonazi-Milieu, könnten bei der Wahl zur zweitstärksten Kraft hinter den Sozialdemokraten von Premier Stefan Löfven aufsteigen, der seit 2014 eine Minderheitsregierung mit den Grünen führt. Wie lässt sich die wahrscheinliche Abwahl dieses Kabinetts erklären, fragt Tidholm. Es gäbe sinkende Arbeitslosenzahlen, einen Haushaltsüberschuss, bei Migranten die europaweit höchste Integrationsquote in einen nationalen Arbeitsmarkt. Und dann steigern Rechtspopulisten ihren Stimmenanteil von 13 auf vielleicht 20 oder mehr Prozent? Tidholm lacht. „Verstehe ich auch nicht, das ist die Millionen-Dollar-Frage.“

Jimmie Åkesson, Chef der Schwedendemokraten, fühlt sich von der Mitte der Gesellschaft angenommen

Foto: Johan Nilsson/AFP/Getty Images

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SAP) hat Schweden über achtzig der letzten hundert Jahre regiert, nicht nur Wohnriegel, sondern den Sozialstaat und ein kollektives Verantwortungsgefühl aufgebaut, das Solidarität, Universalismus und Toleranz hochhielt. Viele glaubten gar, dass solche Werte schwedisch seien wie moderne Städte oder tiefrote Holzhäuser am See mit Veranda und weißen Eckbalken. Es gehörte zum Selbstverständnis dieser Gesellschaft, dass alle die gleichen Chancen haben sollten, von Kiruna bis Trelleborg.

Für viele Schweden waren lange Zeit Staat und Sozialdemokratie identisch. Als in den 1980er Jahren Unternehmen steigende Löhne verhinderten und Milliardengewinne auswiesen, hatte sich die propagierte Sozialpartnerschaft schnell erledigt. Und als in den frühen 1990ern eine Spekulationsblase platzte, sodass die Regierung des Konservativen Carl Bildt private Banken rettete, waren bald darauf gekürzte Sozialleistungen fällig. Es wurde dereguliert und für mehr individuelle statt für kollektive Verantwortung plädiert. „Sie haben aus dem Sozialstaat einen Markt gemacht“, findet Tidholm und hat einen schönen Satz parat, um den Irrtum zu beschreiben, der dieser Entscheidung zugrunde lag: „Markt braucht Dichte.“ Genau da setzt der zweite Teil seiner Erklärung an, bezogen auf die Spaltung des Landes in Gewinner und Verlierer, Stadt- und Landbewohner, Eigentum und Prekariat.

Mittlerweile ist die Lohnspreizung in Schweden gravierender als in den meisten anderen OECD-Staaten. Man kann es auch so ausdrücken: In der Nähe roter Holzhäuser steht eine Supermarktfiliale – oder nichts. Wo man früher in harter Arbeit Erze aus dem Boden schürfte, werden noch immer große Teile des Bruttoinlandproduktes erwirtschaftet, nur graben heute Maschinen, gesteuert von digitaler Technik. Im historischen Museum hängt die Geschichte der nationalen Ökonomie an der Wand, Holzwirtschaft und Bergbau haben seit den 1970er Jahren rapide an Bedeutung verloren. Schweden wurde zur Dienstleistungsgesellschaft.

Eine Handgranate, der Tod

Die Enttäuschung über den verlorenen Schutz des Staates sei in Hass auf die etablierten Parteien umgeschlagen, gerade in kleinen Orten weitab von Stockholm, sagt Tidholm. Tatsächlich weigern sich die Sozialdemokraten nicht nur, ihre Reformpolitik zu diskutieren. Sie reagieren nicht einmal, wenn heute über 80 Prozent der Schweden höhere Steuern für einen leistungsfähigen Sozialstaat für gerechtfertigt halten. Irgendetwas mit Markt und Dichte liegt da im Argen. Zum Abschied malt Tidholm ein Diagramm in die Luft. Auf der vertikalen Achse ordnet er Einkommen, Bildung, Sicherheit und Sozialleistungen an. Auf der horizontalen Achse Toleranzfragen – Rechte von Minderheiten, von Schwulen und Lesben. „Außerhalb von Stockholm haben viele den Eindruck, dass Sicherheiten und Gewissheiten verloren gehen. Also halten sie Errungenschaften auf dem horizontalen Ast für weniger relevant.“

Anfang Januar fuhr der aus Chile stammende Daniel Cuevas Zuñiga eines Abends mit dem Rad über den zentralen Platz von Vårby Gård. Bei einem der weißen Kreise sah er im Schnee einen runden Gegenstand. Zur Zeit der Pinochet-Diktatur wurde Stockholm zu einem wichtigen Refugium der chilenischen Emigration und Opposition. Menschen wie Cuevas Zuñiga kamen deshalb hierher.

