Die Stunde der Phantasten

Globale Nulllösung Immer mehr Politiker fordern eine atomwaffenfreie Welt. Darunter sind viele graue Eminenzen. Aktive Militärs lassen sich bisher davon wenig beeindrucken

In Russland sind es 69 Prozent der Bevölkerung, in den USA 77, in Großbritannien 81, in China 83 und in Frankreich sogar 86 Prozent der Bevölkerung, die in einer Welt ohne Kernwaffen leben wollen, besagen Umfragen vom Jahresanfang. Woher kommt plötzlich dieser vehemente Ruf nach nuklearer Abrüstung?

"Utopische Phantasterei! Realitätsfernes Wunschdenken, bestenfalls!" So verunglimpften die politischen Eliten lange Zeit jeden, der verlangte, man müsse sämtliche Nuklearwaffen vernichten. Die atomwaffenfreie Welt blieb lange Zeit eine Vision der Friedensbewegung, unterstützt bestenfalls von nuklearen Habenichtsen, denen die ultimative Waffe zu gefährlich, technisch zu aufwändig oder einfach zu teuer schien.

Wissenschaftler warnten bereits in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vor gesundheitsschädigenden Nuklearests, Hunderttausende Ostermarschierer wehrten sich wenig später gegen eine hemmungslose Akkumulation von Massenvernichtungswaffen, in Scharen gingen die Rüstungsgegner in den achtziger Jahren gegen die so genannte Nachrüstung auf die Straße. Nicht die Klimaerosion, sondern der nukleare Winter hatte damals Priorität. Doch die Proteste verpufften, und der Berg menschlicher Selbstvernichtungskapazität wuchs auf über 60.000 Atomsprengköpfe. Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts verschwand das Thema gründlich aus dem öffentlichen Bewusstsein, obwohl das nukleare Wettrüsten wieder in Fahrt kam. Kernwaffen galten den Architekten der nuklearen Abschreckung als unverzichtbar für die eigene Sicherheit.

Wie ein Paukenschlag

Am 17. Januar 2007 konstatierten die Autoren des Bulletin of the Atomic Scientists, wir seien zwei Minuten näher an das Ende der Welt herangerückt. Sie stellten die "Doomsday Clock", die anzeigt, wie nahe die Menschheit ihrer Selbstvernichtung gekommen ist, auf fünf Minuten vor zwölf. Und sie hatten eine plausible Begründung: Leider versage die Gemeinschaft der Staaten, wenn es gelte, etwas gegen die gefährlichsten globalen Bedrohungen zu tun - die Atomwaffen und den Klimawandel.

Aber langsam begann der Wind sich zu drehen. Zunächst gelangten nur Einzelne wie der ehemalige Verteidigungsminister Robert McNamara, Ex-Präsident Jimmy Carter und der frühere Oberbefehlshaber der US-Nuklearstreitkräfte, General Lee Butler, zu der Erkenntnis, dass die einzige Garantie gegen eine nukleare Katastrophe, die Abschaffung der Kernwaffen ist. Michail Gorbatschow stimmte zu: "Wenn wir die Atomwaffen nicht vollends abschaffen, könnten sie eines Tages uns abschaffen." Enormes Aufsehen erregte der Appell von vier ehemals führenden Politikern der USA, der am 4. Januar 2007 im Wall Street Journal erschien: "Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die seinerzeit sinnvolle Doktrin der gegenseitigen atomaren Abschreckung obsolet", meinten jetzt diejenigen, die dieser Doktrin selbst lange ergeben waren. "Zwar bleibt Abschreckung eine wichtige Überlegung für einzelne Staaten, die sich von anderen Staaten bedroht fühlen, aber das Vertrauen in Atomwaffen verliert immer mehr an Überzeugungskraft und wird zunehmend riskanter." Aus ihren eigenen Lebenserfahrungen heraus warnten sie, "dass die Welt an der Schwelle einer neuen und gefährlichen atomaren Ära steht". Der Artikel wirkte wie ein Paukenschlag. Stellten doch erstmals die Verantwortlichen selbst das eherne Gebäude westlichen Sicherheitsdenkens in Frage. In der Realität tat sich zunächst wenig.

