Vera Gaserow
Ausgabe 1713 | 27.04.2013 | 09:00 10

Die Stromrebellin

Luise Neumann-Cosel hat in ihrer Jugend gegen Atomkraft protestiert und will nun mit ihrer Genossenschaft das Berliner Stromnetz kaufen. Hat die 27-Jährige eine Chance gegen Vattenfall?

Die Stromrebellin

Die 27-Jährige hat schon in ihrer frühen Jugend gegen Castoren und verlängerte AKW-Laufzeiten protestiert. Nun fordert sie den Atomkonzern Vattenfall heraus

Foto: Karlheinz Schindler/ dpa

Umweltminister Peter Altmaier gilt als Politiker ohne Berührungsängste. Aber diese Ankündigung verwunderte dann doch: Der CDU-Mann will Genosse werden. Nicht Sozialdemokrat, bewahre, aber Genosse einer jungen Frau, die jüngst in Maybrit Illners Polit-Talk neben ihm saß. Dezentes Nasenpiercing, wuselig zusammengestecktes Haar, knapper Jeansrock über grünen Leggings – so hatte die 27-Jährige dem Fernsehpublikum gerade mal kurz erklärt, wie sie die Macht eines Energieriesen knacken will.

Wenn Ende 2014 die Konzession für das Berliner Stromnetz ausläuft, dann will sie mit einer Genossenschaft aus Bürgern dem Vattenfall-Konzern dieses Stromnetz abkaufen. „Bin ich dabei!“, verkündete der Umweltminister spontan. Feine Sache!, lobte der Rest der angegrauten Männer-Talkrunde.

Bingo für Luise Neumann-Cosel. Die langjährige Anti-Atom-Aktivistin ist sachkundig, charmant, erfrischend klar und engagiert – und will nun mit einem Positivprojekt die etwas ausgelutschte Debatte über die Energiewende aufpeppen. Ihr Plan: Bürger kaufen sich als Anteilseigner einer Stromnetz-Genossenschaft eine Lebensader öffentlicher Daseinsvorsorge zurück – und können damit nicht nur Politik, sondern auch Geld machen.

35.000 Kilometer Stromleitungen

In der Schwarzwaldgemeinde Schönau haben örtliche „Stromrebellen“ vorgemacht, dass es geht. Aber Berlin ist eine andere Liga: 35.000 Kilometer Leitungen, komplizierte Infrastruktur, elementare Versorgung für 3,5 Millionen Menschen, geschätzter Netzpreis: zwischen 500 Millionen und 4 Milliarden Euro, die Angaben variieren je nach Interesse des Befragten.

Wer solch ein Netz aus dem Nichts übernehmen will, muss sehr überzeugt oder größenwahnsinnig sein. „Klar“, sagt Luise Neumann-Cosel und lacht. „Aber so eine Chance wie jetzt in Berlin bekommen wir die nächsten Jahre nie wieder.“ Im Jahr 2011 machte sie sich deshalb mit einer Handvoll Mitstreitern ans Werk, gründete die BürgerEnergieBerlin-Genossenschaft und übernahm einen der beiden Vorstandsposten des Vattenfall-Herausforderers. Seitdem organisiert Neumann-Cosel den Genossenschaftsbetrieb mit einem Team aus ehrenamtlichen Helfern – und das erstaunlich professionell. „Ich habe gelernt, wenn man sich ein Ziel steckt und einfach anfängt, verlieren auch die größenwahnsinnigsten Projekte ihren Schrecken.“

Sie ist Aktivistin, Weltbewegerin

Mit 16 Jahren schleppt eine Freundin sie mit zu den Castor-Protesten nach Gorleben. Die Erfahrungen im Wendland lassen sie seitdem nicht mehr los. Neumann-Cosel studiert Geoökologie, fuchst sich in die Grundlagen von Umwelt- und Klimaschutz ein und merkt nach dem Diplom: „Forschung ist nicht so mein Ding.“ Sie ist Aktivistin, Weltbewegerin. Und sie hat das Talent zur Sympathiefischerin für politische Projekte.

Im Jahr 2009 wird sie Pressesprecherin des atomkraftkritischen Netzwerks Ausgestrahlt und der Anti-Castor-Kampagne X-tausendmal quer. Sie lernt das Handwerk der Kampagnenorganisation und entdeckt, wie man mit cleverer Strategie politischen Druck erzeugen kann. Mit Anfang 20 wächst sie zur Repräsentantin einer jungen Anti-AKW-Generation heran, die sich ihren Platz neben den graubärtigen Protest-Recken erkämpft.

