Die Substanz war fühlbar weiß

AUF AUGENHÖHE ALLEIN MIT DEN DINGEN In seinem neuen Gedichtband "Zeichen im Schnee"unternimmt der Dichter Norbert Hummelt den Versuch einer romantischen Wiederverzauberung der Welt

Große Dichter der Avantgarde, so belehrt uns schon Theodor Adorno in seinen Noten zur Literatur, müssen sich nicht immer wieder zwanghaft ihre Wut auf die Vorfahren bestätigen, um deren Bann zu entrinnen. Anstatt auf der radikalen Differenz zur poetischen Tradition zu insistieren, versuchen die wahren Avantgardisten die Tradition "als ihresgleichen wahrzunehmen", wissen sie doch um ihre Wahlverwandtschaft zu jener Vergangenheit, die sie zu überwinden trachten. Das schneidende Verdikt: "Das geht nicht mehr", das so mancher Neutöner der letzten Dezennien gegen die lyrische Tradition schleuderte, hat sich denn auch in der poetischen Praxis durchweg blamiert.

Kann man im Versuch der Rückgewinnung poetischer Tradition aber so weit gehen wie der Dichter Norbert Hummelt, der sich dem Sehnsuchtston der Romantik so vorbehaltlos-identifikatorisch anvertraut hat? Hummelt hat ja ursprünglich als experimentier- und parodierfreudiger Autor im Umfeld der ironischen Sprachzertrümmerer Thomas Kling und Marcel Beyer begonnen. In seinem Debütband mit dem programmatischen Titel knackige codes(1993) mixte und montierte er "Pick-Ups" aus den Sprachfetzen des Kommunikationsalltags, und unterzog die Verse der großen Koryphäen Benn, George oder Eichendorff einer ironischen Kontrafaktur. Ein lyrisches Kunstwerk konnte es hier nur im Zustand der Beschädigung geben, nachdem der Dichter alles dafür getan hatte, das Sprachmaterial neu zu codieren, grammatisch umzugruppieren und seiner mythischen Reste zu entkleiden.

Aber schon in seinem zweiten Band singtrieb (1997) vollzog Hummelt eine poetische Selbstkorrektur und besann sich auf die alten Suggestionstechniken der Dichtung, auf den Anklangszauber in "kreuzreim", "bukolischem sonett" und "arkadischem abgesang". Auf einer dem "singtrieb"-Band beigefügten CD geht er sogar das Wagnis ein, Eichendorffs legendäres Gedicht "Sehnsucht" singend zu rezitieren: Es schienen so golden die Sterne,/ Am Fenster ich einsam stand,/ Und hörte aus weiter Ferne/ Ein Posthorn im stillen Land.

Von diesem so mutigen wie riskanten Projekt, den Habitus des romantischen Sängers für die Gegenwart zu retten, hat Hummelt auch in seinem neuen Gedichtband Zeichen im Schnee nicht abgelassen. Für die Verheißung von zaubrischer Natur, von Ferne und offener Unendlichkeit, die in Eichendorffs "Sehnsucht" dem Einsamen mit Erlösung winkt, hat er in seinem neuen Band nach zeitgemäßeren Figurationen gesucht. George und Benn werden wie in den "knackigen codes" als Bezugsfiguren aufgerufen: Der "Meister" in einer Metamorphose als armseliger Landstreicher, der vor einem Edeka-Geschäft eingeschlummert; der tote Benn beim Spaziergang über den Dahlemer Waldfriedhof. Aber das geschieht nicht mehr in der Absicht ironischer Distanzierung, sondern im Bewusstsein einer sympathetischen Annäherung.

So geht Norbert Hummelt in seine neuen Gedichten "auf augenhöhe allein mit den dingen" - und versucht im innigen Schauen auf die Gegenstände ihr Geheimnis aufblitzen zu lassen. Noch einmal hat der Dichter all jene Phänomene der Natur und der Alltagswelt versammelt, die seit je für romantisch und geheimnisvoll gelten: die Nacht, den Wind, den "ersten Schnee", die vegetabilische Welt der Bäume, Blumen und Früchte - und vor allem die "Luftgeschöpfe" als Kuriere des Glücks oder des Unheils. Auch bei Hummelt steht der einsame Dichter wieder am Fenster, und es widerfahren ihm beim Blick nach draußen beglückende Epiphanien. Und wie bei Eichendorff liegt die poetische Wunschlandschaft "still" da, aufgerührt nur von den leisen Geräuschen und wundersamen Geschöpfen, die diesen Landstrich durchstreifen.

