Die Telekratie

Über Wert und Mehrwert des Stumpfsinns Es sollte endlich Sand ins Getriebe einer völlig verselbstständigten multimedialen Verwertungsmaschine gestreut werden

Der Schlachtruf des Neoliberalismus Alle Macht den Märkten! bedeutet auch für die Multimedia-Industrie Markterweiterung um jeden Preis. Infolgedessen wird heute die Programmpolitik der großen Multimedia-Konzerne gnadenlos dem Diktat der Quote unterworfen.

Die Patronage der großen Werbekunden führt zu einer generellen Anpassung der Programme an deren Bedürfnisse, haben doch die Medien den großen Firmen vor allem Marktsegmente potenzieller Verkäufer zu vermitteln. Der Marktwert eines Senders hängt folglich ganz wesentlich von der Größe und Kaufkraft der veräußerbaren Marktsegmente ab - sie entscheiden über die Tarife der Werbezeiten. Deshalb sorgt sich ein Fernsehkanal zunächst einmal um die Zahl seiner Zuschauer und weniger um hochwertige Unterhaltung und Information. Wenig überraschend ist nach vorliegenden Studien 2003 der Anteil von Nachrichtensendungen bei den Privatkanälen auf 0,5 Prozent des Gesamtprogramms gesunken. Sendungen, die vor den anonymen Zensurinstanzen der Einschaltquoten und des "Ratings" versagen, finden keine Werbefinanzierung und fallen früher oder später aus dem Programm. Das Resultat dieser kommerziell-quantitativen Logik sind Kanäle, die täglich 24 Stunden lang Sportereignisse, Musik- und Videoclips übertragen. Soaps, endloses Talkshow-Gequassel, dümmliche Science-Fiction- und Actionfilme sowie Telemarketing komplettieren zusammen mit "interaktiven Programmen", bei denen dem Zuschauer bei Anruf des Senders Gewinne versprochen werden, das Programm-Menü. Inzwischen sind über 90 Prozent der Sendezeiten für die Bewohner des global village in dieser Weise besetzt. Der sogenannte Pluralismus des Programmangebotes, der durch eine Vielzahl neuer TV-Kanäle scheinbar beglaubigt wird, ist pure Augenwischerei - in Wahrheit herrscht betäubende Einfalt, nicht Vielfalt.

Als ein Charakteristikum dieses Trends - besonders im Fernsehen - fällt auf, dass Geschichte zwischenzeitlich auf Tagesereignisse reduziert und nur noch in Bruchstücken und gut verkäuflichen Bildern an ihr Publikum gerät. So wird gerade das verhindert, was das wirkliche Verständnis von Geschichte ausmacht: nämlich die einzelnen Informationen und Geschehnisse in ihrem geschichtlichen Kontext zu lesen. Neil Postman: "Wir wissen anscheinend alles über die letzten vierundzwanzig Stunden, aber sehr wenig über die letzten sechs Jahrhunderte oder die letzten sechzig Jahre. ... Unter der Vorherrschaft von Medien, die ihrer Struktur nach so angelegt sind, Bilder und Bruchstücke zu liefern, ist uns der Zugang zu einer historischen Perspektive versperrt. Wo es keine Kontinuität und keinen Kontext gibt, können Bruchteile von Informationen nicht zu einem verständigen und konsistenten Ganzen führen. Wir weigern uns nicht, uns zu erinnern, ... wir werden unfähig gemacht, uns zu erinnern."

Der multimediale Bildersalat als Folge einer durchgreifenden Kommerzialisierung von Information führt so zur Desinformation. Die heutige Dromokratie (Paul Virilio), das System der Beschleunigung, fördert Geschichtslosigkeit statt Geschichtsbewusstsein. Geschichte wird zum Videoclip, dies umso mehr, wenn das Buch als ein klassisches Medium der Aufklärung und damit die Lesekultur zusehends an Bedeutung verlieren.

Zwar werden in den heutigen Demokratien des Westens keine Bücher mehr verbrannt, aber die Sozialisation im Cyberspace hat dazu geführt, dass gerade die Lesekultur rapide verkümmert. Zu den selten erwähnten Spesen eines frenetisch gefeierten Zeitalters der Informationstechnologien gehört ein "sekundärer Analphabetismus" der ganz neuen Art. Der Verlust kritischer Reflexionsfähigkeit, von literarischer Bildung und Geschichtsbewusstsein in der durch Fernsehen, Computer und Internet sozialisierten Generation ist heute schon alarmierend. Mit dem Niedergang der Lesekultur verkümmert nicht nur die Sprachfähigkeit, sondern auch die Phantasie. Ein Buch zu lesen, bedeutet, sich die eigenen Bilder im Kopf zu erzeugen, während uns das Fernsehen diese Phantasiearbeit gleichsam abnimmt, indem es uns mit kompletten Bildfolgen beliefert. Doch ein Mensch, der nicht liest, beraubt sich nicht nur seiner Phantasie, er verschenkt viel von seinem Assoziations- und Ideenreservoir, vom signifikanten Schwund sozialer Kompetenz ganz zu schweigen.