Bei der Großdemo gegen die schwarz-gelbe Reaktorlaufzeitverlängerung im Jahr 2010 steht Neumann-Cosel auf der Bühne. „Hallo, ich bin Luise“, beginnt sie vor mehr als 100.000 Leuten ihre Rede, und dann geht sie mit der „verehrten Regierung“ und der „lieben Atomlobby“ ins Gericht. Ein Jahr später, kurz nach Fukushima, steht sie vorm Brandenburger Tor wieder vor Massenpublikum – und redet so selbstverständlich und selbstbewusst, als habe sie nie etwas anderes gemacht, als einer Bundeskanzlerin zu bescheiden: „Frau Merkel, das war’s. Die Atompolitik ist am Ende.“ Tags darauf schwärmt selbst Springers Welt: „Ihre scheinbar naiven kämpferischen Reden haben Neumann-Cosel zum Star der Anti-AKW-Bewegung gemacht“.

Knapp fünf Millionen Euro sind zusammen

Doch während das Gros der Anti-AKW-Bewegung nach Merkels „Atomausstieg“ die Beine hochgelegt hat, will Luise Neumann-Cosel mit einer Energiewende von unten weiter mitmischen. Der Schritt von der Gorleben-Aktivistin zur Vorstandsmanagerin der Berliner Netzkaufgenossenschaft ist für sie nur logische Konsequenz. „Die Frage ist doch, wie und von wem wird die Energiewende gestaltet? Von den Konzernen oder den Bürgern?“

Am Wochenende will sie auf einem „Netzgipfel“, den sie mit ihrer Genossenschaft organisierte, genau diese Frage mit Fachleuten und Bürgern diskutieren. Was Neumann-Cosel dabei nicht laut sagen wird: Die Idee zum Netzkauf finden zwar ganz viele ganz klasse. Doch zwischen Wort und Tat liegen Lichtjahre.

Rund tausend geldinvestierende Mitglieder und Treugeber hat die BürgerEnergieGenossenschaft bisher. Nicht schlecht, aber dürftig für eine Millionenstadt, in der fast jeder Fünfte die Grünen wählt. Knapp fünf Millionen Euro sind bisher für den Netzkauf zusammen. Eine stolze Summe, aber für eine Chance auf den Erhalt der Netzkonzession bräuchte die Genossenschaft das 30-Fache.

Wenn sich die Hauptstadt also als zu groß und zu anonym erweist für die Genossenschaftsidee? Wenn das Stromnetz doch an einen anderen geht? „Dann“, sagt Luise Neumann-Cosel, „werden sicher viele enttäuscht sein.“ Sie selbst auch, klar. „Aber dann haben wir immerhin eine wichtige Debatte angestoßen und andere ermutigt, das in ihrer Stadt zu probieren.“ Und dann sagt sie das Wort, was sie gerne nutzt, wenn es ausnahmsweise mal nicht so richtig weitergeht: „Genau!“

Vera Gaserow ist Umweltjournalistin


AUSGABE

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/13.

Kommentare (10)

Helmut Eckert 28.04.2013 | 09:12

Energie – Trinkwasser- und die Bahn- Versorgung gehören nicht in Privathand!

Es sind hoheitliche Aufgaben des Staates. Nur der Staat – wir alle dürfen darüber verfügen.

Allerdings bedarf es für deren Verwaltung und Lenkung keine Beamten. Gutbezahlte Fachleute, entlohnt nach dem Leistungsprinzip. Nicht wie derzeit in Lübeck geschehen – siehe LN Stadtwerke Lübeck!

smukster 30.04.2013 | 01:08

Ein guter Plan, der groessenwahnsinnig sein mag, aber nicht unmoeglich, zumal wenn die Berichterstattung darueber in den Berliner Medien an Fahrt aufnimmt.

Eine Genossenschaft arbeitet sicher demokratischer als ein Privatunternehmen, zumal die meisten GenossInnen wohl als BerlinerInnen auch direkt selbst als KundInnen betroffen sind. Die Folge duerfte sein, dass Versorgungsqualitaet und -preis als Ziele wichtiger werden, der Profit weniger entscheidend.

Als kleinen Kritikpunkt moechte ich jedoch zu bedenken geben, dass die GenossInnen wohl vornehmlich aus der Mittel- und Oberschicht stammen werden, fuer die steigende Strompreise sicher weniger schmerzhaft sind. Gibt es Ideen, wie die Kundenschaft, insbesondere die aus aermeren Schichten, einbezogen werden kann? Z.B. durch Buergerbeiraete in den Stadtvierteln, die bei wichtigen Entscheidungen mitzureden haetten?

gweberbv 30.04.2013 | 02:43

Gibt es Ideen, wie die Kundenschaft, insbesondere die aus aermeren Schichten, einbezogen werden kann? Z.B. durch Buergerbeiraete in den Stadtvierteln, die bei wichtigen Entscheidungen mitzureden haetten?

Was gibt es beim Betrieb eines innerstädtischen Stromnetzes denn groß zu entscheiden? Kann mir kaum was langweiligeres vorstellen. Ein paar Pilotprojekte Richtung "Smart-Grid" könnte man vielleicht starten - aber das passiert sowieso schon.

