Die Teheran-Connection

AFGHANISTAN Iran will stabile Verhältnisse im Nachbarland, aber keine "Pax Americana"

Als die Taleban im August 1998 die seit einem Jahr umkämpfte Stadt Mazar-i-Sharif eroberten, fielen ihnen auch zehn iranische Diplomaten und ein Journalist in die Hände. Ihr Tod - von den Koranschülern lange dementiert - löste in ganz Iran Massenproteste aus. Teheran stand am Rande eines Krieges mit dem Regime in Afghanistan und seinem wichtigsten Sponsor in Islamabad. Nur regionale Vermittlung verhinderte damals den Ausbruch eines bewaffneter Konfliktes.

Heute sind die Taleban gestürzt, und Iran und Pakistan arbeiten gemeinsam - mit den anderen Anrainern Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und China sowie Russland und den USA - in der von den Vereinten Nationen unterstützten 6+2-Gruppe an einer politischen Nachkriegsordnung für Afghanistan. Teherans Interessen dabei sind unschwer auszumachen. Vor allem will man stabile Verhältnisse beim Nachbarn. Iran beherbergt mehr als 1,4 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge, die den chronisch defizitären Staatshaushalt mit jährlich einer Milliarde Dollar belasten. Auch innenpolitisch stellen die Flüchtlinge - angesichts einer Arbeitslosigkeit von 25 Prozent - ein wachsendes Problem dar. Hinzu kommt der Drogenschmuggel. 3.700 Tonnen Rohopium wurden im vergangenen Jahr in Afghanistan produziert - drei mal soviel wie im Rest der Welt. Zwar konfiszierten - von Kokain abgesehen - iranische Behörden etwa 85 Prozent aller weltweit gehandelten Drogen, stoppten damit aber nur geschätzte 17 Prozent des illegalen Handels.

Weder Ost noch West

Von diesen harten wirtschaftlichen Motiven abgesehen, war (und ist) die Afghanistan-Politik Teherans den politischen Konjunkturzyklen in der Islamischen Republik unterworfen. In den achtziger Jahren folgte sie dem außenpolitischen Credo "Weder Ost noch West". Das hieß, Teheran unterstützte den Kampf der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer und die "gottlose kommunistische Regierung" in Kabul. Gleichzeitig kritisierte man westliche Waffenlieferungen an die Widerstandskämpfer und gestattete höchst selten, dass diese über iranisches Territorium erfolgen konnten.

Da die Islamische Republik von 1980-1988 einen verlustreichen und kostspieligen Krieg gegen Irak führte, fiel das Engagement in Afghanistan vergleichsweise bescheiden aus. Es konzentrierte sich zunächst fast ausschließlich auf schi´itische Gruppierungen innerhalb der Mudschaheddin - und folgte damit auch dem Khomeini-Dogma vom "Export der Islamischen Revolution". Unterm Strich hat dies den iranischen Machthabern eher geschadet als genutzt. Zum einen, weil der Einfluss Teherans innerhalb der mehrheitlich sunnitischen Mudschaheddin sank. Aber auch, da dies Rivalitäten innerhalb der schi´itischen Gruppierungen Afghanistans auslöste, weil Iran seine Unterstützung sehr stark über die Islamische Einheitspartei Afghanistans (Hezb-e Wahdat Islami) der Hazara fließen ließ.

Die Hazara - drittstärkste ethnische Minderheit in Afghanistan - sind mongolischstämmige Nachfahren Dschingis Khans, die persisch sprechen, der Shia angehören und mehrheitlich in Zentralafghanistan siedeln. Die Teheran-Connection während der sowjetischen Besatzung hatte vor allem radikal-islamische Gruppierungen innerhalb der Volksgruppe aufgewertet und gemäßigte traditionelle Eliten - auch militärisch - an den Rand gedrängt. Das führte insgesamt zu einer Schwächung des anfangs sehr erfolgreichen Widerstandes und zum Zerfall der Hazara-Shura.

1993 verschlechterten sich die Beziehungen der Hezb-e Wahdat zu Iran, weil Teheran jetzt verstärkt auf die neu formierte Nordallianz und ihren Präsidenten Rabbani setzte. Die Partei selbst wurde weniger islamistisch und stärker nationalistisch - ein Trend, der parallel auch in der iranischen Außenpolitik zu beobachten war. 1995/96 gerieten die Kämpfer der Hazara in die Zange zwischen den Taleban einerseits und Rabbani-Truppen andererseits. Sie mussten ihre Position im Westteil Kabuls räumen, den sie fast drei Jahre kontrolliert hatten, paktierten schließlich mit der Nordallianz und zogen sich auf ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet zurück. Als die Taleban Mazar-i-Sharif im August 1998 einnahmen, fielen den anschließenden Massakern auch etwa 3.000 Hazara zum Opfer.

Feindliche Neutralität

Die iranische Außenpolitik war pragmatisch genug, um die Kontakte nach Kabul auch während der Taleban-Herrschaft nie gänzlich abreißen zu lassen, wiewohl das Regime offiziell nicht anerkannt wurde. Ideologische Berührungspunkte gab es jedoch keine. Im Gegenteil. Der Talebanismus ist eine extreme Spielart des Deobandismus islamistischer Parteien in Pakistan, zu deren Essentials die explizite Zurückweisung der Shia gehört.

Nach dem 11. September gab es in Teheran Lichterketten zum Gedenken an die Opfer und Beileidsbekundungen aus dem Lager der Reformer. Gleichzeitig spekulierten Medien, die den konservativen Kräften nahe stehen, über eine Beteiligung des Mossad an den Anschlägen in New York.

Die amerikanische Militäraktion in Afghanistan bringt Iran in eine schwierige Lage. Den Taleban trauert niemand nach. Schließlich hat Teheran selbst jahrelang oppositionelle Gruppierungen unterstützt, auch solche, zu denen es über die gemeinsame Gegnerschaft hinaus kaum Berührungspunkte gab beziehungsweise gibt. Bestes Beispiel dafür ist der paschtunische Warlord Gulbuddin Hekmatyar, dem Teheran Asyl gewährte, obwohl der einst mit amerikanischer Hilfe als Gegengewicht zum iranischen Einfluss in Afghanistan aufgebaut worden war.

Wenn der Krieg in Afghanistan zu stabilen politischen Verhältnissen führen sollte, ist das durchaus im Interesse der iranischen Führung. Gleichzeitig fürchtet man dort, einen wachsenden amerikanischen Einfluss in der Region. Als Teil der Anti-Terror-Koalition hat sich Teheran nie verstanden, vor allem, weil man selbst auf der Liste potenzieller Gegner steht. So verfügt die von Iran unterstützte Hizbollah über gute Kontakte zu bin Laden und half diesem nachweislich beim Anschlag auf den amerikanischen Flugzeugträger USS Cole im Herbst vergangenen Jahres. Den Gedanken, Washingtons Anti-Terror-Feldzug zu nutzen, um ein Tauwetter in den amerikanisch-iranischen Beziehungen einzuleiten, haben deshalb selbst reformorientierte Kreise schnell wieder verworfen. Statt dessen spricht man in Teheran von "feindlicher Neutralität" - eine Doktrin, die alle Optionen offen lässt.

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00:00 07.12.2001

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