Das Interesse an der Realität, nicht zuletzt der sozialen, nimmt immer mehr ab, wenn computergenerierte Abbilder der Welt jederzeit per Mausklick abrufbar sind. Eine riesige Werbemaschinerie suggeriert dem Benutzer Tag für Tag, dass nicht nur alles in der Welt im World Wide Web zu finden ist, sondern die reale Welt im Grunde nur verwertbarer Rohstoff für die simulierte Welt des www. ist. Wo aber die Wirklichkeit derart entwirklicht und durch ihre digitalisierten Abbilder gleichsam außer Konkurrenz gesetzt wird, droht auch das Denken mehr und mehr von der binären Logik des 0 oder 1 geprägt zu werden. Dies könnte zu einem Denken führen, das historische, politische, menschliche, psychologische und künstlerische Fragen nicht mehr in ihren Widersprüchen, sondern nur noch in simplen Alternativen und dualistischen Kategorien aufzufassen vermag: "in" oder "out" - "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" - "Tertium non datur".

Die medial gesteuerte Öffentlichkeit hat auch das Bild und die Rolle der Intellektuellen radikal verändert, wie Régis Debray in seinem Aufsehen erregenden Buch I.F. - Suite et Fin (Paris 2001) dargelegt hat. (Die Abbreviatur I.F. steht für "Französische Intellektuelle. Fortsetzung und Ende".) In groben Zügen zeichnet er die Karriere des französischen Intellektuellen vom "ursprünglichen Intellektuellen" (intellectuel original) zum "endgültigen Intellektuellen" (intellectuel terminal) nach. Eine Diagnose, die sich problemlos auch auf die Karrieren deutscher Intellektueller beziehen ließe.

Mit den "ursprünglichen Intellektuellen" verbindet sich die Affäre Dreyfus, in der auch der Begriff des Intellektuellen als Kampfbegriff geprägt worden ist. Bekanntlich setzte sich Emile Zola damals gegen die Übermacht der öffentlichen Meinung wie fast der gesamten Elite in Wirtschaft, Staat und Militär für den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus ein, der zu Unrecht des Landesverrats bezichtigt und in einem unbeschreiblichen Militärstrafverfahren verurteilt worden war. Zola wurde mit seinem berühmten "J´accuse" stilbildend nicht nur für das intellektuelle Frankreich. Er und viele andere europäische Intellektuelle standen für Aufklärung und Emanzipation, Autonomie und Kritik und bildeten - obschon machtlos - eine Gegenmacht zur sogenannten Realpolitik.

Der "endgültige Intellektuelle" dagegen - so Debray - ist keine Gegenmacht mehr, sondern wechselt seine geistigen und politischen Magazine im Rhythmus der Konjunktur aus, um am Mainstream teilzuhaben. So wird er zum Bestandteil des Betriebs der Mächtigen in den Medien, sprich: zum Sprachrohr der Eliten in Politik und Wirtschaft. Er ist zum Medienintellektuellen geworden, der erstens sich selbst verkauft und vermarktet, und zweitens das, was der Betrieb verlangt. Zu den derzeit bekanntesten Medienintellektuellen in Frankreich gehören Bernard- Henri Lévy, André Glucksmann und Philippe Sollers, die sich überall mit ihren pfannenfertigen Instant-Meinungen, seichten Hypothesen und Fast-Think-Prognosen tummeln. Leicht ließen sich zu ihnen die zeitgenössischen deutschen Pendants aufzählen.

Die Interventionen der Medienintellektuellen zeichnen sich nach Debray dadurch aus, dass sie einen winzigen Anlass nehmen, um darauf mit einem Übermaß an "geschwollenen Wörtern" zu antworten. Sie tun alles, ihre im Rhythmus der Konjunktur wechselnden subalternen Meinungen unter die Leute zu bringen, und ihren eigenen Marktwert zu erhalten. Nicht wenige französische und deutsche Medienintellektuelle waren früher Mitglieder kommunistischer Sekten und stramme Marxisten-Leninisten, nicht selten auch gläubige Nachbeter von Stalin über Mao bis Pol Pot und als solche blind für deren Verbrechen. Ihren - mit der Implosion des Sowjetsystems einhergehenden - Bedeutungsverlust kompensieren sie heute mit der Gleichsetzung von allem und jedem, mit "Verhältnisblödsinn in jeder Preislage". Im Kosovo drohte angeblich ein "zweites Auschwitz", und Saddam Hussein erschien in ihren Kolumnen als Kopie von Hitler. Als in der Wolle eingefärbte Ideologen machen die Medienintellektuellen ihre vermeintliche "ideologiefreie" Orientierung zur "Ideologie à la mode". Nichts ist ihnen verhasster als jener vom Aussterben bedrohte Typus des "engagierten Intellektuellen", der sich noch in der Tradition von Emile Zola, Jean-Paul Sartre und Pierre Bourdieu, von Heinrich Mann und Bertolt Brecht als kritischer Herausforderer des herrschenden Zeitgeistes begreift und für die Verlierer der Geschichte Partei ergreift. Statt mit fliegenden Fahnen zu ihren derzeitigen Siegern überzulaufen, wie es die Nachwende-Intellektuellen in Deutschland West und Ost scharenweise getan haben.

