Die Stimmen zum trotzigen Experiment

Ethik China will führend in der Genforschung werden, moralische Fragen spielten dabei bisher keine Rolle. Jetzt melden sich auch Kritiker
Die Stimmen zum trotzigen Experiment
Die Wissenschaftler experimentieren erstmals am Erbgut menschlicher Embryonen

Foto [M]: Inarik/iStock

Die Arbeitsgruppe von Huang Junjiu an der Sun-Yat-sen-Universität ist mit ihren Experimenten in China vermutlich nicht allein. „Ich wage zu sagen, dass es zahlreiche weitere Labore gibt, die in diese Richtung forschen“, sagt Wang Haifeng, ein angesehener chinesischer Biowissenschaftler. „Die meisten der Forscher sind bloß zu schlau, um jetzt schon darüber zu reden.“ Der Grund für die Diskretion: Die Wissenschaftler experimentieren erstmals am Erbgut menschlicher Embryonen. Und es ist nicht verwunderlich, dass nun eine chinesische Universität im Zentrum der Aufregung steht. Hier arbeitet die Genforschung vergleichsweise ungezügelt und unkontrolliert.

Fünfjahresplan für Forschung

Zum Teil ist das staatliche Strategie. Die Führung des Landes verspricht sich von der laxen Handhabung einen Vorsprung in der Biotechnik. Bisher führen ganz klar die Amerikaner – aber je näher die Experimente an den Menschen rücken, desto größer sind in christlich geprägten Kulturen die Bedenken. Im offiziell atheistisch-materialistischen Weltbild der Kommunistischen Partei hingegen sind menschliche Embryonen in den frühen Phasen nur Zellen, deren Schutz geringere Priorität hat als der wissenschaftliche Fortschritt. Der Ehrgeiz der politischen Führung, in Schlüsseldisziplinen ganz vorn mitzuspielen, ist enorm: In einem derzeit laufenden Fünfjahresplan für medizinische Forschung sind Ausgaben von 300 Milliarden Euro vorgesehen. Höchste Priorität hat die Genomforschung. Weil China in der traditionellen Pharmazeutik hoffnungslos hinterherhinkt, will es eine Entwicklungsstufe überspringen und gleich mit Biotechnik loslegen.

Die Regierung will unbedingt Fortschritte sehen, doch in der Bevölkerung ist die Grundeinstellung gespalten. Laut einer Umfrage sagen beispielsweise 91 Prozent, dass sie keine gentechnisch veränderten Lebensmittel essen möchten. Dennoch ist die Offenheit gegenüber experimenteller medizinischer Forschung vergleichsweise hoch. Vor allem scheint der Schritt zur Veränderung menschlicher Zellen nicht so groß zu sein wie in westlichen Ländern. Eine Mischung aus Fortschrittsgläubigkeit und Unbefangenheit trägt zu der toleranten Stimmung bei. In der breiten Bevölkerung dominiert allerdings Desinteresse.

Dazu passt es, dass Huangs Experiment in China zunächst kaum Aufsehen erregt hat. Während in westlichen Medien eine riesige Diskussion losgebrochen ist, lief die Nachricht in ihrem Ursprungsland in den Randspalten. Es waren die US-Korrespondenten der chinesischen Medien, die einen Tag später mit der Story eingestiegen sind: „Genveränderung an menschlichem Embryo löst internationalen Aufruhr aus.“ Die chinesischen Wissenschaftler nehmen derweil überwiegend eine betont nüchterne Haltung ein. „Es geht bei der großen weltweiten Diskussion offensichtlich nicht um wissenschaftliche Fragen, denn das fragliche Experiment war sehr klein“, sagt Zhao Shimin, Biologe an der Universität in Shanghai. Für ihn ist entscheidend, dass die Forscher nie das Ziel hatten, einen Menschen heranreifen zu lassen. Sie haben einfach mit der neuen Technik herumprobiert. Dass sie nur Ausschuss produziert haben, sei zu erwarten gewesen.

