Die Täter bleiben immer die anderen

NS-Zeit Alexandra Senfft beschäftigt sich beharrlich mit den verschwiegenen Familiengeschichten
Thomas Hummitzsch | Ausgabe 24/2016
Die Täter bleiben immer die anderen
Ernst von Weizsäcker auf der Anklagebank bei den Nürnberger Prozessen
Foto: Leemage/Imago

F ünf Jahre alt ist Barbara Fenner im Jahr 1947, da beschließt ihre Mutter, aus der sowjetisch besetzten Zone nach Baden-Württemberg zu fliehen. Als sie auf ihrer Flucht in einer Gemeinschaftsdusche eine Frau mit einer Auschwitz-Nummer auf dem Arm sieht, fragt sie in ihrer kindlichen Naivität, was das bedeute. Statt einer Antwort erhält sie eisiges Schweigen. „Dieses Schweigen zieht sich wie ein roter Faden durch viele der hier geschilderten Biografien“, schreibt Alexandra Senfft in ihrem neuen Buch Der lange Schatten der Täter.

Die Geschichte ist eine von gut einem Dutzend Familienbiografien, denen die Publizistin in den vergangenen Jahren nachgegangen ist. Zahlreiche Gespräche und Begegnungen mit „Nazi-Nachkommen“, aber auch mit Opfern der NS-Diktatur sowie Historikern und Psychologen liegen dem Buch zugrunde, das in seiner Bandbreite wie kein anderes zeigt, wie stark die historische Schuld in der Familie das eigene Dasein prägt und wie mühsam die Konfrontation damit ist.

Oder Richard von Weizsäcker

Nur wenige Nachkommen von NS-Tätern haben sich so intensiv mit der belasteten Familienbiografie auseinandergesetzt wie Alexandra Senfft. Sie ist die Enkelin des NS-Repräsentanten in der Slowakei, Hanns Ludin, der maßgeblich an der Deportation der slowakischen Juden beteiligt war. Er wurde 1947 als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet. Geblieben war der von „Großmutter Ludin“ gepflegte Familienmythos des schuldfreien und anständigen Mannes, an dem seine älteste Tochter, Senffts Mutter, zerbrach. Bestärkt vom Dokumentarfilm 2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß, den Malte Ludin über seinen Vater drehte, hatte Senfft 2007 in Schweigen tut weh die Geschichte ihrer aufreibenden Ablösung von der Familienlegende erzählt.

Das unterscheidet sie von zahlreichen prominenten Nachkommen, die sich zur Verwicklung ihrer Vorfahren in das NS-Regime bis heute in Schweigen hüllen. Dazu gehören unter anderem der Publizist Jürgen Todenhöfer, die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin oder Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, deren Schweigen sie einmal mehr eher laut als leise kritisiert.

Für ihr neues Buch hat sie sich mit Menschen getroffen, von denen einige nach der Lektüre von Schweigen tut weh mit ihren Geschichten an die Autorin herantraten. „Es sind nicht die bekannten ranghohen Nationalsozialisten, die in diesem Buch eine Rolle spielen, sondern ,Menschen wie du und ich‘, die wie Millionen andere auf den unteren Ebenen mitgemacht haben“, heißt es im Langen Schatten der Täter. Damit rücken die Familienbiografien des „kleinen Mannes“ in den Vordergrund, dessen Abgleiten in die Unmenschlichkeit Hans Fallada in seinen Romanen eindrucksvoll beschrieb – und der gerade als Sozialfigur wieder sehr attraktiv ist (siehe Freitag 20/2016).

Nicht wenige Nachfahren der Profiteure und Bystander im Dritten Reich vermutet Senfft unter den Anhängern von Pegida und AfD. „Viele der heutigen rechtsextremistischen Bewegungen und Gewalttaten entspringen meines Erachtens den verdrängten Geschichten aus der NS-Zeit, die sich mystifiziert, verklärt und verdreht in den Familien als Narrativ tradiert haben. Die Denk- und Gefühlsmuster aus der NS-Zeit sind nie durchbrochen, sondern vielfach weitergegeben worden“, verdeutlicht sie im Hintergrundgespräch mit dem Freitag. Bleibt die Auseinandersetzung mit den unbewältigten Familientraumata aus, setzen sich die destruktiven Verstrickungen der Vorfahren in neuer Gestalt fort, heißt es im Buch. Nur wer „begriffen hat, wie viele Deutsche oder sogar die eigenen Verwandten in der NS-Zeit zu Massenmördern werden konnten, kann strukturellem Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindschaft authentisch und entschieden entgegenwirken“.

Die hier versammelten Beispiele belegen, dass eine Aufarbeitung der Familiengeschichte nicht ohne Hindernisse zu haben ist. Da ist der nach Irland ausgewanderte Gleichstellungsrichter, der mit Senfft über die schwierige Aufarbeitung seiner Kindheit im Umfeld der rechtsextremen Ludendorff-Bewegung spricht oder die Ergotherapetin, die den Zwiespalt ringt, in den sie die persönlichen Erinnerungen an den liebevollen Vater und das Wissen um seine Verwicklung in das unmenschliche NS-System immer wieder führt. In allen Fällen begegnete Senfft Varianten des Verschweigens, das sie mit der Omertà in Mafiafamilien vergleicht. Ihre Gesprächspartner haben wie sie oft jahrelang mit diffusen Schuldgefühlen gerungen, bevor sie mit Fakten die Grundlagen schufen, um einen bewussten Umgang mit den Taten ihrer Vorfahren zu finden und aus der stillen, aber belastenden Komplizenschaft auszubrechen.

Der lange Schatten der Täter ist – wenngleich Alexandra Senfft in einigen Passagen dazu neigt, sich im Anekdotischen zu verlieren – ein wichtiger Appell, sich mit der eigenen Familienbiografie auseinanderzusetzen. Solange wir uns vor dem Erbe unserer Vorfahren drücken, bleiben die Täter immer die anderen.

Info

Der lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte Alexandra Senfft Piper 2016, 352 S., 22 €

06:00 29.06.2016

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