Angelo Algieri
23.01.2012 | 12:20 1

Die Surselva beschreiben

Porträt Je mehr der Alkohol fließt, desto fantastischer die Geschichten: Dem Bündner Schriftsteller Arno Camenisch gelingt mit seiner Trilogie eine neue Form von Heimat­literatur

Ich komme aus dem Kanton, wo bis 1925 das Autofahren verboten war.“ Diese erstaunliche Tatsache über Graubünden erzählte der 33-jährige, in diesem Schweizer Kanton aufgewachsene Autor Arno Camenisch bei einer Lesung im Literarischen Colloquium in Berlin. Graubünden, da mag man an intakte Berge, an Heidi oder an den Geißenpeter denken, aber Camenisch kleidet sich scheinbar ganz bewusst cool und städtisch, weit weg vom Geißenpeter-Klischee.

Geboren wurde Camenisch 1978 in Tavanasa, im Bündner Bezirk Surselva, – dort, wo Rätoromanisch gesprochen wird. Besser gesagt, dort, wo Sursilvan gesprochen wird. Sursilvan ist eins von fünf rätoromanischen Idiomen, die in Graubünden vorkommen. Daneben gibt es die in den 1980er Jahren entwickelte Schriftsprache Rumantsch Grischun, die alle fünf Dialekte vereinigt, aber nur bei öffentlichen Stellen Verwendung findet und in der Bevölkerung unbeliebt ist. Camenisch schreibt auf Sursilvan; das Rumantsch Grischun, sagt er, habe kein Herz. Sursilvan ist nicht Camenischs einzige Muttersprache, er wächst auch mit Schweizer- und mit Hochdeutsch auf.

Getrennte Bänke

Diese Zwei-, eigentlich sogar Dreisprachigkeit spiegelt sich in seinem deutschsprachigen Debüt Sez Ner wieder, das 2009 im Verlag Urs Engeler erschienen ist. Der Prosatext ist auf der einen Seite auf Deutsch und auf der anderen Seite auf Sursilvan geschrieben und erinnert so an zweisprachige Reclam-Hefte. Die Protagonisten sind: Senn, Zusenn, Kuh- und Schweinehirte. In 300 Absätzen verfolgen wir den Jahreszyklus eines Alpbetriebes am Fuße des Berges Piz Sezner. Dabei wirken die einzelnen Absätze wie Miniaturen. Camenisch versteht sich auf ironische Wendungen, melancholische Momentaufnahmen und lakonische Beschreibungen.

„Du hast noch nicht ausgelernt, sagt der Senn zum Schweinehirten. Zum Senn schaffst du es in diesem Leben nicht mehr, darauf wette ich ein Kalb, vielleicht im übernächsten. Als Senn fällt man nicht vom Himmel, als Senn wird man geboren. Als Schweinehirte auch.“

Es ist eine hierarchische, in festen Traditionen verwurzelte Welt, über die Camenisch da schreibt. Eine Welt, in der es in den Kirchen für Frauen und Männer noch getrennte Bänke gibt. Wer nun aber einen konventionellen kritischen Heimatroman erwartet, der irrt! Vielmehr kommt der Leser in den Genuss einer Hommage an die Surselva – mit einem scharfen, distanzierten Blick auf nicht mehr zeitgemäße Eigenarten. Und das in einer herausragenden rhythmischen Sprache. Camenisch ist dieser Rhythmus sehr wichtig. In seiner Übertragung vom Deutschen ins Sursilvan – er hat den Text zuerst auf Deutsch, dann auf Sursilvan geschrieben – hat er aus rhythmischen Gründen Änderungen vorgenommen. So „trinkt der Pfarrer im Deutschen einen Kaffee, auf Sursilvan einen Kaffeeschnaps“, sagt Camenisch im Gespräch augenzwinkernd.

Ständiger Wechsel

Das Gefühl für die Sprache erwarb er sich bereits als Jugendlicher, als er mit Freunden begann, Wortreime und Neologismen zu bilden – auf Sursilvan und Deutsch. Das Spiel mit der Sprache verfestigte er im Schweizer Literaturinstitut Biel, wo er zwischen 2007 und 2010 erfolgreich studierte. Seitdem lebt er in Biel/Bienne – inmitten der deutsch-französischen Sprachgrenze. Es scheint, als ob sich Camenisch nicht nur mit einer Sprache begnügt, als ob er diese Spannung, den ständigen Wechsel in verschiedenen Sprachen braucht.

