Die Stunde der Bi-Mentalen

Ukraine Die Präsidentschaftswahl am 17. Januar wird weder zwischen Galizien und Donbass noch dem pro-westlichen und pro-russischen Lager allein entschieden

Es geschieht nun bereits alle paar Wochen, dass in der Ukraine eine öffentliche Wasserleitung in die Luft fliegt. Ich spreche nicht von Wasserrohrbrüchen, sondern von einem jähen infernalischen, kraterartigen Aufreißen der Erde. Als der Bürgersteig im Kiewer Stadtteil Troeschtschina explodierte, war zufällig eine Kamera eingeschaltet. Das Foto zeigt, wie die Wucht des Strahls die dritte Etage eines Plattenbaus zerstört. Die sowjetische Substanz ist aufgebraucht. Man wartet auf die ersten Toten.

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Wieder einmal in Kiew, miete ich mich in jenem Außenbezirk Troeschtschina ein. Der bornierte Lebensstil der Kiewer Mittelschicht hat mir angesagtere Viertel verleidet. Wenn diese Mittelschicht ausgeht, lässt sie Wochen vorher gegen Entrichtung einer Mindestkonsumtionsgebühr reservieren. Diese Mittelschicht bucht sogar die Plätze am Tresen.

Die Wirtschaftskrise hat das Mutterland der Katastrophen unvergleichlich hart erwischt, doch ist sie auf den ersten Blick ebenso unsichtbar wie die Wasserrohre, die der unabhängige ukrainische Staat 18 Jahre lang zu erneuern vergaß. Einige Wohntürme dieser Mittelschicht, als Gated Community im umzäunten Kosakenbarock der Nul­lerjahre geplant, ragen als verwaiste Rohbauten auf.

Ich durchmesse die Ukraine. Präsidentenwahlen stehen am 17. Januar bevor. Das letzte Votum endete mit der Revolution in Orange, nach einem nie verfolgten und folglich nie bewiesenen Wahlbetrug. Das war 2004, es war die einzige Revolution meines Lebens. Freiheit und Demokratie, ich weinte damals vor Glück.

Nationalbank geplündert

20 Ukraine-Reisen später treffe ich auf eine Gesellschaft, in welcher der Betrugsvorwurf die bestimmende Figur der Kommunikation darstellt. Wer die Guten sind, wüsste ich unmöglich zu sagen. Mir fällt auf, wie wenig die Ukrainer inzwischen über Politik sprechen. In den Umfragen stechen die Ausschläge einer speziellen Option auf ukrainischen Stimmzetteln hervor: Gegen alle.

Präsident Viktor Juschtschenko, der chancenlos um seine Wiederwahl wirbt, beschimpft seine Einpeitscherin von 2004 als „Landesverräterin“, als „Götzenbild einer Sekte“. Die Angegriffene – Premierministerin Julia Timoschenko – verschleißt Feinde und Freunde im Wochentakt. Ihr russischer Spin-Doctor nennt sie eine „situative Politikerin“. Einst gab es einen Dämon, dessen Namen sie nie in die Winternächte der „Orangenen Revolution“ zu schreien vergaß – Medwedtschuk! Dieser „Bandit“ brachte damals die Redaktionen mit „Themenzetteln“ auf Linie. Jetzt ist er Timoschenkos Berater.

Die Kampagne der begnadeten Wahlkämpferin begann verhagelt. Die Landeswährung im Wert halbiert, kein Haushalt, kein Finanzminister, die erwartete Kreditrate des IWF zurückgehalten, für die russische Gasrechnung die Nationalbank geplündert. Timoschenkos Hyperaktivität während der Schweinegrippe wurde zur Panikmache. Dazu die Abgeordneten ihrer Partei Block Julia Timoschenko – einer tarnte einen Mord als Jagdunfall, andere sind in einen Pädophilie-Skandal verwickelt.

