Die Stunde des feinen und klugen Teufels

100 Jahre Gerstenmaier Wie der Theologe und spätere Bundestagspräsident den kirchlich-politischen Essig aus der dritten in die vierte Flasche schüttete

Schon zehn Wochen vor dem 100. Geburtstag am 25. August 2006 hatte die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) eine Feier für den 1986 verstorbenen Eugen Gerstenmaier ausgerichtet mit Bundestagspräsident Norbert Lammert, Altbundespräsident Roman Herzog samt seiner Freifrau von Berlichingen und einigen gut aufgestellten Historikern. Die KAS über das Geburtstagskind: "Sein Name ist im kollektiven Gedächtnis mit dem Amt des Bundestagspräsidenten (1954-1969) verbunden. Gerstenmaier trug entscheidend dazu bei, das Ansehen des Deutschen Bundestags, dem er von 1949 bis 1969 angehörte, im Bewusstsein der Bürger zu verankern."

Dies präzisierte die FAZ in einem Bericht über den Festvortrag des Nachfolgers: "Lammert stellte Gerstenmaiers große Verdienste um den deutschen Parlamentarismus heraus. So habe er stilprägend gewirkt, beispielsweise durch die Einführung des Fracks für die Saaldiener und des Zeremoniells, dass Abgeordnete sich beim Eintritt des amtierenden Präsidenten in den Plenarsaal erheben und sich erst wieder hinsetzen, wenn dieser seinen Platz eingenommen hat."

1969 kam es zum Austritt des hohen Präsidenten aus seinem Amt. Er trat zurück, weil er öffentlich kritisiert wurde, nachdem er sich "Wiedergutmachung" in der stolzen Höhe von 280.000 Mark besorgt hatte, dafür dass die Nazis ihn aus politischen Gründen nicht hätten Theologie-Professor werden lassen. Da gab es freilich verschiedene Auslegungen. Gerstenmaier hatte entgegen wissenschaftlichem Brauch, seine schon 1937 gedruckte Dissertation Schöpfung und Offenbarung unverändert, aber erweitert als Habilitationsschrift vorgelegt. Politisch war diese Offenbarung unproblematisch. Gerstenmaier schreibt beispielsweise auf Seite 60: "Wo ein Volk nichts mehr davon weiß, daß ihm Blut und Boden, Rasse und Landschaft zur geschichtlichen Tat" gegeben seien, da verspiele es "die eigentliche Geltung seiner völkisch-geschichtlichen Existenzbedingungen". Und sieben Seiten weiter beschwört er das "Gesetz des Kampfes als vernichtenden Widerstreit" gegen "Strukturstörungen" durch "blutmäßig-rassische Vermischung".

Das war eine Leistung, an der die zuständigen NS-Stellen nichts auszusetzen hatten, allerdings wurde Gersenmaiers politische Zuverlässigkeit unterschiedlich beurteilt. Endgültig abgelehnt wurde sein Wunsch nach einer Theologie-Professur 1940 unter Verweis "auf die ungeklärte Lage der Theologischen Fakultäten", da hatte sich der Bewerber längst einer wichtigeren Tätigkeit zugewandt.

Gleich nach seiner Promotion wurde Gerstenmaier für das Kirchliche Außenamt des Bischofs Theodor Heckel tätig, das Hitlers Reichsbischof ("Reibi") Ludwig Müller gegründet hatte. Dazu kam 1939 eine - wie das bewährte Deutsche Historische Museum in seinem offiziellen Gerstenmaier-Lebenslauf angibt - "Zwangsverpflichtung in die kulturpolitische Abteilung des Auswärtigen Amtes".

Das ging so. Bischof Heckel beantragte am 22. September 1939 - also drei Wochen nach Kriegsbeginn - beim Leiter der Kulturpolitischen Abteilung im Auswärtigen Amt (AA), dem damaligen SS-Sturmbannführer Max Lorenz - zuständig für die Fünfte Kolonne der Nazis im Ausland - eine Bescheinigung für die Beurlaubung durch das Wehrbezirkskommando. Gerstenmaier, so schrieb der Bischof, werde "zwecks Abwehr der Propaganda der Westmächte eine informatorische Reise in die nordeuropäischen Länder unternehmen". Der Bischof fügte hinzu: "Ich bemerke noch, daß Gerstenmaier Angehöriger des SA-Reitersturmes 1/29 ist." - Das war nicht ganz korrekt. Genau genommen war nur Gerstenmaiers Pferd - wie vielfach in solchen Fällen - in der SA, er selbst nur SA-Anwärter, und das eigentlich nur, um reiten zu können. Da er mit seinen SA-Kameraden nicht recht warm geworden sei, hatte er sich nach Zahlung einiger Mitgliedsbeiträge zurückgezogen.

