Die Stunde der Mehrheit

Iraks Schiiten nach Saddam Hussein Alles andere als eine monolithische Gemeinschaft

Am Mittag des 10. April - US-Truppen rückten zu diesem Zeitpunkt in weitere Wohnviertel von Bagdad vor - kommt es in der Stadt al-Najaf zu einer Bluttat. Als Abd al-Majid al-Khoei, Führer der in London ansässigen Al-Khoei-Foundation, zum Grab des Ali bin Abi Talib - einer der heiligsten Stätten der Schiiten - hinabsteigen will, um dort nach zehnjährigem Exil zu beten, wird er von einer aufgebrachten Menge angegriffen und mit Schwertern zerstückelt.

Der Mord am Sohn des 1992 verstorbenen Großayatollahs Abu al-Qasim al-Khoei zeugt von der Zerrissenheit der irakischen Schiiten, die von außen fälschlicherweise oft als monolithischer Block wahrgenommen werden. Hinter dem Verbrechen steht nach bisherigen Erkenntnissen vermutlich mit dem 22-jährigen Muqtada al-Sadr der Sohn eines anderen berühmten schiitischen Gelehrten, des Ayatollahs Muhammad Sadiq al-Sadr. Der war 1999 als erklärter Gegner des Saddam-Regimes unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Er hatte zu den schiitischen Geistlichen gehört, die es stets ablehnten, ihr religiöses Bekenntnis und ihre politischen Ideen zu verbergen. Mit dieser Haltung verwarf Muhammad Sadiq al-Sadr die schiitische Tradition der al-taqiya, die das Prinzip vertritt, eigene Überzeugungen notfalls zu verschweigen. Denn nicht alle Gelehrten der Schiiten waren und sind der Auffassung, dass die Bekämpfung einer ungerechten politischen Herrschaft unter allen Umständen Pflicht der Gemeinschaft ist. Große Gelehrte wie der eingangs erwähnte Abu al-Qasim al-Khoei neigten stattdessen dazu, den Schiiten strikte Zurückhaltung zu empfehlen, sollten sie der Konfrontation mit einem politischen System nicht gewachsen sein.

Distanz zur Macht und Sorge um die eigene Gemeinschaft bestimmen seit jeher diese Tradition, die immerhin über 14 Jahrhunderte hinweg die Existenz der Schiiten in einer sunnitischen Umwelt ermöglichte. Es war daher nicht verwunderlich, dass die irakischen Ajatollahs jetzt während des Krieges lediglich zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Bewahrung islamischer Grundsätze aufriefen, nie aber zum Heiligen Krieg, wie das Sprecher der Saddam-Regierung behaupteten. Zu einem solchen Ruf konnte sich keiner der großen schiitischen Gelehrten des Landes durchringen.

Iranische Einflüsse

Der Mord an al-Khoei in al-Najaf wird hoffentlich eine Episode bleiben, die mit den chaotischen Verhältnissen während des Krieges und in der Zeit danach zu erklären ist. Dennoch kann von einem Ende des Machtkampfes in den Reihen der irakischen Schiiten keine Rede sein. Einerseits konkurrieren die größten schiitisch-religiösen Formationen (s. Übersicht) untereinander um den Einfluss in einem künftigen Staat, andererseits versuchen diese Organisationen, die säkularen Schiiten daran zu hindern, in einem solchen System Fuß zu fassen. Als dritte Kraft neben den »Religiösen« und »Säkularen« macht sich die schiitische Ulama (al-hawza al-ilmiya) bemerkbar. Bei allen Meetings der vergangenen Tage tauchten immer wieder Spruchbänder auf, die von ihrem Geltungsbedürfnis zeugen, auch wenn sich damit kein Machtanspruch verbindet, der mit dem der Mullahs im Iran zu vergleichen wäre.

Von allen Formationen hat augenblicklich der Supreme Council of Islamic Revolution (SCIRI) von Muhammad Baqir al-Hakim die besten Vorrausetzungen, seine Positionen auszubauen. Er ist bei den irakischen Schiiten allein dank seines aus Teheran gesendeten Radioprogramms weithin bekannt und verfügt über etwa 10.000 Kämpfer, die im Iran ausgebildet wurden. SCIRI-Führer al-Hakim war umsichtig genug, sich rechtzeitig in die Kontakte der irakischen Exil-Opposition mit der US-Regierung einzuschalten. Seine vor dem Krieg abgegebene Erklärung, der SCIRI werde keine Invasion gegen Saddam unterstützen, hing offenbar mit der Absicht der Amerikaner zusammen, den oppositionellen Schiiten in der Nachkriegsära grundsätzlich keinen politischen Einfluss einräumen zu wollen. Zudem gab es Signale aus Teheran, sich nicht am Aufbau militärischer Verbände gegen Saddam zu beteiligen. Al-Hakim brachte das in die komfortable Lage, im Widerstand gegen das Regime zu stehen und zugleich den US-Krieg ablehnen zu können.