Die lockere Haltung vieler Kollegen stört jedoch Biowissenschaftler Wang, der für das Unternehmen Shanghai South Gene Technology forscht. Er verweist auf Ultraschalluntersuchungen als Beispiel dafür, wie die Nutzung medizinischer Möglichkeiten außer Kontrolle geraten kann. Viele Eltern suchen sich heute in China das Geschlecht ihres Kindes aus. Die Folge: Auf 100 neugeborene Mädchen kommen 116 Jungen. Selektive Abtreibungen sind illegal, aber weit verbreitet. Was, wenn die Eltern sich dann nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Intelligenz und das Aussehen aussuchen können? „Es ist praktisch unmöglich, die Anwendung dieser Techniken zu kontrollieren“, sagt Wang.

Und wenn es darum geht, ihren Kindern einen Vorsprung zu verschaffen, sind chinesische Eltern zu praktisch allem bereit. Sobald der Wettlauf um die genetische Aufrüstung der eigenen Nachkommen losgeht, dürfte es deshalb kein Halten mehr geben, befürchten Experten. Die Biowissenschaftler des Landes sind fast durchweg überzeugt, dass es einmal so weit kommt, dass die gentechnische Aufwertung von menschlichen Embryonen möglich sein wird – und dann ein Schwarzmarkt für Behandlungen entsteht. „Es ist normal, dass eine neue Technik mit einer hohen Fehlerquote beginnt. Aber dann verbessert sie sich, bis sie zuverlässig wird“, sagt Wang.

Vermutlich werden Geschäftemacher kaum auf die Zulassung der Technik warten, bevor sie Genmanipulationen anbieten. Schon jetzt bereichern sich skrupellose Ärzte mit Versprechen von Wunderheilungen durch Stammzellentherapie. So hatten Ärzte eine Patientin, die unter Gelbsucht litt, mit dem Versprechen auf eine neue Leber gelockt. Er werde Stammzellen in das zerstörte Organ spritzen, kündigte der Arzt an. Diese könnten sich dort vermehren und eine gesunde Leber bilden. Fan Hongkun, 63 Jahre alt, glaubte an die Versprechen. Da der Arzt ihre Medikamente absetzte, starb sie wenige Tage später an einer Schwemme von Gelbsuchtviren. Ihre Kinder klagten erfolglos gegen das Krankenhaus.

Mittlerweile kontrollieren die Behörden die Branche zwar stärker, doch im Verborgenen blüht das Geschäft weiter. Agenturen vermitteln heute mehr wohlhabende Patienten aus Arabien, Europa oder Amerika an entsprechende Kliniken als je zuvor. Die verzweifelten Patienten zahlen mehr als 20.000 Euro.

Unterschiedliche Standards

In China herrschen dabei völlig unterschiedliche Standards. Die Labore der bekannten Universitäten in Peking und Shanghai arbeiten sehr korrekt und in gemischten Teams mit internationalen Wissenschaftlern – sie halten sich an alle geltenden Regeln. In Privatkliniken aber, oder in Militärhospitäler von Provinzstädten, reicht der Arm der Aufseher oft nicht hinein. Hier bessern Ärzte ihr Einkommen auch auf, indem sie versuchen, richtige Gentherapie anzubieten.

Die Arbeit Huangs hat aber noch eine weitere Dimension, weil das genetische Material aus der befruchteten Eizelle auch die Blaupause für die weitere Vererbung ist. „Wenn Sie die DNS einer Zygote verändern, dann wird die Erbinformation weitergegeben“, sagt Wang. Sie werde Teil des Genpools, anders als die klassische Gentherapie, die nur eine einzelne Person betrifft. Wang hält die Versuche seines Kollegen daher für absichtlich provokativ. „Es ist ein trotziges Experiment“, sagt er.

Der Blick in chinesische Webforen zeigt, dass die Nutzer tendenziell auf der Seite der experimentierfreudigen Forscher stehen. „Es gibt die unberührte Natur schon nicht mehr, seit Menschen die ersten Werkzeuge gemacht haben“, schreibt der Blogger Regentropfen-jagen-fallende-Blätter. „Es ist Zeit für die nächste Stufe der Evolution der Menschheit.“ Wenngleich positive Einschätzungen überwiegen, gibt es aber auch skeptische Stimmen. Desmondben kommentiert in seinem Blog: „Ich habe keine Ahnung von Biologie, aber nach allem, was ich aus TV-Serien und Filmen weiß, sind die Typen, die an menschlicher DNS herumfummeln, alle degeneriert und verrückt.“

Finn Mayer-Kuckuk arbeitet als freier China-Korrespondent in Peking

06:00 01.07.2015
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