Ein Jahr später legten die Vier Apokalyptischen Reiter* (s. Glossar) nach: "Die immer schnellere Verbreitung von Atomwaffen, nuklearem know how und Nuklearmaterial hat uns zu einem atomaren Wendepunkt geführt", schrieben George Shultz, William Perry, Henry Kissinger und Sam Nunn am 15. Januar 2008 erneut im Wall Street Journal. "Wir stehen vor der sehr realen Möglichkeit, dass die tödlichsten Waffen, die jemals erfunden wurden, in gefährliche Hände fallen könnten." Die bisherige Politik, um dieser Bedrohung zu begegnen, halten sie für nicht adäquat, denn: "Durch die breitere Verfügbarkeit von Atomwaffen verliert die Abschreckung zunehmend an Effektivität und wird selbst immer riskanter." Die Menschheit würde in ein neues Nuklearzeitalter eintreten, das prekärer, psychologisch desorientierend und kostspieliger sein werde als während des Kalten Krieges. Der Atomwaffensperrvertrag von 1970, so argumentieren die vier, ziele im Grunde genommen auf das Ende aller Nuklearwaffen ab. Er lege fest, dass alle Staaten, die über keine Atomwaffen verfügen, deren Besitz auch nicht anstreben, und er verlange von den Atomwaffenstaaten, dass sie sich mit der Zeit dieser Waffen entledigten. Obwohl alle großen Nuklearmächte dieses Abkommen unterschrieben hätten, seien Nichtatomstaaten voller Zweifel, ob sich die Global Player der nuklearen Ära je daran halten würden.

Die eindringliche Warnung schien ein Weckruf, denn jetzt schlossen sich auch Prominente aus anderen Ländern an. In der Times vom 30. Juni 2008 unterstützten drei britische Ex-Außenminister und ein ehemaliger NATO-Generalsekretär (s. Glossar) eine atomwaffenfreie Welt und riefen dazu auf, dieses Ziel "kollektiv und durch multilaterale Institutionen" anzustreben. "Es wird Zeit kosten, aber mit politischem Willen und Verbesserungen bei der Überwachung ist das Ziel erreichbar", meinten die britischen Spitzenpolitiker. "Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist."

Auch in Rom meldeten sich namhafte Sympathisanten (s. Glossar) und taten es am 24. Juli 2008 in der Corriere della Sera mit einem Plädoyer für die atomare Abrüstung. Sie riefen Italien und Europa auf, ein neues Denken und eine "neue gemeinsame Vision zu verbreiten", damit sich ein Weg zeige, um die Nuklearwaffen vollständig zu beseitigen. Das Überleben der Menschheit hänge davon ab.

Obamas verheißungsvolle Worte

Inzwischen sind mehrere hochrangige Expertenkommissionen entstanden, um sich dem sicherheitspolitischen Mainstream zu widersetzen. Im Januar 2010, soll ein detaillierter Aktionsplan für die Beseitigung aller Kernwaffenlager binnen 25 Jahren vorgestellt werden.

Doch das Gegenlager formiert sich ebenfalls. Der Einsatz von Kernwaffen findet unter den Militärs ständig neue Anhänger, die ihn auch offen propagieren. So kündigte Russlands Generalstabschef Juri Balujewski einen atomaren Präventivschlag unter bestimmten Umständen "zur Demonstration der Entschlossenheit der Staatsführung, die Interessen der Nation zu verteidigen" an. Auch fünf Ex-NATO-Generäle empfehlen, dass die Option für einen nuklearen Erstschlag ein "unverzichtbares Instrument" bleibe, "einfach weil es keine realistische Aussicht für eine Welt ohne Atomwaffen gibt". Eine vom US-Kongress eingesetzte Kommission unter Leitung von Ex-Verteidigungsminister James Schlesinger betrachtet nukleare Abrüstung allenfalls als Fernziel. Das eigene Atomwaffenarsenal würde vielmehr "für unbegrenzte Zeit" notwendig bleiben und müsste eine "den vorhandenen Bedrohungen adäquate" Größe haben.

Der am 20. Januar vereidigte neue Präsident der USA hat sich im Wahlkampf der Atomwaffenfreiheit verschrieben. "Dies ist der Augenblick, eine Welt frei von Atomwaffen zu schaffen", hatte Barack Obama in seiner Rede vor der Siegessäule in Berlin verkündet. Das war der Wahlkämpfer. Ob er als Präsident den verheißungsvollen Worten auch Taten folgen lässt, bleibt also abzuwarten.

(*) Der Begriff geht auf eine Veröffentlichung im Economist zurück.

Auf der Homepage www.globalzero.org/de ist jeder eingeladen, sich mit seiner Unterschrift anzuschließen.

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00:00 23.01.2009

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