Die textile Kette

Globalisierung konkret Sozialdumping in der Bekleidungsindustrie

Die Frühjahrskollektion 2004 setzt auf neue Trends: Knallige Farben, figurumschmeichelnde Schnitte und transparente Stoffe sind en vogue. Was hip und in ist, zeigen Modezeitschriften, Schaufenster und TV. Modisches Outfit kostet - pro Jahr gibt jede(r) Deutsche 870 Euro dafür aus. Ist Mode eine reine Frauensache? Irgendwie schon, schließlich kleidet frau nicht nur sich selbst, sondern kauft auch zu 70 Prozent die Herren- und Kinderkleidung. Während sich die Frauen der Nordhalbkugel mehr oder weniger teuere Shoppingtouren leisten können, sind es die Frauen des Südens, die für unsere Frühjahrskollektion nähen. Unter Niedrigstlohnbedingungen lassen C, H, Karstadt-Quelle, Benetton, Gerry Weber, Tom Tailor, Gucci, Lagerfeld, Hugo Boss und die meisten anderen Markenartikel herstellen. 95 Prozent aller in Deutschland verkauften Bekleidung wird heute importiert.

Seit Mitte der sechziger Jahre schrumpfte die westdeutsche Bekleidungsindustrie von ehemals 406.000 auf heute 55.000 Beschäftigte. Noch zu DDR-Zeiten nähten 100.000 Frauen für Quelle, Karstadt und andere. Nach dem Mauerfall lockten staatliche Subventionen und billige Osttarife. Die Bochumer Klaus Steilmann GmbH wusste die Gunst der Stunde zu nutzen. In Cottbus surrten die Nähmaschinen von 160 Schneiderinnen. Dass sich gegen die schrittweise Anhebung des Akkords kein nennenswerter Widerstand regte, hing wohl mit der Hoffnung auf schrittweise Angleichung an die besseren Westlöhne zusammen. Trotz Positivbilanz und voller Auftragsbücher schlossen sich am 31. März 2004 die Unternehmenstore endgültig. Als offizieller Schließungsgrund wurden zu hohe Lohnkosten genannt. 900 Euro Netto bekam eine Näherin aus Cottbus - große Sprünge sind da nicht drin. Nun hat Steilmann seinen Standort nach Rumänien verlegt, wo eine Arbeiterin für monatlich 150 Euro näht. Dass es auch für 80 Euro im benachbarten Moldawien geht, weiß der Kleidermacher, der dort 600 Frauen nähen und bügeln lässt.

In den vergangenen Jahren haben westeuropäische Textilriesen Osteuropas brachliegende Produktionskapazitäten, die ausgebildeten Arbeitskräfte und niedrigen Löhne entdeckt. Weitere Pluspunkte: geografische Nähe, die schwachen osteuropäischen Währungen und Zollbefreiung für Bekleidungsexporte auf der Basis von EU-Assoziierungsabkommen. Die zum Teil noch gültigen Arbeits- und Sozialgesetze aus sozialistischen Zeiten stören die Multis wenig. Über das Vehikel "Saisonarbeitsplätze" umschiffen sie gesetzliche Mindestlöhne, begrenzte Arbeitszeiten, Mutterschutz und Erziehungsurlaub. Die Beschäftigten in Regionen mit Arbeitslosenquoten zwischen 10 bis 50 Prozent sind ohnedies schnell zu Zugeständnissen bereit. Schlechte Löhne, überlange Arbeitszeiten, Schwarzarbeit, Behinderung von Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit, sexuelle Belästigung und Nötigung, ethnische Diskriminierung, gesundheitsschädigende Arbeitsverhältnisse sind an der Tagesordnung. Trotzdem hat die Abwärtsspirale noch kein Ende. Textilarbeiterinnen im fernen Bangladesch, in Sri Lanka, Kambodscha, Vietnam und China sind noch billiger und "williger".