Gehalt vom Auswärtigen Amt

Im Auftrag des AA reiste Gerstenmaier sodann im Oktober 1939 nach Skandinavien, um Näheres über eine von den nordischen Kirchen geplante Friedensinitiative zu erfahren. Dabei leistete er in seinem Reisebericht vom 2. November 1939 an das Ribbentrop-Ministerium wertvolle Zuträgerdienste über einen - mit deutschem Pass - in Genf lebenden deutschen Theologen: "Prof. S[iegmund] Schultze ist für das kommende Jahr im Besitz der Olaus-Petri-Stiftung und hat in dieser Eigenschaft etwa 3 Monate im Laufe dieses Wintersemesters ... in Upsala zu tun. Bei der negativen Haltung des jetzigen Stipendiaten der O.P.-Stiftung muß mit einer Erschwerung jeder sinnvollen deutschen Arbeit in Skandinavien gerechnet werden. Ich glaube darum auch im Einverständnis mit den Kreisen in Schweden, denen an einer planmäßigen Vertiefung der schwedisch-deutschen Beziehungen gelegen ist, nunmehr die vertrauliche Bitte aussprechen zu sollen, von Seiten des Reiches das zu veranlassen, was geschehen kann, um Prof. S[iegmund]-Schultze die Einreise in Schweden, ohne daß es auffällt, unmöglich zu machen."

Diese Anregung hatte Erfolg. Das Auswärtige Amt erteilte den zuständigen deutschen Gesandtschaften sofort Anweisung, Professor Siegmund-Schultze keinen Aus- oder Durchreisevermerk zu erteilen.

Gerstenmaier war längst die rechte Hand Bischof Heckels, der seinerseits schon 1936 Dietrich Bonhoeffer als "Staatsfeind" denunziert hatte. Der Bischof schrieb am 10. Juli 1940 passend zu den Plänen des NS-Regimes für eine "Neuordnung Europas" unter dem Absender "Deutsche Evangelische Kirche/Kirchliches Außenamt" einen Brief an das Auswärtige Amt über die "künftige Neugestaltung Europas auch auf kulturpolitischem Gebiet". Die richtigen Konsequenzen der "unbestrittenen geistigen und moralischen Führung des Reiches in Europa" waren Gerstenmaiers Chef klar: "Die Vorherrschaft des anglikanischen Einflusses in diesen Kirchen muß mit kirchlichen Mitteln gebrochen und eine geistige Neuorientierung auf das Reich durchgesetzt werden."

Dem kirchenamtlichen Brief Heckels, in dem auch "finanzielle Unterstützung" vom Auswärtigen Amt angemahnt wurde, war ein Arbeitsplan beigelegt, der offenbarte, wie gut das Geld angelegt sein würde: "Der Sieg Deutschlands über die Westmächte führt an einen Neubau Europas, wobei das Reich die führende Zentralmacht sein wird. Dieser politische Neubau muß begleitet werden von einer kulturellen Neugestaltung. In diesem Rahmen ist auch die Neuausrichtung der europäischen kirchlichen Organisationen in ihrem Verhältnis zu Deutschland wichtig... Aus diesen Tatsachen ergeben sich eine Reihe von Folgerungen und Aufgaben, bei denen sich das Kirchliche Außenamt der neuen Außenpolitik des Reiches für eine sachgemäße Propaganda zur Verfügung stellen möchte."

Und so forderte der von Bischof Heckel überreichte genaue Arbeitsplan einige zehntausend Mark für Reisen ins Ausland, die Gerstenmaier antrat. Er wurde wie sein späterer Parteifreund Kurt Georg Kiesinger (NSDAP/CDU) von nun an als "wissenschaftlicher Hilfsarbeiter" auf der Gehaltsliste des Auswärtigen Amtes geführt.

Der erste "sachgemäße" Propagandaeinsatz führte Gerstenmaier Ende Juli 1940 nach Novi Sad in das damals von den Deutschen noch nicht zerschlagene Jugoslawien, wo die orthodoxen Kirchen zusammen mit dem Sprecher des Ökumenischen Rates der Kirchen, Viesser´t Hooft, tagten. Dem setzte Gerstenmaier die Pistole auf die Brust, er erklärte es "für unerläßlich, daß bei der weiteren Gestaltung der zwischenkirchlichen Beziehungen auf dem Kontinent der Oek[umenische] Rat vollständig zurückträte". Der Weltbund der Kirchen, so Gerstenmaier, müsse "bis zum 1.1.1941 sang- und klaglos verschwinden."