Wapnjarka, Zentralukraine, bei Nacht. In der Bahnhofskneipe ein etwa 30-Jähriger, grobschlächtig und gutmütig, ein gelernter Dreher. Eines der Krisenopfer, die bei den Eltern untergekrochen sind, in einem der Häuschen mit Garten. Der Dreher wartet auf den Morgenbus in die Gebietshauptstadt, er will Arbeit als Wächter finden. Er meint, Wächter würden überall gebraucht. Mich verblüfft ein Satz, den er mehrmals sagt: „Bei uns ist alles einfach.“ – „Wie, alles ist einfach?“ Er erklärt: „Ich habe mich nicht in den Erholungsraum des Bahnhofs gelegt, um 40 Griwna zu sparen. Das war einfach. Jetzt habe ich aber schon 80 Griwna vertrunken.“

Zärtliche Beziehungen

Wieder wird im Westen vor der Präsidentenwahl vom drohenden Auseinanderbrechen der Ukraine geraunt. Daran ist wahr, dass die Ukraine zwei Pole hat, Galizien im Westen und das Donbass-Revier im Osten. Die beiden Mentalitätszustände werden mustergültig vom abtretenden Präsidenten und vom Favoriten der Umfragen repräsentiert: Der mentale Galizier Juscht­schenko, Sammler altukrainischer Wagenräder, suchte die künstliche Hungersnot von 1932/33 als Nationalmythos durchzusetzen und verdarb die Beziehungen mit Russland. Auf der anderen Seite der authentische Donbasser Viktor Janukowitsch, ein ehemaliges Straßenkind, dessen Elternhaus einer Kokerei wich.

Bleiben aber 22 von 27 Verwaltungsgebieten, die weder in Galizien noch im Donbass liegen. Bleiben die vielen nationalstolzen Ukrainer, die Ukrainisch als einzige Amtssprache stur verteidigen, ansonsten aber lieber Russisch sprechen und Klatschblätter wie den Moskauer Komsomolzen lesen. Solche Ukrainer werden „bi-mental“ genannt. Ich halte sie für die Mehrheit. Die führenden Bi-Mentalen kommen aus Dnjepropetrowsk wie Ex-Präsident Leonid Kutschma. Oder Julia Timoschenko, die erst mit 36 Ukrainisch lernte und sich umgehend zur Nationalikone stilisierte, mit Trachtenmustern und Weizenähren. Ihr bi-mentales Meisterstück bestand darin, geradezu zärtliche Beziehungen zum russischen Premier Wladimir Putin aufzubauen. Timoschenko und Janukowitsch seien „zwei Vertreter einer einheitlichen Kreml-Koalition“, schimpft Hobby-Imker Juscht­schenko. Sein NATO-EU-Kurs hat der Ukraine keine Früchte gebracht. Der nächste Präsident wird sich mit Moskau verstehen.

Debalzewo, Donbass-Revier. Bei minus 18 Grad bricht ein Zyklon los. Ich muss zum Zug, ich krieche durch Schneewehen, die Windstöße schmerzen, ich wage kaum zu atmen. Am Bahnhof angekommen, bin ich überzeugt, dass kein Zug abfahren wird. Aber mein Zug fährt ab.

Eine schauderhafte Fahrt. Der Eiswind rüttelt am Waggon, er drückt durch das geschlossene Fenster Schnee herein. Die Gleise werden zugeweht, Vollbremsungen, ich klammere mich fest. Am Folgetag erfahre ich, dass ich mich im Zentrum des Zyklons befand, und dass Eurostar und ICE aus geringfügigeren Anlässen liegen blieben. Ukrainische Eisenbahner, lerne ich, sind im Krisenfall stark. Sie fluchen ein wenig, aber die Lok zieht, die Heizung läuft, Tee wird aufgesetzt, alles funktioniert.

Ab Lisitschansk bekomme ich Gesellschaft. Zwei Business-Ukrainer beginnen Krim-Cognac zu trinken und schenken auch mir ein. Endlich spricht jemand über die Wahl. Viktor Wladimirowitsch wählt stets Janukowitsch. Alexander Michai­lo­witsch, der mit Keramik handelt, wählt den überraschend aufgetauchten Sergej Tigipko, Cover-Star von Men´s Health, immerzu stark aussehend. Tigipko bringt den Vorteil mit, dass er die Jahre seit 2004 außerhalb der Politik verbracht hat. Was hat er getan? Eine Bank gegründet und rechtzeitig vor der Krise an die Schweden verkauft. Tigipko sagt, er würde sowohl unter Timoschenko als auch unter Janukowitsch den Premierminister machen. Er ist aus Dnjepropetrowsk. Ein Bi-Mentaler reinsten Wassers.