Während in Sez Ner Sursilvan und Deutsch nebeneinander getrennt stehen, verbindet Camenischs zweites Buch Hinter dem Bahnhof – ebenfalls im Engeler Verlag 2010 erschienen – das Deutsche, Sursilvan und Italienische, also die drei Hauptsprachen des Kanton Graubündens, in einem Text. Dennoch ist er sehr verständlich, da Deutsch die Hauptsprache ist. Die Wörter der anderen Sprachen bilden quasi die Rosinen im Kuchen. Mehr noch: Camenisch bildet in seinem Zweitling klingende Wörter und Redewendungen, die nicht eindeutig einer Sprache zuordenbar sind: Tischlampa, Schibrilla, Curvas oder „Poesias schreiben, mia Cara“. Das bringt Sprachpuristen auf den Plan, die dann gelegentlich auf seinen Lesungen Kritik äußern. Dabei zeigt seine Literatur einfach nur, welche spielerischen Möglichkeiten sich aus einer faktischen Mehrsprachigkeit ergeben. Eine Mehrsprachigkeit, wie sie etwa in der Bukowina eine reiche Literatur entstehen ließ; in jenem östlichsten Verwaltungsgebiet der k.u.k.-Mon­archie, dem die Dichter Paul Celan und Rose Ausländer entstammen, waren unter anderem Deutsch, Jiddisch und Ruthenisch zu Hause ...

Wiederum ist es die Bündner Welt, die Camenisch in seinem Zweitling beschreibt, diesmal nun aus der Sicht eines fünfjährigen Jungen. Der Junge lebt in einem Dorf in der Surselva und beobachtet die Welt der Erwachsenen. Dass es dabei zu komischen, naiven Einblicken kommt, ist vorprogrammiert. Und abermals erhalten wir einen ambivalenten Einblick in ein Bündner Dorf, das zwischen Tradition und Fortschritt, zwischen Geborgenheit und Rauheit und zwischen Abgrenzung und Offenheit steht.

Den Abschluss der Bündner Trilogie von Arno Camenisch bildet das Buch Ustrinkata, es ist dieser Tage bei Urs Engeler erschienen. Der Titel verrät es schon: Ausgetrunken. Es ist der letzte Abend der Gaststätte, oder schweizerdeutsch, der Beiz „Helvezia“. Klar, die Dorfbewohner treffen sich und trinken ihre Schnäpse. Dabei erzählen sie sich Geschichten aus vergangenen Tagen. Etwa als das Dorf vom jungen Rhein – Graubünden wird vom Vorder- und Hinterrhein durchlaufen – überschwemmt worden ist oder als ein Steinschlag das Dorf unter sich begrub. Auch Personen, die nicht mehr leben, umranken Mythen und Legenden.

Niedergang der Beizenkultur

Je mehr der Alkohol fließt, desto fantastischer werden die Geschichten. Nostalgisch ist dieser Band jedoch nicht. Camenisch hat sich die ironische Distanz bewahrt und zeigt Problematisches auf: Die Landflucht der jungen Leute etwa, den Rückgang der romanischen Sprachen, und nicht zuletzt den Niedergang der Beizenkultur, die eben nicht zuletzt Orte sind, in der Geschichten ausgetauscht, erzählt und weitererzählt werden. Ustrinkata ist eine Hommage an die mündliche Überlieferung, an die Macht des Erzählens.

Zu Camenischs literarischem Ruhm haben sicherlich die Preise und Stipendien verholfen: So bekam er 2010 für Sez Ner den mit 10.000 Franken dotierten ZKB-Schillerpreis und den Berner Literaturpreis. Zudem erhielt er den Förderpreis des Kanton Graubündens.

Kritiker außerhalb der Schweiz sind begeistert, weil Camenisch Themen anspricht, die nicht nur in Graubünden anzutreffen sind, sondern ihre Gültigkeit in anderen Teilen der Welt haben. So verwundert es nicht, dass Camenisch bereits nach Schottland, ins Baltikum oder nach Slowenien eingeladen wurde. Offensichtlich besteht ein Bedürfnis nach einem Austausch über die „kleinen Literaturen“ (Gilles Deleuze), darüber, wie sie erhalten, weiterentwickelt werden können. Und nicht zuletzt dient Camenischs Literatur als beispielgebend für junge Autoren, sich von herkömmlicher Heimatliteratur zu befreien und doch über so etwas wie Heimat zu schreiben. Selbst die USA wurde auf ihn aufmerksam: Die renommierte Zeitschrift Harper’s Magazine hat im November 2011 einen Teil von Sez Ner veröffentlicht. Graubünden bietet eben mehr als nur ein altes trotziges Autoverbot und schöne Berge. Die Mehrsprachigkeit bereichert die Schweizer Literatur. Mehr noch: Namen wie Camenisch, Melinda Nadj Abonji oder Simon Froehling stehen für eine andere, offene Schweiz.

Sez Ner Urs Engeler Editor 2009, 216 S., 14

Hinter dem Bahnhof Engeler 2010, 95 S., 17

Ustrinkata Engeler 2012, 100 S., 17

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