Skandalöse Arbeitsbedingungen in einem philippinischen Textilunternehmen, das für den niederländischen Textilriesen C nähte, führten bereits 1990 zur Gründung der Schone Kleren Campagne. Der Gedanke von sozialverträglicher und menschenwürdiger, also "sauberer" Kleidung sprang in den Folgejahren auch auf die USA, Kanada und Australien über. Der Standort Europa blickt mittlerweile auf 250 Organisationen, die im Sinn der Clean Clothes Campaign (CCC) aktiv sind. Auch in Deutschland wird die Kampagne von einem Netzwerk gewerkschaftlicher, kirchlicher, frauen- und entwicklungspolitischer Organisationen getragen. Darunter ist auch die Menschenrechtsorganisation "Terre des Femmes" (TdF), die ihre diesjährige Kampagne unter das Motto "Mode, Macht und Frauenrechte" gestellt hat, um auf die skandalösen Arbeitsbedingungen von Textilarbeiterinnen hinzuweisen. 90 Prozent der Beschäftigten der Bekleidungs- und Sportswearindustrie des Südens sind weiblichen Geschlechts, was die TdF-Projektleiterin Barbara Tolle mit den "traditionellen Rollenbildern und niedrigen Frauenlöhnen" erklärt.

Noch vor wenigen Jahren, sagt sie, ignorierten die Konzerne die Anliegen der Clean Clothes Campaign. "Mittlerweile haben wenigstens einige der Global Players erkannt, dass sie ihr mit Werbemilliarden teuer erkauftes Image riskieren, wenn skandalöse Arbeitsrechtsverletzungen weiterhin die Kunden verunsichern oder vom Kauf abhalten." Karstadt-Quelle, Puma, Adidas-Salomon und Nike haben deshalb eigene Verhaltenskodices mit sozialen Mindeststandards entwickelt, wobei sie allerdings unabhängige Überprüfungen nach den strengeren CCC-Standards ablehnen. Positivbeispiel ist der deutsche Naturtextilienhersteller Hess-Natur - seit jeher auf die Wahrung von Ökologiestandards bedacht. Im vergangen Jahr hat das Versandhaus gemeinsam mit der CCC-Deutschland ein Pilotprojekt zur Kontrolle von Sozialstandards gestartet, bei dem über ein Fragebogensystem auch die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben abgefragt und die Ergebnisse mit Informationen der CCC verglichen werden.

Fortschritte ganz anderer Art zeichnen sich in Frankreich ab. Dort haben sich auf Betreiben von CCC bereits 200 Städte dazu verpflichtet, bei kommunalen Anschaffungen auch auf die Arbeitsbedingungen bei der Herstellung der Produkte zu achten. Ähnliche Bestrebungen zeichnen sich in Belgien und den Niederlanden ab. Und auch in deutschen Landen tut sich etwas. In Hamburg und Nordrhein-Westfalen, wo bei der Beschaffung von Dienstkleidung bisher ausnahmslos der Preis wichtig war, hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Billiges unter Umständen sehr teuer sein kann, weil lange Anfahrtswege verbunden mit Schadstoffemissionen die Umwelt belasten und hohe Gemeinkosten verursachen. Deshalb soll künftig bei der Vergabe von Aufträgen das Argument von sozial (fair) und ökologisch hergestellten und gehandelten Produkten zu einem Auswahlkriterium werden.

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Mara, 25-jährige Textilarbeiterin, näht für adidas. Sie kam aus einem kambodschanischen Dorf nach Phnom Penh, um ihre Mutter und sechs Geschwister zu ernähren. Sie berichtete im Interview: "Ich verdiene bis zu 1,50 US-Dollar am Tag. Schaffe ich mein Arbeitspensum nicht, entfällt mein monatlicher Bonus von fünf US-Dollar. Ich vermeide es, zur Toilette zu gehen. Ab 16.00 Uhr beginnen die Überstunden, meist bis 18.00 Uhr. Manchmal arbeiten wir bis 20.00 Uhr durch. Wenn ich alle Überstundenschichten mitmache, bekomme ich etwa 60 bis 64 Dollar pro Monat. Wenn nicht, etwa 55. Davon zahle ich fünf Dollar Miete für mein Zimmer und schicke meiner Familie bis zu 20. Den Rest brauche ich für Lebensmittel und Medikamente."

00:00 07.05.2004

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