Gerstenmaier reiste offiziell stets als Vertreter des kirchlichen Außenamtes. Aber er war mehr - wie aus einer Mitteilung der Deutschen Gesandtschaft in Sofia vom 26. Februar 1941 an das Auswärtige Amt über ein Gespräch Gerstenmaiers mit dem Rektor der dortigen Universität hervorgeht, über dessen Auskünfte es heißt: "Im Einvernehmen mit deutschen Stellen (er meinte den wissenschaftlichen Hilfsarbeiter der Abt. Inf. im Auswärtigen Amt, Dr. habil. Gerstenmaier, der ihm gegenüber allerdings lediglich als Mitarbeiter des Kirchlichen Außenamtes Berlin auftrat) plane die Bulgarische Orthodoxe Kirche einen größeren Propagandafeldzug gegen den Kommunismus."

Das war vier Monate vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Später hielt Gerstenmaier auch Kontakt zu Leuten des Widerstands und wurde am 20. Juli 1944 im Bendler-Block festgenommen. Doch während die Verschwörer fast alle zum Tode verurteilt wurden, kam er mit sieben Jahren Zuchthaus davon.

Legende vom Antinazi

Nach 1945, vor seiner Karriere als CDU-Politiker, wurde Gerstenmaier Leiter des Hilfswerks der Evangelischen Kirche. Dort agitierte er 1947 für die Begnadigung des SS-Arztes Karl Brandt, der unter der Tarnbezeichnung "Euthanasie" die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" sowie die Menschenversuche in den KZs koordiniert hatte. Gerstenmaier: "Der Verteidiger argumentiert - wie ich meine mit Recht - in Nürnberg damit, daß er darauf hinweist, daß die Euthanasie keineswegs als Kriegsverbrechen betrachtet werden dürfe, so daß der Nürnberger Gerichtshof für Brandt als nicht zuständig betrachtet werden müßte."

Hilfe für Kriegsverbrecher gehörte zu den selbstverständlichen Aufgaben des Hilfswerks, und die Zusammenarbeit mit der "Stillen Hilfe" der Prinzessin Isenburg war so eng, dass Gerstenmaiers unmittelbarer Vorgesetzter Altbischof Theophil Wurm dort als stellvertretender Präsident tätig wurde. Der Nazi-Anwalt Rudolf Aschenauer - später Herausgeber des Buches Ich - Adolf Eichmann - richtete mit finanzieller Unterstützung von Gerstenmaiers Hilfswerk in Nürnberg ein Büro zur Koordination der Verteidigung von etwa 120 Angeklagten der Dachauer und Nürnberger Prozesse ein. Büroleiter war Dr. Heinrich Malz, einst persönlicher Referent des Vollstreckers der "Endlösung", Ernst Kaltenbrunner. Der hatte Gerstenmaier nach dessen eigener Darstellung am 21. Juli 1944 persönlich verhört und "nicht übelwollend" für harmlos befunden.

Schon bald nach Hitlers Tod entdeckte Gerstenmaier für sich eine Vergangenheit, die er in zwei Artikeln am 23. und 24. Juni 1945 den Lesern der Neuen Zürcher Zeitung enthüllte: "Seit März 1933 nahm ich in enger Verbindung mit Pastor Martin Niemöller an der Begründung und dem Kampf der Bekennenden Kirche teil... Jahrlang war ich ... verwickelt in die erbitterten Kämpfe mit der Avantgarde des Nationalsozialismus. Kurz nach Ausbruch des Krieges wurde ich ... beinahe verhaftet. Im Führungskreis der Widerstandsbewegung ... hat außer mir selbst von evangelischer Seite bis zu seiner Verhaftung im Herbst 1943 der Pfarrer Dr. Dietrich Bonhoeffer aus Berlin an den Umsturzvorbereitungen teilgenommen."

Da platzte dem "Vater der Bekennenden Kirche", dem 1935 aus Bonn nach Basel verjagten Theologen Karl Barth der Kragen. Im Kirchenblatt für die Reformierte Schweiz schrieb er über Gerstenmaiers Legende vom Widerstand: "Der grobe (und dumme) Teufel ist mit Gestank abgegangen. Die Stunde des feinen (und klugen) Teufels scheint angebrochen: die Stunde des großen verkannten Antinazis, Bekenners, Helden und Beinahe-Märtyrers, die Stunde der glänzenden Alibis - die Stunde, wo der alte theologisch-kirchlich-politische Essig ... eilig, geschickt und fromm, statt weggeschüttet, aus der dritten in die vierte Flasche umgegossen werden soll. Wer das gutheißt, der bewundere, propagiere, fördere und pflege - in Deutschland selbst oder von der Schweiz aus - den Typus Eugen Gerstenmaier!"


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00:00 25.08.2006

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