All die Natur-Dinge, die hier wieder als Sehnsuchts-Zeichen aufscheinen dürfen, weisen als "stiller träger der erinnerung" in die Kindheit, das letzte Refugium des Dichters. Damit die Idylle nicht in falscher Harmonie und Selbst-Beseligung entschlummert, hat Hummelt den Raum seiner Gedichte mit beunruhigenden Verfalls-Bildern markiert. Natur ist auch hier nur als beschädigte zu haben. Wenn sich der Blick auf den "weiten, unbestirnten himmel" und "die vielen wildgemachten düstern tauben" richtet, dann erinnern uns im selben Gedicht die "warmen fastfood-reste" und "u-bahnschächte" daran, dass auch diese neuromantische Poesie kein Paradies mehr kennt.

"Das Romantische", hat Hummelt in einer poetologischen Standortbestimmung ausgeführt, "ist eine Weise, die Dinge anzusehen als könnten sie unseren Blick erwidern." Seine Gedichte, die subtil und oft fast unmerklich in jambischen Metren und lockeren Binnenreimen organisiert sind, wenden sich folgerichtig dem Ephemeren zu: den kleinen magischen "glücksstoffen" der Kindheit, den "zeichen im schnee" und anderen "fluchtpunkten" der Natur. In den Kindheitsgedichten heftet sich die Erinnerung an "das Glück der nahen Dinge" (Adorno): an die Schattenmorellen der sterbenden Großmutter, an den Braeburn-Apfel, die Kirsche oder die schokoladenummantelte Erdnuss-Süßigkeit "treets", die das Kind verzehrt. In den Naturgedichten erscheinen verschiedene Vögel als poetische Wappentiere des Dichters: Bevölkert wird seine lyrische Voliere von verschiedenen Amseln und Tauben, von Rotkehlchen, Drosseln, Schwalben und Turmfalken, nicht zuletzt von einer Nachtigall und einem Sittich, der schon im Band singtrieb auftauchte. Nicht zufällig wird das Buch auch von einer Hölderlin-Sentenz eröffnet, die, in intrikatem Doppelsinn, einen "ernsten vogel" beschwört und den hohen Ton der Hummelt-Gedichte präludiert: unter dem strauche saß ein ernster vogel/ gesanglos. Wenn Hummelt dann seine poetische Vogelschrift entsiegelt, arbeitet er häufig mit Hell-Dunkel-Kontrasten. Vor allem aus der Farbe Weiß gewinnt er seine Bildideen, jener Grundfarbe der modernen Dichtung, die in ihrer Vieldeutigkeit schon Stefan George und Stéphane Mallarmé fasziniert hat.

Im famosen Gedicht jenaer glas wird das Weiß schließlich zur Zentralfarbe der menschlichen Existenz. Wie zwei, drei weitere Texte des Bandes vollzieht dieses fein rhythmisierte Gedicht eine "kleine regression" ins früheste Stadium des Lebens: in jene Welt des Ungeschiedenen, da das Neugeborene noch kein Innen und Außen, kein Ich und kein Du, keine Zeit und keine Dauer, sondern nur den Augenblick kennt. Dieser Augenblick ist erfüllt von Farbwahrnehmungen, von der Gestalt der Mutter, und von der Glasflasche, aus der das Baby die lebensspendende Milch saugt. Und über allem liegt die Farbe Weiß: zwei farben, beide weiß: die arme, die ihn vor/ das fenster hielten. in dieser frühe schien/ noch nichts getrennt, denn in dem sogenannten/ draussen da war gar nichts anderes als eben/ dieses weiß. So hebt dieses Gedicht an, und es führt uns mit kleinen rhythmischen Verzögerungstechniken, mit Wiederholungen, Parenthesen und Fragen, durch sein Terrain, das Erwachen des Lebens. Und erst am Ende, nach einer Reihe von Bildern, die semantisch in der Schwebe gehalten werden, setzt wieder die Reflexion des lyrischen Subjekts ein, das erinnernd zurückblickt auf die ersten Tage in der Daseinsfrühe: in diesen kopf hinein ging nur/ die eine schwelle: die sich nicht schließen/ kann, die fontanelle. u. war noch lange lange/ noch nicht kontinent. das lichtbild aber, später/ später, es zeigt es zeigt doch nur die art des glases/ an, das ihm gehalten wurde. u. er zog daran. u./ die substanz war fühlbar weiß, u. sie ergoss sich/ langsam langsam in das ichgefäß, das noch ganz/ unbestimmte, doch es war groß u. es war existent.

Norbert Hummelt: Zeichen im Schnee. Gedichte. Sammlung Luchterhand, München 2001, 110 S., 18,50 DM

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00:00 28.09.2001

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