Die Summe meiner Teile

Nicht in Berlin Wer aus Südtirol kommt, muss ständig erklären, welches Land die Heimat ist. Eine Selbstauskunft
Marion von Zieglauer | Ausgabe 35/2015
Die Summe meiner Teile
Salami con aglio
Foto: Müller-Stauffenberg/Imago

Unsere Reise nach Montenegro sollte ein Trip in die Freiheit werden. mit dem alten Bus, einer Matratze im hinteren Teil und Richie Havens im Kopf. Weil es eine lange Fahrt werden würde und wir Unterhaltung brauchten, fragte ich Chris, der den Wagen lenkte: „Was glaubst du, wird Südtirol jemals unabhängig?“ Natürlich, antwortete er. „Und Schottland?“ Sowieso, ist nur noch eine Frage der Zeit. „Die Katalanen?“ Ja. „Basken?“ Die Basken unbedingt, die haben es sich verdient. „Die Ukrainer?“ Na ja, da klang er skeptischer. „Und die Kurden?“ Komm, jetzt ist aber mal gut, sagte er und machte in Triest halt.

Schon standen wir mitten in einer Demo. Die Unabhängigkeitsbewegung „Freies Triest“ zog durch die Straßen, mit Pfeifen, Transparenten, Megafonen. Der letzte Tross hielt sich am Flaschenbier fest und schrie: „Italia, vaffanculo!“, (Verpiss dich, Italien!)Wir demonstrierten ein bisschen mit, riefen „Unabhängigkeit für alle!“, tranken einen Aperitif und fuhren weiter. „Triest also auch?“, fragte ich, als wir die slowenische Grenze passierten. „Und Venezien, Sardinien, Sizilien, Bayern?“ Vor uns teilte sich Europa in immer kleinere Einheiten, während wir über die neue Autobahn durch die abgespaltenen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens rasten.

Stets neu verhandeln

Dass ich selber in einem Mikrokosmos lebe, wird mir meistens erst klar, wenn ich ins Ausland reise oder die Grenze meiner Provinz verlasse. Für Karl-Markus Gauß ist es um die autochthonen und ethnischen Minderheiten in Europa nicht gut bestellt, weil es Welten ohne Zukunft sind. Die Minderheiten, die er in seinem Buch Die sterbenden Europäer beschreibt, sind Minderheiten ohne Land, rückwärtsgewandt und selbstgenügsam. Er beleuchtet das Leben der letzten in Sarajewo ansässigen Juden, die Vlachen und die in Italien lebenden Arbëresh. Nun lebe ich in einer funktionierenden Minderheit, die deutsche Sprache ist in Südtirol sehr geschützt. Das Autonomiestatut ist Vorbild für andere Regionen, und die Landeshauptmänner der Provinz werden oft von anderen Ländern eingeladen, um dieses Modell vorzustellen. Minderheiten sind fragile Konstrukte, die im Alltag immer wieder neu verhandelt werden, ihr Wunsch nach kultureller Selbstbehauptung macht sie eigensinnig, hat Karl- Markus Gauß erkannt.

Das Minderheitenleben in Südtirol klappt besser als anderswo, weil die Region sich nicht in einem kulturellen Vakuum befindet. Es ist keine Sprachinsel, die sich nicht weiterentwickeln kann und und somit in Dialekten und Redensarten des vorletzten Jahrhunderts verhaftet bleibt. Die Grenzen sind fließend. Man musste nie woandershin übersiedeln, sondern konnte bleiben und sich selbst behaupten. Das schlägt sich nieder in der kulinarischen Kultur, im Lebensstil und in der Arbeitsweise. In Südtirol führt man eine Art Dolce Vita mit Ordnungsbewusstsein, kämpft sich durch den italienischen Gesetzesdschungel mit deutscher Umsetzung, der leichtgedachte Rassismus trifft auf die schwere deutsche Erblast, der Verlass auf die eigene Familie auf den Glauben an Vater Staat, das Leben im Moment auf die totale Versicherung.

Von allem das Beste

Meine Familie führt ihr Unternehmen, eine Parfümerie, in der vierten Generation. Wir kämpfen gegen die Krise und vertrauen auf uns selbst. Meine Vorfahren sind seit dem 18. Jahrhundert in Bruneck verwurzelt, einer Stadt mit 15.000 Einwohnern, die gerade zur lebenswertesten Kleinstadt Italiens ernannt wurde. Zwei Theater, fünf Kirchen.

Wenn Leute in unser Geschäft kommen, entsteht meist ein Sprachgemisch aus Deutsch, Ladinisch, Italienisch, manchmal auch Englisch und Russisch. Die große Welt, an einem kleinen Ort. Früher fühlte ich mich oft gefangen in dieser engen Struktur, inzwischen sehe ich vor allem die Vorteile und nehme mir von allem das Beste. In vier Sprachen kann ich fließend erklären, warum wir in Südtirol Deutsch und Italienisch sprechen, wie schwierig es für die jungen italienischen Soldaten aus dem Süden war, in den schneebedeckten Bergen auf einen Haufen fremdsprachiger Bauern zu treffen. Wie kompliziert die Situation für die deutschsprachigen Südtiroler während der Zeit des italienischen Faschismus war und während der Bombenjahre in den 60ern. Wie sie sich durch Fleiß, Starrköpfigkeit und Diplomatie Autonomie erkämpft haben.

Wenn ich aber im Ausland bin, verlaufen die Gespräche in der Regel so:

„Kommst du aus der Schweiz?“
„Aus Südtirol.“
„Ah, du bist Österreicherin.“
„Nein, Südtirol gehört zu Italien.“
„Dann bist du Italienerin?“
„Ja.“
„Aber du sprichst Deutsch.“
„Ja.“
„Und was bist du dann?“
Manchmal fragen sie mich sogar: „Willst du zurück zu Österreich?“
„Nein.“

Ständig diese Fragen. Wer bin ich, und will ich das überhaupt sein? Ich möchte mich nicht kategorisieren lassen, undefinierbar sein, meine kulturelle Heimat erstreckt sich von Lampedusa bis nach Puttgarden, vom Elsass bis ins kleinste deutsche Randgebiet. Ich schätze das, Identität ist nichts Statisches, sondern formt sich immer neu. Und die doppelte Halbidentität ist mehr als die Summe der einzelnen Teile, wie Homi Bhabha, der indische Theoretiker des Postkolonialismus, sagt.

Das gehört doch auch zu einem freien Europa mit offenen Grenzen. Eines Tages, wenn die EU sich nicht mehr nur als Finanzunion begreift, werde ich auf all die Fragen einfach antworten können: „Ich bin Europäerin.“

06:00 09.09.2015

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