Die Taunusschleife

Hessischer Abend Kolumne

Es gibt eine Geschichte über mich und meinen Vater, die seit Jahren in unserer Familie erzählt wird. Die Geschichte besteht aus zwei Teilen, und der erste Teil ist schon über 30 Jahre alt und hat sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts abgespielt. Ich war damals drei Jahre alt. Drei Jahre alt zu sein, war nicht schlecht. Mit drei Jahren konnte man sich praktisch alles erlauben, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen. Ich habe dieses Alter sehr genossen.

Mein Vater und ich waren auf dem Weg ins Freibad, um uns ein wenig Abkühlung zu verschaffen. Es war Sommer, und die Hitze war überall, selbst im Schatten. Ich saß im Kindersitz, der vorne auf der Mittelstange vor dem Fahrradlenker angebracht war, und ich kam bequem an die Klingel heran. Die Straße, die zum Schwimmbad führt, heißt Lenzhahner Weg. Der Lenzhahner Weg ist sehr lang, und er ist sehr steil. Er ist so steil, dass man als Radfahrer beim Herunterfahren geblitzt wird, selbst wenn man gar nicht in die Pedale tritt, sondern sich nur rollen lässt.

Ich wusste mit drei Jahren noch nicht viel über Autos und Fahrräder, ich wusste nur, dass mein Vater der stärkste Mann war, den ich kannte. Er konnte meine Mutter mit der rechten und mich mit der linken Hand hochheben, gleichzeitig und ganz ohne Mühe. Ich habe deshalb nicht verstanden, warum die Autos schneller waren als wir und uns überholten. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf hinein. Ich glaubte, dass mein Vater sich nicht genügend anstrengte. Also betätigte ich die Klingel und feuerte ihn an. Ein paar Fußgänger, die das mitbekamen, unterstützten mich und riefen: Schnel-ler! Schnel-ler!, klatschten dabei in die Hände und lachten. Ich lachte auch. Nur mein Vater lachte nicht. Er trat in die Pedale.

Das ist der Teil der Geschichte, der in die Vergangenheit gehört, und bei dem ich ganz gut wegkomme, weil ich ein drei Jahre alter Junge bin und man sich mit drei Jahren so ziemlich alles erlauben kann, selbst die unmöglichsten Dinge, und einen trotzdem alle niedlich finden.

Der zweite Teil der Geschichte hat vor ein paar Jahren begonnen und ragt bis in die Gegenwart hinein, in der ich bedauerlicherweise nicht mehr drei Jahre alt bin und bei dem ich keine besonders gute Figur mache.

Irgendwann hat es sich eingependelt, dass ich neben Weihnachten auch kurz vor oder nach Ostern zu meinen Eltern fahre und sie besuche. In der Garage steht immer noch mein Rennrad, das ich zur Konfirmation geschenkt bekommen habe. Ich wollte es nie mit nach Berlin nehmen, weil man es mir hier sofort gestohlen hätte.

"Zeit für den Frühjahrsklassiker", sagt mein Vater und sieht mich dabei an wie Gary Cooper in High Noon, kurz bevor er aus dem Saloon hinaus auf die staubige Straße tritt.

Er ist mittlerweile 63 Jahre alt. Es ist eine Menge Zeit vergangen, aber unsere Fahrt zum Freibad in den siebziger Jahren hat er nicht vergessen, und er fordert mich zu einem Vater-Sohn-Duell am Lenzhahner Weg heraus. Er hat einen Rundkurs zusammengestellt, der nicht nur den Berg hinauf, sondern auch wieder hinunterführt, und weil er meint, drei Kilometer wären etwas wenig, quälen wir uns gleich zwei Mal hintereinander über diese Strecke, die er die Taunusschleife getauft hat.

Auch sonst ist alles bis ins kleinste Detail vorbereitet: Mein Rad ist tadellos in Schuss, auf dem Berggipfel gibt es eine Verpflegungsstation, an der meine Mutter Energydrinks, Müsliriegel und Bananen bereithält, und der Lenzhahner Weg ist von Freunden und Bekannten gesäumt, die uns anfeuern. An den giftigsten Steigungspunkten haben sie mit bunter Malkreide aufmunternde Sprüche auf den Asphalt gemalt. Mittlerweile hat sich auch bei ehemaligen Schulkameraden von mir herumgesprochen, dass es jedes Jahr um Ostern dieses Duell gibt. Wenn das so weitergeht, gibt es bald Berichte in der Lokalpresse.

Es ist ein wahrer Höllenritt. Und ich bin immer derjenige, der verliert, weil es nirgendwo in Berlin Berge gibt, an denen ich trainieren könnte. Ich habe nie auch nur den Hauch einer Chance, und meine Mutter hat nichts Besseres zu tun, als meinen Vater anzufeuern, obwohl ich ihre Unterstützung viel nötiger hätte.

Zu allem Überfluss gab es im vergangenen Jahr noch eine Neuerung, von der alle außer mir begeistert waren: Ein Freund meines Vaters ließ sich von seiner Tochter auf dem Rücksitz ihrer Vespa neben uns den Berg hochfahren. Er filmte uns mit seiner Videokamera, und abends flimmerte dann das ganze Elend in voller Länge über die Wohnzimmerwand meiner Eltern und wurde in großer Runde fachmännisch kommentiert. Alle hatten etwas zu sagen, nur ich saß in der Ecke und nuckelte still an meinem Bier.

Letzte Woche war Ostern, Jesus wurde mal wieder ans Kreuz genagelt, und ich fuhr in mein Heimatdorf meine Eltern besuchen.


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00:00 20.04.2007

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