Als der den Gegenstand aufheben wollte, gab es eine Explosion, eine Handgranate jugoslawischer Produktion detonierte und tötete Cuevas Zuñiga. Seit 2008 haben sich Vorfälle dieser Art nach Polizeiangaben verdreifacht, auch wenn es mittlerweile wieder weniger werden. Der Straßenpreis für eine Granate M 75 liegt unter dem für eine Eiskugel. Kauft man eine Kalaschnikow, gibt es das Eis gratis dazu. Mal heißt es Bandenkrieg, mal Terror wie im August, als zwei Männer gefasst wurden, die einem Bankangestellten Granaten ins Haus warfen, der Betrugsfälle recherchierte. In der Bibliothek von Vårby Gård riefen daraufhin Dutzende Eltern an, um Leihzeiten zu verlängern, weil sie ihre Kinder wochenlang nicht mehr auf die Straße ließen. Eine Weile lagen Blumen über dem Blutfleck auf dem Pflaster. Auch wenn die Wohnungen aus den 1960ern bezahlbar sind – wer kann, der zieht weg aus Vårby Gård. Als vor Tagen das alljährliche Kinderfest auf dem Platz der weißen Kreise veranstaltet werden sollte, gab es keine Erlaubnis. Das Areal hatten Parteien für Wahlmeetings gebucht.

Männer beim Tee

Die Schwedendemokraten unter ihrem Vorsitzenden Jimmie Åkesson hätten sich verändert, urteilt die Politologin Ann-Cathrine Jungar von der Södertörn-Universität beim Gespräch in einem Café nur einen Steinwurf von der Bäckerei auf Södermalm entfernt. Jungar forscht über Rechtspopulismus in der EU und zeichnet nach, wie sich die Schwedendemokraten zuletzt von Neonazis trennten, besser organisierten, Vorschläge zu Steuersenkungen übernahmen, gegen ein Europa der Eliten wetterten und sich an Zuwanderern schadlos hielten. „Wirkliche Veränderungen heißt ein Parteislogan zur Wahl, dahinter ein Bild vom tiefroten Holzhaus wie eine Metapher für bodenständige Tradition. Die fast schon sprichwörtlich schlechter gebildeten Männer, aber auch diejenigen, deren Vorstellungen von Einkommen und Status nicht mit der glitzernden Konsumwelt mithielten, würden die Partei am 9. September wählen, denkt Jungar. „Indem die anderen Parteien, vor allem die Medien, die Schwedendemokraten ausgrenzen, helfen sie dem rechten Populismus. Das geschieht besonders dann, wenn Zeitungen ständig über die serbische Mafia schreiben.“

Auch wenn das Außenministerium reagiert, um Kernargumente der Schwedendemokraten von einer hohen Ausländerkriminalität, schlechten Integrationsraten, einer muslimischen Mehrheit und einem durch Einwanderung kollabierenden Schweden zu widerlegen – Medien nehmen mit Wonne Termini wie „No-Go-Zone“, „Sozialbetrug“, „Kriminelle Ausländer“, „Sicherheitsverlust“ in die Schlagzeilen. Jungar erzählt von einer Frau, mit der sie im Chor singt. Die traue sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr, durch den Park zu gehen, da würden Jugendliche herumlungern, es gebe Messer. Jungar hat nicht nachgefragt, aber solche Geschichten wirken.

Den Schwedendemokraten werden gerade in Stockholms Vororten erhebliche Stimmengewinne prophezeit. Bei manchen Gewerkschaften ist die Partei längst präsent. „Über diese Trends wird viel zu wenig diskutiert“, findet Jungar. Das gelte auch für einen Hang zum Wohfahrtschauvinismus, der die Überzeugung bediene, Sozialleistungen müssten zuerst den Schweden zugutekommen. Jungar glaubt, dass die Schwedendemokraten längst die loyalsten Wähler hätten. „Erstaunlich für eine so junge Partei.“

Vielleicht liegt es an der Sonne und am Samstag, auf dem Platz der weißen Kreise in Vårby Gård will niemand über Politik sprechen. Vereinzelt hängen Plakate an Laternenmasten, ein paar Briefwähler laufen in die Bibliothek, sonst ist es still. Die Männer beim Tee dürfen nicht wählen, die Frauen auf den Bänken erzählen, dass es für Jugendliche wenig zu tun gebe. Und eine Bibliothekarin ärgert sich über die Sache mit dem Kinderfest. An jenem Tag sei der Platz leer geblieben, kein Politiker erschien.

Ann-Cathrine Jungar hatte noch angemerkt, ein Wahlerfolg der Rechtspopulisten müsse nicht unbedingt schlecht sein. „Dann können wir nicht mehr drum herum reden.“ Po Tidholm hob kurz die Augenbrauen. „Wir reden nach jeder Wahl im Fernsehen viel über das Ergebnis. Nach zwei Wochen gibt es eine Ausstellung in der Tate Modern. Die ist dann interessanter.“ Und die Bibliothekarin meinte, egal, wie es ausgehe, die Leute in Vårby Gård wüssten auch so, nicht wichtig zu sein.

06:00 08.09.2018

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