Die zweitgrößte schiitische Gruppierung, die Hizb al-Dawa al-Islamiya, wurde nach dem Waffenstillstand im irakischen-iranischen Krieges 1988 bis zur Bedeutungslosigkeit zersplittert, woran die geistliche Führung des Iran beachtlichen Anteil hatte. Die al-Dawa-Partei, die sich stets als arabisch-nationalistische Formation verstand, hatte die allmähliche Rückkehr der iranischen Islamisten zum iranischen Nationalismus mit Misstrauen verfolgt. Eine kleinere Fraktion von al-Dawa unterwarf sich später wieder den iranischen Doktrinen von der Herrschaft der Gelehrten, während sich andere al-Dawa-Ableger in Westeuropa, aber auch im libanesischen wie syrischen Exil niederließen, um gegenüber Teheran auf Distanz zu gehen.

Die Quasi-Ethnie

Es verdient Beachtung, wie sich während des vergangenen Jahrzehnts in der Diaspora allmählich eine säkulare schiitische Opposition formiert hat, die das Ziel verfolgt, den Schiiten innerhalb einer künftigen Ordnung des Irak einen angemessenen Platz zu sichern. Dieses Schiitentum definiert sich politisch und nicht religiös. Das im Juni 2002 publizierte Manifest der Schiiten, das von mehr als 150 namhaften Exilpolitikern unterzeichnet wurde, offenbart, was diese Klientel für die Ära nach Saddam anstrebt. Das Dokument stellte zunächst unmissverständlich fest, dass die Schiiten - derzeit etwa 60 Prozent der Bevölkerung des Irak - bisher in Staat und Gesellschaft jede Menge Unterdrückung erfahren mussten. Seine Unterzeichner plädieren daher für eine Verfassung, in der dies klar dokumentiert wird, aber nicht auf ein allgemeines Verbot religiöser Diskriminierung beschränkt bleibt. Da sich die Schiiten als »Quasi-Ethnie« betrachten, wollen sie einen Rechtsanspruch auf Positionen im Staat verankert sehen. In diesem Punkt sind sich übrigens die Autoren des Manifests und die religiös-orientierten schiitischen Parteien im Irak recht einig. Es erscheint daher nur logisch, wenn jüngst in Bagdad auftauchende Spruchbänder der sunnitischen Minderheit, auf denen der Konfessionalismus abgelehnt und eine »islamische Einheit« gefordert wurde, bei Schiiten jeder Couleur auf Ablehnung stießen. Die Schiiten des Irak wurden unter dem Vorwand von Einheit und Eintracht zu oft und zu schmerzhaft diskriminiert.

Die Frage, ob nun die Artikulation des erwähnten Manifests Bestand hat, lässt sich wenige Tage nach dem Krieg nur schwer beantworten. Es ist nicht ausschließen, dass mit einer veränderten politischen Landschaft des Irak auch neue schiitisch-säkulare Strukturen entstehen. Vorausgesetzt, eine demokratische Verfassung ermöglicht das. Auch der Irakische Nationalkongress (INC) könnte sich als bisheriger Dachverband der Exilopposition durchaus zu einer schiitisch-säkularen Bewegung entwickeln. Zum einen sind die führenden Persönlichkeiten des INC, einschließlich des designierten Staatschefs Ahmad Chalabi, prominente Schiiten, zum anderen dürften sie an Rückhalt unter der schiitischen Stadtbevölkerung interessiert sein. Vermutlich wird der SCIRI seine Anhängerschaft im ländlichen Raum vorzugsweise bei Stämmen und Clans rekrutieren, während die al-Dawa-Partei traditionell in den Städten aktiv ist. Das heißt, jede schiitisch-säkulare Bewegung, auch der INC, muss mit dieser schiitischen Partei konkurrieren.

Der Autor lehrt als Islamwissenschaftler an der Universität Erfurt und der FU Berlin.


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Die wichtigsten schiitisch-religiösen Organisationen des Irak


Höchster Rat der Islamischen Revolution (Supreme Council of Islamic Revolution in Iraq / SCIRI)
Gegründet im Jahre 1982 gilt SCIRI als größte religiös orientierte schiitische Formation. Parteiführer ist Ayatollah Muhammad Baqir al-Hakim.

Partei des Islamischen Aufrufs (Hizb al-Dawa al-islamiya)
Gegründet 1957. Mehrere Gruppen tragen den gleichen Namen. Die Partei gilt als religiös und arabisch-nationalistisch orientiert, umfasst mehr als 10.000 Anhänger, vorzugsweise in Bagdad und in al-Najaf, Parteiführer ist Ibrahim al-Jafari.

Organisation der Islamischen Aktion (Munazamat al-Amal al-islamiya)
Gegründet 1978. Sie umfasst wenige tausend Anhänger, besonders in Kerbala, aber auch in Bagdad. Führer sind Ayatollah Muhammad Taqi al-Mudarisi und Ayatollah Muhammad al-Schirazi.

00:00 25.04.2003

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