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Ehemaliger Nutzer 30.04.2013 | 11:58

Tolle Frau und ein tolles Vorbild solche Leute brauchen wir keine Superstarnoobs(künstliche Multiplikatoren) oder auch Politiker die karrieregefördert sind wie eigentlich zwei Drittel unseres Parlaments, das sind Feudalkalfaktoren nichts weiter. Das Altmeier sich da positiv äußert finde ich klasse, mal sehen wie lange er das durchhält wenn er nicht mehr auf die Listen kommt. Die Privatisierung der Existenzbedürfnisse ist schon lange ein Ziel der Kapitalisten die für mich allesamt Kriminelle sind da sie hauptsächlich mit den Mitteln mafiöser Strukturen, Korruption wie Lobbyismus und Gewalt arbeiten dazu gehört auch das unterstützen von Diktaturen oder das Niederknüppeln von Menschen die für ihre Rechte oder Umwelt kämpfen und wenn solche Finanzanarchisten Antidemokratie predigen und sich Wissenschaftler für dubiose Gutachten gegen Geld korrumpieren lassen damit Konzerne mittels Patente Zugriff auf die Lebensmittel weltweit bekommen und ganz nebenbei die Lebensgrundlage der Menschheit zerstören und währenddessen Menschen vergiften abgesehen mal davon das die Lebensmittel die gentechnisch verändert sind hundertprozentig Gesundheitsschädigend sind sonst hätte die Natur diese so konstruiert. Weiterhin wird der Genuss der Menschen zerstört indem natürliche Lebensmittel zerstört werden. Wer schon mal Bionahrung zubereitet hat der weiß das das deutlich besser schmeckt, das Gemüse, Fleisch, Eier einfach alles. Leider muss man kochen können!! Eigentlich etwas elementares aber das haben auch viele Menschen verloren weil sie permanent mit Werbung zugeballert werden von Fertiggerichtsfirmen aber auch Kaffee wir Kaffeepats, alles eine Verschlechterung und Verteuerung von Lebensmitteln und der Aneignung von Existenzbedürfnissen daher darf es nicht passieren das immer mehr dieser dubiosen Leute(Großaktionäre) die zum Teil ihr Geld aus Geldwäschepools schöpfen also mit kriminellen Hintergrund sich in die Gesellschafften der ordentlichen Leute einkaufen das ist im höchste Maße Gesellschaftsschädigend. Die Mittel die zur Privatisierung aufgewandt werden sind hauptsächlich Korruption über Politiklobbyismus oder Karriereförderung welches beim Lobbyismus sehr leicht aber bei der Karriereförderung erst mal schwer nachweisbar ist beides müsste unter harter Strafe gestellt werden. Beispiel es kann doch nicht sein das die EU Kommissionen ihre Fachleute hauptsächlich mit Interessenvertretern der Konzerne auffüllen wie bei der Wasserprivatisierung mit der Folge das der Kauf und die gesetzte nicht rechtmäßig eine freie demokratische Willensentscheidung sind sondern durch Korruption erzwungen wurden. Das dabei keine Gelder an Politiker fließen halte ich für unwahrscheinlich siehe EU Kommissionen und Wasserprivatisierung oder Patentierung von Lebensmitteln. Für mich sind alle Politiker die Existenzbedürfnisse privatisieren wollen korrupt weil zum Beispiel die Wasserprivatisierung oder die Patentierung von Lebensmittel zur Zerstörung der seriösen Gesellschaften und der Ordnung führt und zu einer Vernichtung der Lebensgrundlage der Menschheit dazu gehört auch wenn privatisiert wird das die Gesellschaften die Technologiefähigkeiten einbüßen werden also in totaler Abhängigkeit landen. Rößler ist für mich ein hochgradig gesellschaftsschädigender Politiker weil er die Wasserprivatisierung predigt also auch die FDP und die CDU, CSU hat keine Meinung alles NOObs weil sie schädigen unser aller Zukunft und die unser Kinder.

smukster 01.05.2013 | 18:35

Ein paar Pilotprojekte Richtung "Smart-Grid" könnte man vielleicht starten

Diese und andere Investitionen sind sinnvoll, aber nicht eben billig. Und schon allein deswegen von Interesse fuer alle NutzerInnen des Netzes. Bsp. Bahn: Es ist ja richtig, dass das Streckennetz und die Zuege modernisiert werden sollen. Das geschieht aber so schnell, dass die Fahrkarten fuer Viele inzwischen unbezahlbar sind.

Ausserdem gehe ich davon aus, dass eine demokratische Kontrolle von Entscheidungen Korruption und Vetternwirtschaft bei der Auftragsvergabe reduzueren koennte. Aber das ist vielleicht naiv.