„Die Texte haben mich selbst nicht berührt“

Porträt Thees Uhlmann schreibt nach einer Schaffenskrise wieder wie befreit. In seinem neuen Buch erscheint sogar Campino sexy
Linus Volkmann | Ausgabe 44/2019

Buchmesse in Frankfurt. Die Gänge sind gepackt voll, in den Hauptadern der Hallen wird man mehr geschoben, als dass man noch selbst laufen müsste. Habe ich jemals über eine Karriere als Taschendieb nachgedacht, hier ist der Moment, zu bedauern, sie nicht eingeschlagen zu haben. In einem Pavillon stellt der Verlag Kiepenheuer & Witsch seine neue Buchreihe„Musikbibliothek“ vor, biografisch getriebene Reader über die Lieblingsbands der Autorinnen und Autoren. Anja Rützel schreibt über Take That, Sophie Passmann über Frank Ocean – und auch Thees Uhlmann, der einstige Sänger der Band Tomte, sitzt auf dem Podium. Sein Büchlein handelt von den Toten Hosen. Im Bühnentalk erfährt man, er habe anhand von deren Historie auch die Geschichte der BRD nachzuzeichnen versucht. Klingt übertrieben, aber er meint das ernst. Uhlmann ist kein Typ für Lippenbekenntnisse.

Die meiste Zeit seines Lebens hat der heute 45-Jährige aus dem norddeutschen Kaff Hemmoor, mit der Zahnlücke als Markenzeichen, mit Bands zugebracht. Selbst wenn es zu Anfang bloß für eine pickelige Metal-Punk-Gruppe namens Warpigs gereicht hat, egal. Uhlmann hat bei allem eigenen Erfolg immer noch Spaß dabei, selbst Fan zu sein. Das zieht sich durch das komplette Werk, auch Warpigs waren zu Schulzeiten schon eine Hommage. An Black Sabbath, benannt nach einem Song der Band. Bekannt wird Uhlmann um die Jahrtausendwende erst mit Tomte, deren Name wiederum ein Verweis ist auf seine Begeisterung für Astrid Lindgren und deren Buch Tomte Tummetott.

Dabei machen es die Umstände dem Fan Uhlmann heute nicht leicht: Gerade haben die Toten Hosen ein neues Stück veröffentlicht, Feiern im Regen. Gegen diesen ratlosen Heimatschlager wirkt sogar Ein Hoch auf uns von Andreas Bourani wie Sonic Youth. Beim Hören möchte man fast hoffen, zumindest der BRD gehe es ein bisschen besser, als sich die Hosen aktuell anhören.

Dass Thees Uhlmann Campino aber nicht nur aus nostalgischen Gründen die Treue hält, sondern ihn in seinem engagierten Buch schon wieder richtig sexy erscheinen lässt – man möchte nach der Lektüre sofort mit den zerknautschten Rest-Rockern der Hosen an der Theke sitzen –, ist eine Gabe. Sein spezielles Talent. Wenn Thees Uhlmann etwas im Sucher hat und davon erzählt, davon schwärmt, gewinnt es unmittelbar an Attraktivität, ja an Bedeutung. Ähnlich wie Olli Schulz sind auch bei ihm die Zwischenansagen bei Konzerten berüchtigt – und manchmal kann es passieren, dass sie Songlänge überschreiten. Doch auch wenn Uhlmann immer bestrebt ist, sein Publikum bis zur Selbstaufgabe zu unterhalten, spürt man hinter all dem Witz immer auch einen heiligen Ernst. Künstlerische Distanz dagegen kaum.