Wir erleben heute - um mit Nietzsche zu sprechen - eine neue "Götterdämmerung der Werte", einen fortschreitenden Normenzerfall, der sich auf alle gesellschaftlichen Verkehrsformen, die Kultur, die Erziehung, die Sexualität, die Religion, die Gesittung erstreckt. Nicht nur die traditionellen moralischen und ethischen Werte, auch der gesamte Traditionsbestand kultureller und ästhetischer Werte erliegt heute fortschreitender Erosion.

Die Scham- und Tabuschwellen, die früher dem Schutz ethischer, moralischer und ästhetischer Normen galten, werden immer weiter herabgesetzt, am sichtbarsten in den Showveranstaltungen der privaten Fernsehkanäle, wo seit einigen Jahren ein regelrechter Wettbewerb in frivoler Selbstentblößung, obszöner und aggressiver Enthemmung vor den Augen eines Millionenpublikums stattfindet. Der Tabu- und Normenbruch wird heute regelrecht prämiert. Die fortschreitende Herabsetzung der Tabu- und Schamschwellen hat eine rapide Enthemmung, eine verstärkte Aggressionsbereitschaft und eine zunehmende Akzeptanz von Gewalt zur Folge - nicht nur im Alltag, auch in der zeitgenössischen Kultur.

Auf europäischen und deutschen Bühnen wurde Gewalt noch nie so plakativ dargestellt wie in den vergangenen Jahren. Blut fließt in Strömen, Akteure rennen mit Kettensägen bewaffnet durchs Publikum, Schauspieler stechen sich Orden in die blanke Brust - nicht in kleinen Experimentaltheatern, sondern auf großen Bühnen und Festivals. Die Ästhetisierung von Gewalt galt früher einmal als Kennzeichen einer faschistoiden Ästhetik, diese kritische Einsicht aus den Siebzigern scheint längst vergessen. Heute werden ausschweifende Gewaltdarstellungen in Film, Fernsehen und auf der Bühne als Ausdruck eines "gewalttätigen Zeitgeistes" legitimiert. Die Verschwisterung von Gewalt und Medien ist denn auch zu einem beständigen (in der Öffentlichkeit kaum thematisierten) Stimulus des rechtsradikalen Milieus geworden.

Zur Regeneration unserer in Idiotismus, und Schund versinkenden Kommerz-Kultur wäre es dringend vonnöten, Sand ins Getriebe dieser völlig verselbstständigten multimedialen Verwertungsmaschine zu streuen - durch das Anstoßen öffentlicher medienkritischer Kampagnen, durch Bürgerinitiativen von unten, durch Konsumstreiks.

Information und Kultur sind keine Ware wie jede andere, sondern öffentliche (Bildungs-)Güter, von deren Qualität die kulturellen, moralischen und politischen Standards eines Gemeinwesens abhängen. Wenn Politik und Zivilgesellschaft keine Initiativen ergreifen, um sich gegen Quoten-Terror und manipulative Macht der multimedialen Riesen zu wehren, dann dürfte die alte bürgerliche Hochkultur (samt ihren Trägern) bald im Schund der kommerzialisierten Massenproduktion und im Infantilismus der sogenannten Funculture versinken, und die kritische Debattenkultur im fröhlichen Gleichklang einer affirmativen Konsenskultur sang- und klanglos untergehen.

Denn das anthropologische Projekt der neoliberalen Global Player, das nicht aus einem internationalen Komplott, vielmehr aus der expansiven Eigendynamik der Kapitalverwertung resultiert, zielt auf nichts anderes als eine totale Unterwerfung der Gesellschaft, Politik und Kultur unter das Diktat der Ökonomie - letztlich auf die Durchsetzung des homo oeconomicus in seiner Doppelfunktion als jederzeit disponible und flexibilisierte Arbeitskraft und als beliebig manipulierbarer Waren- und Medien-Konsument.

Längst nimmt sie Gestalt an - diese neoliberale Variante von Huxleys Brave New World, die sich durchaus mit demokratischen Institutionen und bürgerlichen Freiheiten verträgt und die doch totalitär in dem Sinne geworden ist, dass alles dem "Terror der Ökonomie" unterworfen wurde und nur mehr das mediale Design, die "Diktatur der Oberfläche", das Bewusstsein bestimmt, so dass der "homo oeconomicus" zuletzt für seine "persönliche Meinung" sowie seine "freie Kauf- und Wahlentscheidung" hält, was ihm die medialen Hypnopäden, die omnipräsenten Werbe- und Multimedia-Agenturen Tag für Tag suggerieren. Das Resultat besteht in einer nur noch über den Markt formierten Ex-und-Hopp-Gesellschaft ohne kulturelles Gedächtnis, deren Götzen Fitness, Gesundheit und Jugend heißen, die sich vor den Bildschirmen zu Tode amüsiert oder langweilt und kaum noch etwas wirklich Qualitäts- und Substanzvolles, Eigen- und Widerständiges neben sich duldet - und dies auf dem gefeierten Höhepunkt der Hightech-Zivilisation.

00:00 27.02.2004

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