Zum Cognac essen meine Reisegefährten den kultisch verehrten Fettspeck Salo. Sie preisen die fruchtbare Schwarzerde ihres Landes: „Die Ukraine könnte die ganze Welt ernähren.“ Ich wittere die Chance, endlich die ukrainische Volkswirtschaft zu verstehen. „Warum macht das eigentlich niemand?“, frage ich, „warum entwickelt niemand das enorme Potenzial der ukrainischen Landwirtschaft? Warum begegnen mir immer nur Manager, Ökonomen, Finanziers?“

Viktor Wladimirowitsch, unter der Sowjetmacht Offizier, beginnt zu erklären. Ich vergesse vollkommen, mich im ersten Zyklon meines Lebens zu befinden. Viktor war Produktionschef einer kleinen Firma. Es lief gut. „Im Oktober 2008 bringt mir die Sekretärin die Zahlen. Ich schaue sie an und frage: Wie kann da ein Minus stehen, wir haben den Business-Plan doch übererfüllt!“ Wenige Monate später ist die Firma bankrott. Die Kredite waren in Dollar aufgenommen, der Dollar war plötzlich doppelt so teuer. „Ich würde keine Produktion mehr von Null beginnen“, schließt Viktor Wladimirowitsch. Nun macht er wieder in Zwischenhandel, in Kaufen und Verkaufen. „Solche wie mich gibt‘s viele.“ Der ukrainische Zug, der gegen einen Zyklon anfährt, kommt am Ende beinahe pünktlich an.

Tag des Richters in Antrazit

Die ukrainische Methode, schöne Ortsnamen zu vergeben, kann irritieren. An Avantgarde, einer Vorstadt von Odessa, war nur die Ortstafel schön. Dennoch entscheide ich mich unter Hunderten Städten des Donbass-Reviers für Antrazit. Ich spaziere also durch Antrazit. Die Bergbaustadt scheint mir identisch zu sein mit einem Markt für Werkstätten-Zubehör. Die ärmsten Händler haben Kartons auf den Bürgersteig gelegt und bieten darauf rostige Schraubenschlüssel feil, aber nicht einmal eine Tasse Tee ist zu bekommen.

Poster, Mützen und Wimpel von Kumpel Janukowitsch sind Lokalkolorit. Ich mache ein Foto. Eine Fischhändlerin reagiert misstrauisch. „Wir haben viele Feinde“, sagt sie, der Fremde könnte ein Abgesandter „dieser Prostituierten Timoschenko“ sein. Sie fasst aber rasch Vertrauen. Die Fischhändlerin hat noch die messianische Beziehung zur Politik, die vor fünf Jahren in der Ukraine verbreitet war. Sie erklärt Janukowitsch sogar zu einem wunderschönen Mann. Sie hilft mir, ein Restaurant zu finden. Das Lokal ist leer, doch ein Tisch geht vor Speisen und Alkohol über. Daran sitzen ausschließlich Frauen. Es erweist sich, dass sie den „Tag des Richters“ begehen. Sie holen mich an ihren Tisch.

Plötzlich gefällt mir Antrazit, und ich werde bis in die Nacht mit den Mitarbeiterinnen des Kreisgerichts trinken und tanzen. Das sind drei Generationen. Die Vorsitzende Richterin ist die Älteste. Das schrullige Mütterchen hat zur Feier eingeladen, ihre Untergebenen sind um die 40 und haben ewig ihre Männer nicht gesehen. Einer arbeitet in Jakutien, ein anderer in Deutschland. 4,5 Millionen malochen im Ausland, zu gleichen Teilen in der EU und in Russland, auch deswegen kann sich die Ukraine nicht einfach für West oder Ost entscheiden.

Die Schönsten unter den jüngsten Mitarbeiterinnen verschwinden nach und nach. Ich finde sie später in einem diskreten Separée in Gesellschaft junger, sich unberührbar wähnender Staatsanwälte wieder. Die am Tisch bleiben, bringen immer wieder Trinksprüche aus. „Nach der Wahl fahre ich aufs Oktoberfest“, ruft die Vorsitzende Richterin einmal. Als ich an der Reihe bin, spreche ich einen Toast, der mir am „Tag des Richters“ naheliegend erscheint: „Auf die Gerechtigkeit in der Ukraine!“ Die Mitarbeiterinnen des Kreisgerichts zucken generationsübergreifend zusammen.

20:25 12.01.2010

Ausgabe 22/2020

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