Uhlmann mag zwar die hiesige Blaupause des „ehrlichen Rockers“ abgeben, Musik weiß er sehr wohl als Kunst zu schätzen. Und auch wenn er nicht die artifizielle Actionfigur abgeben möchte – die Rolle des treudoofen Lagerfeueridioten mit Melodiegefühl und ohne doppelten Boden sollen andere besetzen. Besser passt schon die zuletzt öfters wiederholte Zuschreibung des deutschen Bruce Springsteen: erdig, ästhetisch konservativ, aber eben auch genialisch und zerrissen. Die Hörbuchversion von Springsteens Autobiografie Born to Run wird in der deutschen Fassung übrigens von Uhlmann gesprochen. Insofern hat er den Buchauftrag über die Hosen natürlich nicht in einer schwachen Minute übernommen, sondern er folgte einer lang gepflegten Passion. Die Plattenfirma Grand Hotel van Cleef, die Uhlmann mit einer Handvoll Freunde noch immer betreibt, organisiert mitunter sogar Wallfahrten zu Springsteen-Konzerten.

Universal-Vertrags-Auflöser

Im vergangenen Jahrzehnt allerdings hätte sich diese heile, ja fast heilige Jungswelt einmal beinahe aufgelöst. Ich erinnere mich, Thees Uhlmann aufgewühlt im Hamburger Schanzenviertel getroffen zu haben. „Ich habe meine Seele verkauft“, meinte er und lachte ein Lachen, bei dem man schnell merkte, dass es ziemlich ernst war. Thees Uhlmann hatte bei einer großen Plattenfirma unterschrieben, bei Universal. Sein erfolgreiches Kult-Label Grand Hotel van Cleef, das einst für Tomte und die Band Kettcar gegründet worden war, weil sich niemand fand, der deren CDs veröffentlichte, wäre damit vermutlich Geschichte gewesen. Das weiß auch der selbstgewisse Selfmademan-Typ Uhlmann. Ein paar Tage nach unserer Begegnung in Hamburg erfuhr ich, dass er von dem Deal mit Universal zurückgetreten ist. Eigentlich ein Major-Vertrag, ein Angebot, das keine Band abschlagen kann. Thees Uhlmann schon. So blieb alles beim Alten.

Vielleicht hätte der Menschenfischer Uhlmann in diesem Strom tradierter Gewissheiten und Strukturen einfach immer so weitermachen können. Doch nach seiner zweiten Solo-Platte #2 ist plötzlich Schluss. Vordergründig kommt ihm ein Bestseller dazwischen, aber eigentlich benötigt er wohl schon länger eine Auszeit vom regelmäßigen Albenmachen.

Sein Roman Sophia, der Tod und ich (ebenfalls KiWi), in dem es darum geht, dass der Tod an die Tür klopft, den Protagonisten mitnehmen will, ihm aber noch ein kleines Nachspiel gewährt, wird kein komischer Lückenfüller, sondern ein richtig großes Ding. Neben dem Ruhm bringt er Uhlmann auch Missgunst ein, denn Musiker, die Bücher schreiben, sind in der Literaturwelt wenig gelitten. Verunglückte Feuilleton-Pleaser wie Jochen Distelmeyers Otis können noch durchgewunken werden, aber als Musiker ein wirklich erfolgreiches Buch schreiben, das nicht von Musik handelt? Das wurde Anfang des Jahrtausends mühsam Sven Regener zugestanden, der die diesbezügliche Kulanz damit aufgebraucht hat. Immerhin kümmert sich die Nachfrage um solche Vorurteile wenig.

Als sich Uhlmann nach dem Roman-Ausflug wieder aufs Songschreiben verlegt, wird ihm seine Situation deutlich: „Ich wollte“, erzählt er am Rande der Hochzeit eines bekannten Berliner Elektromusikers, „wieder mehr in Richtung von Tomte gehen, auch mal verklausulierte Texte schreiben. Das Schreiben hat mich anderthalb Jahre gekostet.“

Es sollte die Arbeit an einer Platte werden, die nie erscheinen würde. „Irgendwann war es einfach unausweichlich, ich hatte nur noch schlechte Laune und habe alles weggeschmissen. Die Texte haben mich selbst einfach nicht berührt.“ Schließlich waren es die beiden neuen Produzenten, Simon Frontzek und Rudi Maier aus dem Kreis seiner Kumpel, die Uhlmann wieder dorthin brachten, wo jene Reibung entsteht, mit der alles erneut Feuer fängt. „Sie haben mir gesagt: Du interessierst uns allein in deinen Songs, alles andere kannst du dir sparen.“ Sie schoben die sowohl polarisierende als auch hyperauthentische Kunstfigur Uhlmann wieder ganz nach vorn und verordneten, einfach wieder Musik zu machen, statt darüber zu grübeln.

