Lukas Foerster
Ausgabe 0717 | 17.02.2017 | 06:00

Die Stimme vor dem Schluss

Modell Denzel Washington verfilmt in seiner dritten Regiearbeit ein Drama des schwarzen Amerikas der 1950er Jahre: „Fences“

Man sollte sich diesen Film, so weit irgendwie möglich, in der englischen Originalfassung ansehen. Denn die Synchronisierung beraubt ihn nicht nur, wie jeden anderen Film, zwangsläufig zahlloser Bedeutungsnuancen; sie höhlt ihn regelrecht aus. Alles in Fences steht und fällt mit der Stimme des Hauptdarstellers (und Regisseurs) Denzel Washington. Washingtons Figur des Troy Maxson, eines Manns mittleren Alters, der bei der Müllabfuhr arbeitet und in einem kleinen Einfamilienhaus in Pittsburgh mit seiner Familie lebt, redet und redet und redet wie ein Wasserfall.

Vor allem in der ersten halben Stunde ist Washingtons Stimme allgegenwärtig, durchdringt den Film bis ins Innerste. Der familiäre Alltag mit allen Einschränkungen und Freuden, Troys Enttäuschung über seinen ersten Sohn Lyon (Russell Hornsby), die Hoffnung, die er in seinen zweiten Sohn Cory (Jovan Adepo) setzt, die zu Beginn noch unerschütterlich anmutende Liebe zu seiner Frau Rose (Viola Davis), die Probleme bei der Arbeit, die Rassismuserfahrungen, Erinnerungen an eine Kindheit in bitterer Armut, Vorahnungen des eigenen Todes: All das fließt zusammen in einem fast durchweg in derselben Tonlage vorgetragenen, dennoch variationsreichen, fein rhythmisierten Monolog, der nur gelegentlich strategische Pausen lässt, damit Troys Gesprächspartner das eine oder andere Stichwort einwerfen können.

Wie wichtig die Stimme des Hauptdarstellers für den Film ist, wird paradoxerweise nur noch deutlicher, wenn das von Anfang an mindestens teilweise schnapsbefeuerte Organ irgendwann ins Stocken gerät, wenn es die Kontrolle über sich selbst verliert, auf die immer häufiger und immer vehementer vorgetragenen Widerworte keine Anwort mehr weiß, gelegentlich sogar hilflose Pausen machen muss, manchmal in betrunkenen Singsang kippt. Weil man dann plötzlich erkennt, dass das Leben, das sich Troy Maxson aufgebaut hat, tatsächlich nur durch diese Stimme, die alle und alles, auch seine eigenen Wünsche und Fantasien, auf ihren korrekten Platz verweist, zusammengehalten wurde.

Konsequent bühnenhaft

Fences basiert auf einem Bühnenstück von August Wilson, das 1989 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Offensichtlich würde die Kinoadaption diese Ehrung demnächst sehr gern in den einen oder anderen Oscar-Gewinn übersetzen. Gelegentlich ist Washingtons dritter Regiearbeit dieses Qualitätskinokalkül doch etwas zu deutlich anzumerken. In ihrer unbedingten Ernsthaftigkeit vor allem, auch in ihrem fast zwanghaften Bemühen, in keinem einzigen Detail die Grenzen des guten Geschmacks zu überschreiten. Sichtbar wird das zum Beispiel an einer Nebenfigur: Troys Bruder Gabriel ist aufgrund einer Kriegsverletzung mental beeinträchtigt, hängt jetzt hilf- und beschäftigungslos in der Nachbarschaft herum. Das potenziell Verstörende, Unheimliche an dieser prekären Existenz wird vom Film in einer Serie lieblich-skurriler Vignetten stillgestellt.

Was dagegen für den Film spricht, ist, dass Washington nicht der Versuchung erliegt, die Herkunft des Stoffs von der Bühne durch allerlei filmische Taschenspielertricks zu verschleiern. Im Gegenteil wacht seine sorgfältige und vor allem in der Arbeit mit Schauspielern aufmerksame Regie strikt über die Einheit von Raum und Zeit: Der Film verlässt das Grundstück der Maxsons so gut wie nie; selbst auf die von spielenden Kindern belebte Straße treten die Figuren kaum einmal heraus.

Und die wenigen, in fast schon rhythmischem Wechsel wiederkehrenden Schauplätze, an denen sich die zumeist lang ausgedehnten Szenen entfalten, werden dann auch noch konsequent bühnenhaft gemacht: Leer geräumt und ein wenig steril sehen sie aus, die paar Objekte, die auf ihnen herumstehen, gehören nicht der Dingwelt des Alltags an, sondern sind bedeutungstragende Requisiten. Alle Aufmerksamkeit gilt den Figuren, ihrem Auftreten, und vor allem ihren Gesprächen.

Wie die Bühnenvorlage spielt auch die Verfilmung in den 1950er Jahren. Das Aufgeräumte, Modellhafte am Film hat auch damit zu tun. Es geht um ein Nachkriegsamerika, in dem der Rückzug ins Heim mit einem historisch einmaligen wirtschaftlichen Aufschwung in eins gefallen ist. Fences untersucht, inwieweit sich das schwarze US-Amerika in dieser bürgerlichen Erfolgserzählung wiederfinden kann. Der Grundton ist skeptisch. Nicht nur die Widerstände des gesellschaftlichen Mainstreams in der Gegenwart – Troys Bosse trauen ihm nicht einmal zu, den Müllwagen selbst zu lenken –, sondern auch die historische Prägung bedrohen das kleine Glück von allen Seiten.

Die zentrale Bühne des Films, Schauplatz der entscheidenden Konfrontation, ist der Hinterhof der Maxsons. Um diesen eh schon engen, allseitig von rötlich-backsteinernen Gebäuden umstellten Zwischenraum meint Troy noch einen Zaun bauen zu müssen, und zwar aus Hartholz. Dieser Zaun gibt nicht nur dem Film seinen Titel, er ist auch metaphorisch vielfältig aufgeladen. Manche bauen Zäune, heißt es einmal, um Leute auszusperren, andere tun das, um Leute einzusperren.

Wieder andere, lässt sich ergänzen, bauen Zäune, damit sie die bürgerliche Autonomie, die ihnen im größeren sozialen Leben, in der Welt draußen aufgrund ihrer Hautfarbe verwehrt bleibt, wenigstens zu Hause symbolisch errichten können. Die Frage, ob das schwarze Amerika inzwischen die Möglichkeit hat, den Zaun einzureißen, reicht der Film in einem fast schon außerweltlich utopischen Schlussakt an die Gegenwart weiter.

Info

Fences Denzel Washington USA 2016, 139 Minuten

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/17.