Die Täter wollen gern Opfer sein

Arizona Nach dem Attentat von Tuscon stehen die Republikaner vor einer Gratwanderung zwischen den konservativen Welten ihres Anhangs, der bis zur Tea Party reicht

Es gibt bislang keine festen Erkenntnisse zur Motivlage des Todesschützen von Arizona, doch zwingt das Blutbad Amerikas Republikaner wohl zum Saubermachen. Tea-Party-Aktivisten kämpfen um ihr Image. Die rechte Seele kocht. Es wird geschimpft über die vielerorts kursierenden Analysen, die scharfe Rhetorik bei den Rechten in der Republikanischen Partei, in Rupert Murdochs Fox-Fernsehen und in der Tea Party habe den Nährboden bereitet für die Tat.

Die Linke wolle „mit der Tragödie politisch punkten“, warnen konservative Hörfunk-Talker und der Blogger Erick Erickson auf seiner redstate.com, einer der meistgelesenen rechten Webseiten. Dass „die Medien und die Linke“ diese „Lüge“ überhaupt zur Diskussion stellten, „könnte sehr wohl zu Gewalttaten gegen Rechts führen“, schreibt Erickson. Ein weiterer Blogger bei redstate macht sich Sorgen um die angeblich besonders gefährdete Sarah Palin, die nach Ansicht liberaler Kritiker das Paradebeispiel für verantwortungslosen Umgang mit Schusswaffen-Bravado ist. Hatte Palins Website vor der Kongresswahl im November doch Wahlkreise 20 demokratischer Abgeordneter mit Fadenkreuzen markiert: Fadenkreuze, wie man sie aus Fernsehkrimis kennt, wenn der Täter das Opfer ins Visier nimmt. Die am Wochenende schwer verwundete Abgeordnete Gabrielle Giffords war so markiert worden. Palin betonte in einer E-Mail zwei Tage nach dem Anschlag, sie „hasse Gewalt“.

Die Sorgen der Tea-Party-Aktivisten um ihre politische Zukunft sind nachvollziehbar. Sie geben sich als Volksbewegung, die sich gegen die Elite zur Wehr setze. Opfer-Sein weckt Sympathien. Soll die PR-Rechnung der Tea Party weiter aufgehen, darf das Opfer-Image nicht zum Täter-Image werden. Image ist dabei so wichtig wie Realität. Gottseidank, vom Standpunkt der Rechten findet sich der Name des Glock-Todesschützen nicht auf Tea-Party-Mailing-Listen. Youtube-Einträge im Namen des Attentäters vermischen die in rechten Kreisen verbreiteten Beschwerden über Regierungskontrolle und Amerikas wertlose Währung mit wirren Statements. Also: Der Todesschütze ist kein politisch motivierter Terrorist, sondern geistesgestört. Moralischer Freispruch daher auch für die rechten Hetzer.

Milizen gegen die Elite

Auch wenn historische Vergleiche nur begrenzt zutreffen: Nach dem Bombenanschlag von Oklahoma City im April 1995, bei dem 168 Menschen umkamen, zerfielen die damals sehr lebendigen rechtspopu­listischen Gruppierungen. Der Täter Tim ­McVeigh stand dieser Bewegung und den an ihrem Rand aktiven regierungsfeindlichen Milizen nahe. Deren Führer distanzierten sich und ihre bewaffneten Vorbereitungen auf den erwarteten Krieg gegen die Neue Weltordnung – McVeigh sei doch nicht Mitglied gewesen. Auch seien keine Milizen beteiligt in Oklahoma. Das stimmte im engeren Sinne, aber das angestrebte Image der Milizen als Bewegung gegen die Elite war kaputt.

Anti-Abtreibungsgruppen gehen gelegentlich fahrlässig um mit Verbalattacken auf die „Babykiller in den Todesfabriken“, und lassen die Frage im Raum stehen, ob es nicht doch zu rechtfertigen wäre, diese Ärzte „auszuschalten“. Wenn dann einer diese Logik ernst nimmt, wie der fanatische Abtreibungsgegner Scott Roeder, weisen Wortführer alle Verantwortung zurück. Im Mai 2009 hat Roeder im US-Staat Kansas den „Abtreibungsarzt“ George Tiller niedergeschossen. Auch dieser Täter wurde damals als „verwirrt“ bezeichnet, und der Fox-Fernsehkommentator Bill O‘Reilly, der unerbittlich auf Tiller the Killer eingehämmert hatte, klagte, es sei „unfair“, dass er mit dem Mord in Verbindung gebracht werde. Der Anschlag auf Tiller, noch dazu in einer lutherischen Kirche, zwang Abtreibungsgegner in die Defensive, mussten sie doch immer wieder betonen, dass sie die Tat verabscheuen.

Zu Brei schlagen

Diese Defensive droht jetzt den Rechtspopulisten. Auf redstate.com muss man nicht lange nach einschlägigen Texten suchen, die sich nach den Morden von Arizona nicht nur wie halbstarke Anmaßungen lesen. Erickson postete 2009: „Wann werden die Leute die Politiker zur Hölle schicken? Wann werden sie vom Sofa aufstehen, zum Wohnhaus ihres Abgeordneten marschieren, ihn herausziehen, und zu blutigem Brei schlagen, weil er ein Idiot ist... Der Zorn staut sich an.“

Der Zorn mancher Mitbürger hat den Republikanern im November einen historischen Wahlerfolg gebracht. Den müssen die Partei und ihre Sponsoren jetzt managen, um die angestrebte unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik und die Schwächung des Sozialstaates durchzusetzen. Hat man die Mehrheit im Repräsentantenhaus, reicht das Schimpfen über Washington nicht mehr. John Boehner, der neue Sprecher der Kammer, hat nach dem Attentat Kongresssitzungen für eine Woche ausgesetzt. Vielleicht ist der Politiker aus Ohio der richtige für die Gratwanderung zwischen den konservativen Welten Amerikas. Er hat einen guten Draht zu Tea-Party-Aktivisten. Aufgewachsen in armen Verhältnissen, war Boehner nach der Karriere in einem Plastikkonzern anscheinend zornig geworden wegen der hohen Steuern, die er zahlen musste. Er habe vor zwei Jahren als einer der ersten prominenten Republikaner die Tea Party ernst genommen und nutzen wollen, heißt es in einem Boehner-Profil des Magazins New Yorker. Gleichzeitig gilt Boehner als ausgesprochen enger Freund von Wirtschaftslobbyisten, zählen zu seinem Freundeskreis Lobbyisten von Goldman Sachs, Google, Citigroup, UPS, Bierbrauereien und der Tabakindustrie. 1996 geriet der Republikaner in die Schlagzeilen, weil er vor dem Votum über ein Tabakkontrollgesetz im Capitol Schecks der Zigarettenlobbyisten verteilte.

Konrad Ege berichtet als Amerika-Korrespondent des Freitag

13:30 14.01.2011

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