Immer wieder neue musikalische Partner aufs Karussell zu setzen, ist bei aller Kontinuität ein wichtiger Aspekt der Uhlmann-Story. So hat er zwangsläufig auch schon eine Reihe seiner Buddys gefeuert, die Umbesetzungen bei Tomte hinterließen emotionale Schlachtfelder. Denn bei aller Lockerheit wusste wohl einzig der junge Uhlmann schon früh, dass das alles kein Hobby bleiben würde. Kein besoffener Spaß, bei dem man nach dem Konzert in irgendeiner Stadt vor irgendeinem Jugendzentrum bloß Oasis-Zeilen brüllte und irgendwann in einem echten Job, bei einer Familie landen würde.

Ich erinnere mich persönlich gut an die Zeit, in der es bei Tomte losging, als sich die Gruppe schrittweise vom Do-it-yourself zum Success entwickelte, Mitte der nuller Jahre. Uhlmann bat mich, ihn ab sofort jeden Monat alle Plattenkritiken für Intro, das Musikmagazin, für das ich damals als Redakteur arbeitete, schreiben zu lassen. Wegen der Miete. Tränentreibende zehn Euro erhielten die Autoren in jener Zeit pro Besprechung, Thees hatte ausgerechnet, dass er mit den 80 Rezensionen, die monatlich ihren Weg ins Heft fänden, über die Runden kommen würde. Obwohl seine Texte unterhaltsam waren, konnte ich ihm diesen Wunsch mit Rücksicht auf die anderen Autoren natürlich nicht erfüllen. Doch dieser vollständige Mangel an Diplomatie und Bescheidenheit ist sicher auch einer der Gründe, warum es neben den Begeisterten immer auch etliche Genervte gibt, wenn Uhlmann auf und neben der Bühne das Wort wieder mal an sich selbst richtet.

Eines Abends interviewe ich Uhlmann in München zu seinem Roman. Er empfängt in einem Hotel, in dem man noch rauchen darf. Ein nobles Haus mit plüschigem Post-Rotlicht-Charme, das viele qualmende Künstler wie Axel Prahl oder Kurt Krömer schon gerne frequentiert haben. Ich lade zwei Freundinnen ein, mit raufzukommen. Das riesige Zimmer unter Nikotin-Dampf lädt eigentlich zum Feiern ein, doch die beiden Frauen hauen nach kaum 30 Minuten wieder ab. Später erklären sie mir, dass ich zu „dem“ demnächst allein gehen könne. Zu viel hemdsärmelige Kommentare zum Thema Feminismus – und einfach zu raumgreifend, zu laut. Ist Uhlmann also doch nur ein begnadeter Entertainer, der vor allem sich selbst gegenüber sensibel ist und sich am Ende einer durchzechten Nacht nur als ein weiterer talentierter Macker im Musikgeschäft entpuppt?

Die Zeit wird knapp

Nun, dass es dieses Bild zweifellos von ihm gibt, wundert wohl nicht mal die treuesten Anhänger. Doch macht spätestens die jüngste Platte Junkies und Scientologen die Sicht frei auf einen Künstler, der sich nicht einfach mit Jungs-Privilegien und Rumgeklampfe zufriedengibt. Ich bin der Fahrer, der die Frauen nach Hiphop-Videodrehs nach Hause fährt heißt etwa ein Stück, in dem er die Misogynie der Hip-Hop-Szene seziert. Das Thema kann den Musiker ehrlich in Rage bringen: „Da wird von Familie, Ehre und Loyalität gerappt, während Frauen in Bordell-Locations als Kulisse dienen. Das ist doch einfach beschissen!“

Uhlmann hat sich als Vater einer Tochter mit dem Thema sichtlich auseinandergesetzt. Und es bleibt nicht bei einem Songtext oder dabei, dass er einer der wenigen Musiker ist, in deren Bands immer auch Frauen spielen, er unterstützt sie auch. Gold heißt die Bonus-CD, die etwa Junkies und Scientologen beiliegt, mit Stücken von Inga Humpe, Haiyti, Bernadette La Hengst, Judith Holofernes oder den frühen New-Wave-Feministinnen Östro 430. Ein kleines dringliches Statement gegen den verinnerlichten Typen-Kanon in der Popkultur. Die Rocker-Jungs planschen im schalen Badewasser und warten auf die Flut, die nicht kommt. Thees Uhlmann dreht zumindest mal das Wasser auf. So kann man vielleicht die Verhältnisse zum Überlaufen bringen und schauen, was dann passiert.

Nur schnell möge es gehen. Denn anders, als epische Bandkarrieren wie die der Toten Hosen nahelegen, spürt Thees Uhlmann den Druck der Zeit. „Ich habe mir angewöhnt, einfach schneller zu sprechen. Es wird sonst alles zu knapp“, sagt er, ohne Luft zu holen. Auf der Platte klingt das drastisch, aber auch versöhnlich: „Wir malen ein X mit Kreide an die Stelle / An der wir früher standen / Egal wie klein wir morgen sind / Heute Nacht sind wir Giganten / Wir schnipsen zwei, drei Mal mit dem Finger / Und dann sind wir tot.“

Nur der Blumentopf hörte ihr Kotzen

Erste Begegnung Eigentlich hätte der 1974 geborene Thees Uhlmann Lehrer werden sollen, studierte Politik und Englisch in Köln und Hamburg. Daraus wurde nichts, denn schon zu Gymnasialzeiten vertrieb er sich die Zeit mit Musik, gründete Tomte, tourte mit Tocotronic und schrieb darüber das Buch Wir können Freunde werden. Nebenbei arbeitete er für die Musikzeitschriften Intro, Spex und Musikexpress und stand sogar mit Jürgen Vogel und Heike Makatsch für den Film Keine Lieder über Liebe vor der Kamera. 2011 startet Thees Uhlmann seine Solokarriere mit dem Album Thees Uhlmann, das sich vier Wochen lang in den deutschen Charts halten kann.

Wenige Jahre vor der Jahrtausendwende parkte der Autor dieses Textes mit seinem studentischen Wagen in einer idyllischen Reihenhaussiedlung in Hemmoor und beobachtete, wie die Eltern von Thees Uhlmann in den Urlaub fuhren. Thees Uhlmann und seine Band Tomte erwarteten ihn schon. Sie wollten in der Abwesenheit der ahnungslosen Erziehungsberechtigten ein, wie man heute sagen würde, Pop-up-Studio aufstellen.
Linus Volkmann und seine damalige Band blieben die ersten und einzigen Kunden. Das Aufnahmegerät war irgendwie defekt gewesen, die Gitarren verstimmt. Letztlich sollte das aufgenommene Material niemals Verwendung finden. Zudem schwang die Sorge mit, die Eltern könnten von dieser dreisten Aktion doch Wind bekommen – auch weil man sich mehrfach in Zimmerpflanzen erbrochen hatte. Der Kontakt zwischen Thees Uhlmann und unserem Autor wird danach – trotz oder gerade wegen dieses gemeinsamen Reinfalls – nie ganz abreißen. Sie begegnen sich immer wieder.

Linus Volkmann ist Autor und Musikjournalist. Zuletzt erschien von ihm 2019 Sprengt die Charts! im Ventil Verlag

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06:00 14.11.2019

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